Legenden im Schulunterricht? Muss denn so etwas überhaupt sein? Sollte nicht gerade der
Geschichtsunterricht den Schülerinnen und Schülern abgeschlossene, geschichtliche Fakten
präsentieren, ohne irgendwelche Mythen und Legenden heranzuziehen? Nein, sagt der
Didaktiker Hans-Jürgen Pandel, denn „Fiktionen, Mythen, Legenden und
Wissenschaftswissen vermischen sich zu einer Einheit, die wir ‚Geschichtskultur’ nennen.“
Vor allem in Spielfilmen sind Kombinationen aus Fiktion und Realität zu finden. „Die
Unterscheidung von Wirklichkeit und Fiktion gehört zu den Elementarbeständen unseres
Alltagswissens.“ Den Schülerinnen und Schülern muss somit gezeigt werden, was fiktiv und
was real ist. Darüber hinaus bietet es einen Blick in die jeweilige Zeit an. Nicht nur die
Perspektive „Wie war es wirklich?“, sondern „Wie haben es die Menschen damals erlebt?“
kann somit eingenommen werden. Denn: „Geschichte ist (...) nicht allein vergangene
Wirklichkeit. Geschichte ist vor allem das Bild, das sich Menschen von vergangener
Wirklichkeit machen.“ Legenden und Mythen bilden eine Säule des Kulturellen
Gedächtnisses von Jan Assmann, auf das sich Nationalgeschichte stützt.
Ein wesentliches Argument für Pandel ist, dass die Schülerinnen und Schüler durch die
Bearbeitung von kontrafaktischer Geschichte, ihr Gattungslernen verbessern und ausbauen.
Dies ist ein wesentlicher Baustein des geschichtlichen Lernens. Beispielhaft für die
Verwendung von Legenden im Geschichtsunterricht ist die Inszenierung und
Darstellungsweise der Reichspogromnacht.
Als erstes werden die faktischen Abläufe der Reichspogromnacht skizziert. Im Anschluss
folgt eine Re- und Dekonstruktion der Legende, die zu Zeiten des nationalsozialistischen
Regimes besagte, dass die deutschen Bürger und nicht NS-Funktionäre die Verwüstungen und
Zerstörungen zu jener Zeit begangen hätten.
Der zweite Teil der vorliegenden Arbeit behandelt die Darstellung der Reichspogromnacht in
zwei von mir ausgewählten Schulbüchern. Hierbei soll gezeigt werden, ob die Schulbücher
auch auf die Legendenbildung eingehen und wie hinreichend sie die Reichspogromnacht
behandeln.
Drittens wird versucht zu klären, inwieweit es möglich ist, Abschnitte aus Jugendbüchern in
das Unterrichtsthema zu integrieren. Dabei soll der Frage nachgegangen werden, ob sie besser
außer Acht gelassen werden oder ob sie eine völlig neue Sichtweise bieten, bzw. ob sie die
Fakten der Reichspogromnacht abdecken...
Inhaltsverzeichnis
1. Die Legende der Reichspogromnacht im Schulunterricht
2. Was am 9. November 1938 geschah – eine provokativ faktische Darstellung
3. Rekonstruktion der Legende
4. Dekonstruktion der Legende
5. Untersuchung der Behandlung der Reichspogromnacht in ausgewählten Schulbüchern
5.1 Tabellarischer Vergleich der zwei für die Realschule empfohlenen Schulbücher
5.2 Begründung der getroffenen Schulbuchauswahl
6. Untersuchung der möglichen Einbindung von Jugendbüchern in den Unterricht zum Thema Reichspogromnacht
7. Betrachtung der durchgeführten Schülerinterviews
8. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die mediale und didaktische Aufarbeitung der Reichspogromnacht, insbesondere wie Legendenbildungen des NS-Regimes in Schulbüchern und Jugendbüchern dekonstruiert werden können, um ein faktenbasiertes historisches Lernen bei Schülern zu fördern.
- Analyse der NS-Legende der "spontanen Volkswut" und deren historische Dekonstruktion
- Vergleichende Untersuchung zweier ausgewählter Schulbücher hinsichtlich ihrer Darstellung der Ereignisse
- Potenziale und Grenzen der Integration von Jugendbüchern in den Geschichtsunterricht
- Empirische Betrachtung des Wissensstandes von Schülern durch Interviews
Auszug aus dem Buch
Dekonstruktion der Legende:
Im Folgenden wird die Legende der Reichspogromnacht dekonstruiert. Dazu werden die verschiedenen Fakten mit den Behauptungen und Motiven der NS-Regierung verglichen und konfrontiert.
Als erstes gilt es zu betrachten, was das Motiv des Juden Herschel Grynszpans für seine Erschießung von Ernst vom Rath war.
Der eigentliche Beweggrund war wohl die Abschiebung seiner Eltern aus Hannover nach Polen. Grynszpan wollte gegen diese Massenverschiebungen ein Zeichen setzen. Jedoch behaupteten die Nationalsozialisten später, dass Grynszpan von den Anführer des Weltjudentums zu seiner Tat angestiftet und dass er als Instrument einer Verschwörung eingesetzt wurde.
Es stellt sich die Frage, weshalb das NS-Regime nicht bereits 1936 ihre verheerenden judenfeindlichen Pläne in die Tat umsetzten. Zu diesem Zeitpunkt nämlich wurde in Davos der NS-Funktionär Wilhelm Gustloff – der Namensgeber des versunkenen Lazarettschiffes – von einem Juden namens David Frankfurter erschossen.
Die Gründe dafür sind wohl offensichtlich: 1936 fanden in Deutschland die Olympischen Spiele statt und der Führer wollte ein letztes Mal der internationalen Staatengemeinschaft zeigen, dass deren etwaige Sorgen um die Zukunft des Dritten Reiches, ob es erneut eine Bedrohung darstellen könnte, unbegründet seien. Darüber hinaus wurde Ende 1935 ein Beschluss gefasst, dass gewisse Grenzen der Judenverfolgung nicht überschritten werden sollten, um die Remilitarisierung des Rheinlandes nicht durch äußere Interventionen zu gefährden.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Die Legende der Reichspogromnacht im Schulunterricht: Einleitung in die Problematik, wie Mythen und Fiktionen das Geschichtsbewusstsein beeinflussen und warum die Reichspogromnacht didaktisch aufgearbeitet werden muss.
2. Was am 9. November 1938 geschah – eine provokativ faktische Darstellung: Skizzierung der historischen Ereignisse rund um das Attentat von Herschel Grynszpan und die darauffolgenden Pogrome aus der Perspektive der nationalsozialistischen Darstellung.
3. Rekonstruktion der Legende: Dokumentation der NS-Propaganda, die die Zerstörungen als "spontane Volkswut" umdeutete und durch gezielte Anweisungen die Beteiligung der Partei verschleierte.
4. Dekonstruktion der Legende: Analyse der tatsächlichen Motive und Hintergründe des Attentats sowie der gezielten Instrumentalisierung der Tat durch das NS-Regime.
5. Untersuchung der Behandlung der Reichspogromnacht in ausgewählten Schulbüchern: Vergleich zweier Schulbücher hinsichtlich ihrer Darstellung der Ereignisse, der Motivation der Täter und der Qualität der für Schüler bereitgestellten Materialien.
6. Untersuchung der möglichen Einbindung von Jugendbüchern in den Unterricht zum Thema Reichspogromnacht: Prüfung, ob Werke wie "Julians Bruder" und "Die lange Reise des Jakob Stern" einen Mehrwert für den Unterricht bieten können.
7. Betrachtung der durchgeführten Schülerinterviews: Auswertung der Erkenntnisse aus Interviews mit Schülern über deren Wissen zur Reichspogromnacht und ihre Fähigkeit, historische Manipulationen zu erkennen.
8. Fazit: Zusammenfassende Einschätzung der Notwendigkeit einer tieferen Auseinandersetzung mit den Konsequenzen der Pogromnacht im Unterricht und Empfehlung zur Nutzung abwechslungsreicher Medien.
Schlüsselwörter
Reichspogromnacht, Nationalsozialismus, Geschichtsunterricht, Legendenbildung, Dekonstruktion, Schulbuchanalyse, Propaganda, Herschel Grynszpan, Holocaust, Zeitzeugen, Jugendbücher, Didaktik, Antisemitismus, Geschichtskultur, Erinnerungskultur.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht die Diskrepanz zwischen der historischen Realität der Reichspogromnacht und ihrer Darstellung in Lehr- und Jugendmedien sowie deren Wahrnehmung durch Schüler.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die De- und Rekonstruktion der NS-Legende der "spontanen Volkswut", die Analyse von Schulbuchinhalten und der pädagogische Wert von Jugendbüchern zum Thema Holocaust.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es zu beurteilen, wie effektiv Schulbücher und ergänzende Literatur dazu beitragen, Schülern ein faktenbasiertes Verständnis der Reichspogromnacht zu vermitteln und sie vor ideologischer Manipulation zu schützen.
Welche wissenschaftlichen Methoden werden verwendet?
Es erfolgt eine deskriptive Analyse historischer Quellen, ein vergleichender Kriterienkatalog für Schulbücher sowie eine qualitative Auswertung von Schülerinterviews.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die historische Faktendarstellung, die Analyse der NS-Legenden, den detaillierten Vergleich zweier Schulwerke und die Diskussion über den Einsatz von Jugendbüchern.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Reichspogromnacht, Geschichtsdidaktik, Legendenbildung, Schulbuchvergleich und historische Urteilsbildung.
Warum spielt die Unterscheidung zwischen "spontaner Wut" und NS-Inszenierung eine so große Rolle?
Diese Unterscheidung ist entscheidend, da sie den Kern der NS-Propaganda entlarvt, die die organisierte Staatsgewalt hinter den Zerstörungen verbergen wollte, um die Verantwortung auf die Bevölkerung abzuwälzen.
Was ist das zentrale Fazit bezüglich der Schulbücher?
Die Untersuchung zeigt, dass kein Schulbuch das Thema allumfassend darstellt und Lehrer gut beraten sind, verschiedene Materialien zu kombinieren, um kritische Distanz und echtes Verständnis zu fördern.
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- Moritz M. Schmidt (Author), 2013, Die Reichspogromnacht in Jugendliteratur und Schulbüchern und was Schüler über sie wissen, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/270672