Ziel der vorliegenden Arbeit ist es, die wichtigsten Wahlstationen des Protagonisten
eingehend zu durchleuchten und dem Grund nachzugehen, warum Joe am Ende seines
Entwicklungsprozesses auf persönlicher wie emotionaler Ebene gescheitert ist. Hierbei wird
vor allem die Frage der Wahl ins Zentrum gerückt: Hat Joe die richtige Wahl getroffen? Hatte
er überhaupt eine Wahl? Nach sorgfältiger Erarbeitung wichtiger Wahlaspekte bei Schmid
(Kapitel 2), bei denen nur die Punkte miteinbezogen werden, die für die Analyse relevant
sind, werden die Lebenswege gegenübergestellt, zwischen denen Joe wählen kann (Kapitel 3).
Am Ende seines Entwicklungsprozesses zieht Joe eine kritische Selbstbilanz, die von einer
scheinbar unauflöslichen Ambivalenz gekennzeichnet ist (Kapitel 4).
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Wilhelm Schmid: Die Wahl als zentrales Element für eine erfolgreiche Lebensführung
3. Joe Lampton auf der Suche nach einem schönen Leben
3.1 Joes Entscheidung, in den Süden Englands zu ziehen und ein neues Leben zu beginnen
3.1.1 Das industriegeprägte Dufton als Heimat der Zombies und Ort des Grauens
3.1.2 Das bürgerliche und lebendige Warley als Märchenwelt, in der Träume wahr werden
3.1.3 Joes ambivalente Empfindungen für Dufton und Warley
3.2 Der „moment of vision“ – Joes spontan getroffene Wahl gesellschaftlich aufzusteigen
3.3 Joes Wahl zwischen der femme fatale und der Märchenprinzessin
3.3.1 Alice Aisgill: Eine Seelenverwandtschaft und die Chance auf einen alternativen Lebensweg
3.3.2 Susan Brown: Die Märchenprinzessin und Eintrittskarte in das Establishment
3.3.3 Joes unreflektierte, passive Wahl für Warley und somit für Susan
4. Joes ambivalente Selbstbewertung: Die Erfüllung seines Lebensziels und der Verlust seiner authentischen Affektstruktur – seine Transformation in einen Successful Zombie
5. Schlussbetrachtung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das Scheitern des Protagonisten Joe Lampton in John Braines Roman "Room at the Top" durch die Anwendung der "Philosophie der Lebenskunst" von Wilhelm Schmid. Im Fokus steht dabei die Analyse der existentiellen Wahlsituationen Joes, dessen Handlungen unbewusst von einer tiefsitzenden Todesvermeidung geleitet werden, was ihn letztlich in eine emotionale Erstarrung führt.
- Die moderne Theorie der Lebenskunst nach Wilhelm Schmid
- Existentieller Wandel durch Migration und sozialen Aufstieg
- Die Bedeutung der Wahl zwischen unterschiedlichen Lebensentwürfen und Partnerinnen
- Die Dynamik von Selbstentfremdung und emotionaler Degeneration
- Das Konzept des "Successful Zombie" als Resultat gescheiterter Lebensgestaltung
Auszug aus dem Buch
3.1.1 Das industriegeprägte Dufton als Heimat der Zombies und Ort des Grauens
Joe assoziiert Dufton mit einer unendlichen Reihe von Negativbildern, in denen immer das Motiv des Todes mitschwingt. Während des zweiten Weltkriegs muss Joe das Sterben vieler seiner Kameraden miterleben und sieht sich permanent mit dem Tod konfrontiert (vgl. R 21). Diese Allgegenwart des Todes erreicht ihren Höhepunkt, als Joe nach Kriegsgefangenschaft in seine Heimatstadt Dufton zurückkehrt, um dort zu erfahren, dass seine Eltern durch einen Bombenangriff – wohlgemerkt die einzige Bombe, die über Dufton abgeworfen wurde, ums Leben kamen (vgl. R 91). Der tragische Tod der Eltern scheint Joe so traumatisiert zu haben, dass er eine tiefe Abneigung gegen Dufton entwickelt („I hate my hometown”, R 110).
Statt sich mit den Ereignissen bewusst auseinanderzusetzen, wählt Joe den Weg der Verdrängung. Sobald er jedoch an die Stelle kommt, wo früher das Haus der Eltern stand, kommen in ihm sofort die Erinnerungen an den „Death Morning“ (R 91) hoch. Um sich nicht ernsthaft damit auseinandersetzen zu müssen, setzt er meist schnell seinen Weg fort: „I turned away from the house and walked quickly away [...] As long as I kept on walking they’d remain mixed and chaotic, like imperfectly recollected books and films [...] wherever I looked there was a memory, an italicizing of death” (R 96). Joe glaubt, dass er mit seiner Flucht die Erinnerungen hinter sich lassen kann, was ihm teilweise auch gelingt. Er weiß, dass die Verdrängung nur so lange funktioniert, wie er nicht in der Nähe des Hauses oder gar in Dufton ist – ein Grund für ihn, Dufton zu verlassen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Dieses Kapitel führt in die historische Einordnung der "Angry Young Men" in der britischen Literatur der 1950er Jahre ein und stellt die theoretische Basis sowie die Fragestellung der Arbeit vor.
2. Wilhelm Schmid: Die Wahl als zentrales Element für eine erfolgreiche Lebensführung: Es werden die zentralen Thesen von Wilhelm Schmid zur modernen Epoche der Wahl und dem Umgang mit Wahldilemmata erörtert, die als methodisches Analysewerkzeug dienen.
3. Joe Lampton auf der Suche nach einem schönen Leben: Hier werden die zentralen Lebensentscheidungen des Protagonisten analysiert, insbesondere sein Umzug nach Warley, der soziale Aufstieg und seine schwierige Beziehungswahl zwischen Alice und Susan.
4. Joes ambivalente Selbstbewertung: Die Erfüllung seines Lebensziels und der Verlust seiner authentischen Affektstruktur – seine Transformation in einen Successful Zombie: Das Kapitel befasst sich mit der retrospektiven Bilanz Joes, der erkennt, dass er sein Ziel zwar erreicht hat, dabei jedoch seine emotionale Identität und Authentizität opferte.
5. Schlussbetrachtung: Die Arbeit schließt mit einer Synthese der Ergebnisse, in der Joes Scheitern als Folge unbewusster Todesvermeidung und mangelnder reflexiver Auseinandersetzung mit seinen Lebensentscheidungen resümiert wird.
Schlüsselwörter
Lebenskunst, Wilhelm Schmid, Room at the Top, John Braine, Angry Young Men, Joe Lampton, Soziale Mobilität, Wahldilemma, Identitätsverlust, Successful Zombie, Entfremdung, Todesvermeidung, Gesellschaftskritik, Existenzielle Wahl, Affektstruktur
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert den Roman "Room at the Top" von John Braine unter Rückgriff auf Wilhelm Schmids Philosophie der Lebenskunst, um das Scheitern des Protagonisten Joe Lampton an seinen eigenen Lebenszielen zu untersuchen.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Die zentralen Themen sind soziale Mobilität, der Konflikt zwischen Wunsch und Realität, der Verlust emotionaler Authentizität sowie die psychologischen Auswirkungen von Traumata auf die Lebensplanung.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es zu ergründen, warum Joe Lampton trotz des erreichten sozialen Aufstiegs persönlich und emotional scheitert und ob seine getroffenen Lebensentscheidungen als "kluge" Wahlen im Sinne der Lebenskunst gelten können.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine literaturwissenschaftliche Analyse durchgeführt, die das Handeln der Romanfigur Joe Lampton durch die philosophische Brille von Wilhelm Schmids Lebenskunst-Theorie (Wahl, Gespür, Reflexion) beleuchtet.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Im Hauptteil werden die spezifischen Wahlsituationen des Protagonisten – von der Flucht aus Dufton über den Aufstieg in Warley bis hin zu den Liebesbeziehungen – detailliert gegenübergestellt und auf ihre psychologischen Hintergründe untersucht.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren diese Arbeit?
Neben dem zentralen Begriff der Lebenskunst sind Begriffe wie Identitätsverlust, Transformation zum "Successful Zombie" und die existentielle Wahl für das Verständnis der Arbeit essentiell.
Warum wird Dufton von Joe als "Heimat der Zombies" bezeichnet?
Joe verbindet Dufton mit negativen, todesnahen Erinnerungen an den Krieg und den Tod seiner Eltern; die Bewohner erscheinen ihm als seelenlose, fremdgesteuerte Menschen, was er als "Zombies" bezeichnet, um sich von seiner Herkunft abzugrenzen.
Welche Rolle spielt Alice Aisgill im Leben von Joe Lampton?
Alice stellt für Joe eine Seelenverwandte dar, die ihm einen alternativen, weniger materialistisch determinierten Lebensweg aufzeigt, an dem er jedoch aufgrund seines Aufstiegsstrebens und seiner Todesvermeidungsstrategie scheitert.
- Quote paper
- Master of Arts Nadine Aldag (Author), 2012, Die Frage der Wahl und die Suche nach einem gelingenden Leben in John Braines Roman "Room at the Top", Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/270365