Friedrich Heinrich Jacobi hat dem Idealismus wegen seiner Abstraktheit Nihilismus vorgeworfen. Dies mit den Worten: “Wahrlich, mein lieber Fichte, es soll mich nicht verdriessen, wenn Sie, oder wer es sey, Chimärismus nennen wollen, was ich dem Idealismus, den ich Nihilismus schelte, entgegensetzte”. Seither wurde die philosophische Kritik am Idealismus stärker, insbesondere von religiöser Seite. Kierkegaard stärkt mit seinen Aussagen die Ansicht, dass der spekulative Idealismus Hegels gegen die Wirklichkeit der Existenz steht. Jacobi und Kierkegaard warnen intensiv vor der Leere der reinen Reflexion und damit vor dem Verlust der erfahrbaren Realität der Existenz. Sie stehen in der Tradition mit vielen Romantikern wie Jean Paul, Ludwig Tieck, Bonaventura, Clemens Brentano und E.T.A. Hoffmann. Hoffmanns Figuren werden wahnsinnig, weil sie in der Wirklichkeit einer gespenstischen Spiegelkabinettwelt gefangen sind. Sogar „Woldemars“ Figur im Roman von Jacobi wird in die Harry Potter Bücher als das Böse schlechthin als Lord Voldemort transfiguriert. Friedrich Hölderlin, Friedrich Wilhelm, Joseph Schelling und Novalis, alias Friedrich Freiherr von Hardenberg, begründen erstmals mit rational-wissenschaftlichen Beweisen im nichtrationalen Sein. Das daraus folgende begründete Wissen fusst letztlich auf einem Gefühl der nicht-reflexiven Gewissheit des Seins. Dies kann nicht bewiesen, sondern nur geglaubt werden. Hier wird die Paradoxie des Glaubens Kierkegaards sichtbar. Im Werk “Bestimmung des Menschen” überwindet Fichte die Leere der existentiellen Angst mit dem Glauben an das Absolute. Dies ähnelt Kierkegaards Rettung vor dem Nihilismus durch den Glauben. Mit dem Begriff des Nihilismus kann Kierkegaards literarischer Begriff der Nivellierung gleichgestellt werden. Seine Erfahrung des Nihilismus durch die Angst und Verzweiflung dieser Leere geht allerdings mehr in eine existentielle, tiefenpsychologische Richtung, die er den Philosophen und Theologen suggerieren will. Nämlich dahingehend, dass wir Menschen als Wesen zwischen leib-seelischer Natur und Geist die Angst haben, am Abgrund der Sünde oder des Dämonischen zu stehen und hinunterzustürzen. Kierkegaard unternahm als erster europäischer Denker den Versuch, mit Tiefenpsychologie das Unbewusste zu begründen.
Inhaltsverzeichnis
I. Søren Kierkegaards Nihilismus
1. Hegels Kritik und Existenzphilosophie
2. Individuelle Existenz
3. Das bürgerliche-christliche Selbst
4. Die Arbeit am Selbst oder die Arbeit für das Selbstwerden
5. Das Selbst als die absolute Humanität (Karl Löwith S. 341-348)
6. Kierkegaards paradoxer Gottesbegriff (Karl Löwith S. 383-392)
7. Erfahrung des Nihilismus
II. Zur Frage der Sünde
1. Verzweiflung ist Sünde
2. Selbstbewusstsein
3. Stufen im Bewusstsein vom Selbst
4. Sokratische Definition von Sünde
5. Sünde ist keine Negation, sondern eine Position
6. Wird die Sünde nicht eine Seltenheit?
7. Die Fortsetzung der Sünde ist die eigentliche Sünde
8. Die Sünde an der Vergebung zu verzweifeln (Ärgernis)
9. Die Sünde das Christentum ausdrücklich aufzugeben
10. Über die Schrift “Krankheit zum Tode”
11. Der Sündenbegriff im 19. Jahrhundert
12. Schellings Sündenbegriff
13. Hegels Sünde
14. Die nachreformatorische Erweckungsbewegung
15. Schleiermachers Sündenbegriff
16. Kierkegaards Sündenbegriff
17. Albrecht Ritschl als reformierter Theologe
18. Seine Existenzphilosophie
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht Søren Kierkegaards Werk „Krankheit zum Tode“ im Kontext seiner Auseinandersetzung mit dem Nihilismus und dem Sündenbegriff. Ziel ist es, aufzuzeigen, wie Kierkegaard das Christentum als notwendiges, existentielles Korrektiv zu zeitgenössischen Strömungen wie dem spekulativen Idealismus Hegels versteht und wie der Einzelne durch den Glauben die tödliche Verzweiflung überwinden kann.
- Kierkegaards Kritik am spekulativen Idealismus und der Nivellierung der Existenz.
- Die Analyse der Verzweiflung als psychologischer und theologischer Nihilismus.
- Die Rolle des "Einzelnen" als Gegenentwurf zur Masse und zum Kollektiv.
- Die christliche Sündenlehre als existentielle Kategorie zur Selbstfindung vor Gott.
- Vergleich der Sündenbegriffe bei Kant, Schelling, Hegel und Schleiermacher.
Auszug aus dem Buch
I. Søren Kierkegaards Nihilismus
Friedrich Heinrich Jacobi hat dem Idealismus wegen seiner Abstraktheit Nihilismus vorgeworfen. Dies mit den Worten: “Wahrlich, mein lieber Fichte, es soll mich nicht verdriessen, wenn Sie, oder wer es sey, Chimärismus nennen wollen, was ich dem Idealismus, den ich Nihilismus schelte, entgegensetzte”. Seither wurde die philosophische Kritik am Idealismus stärker, insbesondere von religiöser Seite. Kierkegaard stärkt mit seinen Aussagen die Ansicht, dass der spekulative Idealismus Hegels gegen die Wirklichkeit der Existenz steht. Jacobi und Kierkegaard warnen intensiv vor der Leere der reinen Reflexion und damit vor dem Verlust der erfahrbaren Realität der Existenz. Sie stehen in der Tradition mit vielen Romantikern wie Jean Paul, Ludwig Tieck, Bonaventura, Clemens Brentano und E.T.A. Hoffmann. Hoffmanns Figuren werden wahnsinnig, weil sie in der Wirklichkeit einer gespenstischen Spiegelkabinettwelt gefangen sind.
Sogar „Woldemars“ Figur im Roman von Jacobi wird in die Harry Potter Bücher als das Böse schlechthin als Lord Voldemort transfiguriert. Friedrich Hölderlin, Friedrich Wilhelm, Joseph Schelling und Novalis, alias Friedrich Freiherr von Hardenberg, begründen erstmals mit rational-wissenschaftlichen Beweisen im nichtrationalen Sein. Das daraus folgende begründete Wissen fusst letztlich auf einem Gefühl der nicht reflexiven Gewissheit des Seins. Dies kann nicht bewiesen, sondern nur geglaubt werden. Hier wird die Paradoxie des Glaubens Kierkegaards sichtbar. Im Werk “Bestimmung des Menschen” überwindet Fichte die Leere der existentiellen Angst mit dem Glauben an das Absolute. Dies ähnelt Kierkegaards Rettung vor dem Nihilismus durch den Glauben. Mit dem Begriff des Nihilismus kann Kierkegaards literarischer Begriff der Nivellierung gleichgestellt werden. Seine Erfahrung des Nihilismus durch die Angst und Verzweiflung dieser Leere geht allerdings mehr in eine existentielle, tiefenpsychologische Richtung, die er den Philosophen und Theologen suggerieren will. Nämlich dahingehend, dass wir Menschen als Wesen zwischen leib-seelischer Natur und Geist die Angst haben, am Abgrund der Sünde oder des Dämonischen zu stehen und hinunterzustürzen. Kierkegaard unternahm als erster europäischer Denker den Versuch, mit Tiefenpsychologie das Unbewusste zu begründen.
Zusammenfassung der Kapitel
I. Søren Kierkegaards Nihilismus: Einleitende Analyse der kritischen Haltung Kierkegaards gegenüber dem spekulativen Idealismus und der Entfremdung des Menschen in der Masse.
1. Hegels Kritik und Existenzphilosophie: Untersuchung der Polemik gegen Hegel, dessen System die konkrete existentielle Wirklichkeit des Einzelnen verfehle.
2. Individuelle Existenz: Kierkegaards Plädoyer für die Bedeutung des Einzelnen gegenüber dem als nihilistisch empfundenen Assoziationsprinzip gesellschaftlicher Systeme.
3. Das bürgerliche-christliche Selbst: Erörterung, wie das Individuum in der bürgerlichen Welt durch das Allgemeinheitsprinzip zu einer Abstraktion reduziert wird.
4. Die Arbeit am Selbst oder die Arbeit für das Selbstwerden: Darstellung der Arbeit als ethische Menschenpflicht, die für die existenzielle Freiheit unerlässlich ist.
5. Das Selbst als die absolute Humanität (Karl Löwith S. 341-348): Rückbesinnung auf die ursprüngliche Humanität des Christentums als Gegenmittel zur gesellschaftlichen Nivellierung.
6. Kierkegaards paradoxer Gottesbegriff (Karl Löwith S. 383-392): Analyse der existentiellen Entscheidung vor dem Nichts und dem Paradox als zentrales Element des Glaubensverhältnisses.
7. Erfahrung des Nihilismus: Beschreibung der existentiellen Erfahrung von Sinnlosigkeit und Verzweiflung als Antrieb für die notwendige Bejahung des Leidens.
II. Zur Frage der Sünde: Theologische Neubestimmung der Sünde als aktive Haltung des Nichtwollens vor Gott.
1. Verzweiflung ist Sünde: Zusammenfassung der Hauptformen der Verzweiflung, die im Kern als ein gestörtes Selbstverhältnis gedeutet werden.
2. Selbstbewusstsein: Erläuterung der qualitativen Steigerung der Sünde durch das Wissen um das eigene Selbst vor Gott.
3. Stufen im Bewusstsein vom Selbst: Beschreibung des Selbstwerdungsprozesses als eine existentielle Verwirklichung durch einen qualitativen Sprung.
4. Sokratische Definition von Sünde: Erweiterung der sokratischen Unwissenheit um die christliche Komponente des Willens, der trotz besserem Wissen sündigt.
5. Sünde ist keine Negation, sondern eine Position: Bestimmung der Sünde als bewusste Abkehr vom Glauben und nicht als bloßes Fehlen von Erkenntnis.
6. Wird die Sünde nicht eine Seltenheit?: Kritik an der Trivialisierung des Sündenbegriffs in einer geistlosen Gesellschaft.
7. Die Fortsetzung der Sünde ist die eigentliche Sünde: Analyse der sündigen Kontinuität, bei der sich der Mensch zunehmend vom Guten und der Gnade entfernt.
8. Die Sünde an der Vergebung zu verzweifeln (Ärgernis): Untersuchung der Verzweiflung als Trotz oder Schwachheit, welche die göttliche Vergebung leugnet.
9. Die Sünde das Christentum ausdrücklich aufzugeben: Deutung der bewussten Abkehr vom Christentum als offensiver Krieg gegen Gott.
10. Über die Schrift “Krankheit zum Tode”: Reflexion über Kierkegaards Intention und die Rezeption seiner Werkzeuge gegen die tödliche Krankheit der Seele.
11. Der Sündenbegriff im 19. Jahrhundert: Einordnung der zeitgenössischen Paradigmen der Sündendefinition in den Kontext von Kants Freiheitsbegriff.
12. Schellings Sündenbegriff: Darstellung der Entzweiung als positives Prinzip der Eigenwilligkeit.
13. Hegels Sünde: Analyse von Hegels Auffassung der Entzweiung als Egoismus und dessen Abgrenzung zum kierkegaardschen Individualismus.
14. Die nachreformatorische Erweckungsbewegung: Erläuterung der Bedeutung von Sündenerkenntnis durch das göttliche Gesetz.
15. Schleiermachers Sündenbegriff: Diskussion der subjektivitätstheoretischen Relativierung von Schuld und der Abhängigkeit vom Gottesbewusstsein.
16. Kierkegaards Sündenbegriff: Synthese von Kierkegaards Ansatz der Verzweiflung als Sünde im Hinblick auf die Offenbarung.
17. Albrecht Ritschl als reformierter Theologe: Kurzer Abriss der strukturellen Sünde in der Theologie Ritschls im Kontrast zu Kierkegaard.
18. Seine Existenzphilosophie: Resümee über die Bedeutung der existentiellen Besinnung als Antwort auf die metaphysische Abstraktion.
Schlüsselwörter
Kierkegaard, Nihilismus, Sünde, Verzweiflung, Existenz, Glaube, Individualismus, Christentum, Selbst, Hegels Idealismus, Innerlichkeit, Paradoxie, Bewusstsein, Ethik, Erlösung
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht Kierkegaards Werk „Krankheit zum Tode“ vor dem Hintergrund seiner Kritik am Nihilismus und seiner spezifischen Interpretation des Sündenbegriffs als existentieller Verzweiflung.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Die Arbeit fokussiert auf die Spannung zwischen Individuum und Kollektiv, die Kritik am spekulativen Denken, die Bedeutung des Glaubens als Existenzgrundlage und die theologische Überwindung des Nihilismus.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie Kierkegaard das Christentum als notwendiges, erbauliches Korrektiv zu einer zeitgenössischen Welt begreift, die durch Nivellierung und den Verlust der individuellen Verantwortung gekennzeichnet ist.
Welche wissenschaftliche Methode verwendet der Autor?
Der Autor wählt einen philosophisch-theologischen Analysestil, der Kierkegaards Hauptthesen durch einen kritischen Vergleich mit anderen Denkern wie Hegel, Kant, Schelling und Schleiermacher kontextualisiert.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in zwei große Komplexe: Die Analyse von Kierkegaards Nihilismus-Verständnis, insbesondere der Kritik an Hegels System, und eine detaillierte Auseinandersetzung mit der Sündenlehre als existentiellem Zustand des Selbst.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Zentrale Begriffe sind der "Einzelne", das "Selbst", die "Verzweiflung", die "Nivellierung" sowie das "Paradox" des Glaubens, die als Werkzeuge zur Beschreibung der menschlichen Existenz dienen.
Wie definiert Kierkegaard laut der Arbeit das Verhältnis von Sünde und Verzweiflung?
Nach der Interpretation der Arbeit ist die Sünde bei Kierkegaard eine potenzierte Form der Verzweiflung, bei der das Selbst entweder nicht sich selbst sein will oder in Trotz verharrt, anstatt sich in Gott zu gründen.
Warum kritisiert Kierkegaard die moderne „Christenheit“?
Er kritisiert, dass das Christentum zu einem bloßen sozialen Abstraktum verkommen ist, das die individuelle Verantwortung vor Gott zugunsten gesellschaftlicher Konventionen vernachlässigt.
Welche Bedeutung kommt der Arbeit am Selbst für Kierkegaard zu?
Die Arbeit am Selbst wird als ethische Pflicht verstanden, durch die der Mensch als konkretes, existierendes Wesen frei wird und sich seiner geistigen Bestimmung bewusst werden kann.
- Arbeit zitieren
- Adrian Baumgartner (Autor:in), 2014, Søren Kierkegaards „Krankheit zum Tode“. Der Sündenbegriff und der Nihilismus, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/269686