Ein Gespenst geht um – das Gespenst der Zivilcourage. Jeder kennt es und
doch bleibt es ein Gespenst, das man nie sieht, ein gutes Gespenst aber, weil
man es stets vermisst. Wie ein Mantra wird es wiederholt, jedes Mal, wenn die
soziale Kälte in unserem Land wieder zugeschlagen hat, wenn irgendwo
irgendwer weggeschaut hat, während ein Unrecht geschah, während es
jemandem schlecht ging: Wo bleibt die Zivilcourage in unserer zivilisierten
Gesellschaft, wo bleibt der Mut, einzugreifen und woher kommt diese Angst,
doch lieber wegzuschauen und weiterzugehen. Viel zu oft entsteht der
Eindruck, wir sind eine Gesellschaft von Egoisten, in der sich alle nur um sich
selbst kümmern und unsere Mitmenschen egal sind. Ein jeder kehre vor seiner
Tür und sauber ist das Stadtquartier, scheint das Motto zu sein. Dabei lebt
gerade eine Demokratie wie unsere vom Mitmachen, vom Einmischen, vom
Engagement, kurzum von Zivilcourage. Sie lebt davon, dass sich Menschen
ihrer Verantwortung in ihrem Gemeinwesen bewusst werden, dass sie sich
einbringen und für andere da sind. Trotz allem kann man sagen, dass wir eine
stabile Demokratie sind. Wie passt das also zusammen? Auch wenn immer
wieder fehlende Zivilcourage beklagt wird, so gibt es viele Couragierte in
unserer Gesellschaft, Menschen, die ihre Pflicht erkennen als Teil dieses
Landes und diese Pflicht auch wahrnehmen; die die Erkenntnis besitzen,
Mitglied eines Gemeinwesens zu sein, das nur funktionieren kann, wenn der
Eine sich auf den Anderen verlassen kann, wenn niemand abgehängt oder
ausgegrenzt wird, wenn alle frei und gleich für ihre Überzeugungen und Werte
einstehen können. So sind die Deutschen beispielsweise ein Volk, das viel
spendet in soziale Einrichtungen, in Hilfsprojekte für Menschen, denen es
schlecht geht. Auch das ist Zivilcourage, aber eine stille Form, eine risikoarme
Form, mehr eine zivile („bürgerliche“) als eine couragierte („mutige“). [...]
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Zivilcourage in Vergangenheit und Gegenwart
3. Die Geburt des Bürgertums – Ursprung des „Bürgermuts“
4. Zivilcourage vor dem Aus?
Zielsetzung & Themen
Der Essay untersucht das Wesen der Zivilcourage von ihrem historischen Ursprung in der Aufklärung bis zur heutigen Bedeutung in der demokratischen Gesellschaft. Das primäre Ziel ist es, den Begriff von seinem heroischen, exklusiven Image zu befreien und als alltägliche, bürgerliche Pflicht zu definieren, die das Fundament unserer Demokratie bildet.
- Historische Herleitung des Bürgertums und des Begriffs der Zivilcourage.
- Differenzierung zwischen riskanter Zivilcourage und alltäglichem, bürgerlichem Engagement.
- Die philosophische Fundierung durch Immanuel Kant und den kategorischen Imperativ.
- Analyse des Spannungsfeldes zwischen dem „Bürger“ und dem „Untertan“.
- Bewertung der Zivilcourage als Voraussetzung für die Stabilität demokratischer Systeme.
Auszug aus dem Buch
Die Geburt des Bürgertums – Ursprung des „Bürgermuts“
Der Begriff der Zivilcourage wurde zwar erst im 19. Jahrhundert erstmals verwendet – in Deutschland war es kein Geringerer als der preußische Ministerpräsident Otto von Bismarck, der ihn 1864 das erste Mal gebrauchte –, aber im Grunde war es eine Idee des vorherigen Säkulums. Das 18. Jahrhundert war ein besonderes in der langen europäischen Geschichte, es war die Geburtsstunde des „erwachsen werdenden“ Europas und des „erwachenden“. Zum ersten Mal begannen Europäer, nicht mehr wenige wie zuvor, sondern viele, tausende, ganze Bevölkerungsschichten sich Gedanken zu machen über ihr Schicksal, sie dachten nach über Politik und Gesellschaft, sie hinterfragten die Verhältnisse, in denen sie lebten, anstatt es nur als gottgegeben hinzunehmen. Und zum ersten Mal entstand eine Bewegung, deren Ruf ab sofort niemand mehr überhören konnte: „Wir wollen mitmachen. Wir wollen mitbestimmen. Wir geben uns nicht länger mit dem zufrieden, was uns vorgesetzt und befohlen wird. Kurzum: Wir sind das Volk.“ Das Bürgertum war geboren. Heute verbinden wir mit dieser Epoche den Begriff der Aufklärung.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Dieses Kapitel führt in die Thematik der Zivilcourage ein, hinterfragt die soziale Kälte der heutigen Gesellschaft und etabliert die These, dass gelebte Zivilcourage essenziell für den Erhalt einer stabilen Demokratie ist.
2. Zivilcourage in Vergangenheit und Gegenwart: Der Autor vergleicht den mutigen Widerstand in totalitären Systemen der Vergangenheit mit der Notwendigkeit von Zivilcourage in heutigen, zivilen Kontexten, um das Verschwimmen der Grenze zwischen „Bürger“ und „Untertan“ zu beleuchten.
3. Die Geburt des Bürgertums – Ursprung des „Bürgermuts“: Hier wird die historische Wurzel der Zivilcourage in der Aufklärung des 18. Jahrhunderts verortet, wobei der Übergang vom Untertan zum mündigen Bürger anhand von Kants Philosophie und dem gesellschaftlichen Wandel beschrieben wird.
4. Zivilcourage vor dem Aus?: Dieses Kapitel räumt mit dem Mythos auf, dass Zivilcourage nur für Helden reserviert sei, und definiert sie stattdessen als Summe alltäglicher, empathischer Handlungen, die jeden Einzelnen zur Verantwortung für das Gemeinwesen verpflichtet.
Schlüsselwörter
Zivilcourage, Bürgermut, Demokratie, Aufklärung, Bürgertum, Untertan, Immanuel Kant, Verantwortung, Zivilgesellschaft, Mündigkeit, Mitbestimmung, Gemeinwesen, Widerstand, Sozialstaat, Engagement.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in diesem Essay im Kern?
Die Arbeit befasst sich mit der Definition und Bedeutung von Zivilcourage und zeigt auf, dass diese kein exklusives Merkmal von Helden ist, sondern eine grundlegende Eigenschaft für ein mündiges Bürgertum in einer Demokratie.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Die Themen umfassen die historische Entwicklung des Bürgertums, die philosophischen Wurzeln der Aufklärung, den Kontrast zwischen Untertänigkeit und Bürgerpflicht sowie die praktische Anwendung von Zivilcourage im Alltag.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, den Begriff „Zivilcourage“ zu entmystifizieren und den Leser zu motivieren, die eigene Rolle als aktiver und verantwortungsbewusster Bürger in der heutigen Gesellschaft neu zu bewerten.
Welche wissenschaftliche Methode verwendet der Autor?
Der Autor nutzt eine essayistische Form, die historische Analysen (wie die Französische Revolution) mit philosophischen Diskursen (insbesondere Immanuel Kant) und soziologischer Zeitdiagnose verknüpft.
Was wird im Hauptteil der Arbeit thematisiert?
Der Hauptteil gliedert sich in die historische Einordnung der Aufklärung als „Geburtsstunde“ des Bürgers und die Analyse der gegenwärtigen Zivilcourage als alltägliche Pflicht, abseits von riskanten Heldentaten.
Welche Begriffe beschreiben die Arbeit am besten?
Die wichtigsten Schlüsselwörter sind Zivilcourage, Bürgertum, Mündigkeit, Demokratie, Verantwortung und Gemeinwesen.
Warum wird Immanuel Kant in dieser Arbeit zitiert?
Kant dient als philosophischer Bezugspunkt für das Konzept der „Mündigkeit“, welches laut Autor die Grundvoraussetzung dafür ist, überhaupt als Bürger agieren und Zivilcourage leisten zu können.
Inwiefern unterscheidet der Autor zwischen „Bürger“ und „Untertan“?
Der Untertan zeichnet sich durch Gehorsam und das Akzeptieren von Gegebenheiten aus, während der Bürger durch selbstständiges Denken, das Hinterfragen von Zuständen und die Übernahme von Verantwortung für das Gemeinwesen definiert ist.
- Arbeit zitieren
- Eric Buchmann (Autor:in), 2014, Bürgermut oder: Vom Mut, ein Bürger zu sein, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/270273