Betrachtet man die heutige Gesellschaft Europas, so lässt sich eine Binarität der Geschlechter feststellen, welche dem Alltagsdenken der Menschen zufolge auf den natürlich vorgegebenen dichotomen biologischen Gegebenheiten gründet. Alle Individuen westlicher Kulturen werden von Geburt an aufgrund ihrer primären Geschlechtsmerkmale in zwei Geschlechter unterschieden und gehören resultierend ihr Leben lang entweder der Kategorie der Frau oder der Kategorie des Mannes an. Diese selbstverständliche binäre Differenzierung, die ihren Ursprung in der Biologie findet, die es wiederum als ultimative Wahrheit anzusehen gilt, soll in dieser Arbeit in Frage gestellt werden. Es soll stattdessen aufgezeigt werden, dass die Geschlechtszugehörigkeit von den Gesellschaftsmitgliedern selbst konstruiert wird. Herangezogen werden dazu unter anderem zwei Phänomene, die die Grundüberzeugung der europäischen Gesellschaft herausfordern; die Intersexualität und die Transsexualität, wobei letztere sich seit Mitte des 20. Jahrhunderts in den westlichen Kulturen etablieren konnte (vgl. Hirschauer 1993: 9). Obwohl in westlichen Gesellschaften die Theorie der Zweigeschlechtlichkeit, also eine biologisch fundierte, dichotome Unterscheidung von Mann und Frau, fest in ihrem Alltagsdenken verankert ist, soll in dieser Arbeit anhand des Hermaphroditismus und einer Transsexuellen-Studie gezeigt werden, dass die binäre Differenzierung von Geschlecht sowie das Geschlecht selbst lediglich ein soziales Konstrukt der Gesellschaft ist.
Thematisiert werden: die Alltagstheorie der Zweigeschlechtlichkeit, die konstruktivistische Sichtweise der sozialen Konstruktion von Geschlecht, das Verhältnis von Biologie und Kultur bei der Geschlechterdifferenzierung, das Konzept des "doing gender", Beispiele der Inter- und Transsexualität und die Handhabung dessen in anderen Kulturen, die Aneignung von Geschlecht sowie die Omnirelevanz des Geschlechts.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Geschlecht als soziales Konstrukt der Gesellschaft
2.1 Alltagstheorie der Zweigeschlechtlichkeit
2.2 Konstruktivistische Sichtweise
2.3 Das Verhältnis von Biologie und Kultur bei der Geschlechterdifferenzierung
2.4 „Doing gender“
3 Gender-Wechsel
3.1 Aufbrechen von gender
3.2 Fallbeispiel einer Transsexuellen
3.2.1 Agnes’ Lebenslauf
3.2.2 Hintergrund und soziale Bedeutung von Agnes’ Geschlechtswechsel
3.3 Aneignung von Geschlecht
6 Fazit
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht, inwiefern Geschlecht kein biologisch determiniertes, sondern ein von der Gesellschaft konstruiertes Phänomen ist, wobei insbesondere die Rollen von Intersexualität und Transsexualität als Herausforderungen für die herrschende Alltagstheorie der Zweigeschlechtlichkeit analysiert werden.
- Soziale Konstruktion von Geschlecht
- Kritik der biologischen Determinierung
- Das Konzept des „Doing Gender“ nach West und Zimmermann
- Intersexualität und Transsexualität als soziale Phänomene
- Empirische Fallanalyse nach Harold Garfinkel
Auszug aus dem Buch
3.2.1 Agnes‘ Lebenslauf
Agnes wurde 1939 geboren und aufgrund des vorhandenen Penis als Junge klassifiziert. Sie wurde in einem wohlbehüteten Elternhaus katholisch erzogen und wuchs als Junge heran, aber fühlte sich schon immer als Frau mit einem fehlplatzierten Penis: „I’ve always wanted to be a girl; I have always felt like a girl; and I have always been a girl but a mistaken environment forced the other thing on me“ (Garfinkel 1984: 130). So war ihr größtes Problem als Kind, dass sie “boys’ games” (Garfinkel 1984: 129) spielen sollte obwohl sie lieber mit Puppen spielte oder kochte. Sie wünschte sich seit sie denken konnte nichts sehnlicher als morphologisch und sozial eine Frau zu sein.
Während der Pubertät veränderte sich ihr Körper; ihr wuchsen Brüste und sie bekam eine weibliche Figur, „she expressed the relief and joy she felt when she noticed at the age of twelve that her breasts were starting to develop“ (Garfinkel 1984: 132). Garfinkel betont an dieser Stelle, dass es unklar sei, ob Agnes weibliche Hormone eingenommen hatte oder ob sie sich ohne äußerliche Einwirkungen so entwickelte. Die Vermutung liegt jedoch nahe, dass sie bereits ab dem 12. Lebensjahr heimlich Östrogene einnahm (vgl. Garfinkel 1984: 287).
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung führt in die Forschungsfrage ein, die soziale Konstruktion von Geschlecht gegenüber der biologischen Binarität zu hinterfragen und die Rolle von Inter- und Transsexualität dabei zu beleuchten.
2 Geschlecht als soziales Konstrukt der Gesellschaft: Dieses Kapitel erläutert die Alltagstheorie der Zweigeschlechtlichkeit sowie konstruktivistische Ansätze und das Konzept „Doing Gender“, um die soziale Herstellung von Geschlecht zu theoretisieren.
3 Gender-Wechsel: Dieses Kapitel analysiert anhand von Hermaphroditismus und der Fallstudie von Agnes, wie Geschlecht interaktiv hergestellt wird und wie ein Geschlechtswechsel als Prozess der Aneignung verläuft.
6 Fazit: Das Fazit fasst zusammen, dass Geschlecht ein kontinuierlicher sozialer Herstellungsprozess ist, der unabhängig von biologischen Voraussetzungen durch geschlechtsadäquates Verhalten in der Interaktion validiert wird.
Schlüsselwörter
Soziale Konstruktion, Geschlecht, Zweigeschlechtlichkeit, Doing Gender, Intersexualität, Transsexualität, Harold Garfinkel, Agnes, Geschlechtsidentität, Sozialer Lernprozess, Passing, Biologie und Kultur, Geschlechterdifferenzierung, Soziologie, Alltagstheorie.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der soziologischen Perspektive, dass Geschlecht keine rein biologische Tatsache ist, sondern in westlichen Gesellschaften als soziales Konstrukt erzeugt wird.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die Alltagstheorie der Zweigeschlechtlichkeit, der Konstruktivismus, das Konzept des „Doing Gender“ sowie die Analyse von Geschlechtswechseln.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Ziel ist es aufzuzeigen, dass die Geschlechtszugehörigkeit kein biologischer Ausgangspunkt, sondern das Ergebnis sozialer Konstruktionsprozesse und praktischer Handlungen im Alltag ist.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine theoretische Literaturanalyse sowie die qualitative Fallstudienanalyse, insbesondere die mikrosoziologische Studie von Harold Garfinkel.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil behandelt die Theorie der sozialen Konstruktion, das Konzept des „Doing Gender“, die biologische Variabilität bei Hermaphroditen sowie den Prozess des Geschlechtswechsels bei Transsexuellen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind: Soziale Konstruktion, Doing Gender, Intersexualität, Transsexualität, Geschlechtsidentität und Alltagstheorie.
Welche Rolle spielt die Fallstudie über „Agnes“?
Die Fallstudie zeigt in „Zeitlupe“, wie eine Transsexuelle durch bewusste Aneignung weiblicher Verhaltensmuster ihr soziales Geschlecht konstruiert und interaktiv validieren lässt.
Wie definiert der Autor das Konzept des „Doing Gender“?
„Doing Gender“ bedeutet, dass man ein Geschlecht nicht einfach besitzt, sondern es durch kontinuierliches, geschlechtsadäquates Verhalten in sozialen Interaktionen ständig neu erzeugen und beweisen muss.
Inwieweit hinterfragt die Arbeit die biologische Binarität?
Anhand von Phänomenen wie Intersexualität zeigt die Arbeit, dass die Natur keine scharfen, dichotomen Grenzen kennt, sondern der Mensch diese künstlich in Kategorien ordnet, um gesellschaftliche Ordnung zu wahren.
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- Lena Groß (Author), 2013, Geschlecht als soziales Konstrukt der Gesellschaft., Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/269054