Alban Bergs Tonkunst gilt zum gegenwärtigen Zeitpunkt als ein Raffinement verborgener autobiografischer Bezüge. Der umfangreiche Nachlass Bergs in der Sammlung der Österreichischen Nationalbibliothek bot vielen Musikwissenschaftlern ab 1979 die Gelegenheit Nachforschungen über die verschwiegenen Fragmente seines Schaffens zu betreiben und dabei die latente Sprache eines Künstlers anhand der enormen Zeichenfülle seiner Musik zu deuten. Die nachfolgende Ausarbeitung liegt Bergs Lyrischer Suite aus dem Jahre 1925 zu Grunde und thematisiert im Kern die semantischen Hintergründe dieser Kompositen. Eine umfassende Werksanalyse oder die konkrete Untersuchung der Partitur sollen dabei nicht im Fokus stehen. Viel reizvoller erscheint es mir dagegen bei dieser Arbeit, die ‚Botschaft zwischen den Zeilen‘ zu ergründen. Zu Beginn dieser Arbeit möchte ich die entscheidenden Forschungs-ereignisse seit 1976 zusammentragen, die den programmatischen Charakter diese Werkes offengelegt haben und somit der häufig vermuteten These nachgehen, dass die Verbindung von Kunst und Leben das subtile Oeuvre Alban Bergs war. Dabei werde ich auch die zusammengetragenen Fakten zur Entstehung des Werkes festhalten. Anschließend werde ich mich auf das öffentlich zugängliche archivarische Material aus dem Leben Bergs beziehen, auf persönliche Briefe und Dokumente, welche den Entstehungshintergrund des Werkes eindeutig auf eine verborgene Liebesbeziehung Bergs zu der Prager Industriellengattin Hanna Fuchs-Robettin zurückführt. Die Quellen- und Forschungslage zu dem behandelten Thema erweist sich als äußerst umfangreich. Vor allem Constantin Floros hat mehrere Abhandlungen zu diesem Thema publiziert. Aus diesem Grund werde ich nicht alle Aspekte der Lyrischen Suite explizit erwähnen, sondern vor allem die Themen anführen, die Berg in der Korrespondenz mit Hanna Fuchs erläutert hat und die in einer engen Beziehung zu seiner eigenen Autobiographie stehen.
Inhaltsverzeichnis
I. Zielsetzung der Arbeit und Erläuterung des inhaltlichen Aufbaus
II. Zur Forschungs- und Entstehungsgeschichte der Lyrischen Suite
III. Alban Berg und Hanna Fuchs-Robettin – Untersuchung eines Briefwechsels
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht die autobiografischen Hintergründe und die verborgene Programmatik von Alban Bergs "Lyrischer Suite" (1925), insbesondere im Hinblick auf seine heimliche Liebesbeziehung zu Hanna Fuchs-Robettin und die daraus resultierende musikalische Symbolsprache.
- Forschungsereignisse und Entstehungsgeschichte seit 1976
- Analyse der Korrespondenz zwischen Alban Berg und Hanna Fuchs-Robettin
- Die Bedeutung von Zahlensymbolik und Tonanagrammen im Werk
- Verbindung von privatem Erleben und kompositorischer Technik
- Rezeption und Deutung durch Zeitgenossen und Musikwissenschaftler
Auszug aus dem Buch
II. Zur Forschungs- und Entstehungsgeschichte der Lyrischen Suite
Die heutige Erkenntnis über den autobiografischen Kontext, welcher der Lyrischen Suite zu Grunde liegt, verdankt sich verschiedenster Recherchen, doch vor allem einer gravierenden Enthüllung George Perles im Jahre 1976, die auf eine außergewöhnliche Entdeckung in Pennsylvania zurückzuführen ist. Waren es doch über 50 Jahre hinweg ausschließlich karge Vermutungen oder „ein gewisses Unbehagen darüber […], dass biografische Fragestellungen in die Werkbetrachtung einflossen“, so konnte man nun (seit Perles Veröffentlichung von 1977) schriftlich nachweisen, dass der verheiratete Alban Berg ein bis dato unbemerktes Liebesverhältnis zu der Prager Industriellengattin Hanna Fuchs-Robettin (der Schwester Franz Werfels) hatte. Diese unerfüllte Liebe lebt seither als Signum der Lyrischen Suite fort.
Kern der Feststellung waren 14 Briefe Bergs an Hanna und ein handschriftliches, mit persönlichen Anmerkungen versehenes Einzelstück der Lyrischen Suite, jahrelang behütet im Vermächtnis der Geliebten und wiederentdeckt im Hause der Tochter Dorothea Fuchs. Bereits nach den ersten öffentlichen Vorstellungen der Lyrischen Suite wurden vereinzelt Stimmen laut, die dem Werk eine tiefer liegende Aussage nahelegten. So findet man in einer Konzertkritik aus dem Jahre 1928 den wohl äußerst zutreffenden und frühen ‚Verdacht‘, dass Berg mit seinem 1925/ 26 verfassten Streichquartett „den Gott verkünden“ will, oder „vielleicht auch seinen [Bergs] Teufel.“ Obendrein bemerkt man bereits hier, dass der Misterioso-Satz „ein geisterhaftes Nachtstück, eine diabolische Phantasie über vier Noten (a, b, f, h)“ ist. Und sogar für Berg selbst scheint das ‚musikalische Psychogramm‘ enthüllt, denn das verborgene Liebesbekenntnis zu Hanna Fuchs ist das, „was [sogar] die Dümmsten fast erraten, wenn sie die Lyrische Suite hören“. Zwei Jahre vor der wertvollen Aufklärungsarbeit Perles hatte Constantin Floros bereits ähnliche Vermutungen bezüglich der subtilen Anspielungen innerhalb des Werkes angestellt.
Zusammenfassung der Kapitel
I. Zielsetzung der Arbeit und Erläuterung des inhaltlichen Aufbaus: Einleitung in das Thema, die den Fokus auf die autobiografischen Bezüge in Bergs "Lyrischer Suite" legt und die methodische Vorgehensweise skizziert.
II. Zur Forschungs- und Entstehungsgeschichte der Lyrischen Suite: Darstellung der historischen Entwicklung der Forschung seit 1976, die die Liebesbeziehung zu Hanna Fuchs-Robettin als zentralen Entstehungskontext des Werkes enthüllte.
III. Alban Berg und Hanna Fuchs-Robettin – Untersuchung eines Briefwechsels: Detaillierte Analyse der Korrespondenz zwischen den beiden Akteuren, um die tiefe Verwobenheit zwischen Bergs persönlichem Liebesleid und seiner kompositorischen Umsetzung aufzuzeigen.
Schlüsselwörter
Alban Berg, Lyrische Suite, Hanna Fuchs-Robettin, Autobiografie, Musikwissenschaft, Korrespondenz, Zahlensymbolik, Zwölftontechnik, Atonalität, musikalische Semantik, Liebesbeziehung, Kompositionsgeschichte, George Perle, Constantin Floros, Tristan-Motiv.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die tiefgreifende Verbindung zwischen Alban Bergs Leben und seinem Werk "Lyrische Suite", insbesondere unter dem Aspekt einer verborgenen Liebesbeziehung.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Im Zentrum stehen die Forschungsgeschichte zur "Lyrischen Suite", die Analyse des Briefwechsels zwischen Berg und Hanna Fuchs-Robettin sowie die musikalische Kodierung privater Ereignisse.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, die "Botschaft zwischen den Zeilen" der Komposition zu ergründen und aufzuzeigen, wie Bergs persönliches Erleben die Form und Semantik des Werkes beeinflusste.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine musikwissenschaftliche Quellenanalyse durchgeführt, die den Nachlass, Briefe und Dokumente in den historischen Kontext der Kompositionsentstehung einbettet.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil befasst sich mit der Enthüllung der Liebesbeziehung im Jahr 1976, der Interpretation der Korrespondenz und der musiktheoretischen Analyse von Zahlensymbolik und Zitaten innerhalb der Suite.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit lässt sich vor allem über Begriffe wie "Autobiografische Bezüge", "Liebesgeschichte", "Zahlensymbolik" und "Musikalisches Psychogramm" definieren.
Welche Rolle spielt die Zahl 23 in der Analyse?
Die Zahl 23 wird als Teil einer schicksalhaften Symbolik beschrieben, die Berg in seinem Leben und in der musikalischen Tektonik und Agogik der "Lyrischen Suite" verankerte.
Wie beeinflusste Wagner das Werk?
Berg erkannte in Wagners "Tristan und Isolde" ein Ebenbild seiner eigenen tragischen Situation und verarbeitete Motive daraus in seinem Streichquartett.
- Arbeit zitieren
- Sabine Wollmann (Autor:in), 2012, Alban Bergs Lyrische Suite anhand von Briefen, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/271348