„Ivan, es ist nichts mehr für mich übrig […]. Ich bin eine populäre Persönlichkeit […], aber ich habe keine Bilder.“ – „Was bleibt dir übrig? Mal dich selbst“ war der Rat seines guten Freundes und Kunstkenners Ivan Karp, den Andy Warhol 1961 in Verbindung mit dem Galeristen Leo Castelli kennen gelernt hatte und der maßgeblich zu Warhols Erfolg auf dem Kunstmarkt beigetragen hatte. Denn das, was die Öffentlichkeit vielleicht am meisten interessiert ist die Person Andy Warhol, manche würden sogar behaupten dass Warhols größtes Kunstwerk »Andy Warhol« ist. Noch heute stellen die Selbstdarstellungen, oder vielleicht treffender Selbstinszenierungen, einen sehr bedeutsamen Teil seines Schaffens dar. In den Jahren 2010 und 2011 versteigerten die beiden großen Auktionshäuser Sotheby’s und Christies zwei Selbstportraits für über 30 Millionen Doller. Beide Ergebnisse lagen weit über dem Schätzwert. 2004 wurde eine Wanderausstellung ins Leben gerufen, die sich ausschließlich den Selbstportraits Andy Warhols widmet. Begleitend entstand die erste Monographie, die ausschließlich diesen Bereich seines unglaublich umfangreichen Œuvres aufarbeitet.
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Andy Warhol (...) verstand es bestens der Öffentlichkeit das zu präsentieren, was sie sehen wollte. Im Folgenden sollen verschiedene Selbstbildnisse näher betrachtet werden. Eine der zentralen Fragen wird sein: Konfrontiert sich Andy Warhol in den Selbstbildnissen mit sich selbst, oder schlüpft er tatsächlich immer wieder in neue Rollen und gibt letztendlich nichts weiter von sich preis, als seine äußere Erscheinung, die »Oberfläche«? Warhol selbst behauptete stets: „If you want to know all about Andy Warhol, just look at the surface of my paintings and films and me, and there I am. There’s nothing behind it.“
In der Literatur wird an manchen Stellen behauptet, dass das Attentat 1968 eine veränderte Selbstwahrnehmung in Warhol hervorrief. Auch Tod und Vergänglichkeit als Gegenpol zu Ruhm und Konsum sollen seit diesem dramatischen, vielleicht sogar traumatischen Erlebnis, Einzug in sein Werk halten. Auch dieser Aspekt soll näher beleuchtet werden, indem Selbstbildnisse vor und nach dem Attentat betrachtet werden.
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Diesen Fragestellungen soll mit verschieden Ausstellungskatalogen wie „Jeder Künstler ist ein Mensch!“ Positionen des Selbstportraits und Andy Warhol Sebstportraits/Self-Portraits, Werken über Selbstportraits wie zum Beispiel von Matthias Mühling, oder Ulrich Pfisterer nachgegangen werden.
Inhaltsverzeichnis
I. Einleitung
II. Selbstportraits und die veränderte Selbstdarstellung im 20. Jahrhundert
III. Andy Warhols Selbstportraits
1. Zwei exemplarische Selbstportraits der 60er Jahre
2. Das Attentat 1968 – Dokumentation der Folgen
3. Spätwerk
IV. Schlussbemerkung
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die Entwicklung und Bedeutung der Selbstportraits von Andy Warhol im Kontext der Selbstdarstellung des 20. Jahrhunderts, wobei ein besonderer Fokus auf der Inszenierung von Identität, dem Einfluss traumatischer Erlebnisse wie dem Attentat von 1968 und dem Wechselspiel zwischen öffentlicher Marke und privater Anonymität liegt.
- Tradition und Wandel des Selbstportraits im 20. Jahrhundert
- Warhols Selbstinszenierung und die Schaffung einer Marke
- Auswirkungen persönlicher Krisen auf das künstlerische Werk
- Die Dialektik von Oberfläche, Distanz und dem Wunsch nach Verborgenheit
Auszug aus dem Buch
3. Das Attentat 1968 – Dokumentation der Folgen
Die 60er Jahre waren aber nicht nur von Ruhm und Erfolg geprägt, sondern auch drei gefährliche Anschläge auf Warhol und seine Mitarbeiter in der Factory beeinflussten sein Leben und seine Kunst nachhaltig. 1964 beginnt mit Dorothy Podber die Serie der Anschläge. Sie zückte in der Factory, nachdem sie ihre weißen Handschuhe ausgezogen hatte, die Pistole und schoss auf zahlreiche Leinwände mit Marilyn Monroe Portraits. Diese sind heute als Shot Marilyns bekannt. Drei Jahre später werden Andy Warhol und seine Mitarbeiter erneut bedroht. Ein bewaffneter Mann schießt wieder in der Factory unkontrolliert um sich. Verletzt wurde dabei glücklicher Weise niemand. Doch der Schock sitzt bereits tief.
Das Tag-und-Nacht-Leben in der Factory, bisher geprägt von zahlreichen Partys, vielen Gästen, Alkohol und Drogen ändert sich mit dem Attentat am Nachmittag des 3. Juni 1968 schlagartig. Doch nicht nur der Alltag der Factory wird sich ändern, sondern auch Andy Warhols Leben und sein Umgang mit anderen Menschen. Valerie Solanas, selbst einige Jahre Mitglied und Gast in der Factory gewesen, verletzt Andy Warhol lebensgefährlich. Die Schriftstellerin und Gründerin der S.C.U.M. (»Society for Cutting Up Men«) trat unter anderem auch als Schauspielerin in Warhols Filmproduktion I, A Man auf. Anscheinend kam es daraufhin bei der Verhandlung der Gage zu Meinungsverschiedenheiten und zum Streit. Solanas, die zunehmend an Wahnvorstellungen litt, war daraufhin in der Factory nicht mehr gerne gesehen. Am 3. Juni tauchte sie dann unerwartet wieder auf und zielte mehrmals auf Andy Warhol.
Zusammenfassung der Kapitel
I. Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die Rolle von Selbstportraits in Warhols Gesamtwerk und formuliert die zentrale Fragestellung nach der Inszenierung des Künstlers im Spannungsfeld zwischen medialer Oberfläche und persönlichem Rückzug.
II. Selbstportraits und die veränderte Selbstdarstellung im 20. Jahrhundert: Dieses Kapitel ordnet das Selbstportrait in einen historischen Kontext ein und analysiert den Wandel der künstlerischen Selbstdarstellung durch neue Medien und veränderte gesellschaftliche Rollenerwartungen.
III. Andy Warhols Selbstportraits: Hier erfolgt eine detaillierte Analyse spezifischer Werkphasen, von frühen Selbstportraits über die tiefgreifenden Folgen des Attentats bis hin zum Spätwerk und dessen Auseinandersetzung mit Tod und Identität.
IV. Schlussbemerkung: Die Schlussbemerkung fasst zusammen, dass es Warhol gelang, sich durch ein ständiges Wechselspiel von Zeigen und Entziehen als Kunstwerk zu stilisieren, ohne sein Inneres vollständig preiszugeben.
Schlüsselwörter
Andy Warhol, Selbstportrait, Selbstinszenierung, Pop Art, Identität, Attentat 1968, Siebdruck, Oberfläche, Vergänglichkeit, Memento Mori, Factory, Polaroid, Künstlermythos, Anonymität
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit?
Die Arbeit analysiert das künstlerische Wirken Andy Warhols mit besonderem Fokus auf seine Selbstportraits und seine Strategien der Selbstinszenierung.
Welche zentralen Themenfelder stehen im Mittelpunkt?
Die zentralen Felder sind die historische Einordnung der Selbstdarstellung, die Bedeutung von Medien für die Identitätskonstruktion sowie die Auswirkung von Traumata auf die künstlerische Produktion.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es zu ergründen, wie Warhol seine eigene Person als Kunstwerk nutzte und ob seine Selbstportraits tatsächlich Aufschluss über seine Persönlichkeit geben oder reine Projektionsflächen bleiben.
Welche wissenschaftliche Methode wird primär angewandt?
Die Autorin nutzt eine kunsthistorische Analyse, basierend auf Literaturrecherche und der formalen Bildbeschreibung sowie Interpretation ausgewählter Werkgruppen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine historische Einleitung, die Analyse der 60er Jahre, die Zäsur durch das Attentat von 1968 und die Besprechung des Spätwerks anhand konkreter Bildbeispiele.
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit am besten?
Die Arbeit lässt sich am besten mit Begriffen wie Inszenierung, Entsubjektivierung, künstlerische Marke und Auseinandersetzung mit der eigenen Endlichkeit charakterisieren.
Warum war das Attentat von 1968 ein Wendepunkt für Warhols Kunst?
Das Attentat veränderte Warhols Lebensstil und Sicherheitsbedürfnis maßgeblich; Tod und Vergänglichkeit rückten von diesem Zeitpunkt an als explizite Themen in den Fokus seines Schaffens.
Welche Rolle spielt die "Oberfläche" in Warhols Selbstverständnis?
Warhol betonte stets die Wichtigkeit der Oberfläche („There’s nothing behind it“), nutzte diese jedoch strategisch, um seine wahre Persönlichkeit zu schützen und als distanzierter Beobachter zu agieren.
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- Sophia Reinhard (Author), 2013, Andy Warhol Selbstportraits, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/270444