Die sagenumwobene Kolchis war Aufbewahrungsort des Goldenen Vlieses und Ziel der Fahrt der Argonauten. Der antike Mythos inspirierte und regte zahllose Meister der antiken Literatur und bildenden Künste bis in die heutige Zeit hinein an und doch besaß die Geschichtswissenschaft nur wenig Aufschlussreiches über dieses legendäre Land, man hielt es für ein der phantastischen Vorstellungskraft der Hellenen entsprungenes Phantasiegebilde. Und doch gelang es Otar Lordkipanidze bei Grabungen in Vani, im Westen Georgiens, eine Tempelstadt freizulegen, die in etwa auf das 7. Bis 1. Jahrhundert v. Chr. datiert werden kann.
„Die ersten Berichte der griechischen Literatur über die auf dem Gebiet Georgiens in der Antike existierenden beiden Ländern Kolchis und Iberien sind auf das Zustandekommen der Kontakte zwischen der griechischen Welt und der östlichen Schwarzmeerküste zurückzuführen. Dies spiegelt sich in der Argonautensage wider, die von dem Zug der Argonauten nach dem Goldenen Vlies berichtet. Freilich kann die Frage nach der Entstehungszeit der Argonautensagen noch nicht eindeutig beantwortet werden und bedarf einer eingehenden Diskussion. Man darf aber bereits behaupten, daß die äußerst große Popularität der von dem Argonautenzug nach Kolchis berichtenden Sagen im frühgriechischen Epos eine Widerspiegelung der ersten griechisch-kolchischen Kontakte auf der Anfangsstufe der griechischen Kolonisation an der Schwarzmeerküste bildet.“
Die Fahrt der Argo soll noch vor dem Trojanischen Krieg stattgefunden haben, das bedeutet vor dem 13. Jahrhundert v. Chr. und war bereits Homer bekannt. Doch ist es für die archaische Periode schwer vorstellbar, dass es regelmäßige wichtige Handelsbeziehungen zwischen den Griechen und Kolchis gegeben haben soll. Es ist viel eher anzunehmen, dass in den uralten Versionen der Argonautenfahrt die zufälligen Ausflüge oder die Seeräuberei archaischer Seefahrer dargestellt wurden. Dies näher zu untersuchen soll die Aufgabe dieser Arbeit sein. Entsprechend soll auch die griechische „Kolonisation“ und die Tradierung des Mythos berücksichtigt und dabei auch auf das Motiv und den möglichen Ursprung des goldenen Vlieses, eingegangen werden.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
1. Griechische Kontakte und/oder Kolonisation in der Schwarzmeerregion
2. Entwicklung und Tradierung des Mythos
2.1 Phrixossage und Goldenes Vlies
2.2 Der Mythos von Jason und Medea
2.3 Überblick der literarischen Überlieferung
3. Die Geographie des Argonauten-Zuges
3.1 Bosporus und Symplegaden
3.2 Aia und Kolchis
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht den historischen Kern und die geographische Verortung der Argonautensage, indem sie die griechische Kolonisation der Schwarzmeerregion sowie die literarische Überlieferung des Mythos analysiert.
- Griechische Kolonisation und Kontakte im Schwarzmeerraum
- Entwicklung und Tradierung der Argonauten- und Phrixossage
- Symbolik und Ursprung des Goldenen Vlieses
- Geographische Lokalisierung der Argonautenfahrt
- Archäologische Befunde zur Kolchis-Kultur
Auszug aus dem Buch
2.1 Phrixossage und Goldenes Vlies
Der Mythos vom Goldenen Vlies gab Anlass zu zahllosen Spekulationen. Gemeinsam ist allen die Vorstellung, dass mit ihm außergewöhnlicher Reichtum verbunden gewesen sein muss, materieller oder anderer Natur. Vor einem transzendenten Hintergrund kann das Goldene Vlies als Symbol für die durch das Denken gereinigte Seele und sein Raub für einen spirituellen Weisheitstransfer stehen, der die griechische Kultur nachhaltig beeinflusst haben soll. Eine weitere Deutung besagt, das Goldene Vlies sei ein auf Pergament geschriebenes alchemistisches Buch. Dabei wird die Phrixossage ursprünglich völlig von der Jasonsage getrennt existiert haben und die Episode des Goldenen Vlieses ist erst nachträglich aus dem mineyischen Sagenkreis in die ursprüngliche Jasonsage eingefügt worden.
Pellech erklärt die Argonautensage als zwar von den Griechen übermittelt, doch eigentlich aus dem alten Ägypten stammend. Von diesem ägyptischen, an Tiergottheiten reichen Pantheon ausgehend, fällt auf, dass das Tier als Wächter, Hüter und schützendes Element gegen alles Feindliche fungiert, während das Fell eine Art Symbol des Zwischenstadiums darstellt. Schefold und Jung schließen sich dem an: „Der Widder mit seinem schimmernden Fell und der Kraft seines Stoßens ist ein Gleichnis schöner männlicher Jugend. Dazu kommt, daß frühe Völker die göttliche Kraft zunächst in Tiergestalt erlebten. Das ist auch bei den Griechen und ihren Nachbarn, den Skythen bezeugt, also gerade dort, wohin der Widder den Phrixos bringt.“
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Die Einleitung thematisiert die historische Relevanz der Kolchis und stellt die Forschungsfrage zur Verbindung zwischen der mythischen Argonautenfahrt und der tatsächlichen griechischen Kolonisation.
1. Griechische Kontakte und/oder Kolonisation in der Schwarzmeerregion: Dieses Kapitel untersucht die Phasen der griechischen Kolonisation und die schwierige Quellenlage bezüglich der frühen Kontakte zur Schwarzmeerregion.
2. Entwicklung und Tradierung des Mythos: Der Abschnitt analysiert die mythologische Herkunft, die verschiedenen Fassungen der Sage und die literarische Überlieferung von Homer bis zu den Alexandrinern.
2.1 Phrixossage und Goldenes Vlies: Dieses Kapitel erörtert die verschiedenen Deutungsansätze zum Goldenen Vlies, von der religiösen Symbolik bis zur pragmatischen Auslegung als Goldgewinnung.
2.2 Der Mythos von Jason und Medea: Hier werden die Ursprünge der Figuren Jason und Medea und deren Wandel von göttlichen Gestalten hin zu Heldenfiguren in der Dichtung beschrieben.
2.3 Überblick der literarischen Überlieferung: Dieser Teil gibt einen detaillierten Abriss der literarischen Quellen, die den Argonautenstoff bearbeiten, angefangen bei epischen Anfängen bis hin zur römischen Literatur.
3. Die Geographie des Argonauten-Zuges: Das Kapitel befasst sich mit der Lokalisierung der Reise der Argonauten und der Frage nach dem historischen Kern innerhalb der geografischen Erzählung.
3.1 Bosporus und Symplegaden: Der Fokus liegt hier auf der symbolischen und geographischen Bedeutung der Durchfahrt durch die Symplegaden als Pionierleistung.
3.2 Aia und Kolchis: Das Kapitel untersucht die Gleichsetzung des mythischen Landes Aia mit der historisch greifbaren Landschaft Kolchis.
Fazit: Das Fazit fasst zusammen, dass die Argonautensage eine Rahmenhandlung für die Weltkulturgeschichte darstellt und die Kolonisationsbewegung durch die Einbindung lokaler Mythen legitimiert wurde.
Schlüsselwörter
Argonauten, Goldenes Vlies, Kolchis, griechische Kolonisation, Mythos, Jason, Medea, Schwarzmeerregion, Aia, Archäologie, Vani, Phrixos, Antike, Literaturgeschichte, Kulturkontakt
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit dem antiken Mythos der Argonauten und untersucht, inwieweit dieser als historische Quelle für griechische Kontakte und Kolonisation im Schwarzmeerraum dienen kann.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Zentrale Themen sind die griechische Kolonisationsgeschichte, die Entwicklung der Argonautensage, die verschiedenen Deutungen des Goldenen Vlieses sowie die geographische Verortung des Mythos in der antiken Literatur.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, den historischen Kern der Sage zu hinterfragen und zu prüfen, wie die geographische Lokalisierung der Argonautenfahrt mit tatsächlichen historischen Handelsbeziehungen oder Kolonisationsvorgängen korreliert.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine interdisziplinäre methodische Herangehensweise, indem sie klassische schriftliche Quellen (Epen, Geographen) mit archäologischen Befunden und Forschungsergebnissen zur Region Kolchis vergleicht.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert detailliert die verschiedenen Stadien der griechischen Kolonisation, die literarische Tradierung der Sage von Homer bis in die römische Zeit sowie die spezifischen geographischen Schauplätze wie den Bosporus und die Kolchis.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Charakteristische Begriffe sind unter anderem Argonauten, Goldenes Vlies, Kolchis, griechische Kolonisation, Mythos, Jason, Medea und Kulturkontakt.
Warum spielt die Goldgewinnung eine Rolle in der Interpretation der Sage?
Die Goldgewinnung wird als pragmatische Erklärung für den Mythos angeführt, da die lokale Bevölkerung in der Kolchis traditionell Schafvliese in Gebirgsflüssen nutzte, um Goldstaub auszuwaschen.
Welche Bedeutung kommt der archäologischen Fundstätte Vani zu?
Vani belegt durch Grabungen die Existenz einer hochstehenden Kultur im antiken Georgien, was die These stützt, dass die Region kein rein mythisches Gebilde, sondern ein realer Ort mit bedeutender Metallverarbeitung war.
Wie interpretierte die antike Literatur die Argonautenfahrt?
Die antike Sichtweise schwankte zwischen der Auffassung als historischer Gegebenheit (frühe Entdeckerfahrt) und einer allegorischen Weltkulturgeschichte, in der die Fahrt als Rahmen für religiöse und soziale Motive diente.
- Arbeit zitieren
- Ninette Schmidt (Autor:in), 2013, Das Goldene Vlies in der Kolchis, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/269766