Nach der Wiedervereinigung Deutschlands ist die Erinnerungsliteratur, sowohl in Form von Briefen und Reden als auch Romanen und Autobiografien, zu einem beliebten Thema geworden. Der Fokus liegt dabei insbesondere auf der jüngeren und jüngsten nationalen Vergangenheit, es werden dementsprechend vornehmlich das Dritte Reich, die Deutsche Demokratische Republik und die Nachwendezeit thematisiert. Der Literatur- und Kulturwissenschaftler Prof. Dr. Bluhm führt dies auf einen Wendepunkt der Erinnerungskultur zurück, da immer weniger Zeitzeugen aus ‚erster Hand‘ berichten und so wichtige historische Quellen und Zeugnisse verloren gehen würden.
Mit ihren Debütwerken folgen auch Sabine Rennefanz und Jana Hensel dieser Entwicklung. Ein entscheidender Unterschied gegenüber den genannten Autoren ist dabei, dass sie Angehörige einer jüngeren Generation sind, die die Kulturhistorikerin Tanja Bürgel eine ‚verlorene‘ nennt. Gemeint ist die Gruppe der zum Zeitpunkt des Mauerfalls etwa Acht- bis Sechzehnjährigen. Die Erfahrung des politischen Umbruchs und das Aufwachsen zwischen zwei Ländern, die Arbeitslosigkeit und damit einhergehende Irritation der Eltern, aber auch die Lebensart eines heute nicht mehr existierenden Staates beeinflussten diese Generation immens. Aufgrund des Alters waren sie dabei noch kaum in der Lage, kritisch über das politische System zu reflektieren. Der Fall der Mauer bedeutete für sie weniger eine neu erlangte Freiheit als vielmehr einen Zustand ‚metaphysischer Obdachlosigkeit‘. In ihren Erstlingswerken arbeiten Rennefanz und Hensel die Kindheit in der DDR, die in ebendiesem Rahmen stattfand, und die Zeit nach der Wende rückblickend noch einmal auf. Obwohl beide Autorinnen eines Alters sind, in ähnlichen Umständen aufwuchsen und dieselbe Thematik gewählt haben, weisen ihre Werke dabei große Unterschiede auf.
Doch warum stellt sich ein sowohl geografisch als auch zeitlich klar definierter Raum bei zwei Frauen einer Generation so unterschiedlich dar? Das Ziel dieser Arbeit ist es, diese Frage zu klären. Dabei geht es nicht um eine sozialwissenschaftliche Analyse, sondern um eine Untersuchung der literarischen Gestaltung von Erinnerung in den beiden genannten Werken. Um herauszufinden, worin diese Unterschiede liegen, werden drei Aspekte in den Fokus gerückt: die Einordnung in den Autobiografie-Diskurs, eine Analyse der Erzählerinstanz sowie das Moment des Erinnerns und dessen formale wie inhaltliche Darstellung.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Rennefanz und Hensel im Diskurs der Autobiografie
2.1 Von der historischen Quelle zur literarischen Gattung
2.2 Der autobiografische Pakt und andere Kriterien
2.3 Zwei Werke, eine Gattung?
3 Die Erzählstrategien
3.1 Die Erzählerinnen
3.1.1 Zur Identität von Erzählerin, Autorin und Hauptfigur
3.1.2 Erzählperspektive: Individuum und ‚Wir‘-Gefühl
3.1.3 Zur Bedeutung der Tagebucheinträge
3.1.4 Autor-Leser-Verhältnis
3.2 Intention und Motivation
3.2.1 Der DDR ein Museum
3.2.2 Zwischen Rechtfertigung und Identitätsfindung
4 Über die Darstellung und Bedeutung von Erinnerung
4.1 ‚Die Katze Erinnerung‘
4.2 Erinnerung bei Hensel und Rennefanz
4.2.1 Inszenierung von Authentizität und Glaubwürdigkeit
4.2.2 „Ich weiß nicht mehr…“ - Reflexion über das Erinnern
4.2.3 Bedeutung der Gegenwart
4.3 Themen des Erinnerns
4.3.1 Die Darstellung der Kindheit
4.3.2 Die Entmachtung der Eltern
4.3.3 Raider vs. Twix, Ost vs. West
4.3.4 Radikalität: Religion und Nationalsozialismus
4.4 Die Stadt als Erinnerungsort
5 Fazit
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die literarische Gestaltung von Erinnerung in Sabine Rennefanz’ Eisenkinder und Jana Hensels Zonenkinder. Das primäre Ziel ist es zu klären, warum sich die Darstellung der gemeinsamen DDR-Kindheit und der Nachwendezeit bei zwei Autorinnen derselben Generation so signifikant unterscheidet, wobei insbesondere die unterschiedliche Schreibmotivation und Erzählstrategie analysiert wird.
- Vergleich autobiografischer Schreibweisen und Gattungskriterien
- Analyse der Erzählerinstanzen und der „Wir-Perspektive“
- Untersuchung der Bedeutung von Erinnerung und medialem Einfluss
- Darstellung der Kindheit und des Eltern-Kind-Verhältnisses nach der Wende
- Thematisierung von Radikalität und Identitätssuche
- Die Stadt als Erinnerungsort im Kontext der Identitätsbildung
Auszug aus dem Buch
3.1.2 Erzählperspektive: Individuum und ‚Wir‘-Gefühl
Wie es für eine Autobiografie üblich ist, schreiben beide Autorinnen überwiegend aus der Ich-Perspektive, was eine zweifache Funktion hat:
Das Wort ‚ich‘ in der Autobiographie steht in einer doppelten sprachlogischen Funktion; es ist prädikativ, d.h. es macht eine Aussage und markiert damit die Instanz, die spricht bzw. schreibt, und es bezeichnet gleichzeitig eine zeitlich und räumlich von dieser sprechenden Instanz unterschiedene Position, das beschriebene Ich.
Die Verfasserinnen positionieren sich damit in der Schreibgegenwart des Textes, da - wie Wagner-Egelhaaf betont - das Ich mit jeder Aussage stets Bezug auf diese nimmt. Dies ist in besonderer Weise sowohl bei Zonenkinder als auch bei Eisenkinder zu beobachten, da beide Autorinnen diese Perspektive mehrfach verlassen.
So wechselt Zonenkinder häufig in die erste Person Plural und erzählt aus der „Perspektive eines kollektiven ‚Wir‘“. Dies sei, so Prof. Dr. Ilse Nagelschmidt, ein notwendiges Stilmittel, um das Lebens- und Gruppengefühl ihrer Generation rekapitulieren zu können. Dadurch gibt sich die Erzählerin einerseits als Teil dieses die Generation vereinheitlichenden ‚Wir‘ aus und macht andererseits ihre persönliche Erinnerung zu einer kollektiven. Weiterhin drückt sich darin die durch den Staat erzeugte emotionale Bindung innerhalb der Gemeinschaft aus. Die Ich-Erzählerin, die mit der Autorin weitgehend identisch ist, reflektiert meist über das eigene Erinnern oder bestimmte Handlungen (beispielsweise das Laufen neben der Mutter) und das Unvermögen, medial erfasste Bilder mit der eigenen Vergangenheit zu verknüpfen. Ein Wechsel in die Wir-Perspektive ist besonders bei Themen wie Kindheit, Herkunft beziehungsweise Heimat oder dem Staat zu beobachten und erfolgt zum Teil sogar innerhalb eines Satzes.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Arbeit führt in die Relevanz der Erinnerungsliteratur nach 1989 ein und stellt die beiden zu untersuchenden Werke sowie die leitende Forschungsfrage zur unterschiedlichen Gestaltung von Erinnerung bei Rennefanz und Hensel vor.
2 Rennefanz und Hensel im Diskurs der Autobiografie: Dieses Kapitel verortet beide Texte gattungstheoretisch, beleuchtet die Entwicklung der Autobiografie als literarische Gattung und diskutiert den autobiografischen Pakt sowie moderne Kriterien wie die Autofiktion.
3 Die Erzählstrategien: Hier werden die Erzählerinnen und ihre Motivationen analysiert, wobei Hensels Identitätsangebot durch das „Wir-Gefühl“ der Rennefanzschen Identitätssuche gegenübergestellt wird.
4 Über die Darstellung und Bedeutung von Erinnerung: Der Hauptteil untersucht die formale wie inhaltliche Gestaltung von Erinnerung, thematisiert das Verhältnis von Authentizität und Fiktion und vergleicht die Behandlung von Kindheit, Elternschaft, Ost-West-Stereotypen und Radikalität.
5 Fazit: Die Arbeit resümiert, dass trotz unterschiedlicher Intentionen – Archivierung bei Hensel und Identitätssuche bei Rennefanz – beide Werke als authentische Erinnerungsliteratur zur Bewältigung der Wendezeit dienen.
Schlüsselwörter
Autobiografie, Erinnerungsliteratur, DDR, Wendezeit, Identitätsbildung, Zonenkinder, Eisenkinder, Autofiktion, Generation, Erinnerungskultur, Schreibmotivation, kollektives Gedächtnis, Ost-West-Vergleich, Radikalität, Kindheit
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert und vergleicht die literarische Gestaltung von Erinnerung in den Debütwerken Zonenkinder von Jana Hensel und Eisenkinder von Sabine Rennefanz.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Zentrale Themen sind die Aufarbeitung der DDR-Kindheit, die Auswirkungen der Wende auf die Elterngeneration, das kollektive Identitätsgefühl ("Wir-Gefühl") sowie der Einfluss der persönlichen Geschichte auf die Gegenwart.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es zu ergründen, warum zwei Autorinnen der gleichen Generation, die ein ähnliches Leben führten, in ihren Werken so unterschiedliche Bilder der Vergangenheit zeichnen.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Die Autorin wendet literaturwissenschaftliche Methoden an, indem sie die Werke in den Diskurs der Gattungstheorie (Autobiografie/Autofiktion) einordnet und eine komparative Analyse der Erzählstrategien und Erinnerungsdarstellungen durchführt.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung der Erzählerinstanzen, der unterschiedlichen Intentionen sowie eine detaillierte Analyse der Erinnerungsgestaltung, einschließlich der Rolle von Städten als Erinnerungsorten und des Umgangs mit medialen Quellen.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Analyse?
Schlüsselbegriffe sind unter anderem "autobiografischer Pakt", "Gattungstheorie", "Erinnerungsdiskurs", "Identitätsfindung" und "Autofiktion".
Warum unterscheidet sich Hensels Erzählweise so stark von der Rennefanz'?
Während Hensel ein "Identifikationsangebot" für ihre gesamte Generation schaffen will und ein "Museum" der DDR errichtet, zielt Rennefanz primär auf eine individuelle Identitätssuche ab, um ihre eigene Geschichte und Wut zu bewältigen.
Welche Rolle spielt der Begriff der "stillen Wut" bei Rennefanz?
Die "stille Wut" ist ein zentrales Motiv, mit dem Rennefanz die Orientierungslosigkeit und den Identitätsverlust ihrer Generation beschreibt und sie in den Kontext der Radikalisierung (wie beim NSU) stellt.
Inwiefern nutzt Jana Hensel das Archivieren als Methode?
Hensel archiviert DDR-spezifische Begriffe, Markennamen und Alltagserinnerungen, um das Wissen über eine vergangene Lebenswelt zu bewahren, wobei sie dies durch eine bewusste Inszenierung von Authentizität (z.B. durch Fotos) stützt.
- Arbeit zitieren
- Nora Ritzschke (Autor:in), 2013, Die verlorene Generation. Erinnerung und autobiografisches Schreiben bei Jana Hensel und Sabine Rennefanz, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/269176