Nachdem wir im Laufe des Seminars „Schule – macht - Geschlecht“ über die soziale Konstruktion von Geschlecht diskutiert hatten, bat uns unser Dozent am Ende darum, doch einmal selbst darauf zu achten, wie oft wir wie selbstverständlich klischeehaften Äußerungen oder Meiningen über Männer und Frauen verfallen. Ich dachte mir nichts weiter dabei, zumal ich bis dahin nicht ganz verstand worum sich diese ganze Debatte eigentlich drehte und machte mich auf den Weg zu meinem Fitnessstudio. Keine halbe Stunde später wurden mir meine eigenen stereotypen Einstellungen schlagartig bewusst. Ich steuerte auf einen Cardio- Stepper zu, die dort einzeln mit Fernsehbildschirmen versehen sind. Auf dem Bildschirm lief ein Fußballspiel. „Komisch“, dachte ich mir, „seit wann gehen denn Männer hier auf die Stepper?“ Sofort realisierte ich die zwei vereinten Klischees in diesem Satz. Erstens: Männer benutzen die Stepper nicht, denn das sind „Frauengeräte“, zweitens: Nur Männer schauen Fußball. Der Automatismus dieses Gedankenganges erschien mir plötzlich absurd, zumal ich selbst das Fußballspiel unbedingt sehen wollte. Überrascht über die Tatsache, dass ich mich so schnell mit meinen eigenen Klischees konfrontiert sah, begann der Genderdiskurs nun mein Interesse zu wecken und ich entschied mich zunächst zu einer Hausarbeit über die (De)Konstruktion von Geschlecht in der Gesellschaft. Um einen Bezug zum Lehramtsstudium zu ziehen beschloss ich dann, den Focus darauf zu legen inwiefern es möglich ist, als Lehrer die Dekonstruktion von Geschlecht in der Schule zu beeinflussen.
In der Diskussion um die soziale Konstruktion von Geschlecht geht es zentral um die Frage wie Geschlecht gemacht wird, genauer gesagt wie es eigentlich zu der Zweiteilung in Männer und Frauen kommt. Den Anfang dieser Diskussion stellte Simone de Beauvoir 1949 mit ihrem Buch: ‚Das andere Geschlecht‘, und dem daraus immer wieder zitierten Satz: „Man kommt nicht als Frau zur Welt, man wird es“ (de Beauvoir, 1949, zit. n. Schwarzer, 2007:161). Damit markierte sie den Beginn der wissenschaftlichen Debatte um die Soziale Konstruktion von Geschlecht.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Das System der Zweigeschlechtigkeit
2.1 Geschichtlicher Exkurs
2.2 Stellungnahmen und Kritik der Geschlechterdichotomie
3. Die Konstruktion von Geschlecht - „Gender“ und „Doing Gender“
4. Undoing Gender
4.1 Undoing Gender nach Hirschauer
4.2 Undoing Gender nach Hirschauer (2):
4.3 Die Dekonstruktion von Geschlecht nach Judith Butler
5. Gender und schulpädagogische Praxis - Dekonstruktion, Geschlechtsunter- schiede beachten, oder doch Kämpfen für die Gleichstellung?
5.1 Die Rolle der Schule bei der (De)Konstruktion von Geschlecht – Gendersensible Didaktik
5.1.1 Seminar zum Thema Genderkompetenz - Inhalte
5.2 Heteronormativität, bzw. die „Norm der heterosexuellen Vater-Mutter-Kind- Familie“; Der Diversity Ansatz
5.3 Gleichstellung der Geschlechter - Gendermainstreaming
5.3.1 Gendermainstreaming - Das Vorbild Schweden
5.4 Schwierigkeiten bei der Genderarbeit
6. Schlussbemerkung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht, inwiefern pädagogische Fachkräfte im schulischen Kontext die (De)Konstruktion von Geschlecht beeinflussen können. Dabei steht die kritische Reflexion gesellschaftlicher Geschlechterbilder und deren Reproduktion in der Schule im Mittelpunkt, um Ansätze für eine gendersensible Didaktik aufzuzeigen.
- Soziale Konstruktion von Geschlecht und "Doing Gender"
- Kritik an Zweigeschlechtlichkeit und Heteronormativität
- Pädagogische Herausforderungen im Schulalltag
- Ansätze der gendersensiblen Didaktik und des Gender Mainstreaming
- Strategien zum Umgang mit Widerständen in der Genderarbeit
Auszug aus dem Buch
1. Einleitung
Nachdem wir im Laufe des Seminars „Schule – macht - Geschlecht“ über die soziale Konstruktion von Geschlecht diskutiert hatten, bat uns unser Dozent am Ende darum, doch einmal selbst darauf zu achten, wie oft wir wie selbstverständlich klischeehaften Äußerungen oder Meiningen über Männer und Frauen verfallen. Ich dachte mir nichts weiter dabei, zumal ich bis dahin nicht ganz verstand worum sich diese ganze Debatte eigentlich drehte und machte mich auf den Weg zu meinem Fitnessstudio. Keine halbe Stunde später wurden mir meine eigenen stereotypen Einstellungen schlagartig bewusst.
Ich steuerte auf einen Cardio- Stepper zu, die dort einzeln mit Fernsehbildschirmen versehen sind. Auf dem Bildschirm lief ein Fußballspiel. „Komisch“, dachte ich mir, „seit wann gehen denn Männer hier auf die Stepper?“ Sofort realisierte ich die zwei vereinten Klischees in diesem Satz. Erstens: Männer benutzen die Stepper nicht, denn das sind „Frauengeräte“, zweitens: Nur Männer schauen Fußball. Der Automatismus dieses Gedankenganges erschien mir plötzlich absurd, zumal ich selbst das Fußballspiel unbedingt sehen wollte. Überrascht über die Tatsache, dass ich mich so schnell mit meinen eigenen Klischees konfrontiert sah, begann der Genderdiskurs nun mein Interesse zu wecken und ich entschied mich zunächst zu einer Hausarbeit über die (De)Konstruktion von Geschlecht in der Gesellschaft. Um einen Bezug zum Lehramtsstudium zu ziehen beschloss ich dann, den Focus darauf zu legen inwiefern es möglich ist, als Lehrer die Dekonstruktion von Geschlecht in der Schule zu beeinflussen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung schildert die persönliche Motivation der Autorin, die durch eine eigene Alltagserfahrung mit Geschlechterklischees angestoßen wurde, und leitet zur zentralen Fragestellung über die Rolle von Lehrkräften bei der Dekonstruktion von Geschlecht über.
2. Das System der Zweigeschlechtigkeit: Dieses Kapitel definiert die Grundlagen der Zweigeschlechtlichkeit, der Geschlechterdichotomie und Heteronormativität als gesellschaftliche Konstruktionen, inklusive eines historischen Exkurses zur Entstehung des Geschlechtscharakters.
3. Die Konstruktion von Geschlecht - „Gender“ und „Doing Gender“: Hier werden die theoretischen Konzepte von „Sex“ und „Gender“ sowie der Ansatz des „Doing Gender“ erläutert, welche Geschlecht als Ergebnis sozialer Interaktionsprozesse verstehen.
4. Undoing Gender: Das Kapitel behandelt Konzepte, die ein „Undoing Gender“ ermöglichen sollen, um geschlechtliche Kategorisierungen in sozialen Situationen zu neutralisieren, unter Einbeziehung von Hirschauer und Judith Butlers poststrukturalistischer Perspektive.
5. Gender und schulpädagogische Praxis - Dekonstruktion, Geschlechtsunter- schiede beachten, oder doch Kämpfen für die Gleichstellung?: Dieser Hauptteil analysiert verschiedene pädagogische Ansätze, von der gendersensiblen Didaktik über den Diversity-Ansatz bis hin zum Gender Mainstreaming, und beleuchtet deren Umsetzung sowie Schwierigkeiten in der Schule.
6. Schlussbemerkung: Das Fazit fasst zusammen, dass eine geschlechtersensible Pädagogik eine ständige Reflexion der eigenen Normalitätsvorstellungen durch die Lehrkräfte erfordert, um tatsächlich zur Dekonstruktion von Geschlechterhierarchien beitragen zu können.
Schlüsselwörter
Gender, Doing Gender, Undoing Gender, Zweigeschlechtlichkeit, Heteronormativität, Schulpädagogik, Gendersensible Didaktik, Gender Mainstreaming, Diversity-Ansatz, Dekonstruktion, Geschlechterrolle, Sozialisation, Geschlechterdichotomie, Bildungsforschung, Pädagogische Praxis.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der sozialen Konstruktion von Geschlecht und untersucht, wie dieses Wissen auf den pädagogischen Alltag in Schulen angewendet werden kann, um Geschlechterrollen zu dekonstruieren.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Zentrale Themen sind die Theorie der Zweigeschlechtlichkeit, Konzepte wie „Doing Gender“ und „Undoing Gender“, die Rolle der Schule bei der Reproduktion oder Dekonstruktion von Geschlechterbildern sowie Ansätze zur Gleichstellung.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist zu analysieren, inwiefern Lehrkräfte als Akteure in der Institution Schule dazu beitragen können, die Dekonstruktion von Geschlecht aktiv zu beeinflussen und förderliche Lernumgebungen zu schaffen.
Welche wissenschaftlichen Perspektiven werden verwendet?
Die Arbeit stützt sich primär auf sozialkonstruktivistische Ansätze sowie poststrukturalistische Theorien, etwa von Judith Butler oder Hirschauer, um die performative Entstehung von Geschlecht zu erklären.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil widmet sich der schulpädagogischen Praxis, stellt Methoden der gendersensiblen Didaktik vor und diskutiert Strategien des Gender Mainstreaming sowie den Diversity-Ansatz unter Berücksichtigung von Widerständen in der pädagogischen Arbeit.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die wichtigsten Begriffe sind Gender, Doing Gender, Zweigeschlechtlichkeit, Heteronormativität, Gendersensible Didaktik und Dekonstruktion.
Welche Rolle spielt die „Friedhoftasche“ in dieser Arbeit?
Die „Friedhoftasche“ wird als praktische Übung für den Unterricht angeführt, um Schülern ihre eigene Gefangenheit im zweigeschlechtlichen Denken bewusst zu machen und tief sitzende Bedeutungsschreibungen als sozial konstruiert zu entlarven.
Warum wird Schweden als Vorbild für Gender Mainstreaming genannt?
Schweden dient als Referenz, da dort bereits seit 1998 umfangreiche Schulprojekte zum Thema Gender Mainstreaming existieren und die Gleichstellung auf einem tiefgreifenden Verständnis von Geschlechterverhältnissen als Machtverhältnissen basiert.
- Arbeit zitieren
- Anja Schulte (Autor:in), 2012, (De)Konstruktion von Geschlecht in der Institution Schule, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/269314