In den Jahren um 1600 segelten mehrere europäische Handelskompanien nach Südost-Asien. Die holländische und englische Ostindien-Kompanie versprachen sich im Handel mit Pfeffer, Gewürzen und Stoffen grossen Gewinn. Mit der Zeit baute sich die holländische Vereenigde Oostindische Compagnie (VOC) ein riesiges Handelsnetzwerk mit über 30 Niederlassungen und hunderten von Schiffen auf. Fortan führte sie grosse Mengen an Waren nach Europa, wo- bei zuerst Pfeffer und dann Indische Stoffe den Grossteil ausmachten. Im südostasiatischen Raum wurde Malaiisch gesprochen. Es war dies eine Sprache, die den Status einer lingua franca hatte, also einer Handelssprache. Die Araber, Inder und Chinesen trieben schon lange vor den Europäern Handel mit den Indigenen. Es ist anzunehmen, dass jeder Kaufmann, der sich in südostasiatischen Gewässern bewegte, diese Sprache beherrschte. Für die europäi- schen Handelsleute bedeutete dies, dass sie sich die Sprache aneignen mussten. In Europa wurden zu dieser Zeit vor allem Französisch, Englisch, Spanisch oder Portugiesisch gelernt – doch Malaiisch musste zuerst erschlossen werden. Dies geschah mit Wörterbüchern, Gram- matiken, aber auch – und das ist für diese Arbeit von besonderem Interesse – mit Lehrdialo- gen. Ein Lehrdialog zeichnet sich dadurch aus, dass er ein fiktives Gespräch simuliert, wel- ches jeweils in der bereits bekannten Sprache (z.B. Latein, Englisch oder Holländisch) aufge- führt wird und parallel dazu in der neu zu erlernenden. Ein Beispiel für einen solchen Lehr- dialog ist das Buch Spraeck- and Woordboek inde Maleysche ende Madagaskaische talen1, welches der Holländer Frederick de Houtman 1603 veröffentlichte.
Ausgehend von einer Kontextualisierung mit Ausführungen zum holländischen Handel mit Südost-Asien sowie zur Malaiischen Sprache, richtet sich das Augenmerk auf die Dialoge, indem die Entstehungsgeschichte (Kap. 4.1), Form (4.2) und Inhalt der Dialoge (4.3) beleuch- tet werden. In einem nächsten Schritt soll diskutiert werden, inwiefern die Dialoge eine ima- ginäre Encounter-Situation schaffen und wie sich die Lehrdialoge als „travel narrative“ ein- ordnen lassen (4.4). Im Kapitel 4.5 sollen schliesslich Europäische Sichtweisen und Rituale anhand einer Szene aus dem ersten Dialog exemplarisch veranschaulicht werden.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Europäer in Südost-Asien
2.1 Der holländische Weg nach Südost-Asien
2.1 Handel mit Südost-Asien
3. Die Malaiisch Sprache
3.1 Malaiisch – eine lingua franca
3.2 Wörterbücher und Grammatiken zum Malaiischen
4. Gotthard Arthus: Dialogues in the English and Malaine
4.1 Die Englische Übersetzung
4.2 Struktur
4.3 Inhalt
4.4 Imaginativer Encounter
5. Handelspraktiken und Rituale: Europäische Sichtweisen im Handel mit den malaiischen Inselbewohnern
6. Schluss
7. Bibliographie
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Lehrdialoge von Gotthard Arthus (1614) als historische Quelle, um zu verstehen, wie Europäer im 17. Jahrhundert den Handel mit Südostasien sowie die Begegnung mit fremden Kulturen konzeptualisierten und narrativ verarbeiteten.
- Die Rolle des Malaiischen als lingua franca in der globalen Expansion der Frühen Neuzeit.
- Die Entstehungsgeschichte und Struktur frühneuzeitlicher Lehrdialoge als hybride Reiseberichte.
- Die Bedeutung von Ritualen wie Gabentausch und gemeinsamen Festmählern bei Handelsabschlüssen.
- Die kritische Reflexion eurozentristischer Perspektiven in der zeitgenössischen ethnografischen Beschreibung.
- Die Funktion von Sprache und Kommunikation als Werkzeuge der wirtschaftlichen Etablierung durch Handelskompanien wie der VOC.
Auszug aus dem Buch
4. Gotthard Arthus: Dialogues in the English and Malaine
Noch bevor die VOC 1602 gegründet wurden, verliess eine Expedition mit zwei Schiffen am 25. März 1598 den Amsterdamer Hafen mit dem Ziel Südost-Asien. Mit an Bord waren neben der Besatzung von 223 Mann Cornelius de Houtman und sein Bruder Frederick. Die Schiffe erreichten die Bucht von Aceh am 24 Juni 1599. Nach Protokoll zollte man dem lokalen Herrscher den Respekt. Die Holländer versuchten dem König ein Angebot zum Handel mit Pfeffer zu unterbreiten. Dieser schien aber nicht sonderlich interessiert. Dem König lag viel mehr daran, die holländischen Schiffe und ihre Waffen für eine Attacke auf Johore (Indien) zu verwenden. Nun führte eine komplizierte Folge von Gegebenheiten, Missverständnissen und sogar Intrigen von portugiesischen Händlern zu einem Konflikt. Mehrere Holländer fanden dabei den Tod, so auch Fredericks Bruder Cornelius. Ein Teil der Besatzung konnte mit samt den beiden Schiffen fliehen, aber Frederick und rund 30 weitere Crewmitglieder wurden gefangen gehalten. Es waren diese zwei Jahre in Gefangenschaft, in denen sich de Houtman das Wissen über die malaiische Sprache und Kultur aneignete. Er wurde wieder freigelassen und kehrte nach Amsterdam zurück. Dort veröffentlichte er ein malaiisch-lateinisches Wörterbuch mit Lehrdialogen. Gotthard Arthus nahm zehn Jahre später (1613) de Houtmans Werk als Basis für seine lateinisch-malaiischen Lehrdialoge. Im gleichen Jahr veröffentlicht Arthus seine Dialoge auch auf Deutsch.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in das Thema der europäischen Handelskompanien und die Bedeutung des Malaiischen als lingua franca ein, wobei die Lehrdialoge von de Houtman und Arthus als primäre Forschungsobjekte vorgestellt werden.
2. Europäer in Südost-Asien: Das Kapitel skizziert die frühe europäische Handelsgeschichte in Südostasien und die Bedeutung der Vereenigde Oostindische Compagnie (VOC) für die Etablierung eines globalen Handelsnetzwerks.
3. Die Malaiisch Sprache: Hier wird der Status des Malaiischen als einheitliche Verkehrssprache des Archipels beleuchtet und die historische Entwicklung von Wörterbüchern und Grammatiken zur Erschließung dieser Sprache durch Europäer beschrieben.
4. Gotthard Arthus: Dialogues in the English and Malaine: Dieses Kapitel analysiert die Genese, den Aufbau und den Inhalt der Dialoge von Arthus sowie deren Einbettung in den Kontext eines „imaginativen Encounters“ zwischen Europäern und der malaiischen Kultur.
5. Handelspraktiken und Rituale: Europäische Sichtweisen im Handel mit den malaiischen Inselbewohnern: Eine Untersuchung ritueller Praktiken wie des Dolchtauschs und Festmählern bei Handelsabschlüssen, um zu zeigen, wie europäische Beobachter soziale Wirklichkeit konstruierten.
6. Schluss: Der Schluss resümiert, dass die untersuchten Lehrdialoge als hybride Texte fungieren, die neben praktischem Sprachunterricht auch eine eurozentrische Ethnografie des Anderen widerspiegeln.
7. Bibliographie: Dieses Verzeichnis listet sämtliche herangezogenen Primärquellen und die wissenschaftliche Literatur zur Handelsgeschichte, Sprachwissenschaft und Ritualforschung auf.
Schlüsselwörter
Südostasien, VOC, Malaiisch, Lingua franca, Gotthard Arthus, Lehrdialoge, Handelskompanien, Frühe Neuzeit, Eurozentrismus, Ethnografie, Handelspraktiken, Rituale, Reisebericht, Kulturelle Begegnung, Imaginativer Encounter
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die 1614 veröffentlichten Lehrdialoge von Gotthard Arthus, um die Art und Weise zu analysieren, wie europäische Reisende und Kaufleute im 17. Jahrhundert mit der malaiischen Kultur interagierten.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Zentral sind die Aspekte der Handelsgeschichte in Südostasien, die Bedeutung der malaiischen Sprache als Kommunikationsmittel sowie die Analyse der Dialoge als hybride Texte zwischen Didaktik und Reisebericht.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, dass diese Lehrdialoge mehr als nur Lernmaterial waren; sie dienten dazu, ein eurozentrisches Bild der fremden Welt zu erzeugen und Handelsbeziehungen durch rituelle Handlungen zu festigen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine kulturwissenschaftliche Analyse, die Begriffe wie „Encounter“ und „Ritual“ heranzieht, um die Texte und die darin beschriebenen Interaktionen zwischen Europäern und Indigenen kritisch zu dekonstruieren.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil befasst sich detailliert mit der historischen Kontextualisierung des Handels, der Analyse der Struktur und Inhalte der 12 Dialoge von Arthus sowie der Untersuchung ritueller Praktiken bei Geschäftsabschlüssen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Untersuchung?
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie Südostasien-Handel, Malaiisch als lingua franca, hybride Lehrdialoge, eurozentrische Perspektive und kulturelle Rituale charakterisieren.
Warum spielt die Vereenigde Oostindische Compagnie (VOC) eine wichtige Rolle?
Die VOC war der zentrale Akteur der holländischen Expansion in Südostasien, deren ökonomische Interessen und Handelsnetzwerke den Rahmen bildeten, in dem die Sprache Malaiisch für europäische Kaufleute unverzichtbar wurde.
Wie werden Rituale wie die Dolchübergabe in der Arbeit interpretiert?
Die Arbeit interpretiert diese Handlungen als Rituale, die einer Standardisierung und Wiederholung folgen und durch die „Veränderung der sozialen Wirklichkeit“ Vertrauen schaffen, um den Handel offiziell zu besiegeln.
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- Seluan Ajina (Author), 2014, Gotthard Arthus. Dialogues in the English and Malaiane languages, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/271306