Die Bekanntheit des Gedichtes An Werther, das hier zum Thema gemacht werden soll, speist sich zu einem großen Teil daraus, in die Goethesche Trilogie der Leidenschaft aufgenommen worden zu sein. Innerhalb der Trilogie hat die Literaturwissenschaft allerdings zeitlebens die Elegie ins Zentrum der Forschung gestellt und An Werther häufig als bloßes Präludium und Aussöhnung, ja sogar als einen etwas schwach geratenen Epilog gesehen.
Nach den überwiegend biographischen Interpretationen der älteren ist die neuere Forschung dazu übergegangen, andere Ansatzpunkte zu finden. So versuchte etwa Marianne Wünsch zu zeigen, dass sich in der Trilogie eine „Totalkatastrophe des Sinnes“ ereigne, die „das nahende Ende eines Denk- und Literatursystems“ zeitige. In solchen Unterfangen wurde jedoch, wie Bernd Witte feststellt, ein Abstraktionsgrad erreicht, der „die spezifische historische Konkretion des Textes verfehlt“.
Mit einer Gruppe von Publikationen, in denen diese „Konkretion“ im Gegenteil kaum zu wünschen übrig lässt, sind solche angesprochen, die sich der Trilogie in psychoanalytischer Perspektive zu nähern suchen. In ihnen wird allerdings teilweise dazu geneigt – da sie zuvörderst am Menschen Goethe interessiert sind –, vom Text auf die Biographie und umgekehrt zu schließen.
Selten ist jedoch, das klang bereits an, die Werther-Kanzone unabhängig von der Trilogie behandelt worden. Dabei ist jeder der drei Texte, wie Hans Kaufmann schreibt, „aus besonderem Anlass entstanden, in sich geschlossen und kann unabhängig von den anderen gelesen und verstanden werden“ . Es erscheint daher legitim, in dieser Arbeit den Fokus einzig auf An Werther zu legen.
Dies soll in einem zweischrittigen methodischen Verfahren geschehen. Zunächst wird sich dem Gedicht in einer Analyse genähert, deren Ziel es sein soll, ein tieferes Verständnis und eine Argumentationsgrundlage für die weiteren Kapitel zu schaffen. Der Übersichtlichkeit halber werden erst in einem zweiten Schritt die zahlreichen intertextuellen Bezüge Goethes auf sein eigenes Werk, um die es in dieser Arbeit auch gehen soll, in einem gesonderten Kapitel thematisiert. Die Forschung hat diese bislang wenig ausführlich dargestellt. Insbesondere die versteckten Bezüge zu Goethes Erlebnisgedicht Willkomm und Abschied sind von der Forschung, soweit erkennbar, noch überhaupt nicht thematisiert worden. Daher wird diese Analyse in der vorliegenden Arbeit einen besonderen Schwerpunkt bilden.
Inhaltsverzeichnis
Forschungsstand, Struktur und methodisches Vorgehen
1. Entstehung von An Werther
2. Gedichtanalyse
2.1 Strophe I
2.2 Strophe II
2.3 Strophe III
2.4 Strophe IV
2.5 Strophe V
3. Intertextuelle Bezüge von An Werther
3.1 Die Leiden des jungen Werther
3.2 Faust. Der Tragödie erster Theil
3.3 Urworte. Orphisch
3.4 Torquato Tasso
3.5 Willkomm und Abschied
Fazit
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit setzt sich zum Ziel, Goethes Gedicht "An Werther" einer detaillierten Analyse zu unterziehen, um die bisherige literaturwissenschaftliche Vernachlässigung des Werkes zu korrigieren. Dabei wird der Fokus auf eine textnahe Untersuchung gelegt, die biographische Interpretationen weitgehend ausklammert und stattdessen die künstlerische Komposition sowie intertextuelle Bezüge zu anderen Werken Goethes in den Mittelpunkt stellt.
- Stilistische und rhetorische Gestaltung des Gedichts "An Werther"
- Konstruktion des "kollektiven Jünglings" und der Erzählinstanzen
- Intertextuelle Verknüpfungen mit "Die Leiden des jungen Werther", "Faust" und "Tasso"
- Untersuchung der motivischen Gemeinsamkeiten mit "Willkomm und Abschied"
- Poetologische Reflexion über die heilsame Funktion der Dichtung bei Liebesleid
Auszug aus dem Buch
2.3 Strophe III
Die erste Zeile der dritten Strophe hebt mit einem Ausruf an und bildet einen starken Kontrast zu dem resignativen Ausgang des Schlussverses der vorangegangenen Strophe. Dieser Bruch und das „Nun“ markieren einen neuen Zeitabschnitt: das Kind hat sich zum Jüngling gewandelt.
Nun glauben wir’s zu kennen! Mit Gewalt Ergreift uns Liebreiz weiblicher Gestalt: Der Jüngling, froh, wie in der Kindheit Flor Im Frühling tritt als Frühling selbst hervor, Entzückt, erstaunt wer dies ihm angetan?
Zunächst wird das negative „verkennen“ aus dem Schlussvers von Strophe II wieder aufgenommen und ins positive gewendet. Dass das Glück, enthalten in „wir’s“ (V. 21), nun tatsächlich erkannt und ergriffen werden kann, wird jedoch durch das „glauben“ (V. 21) vom sprechenden „wir“ eingeschränkt. Hier klingt ein ironisches Wissen um den Irrtum dieser Erkenntnis an. Damit korrespondiert der Strophenanfang mit dem der vorangegangenen Strophe. Auch hier wurde auf den trügerischen Schein der Erkenntnis des menschlichen Lebens verwiesen (vgl. V. 11).
Zusammenfassung der Kapitel
Forschungsstand, Struktur und methodisches Vorgehen: Dieses Kapitel gibt einen Überblick über die bisherige Rezeption und etabliert die methodische Basis, indem es den Fokus von rein biographischen Deutungen hin zur textimmanenten Analyse verschiebt.
1. Entstehung von An Werther: Die Entstehungsgeschichte des Gedichts als "Introduktion" zur "Trilogie der Leidenschaft" wird skizziert, wobei Goethes bewusste Inszenierung des Werks betont wird.
2. Gedichtanalyse: Eine strophische Untersuchung des Gedichts beleuchtet die rhetorische Gestaltung, die Erzählperspektiven und die Entwicklung von der Naturerfahrung bis zur existenziellen Resignation.
3. Intertextuelle Bezüge von An Werther: Dieser Abschnitt weist die engen Bezüge zu Goethes eigenen Werken nach und analysiert, wie diese intertextuellen Fäden die poetologische Reflexion im Gedicht stützen.
Fazit: Die Arbeit fasst die Ergebnisse zusammen und bestätigt, dass die stilistische Kunstfertigkeit des Gedichts sowie seine intertextuelle Einbettung neue Perspektiven auf Goethes Verständnis von Dichtung und Leid eröffnen.
Schlüsselwörter
An Werther, Johann Wolfgang von Goethe, Trilogie der Leidenschaft, Gedichtanalyse, Intertextualität, Jüngling, Lyrisches Ich, Liebesleid, Willkomm und Abschied, Poetologie, Scheiden, Metapher, Erlösung, Schatten, Literaturwissenschaft
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht das Gedicht "An Werther" von Goethe als ein eigenständiges Kunstwerk innerhalb der "Trilogie der Leidenschaft" und arbeitet dessen poetische Qualität sowie intertextuelle Bezüge heraus.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zu den zentralen Themen gehören das Motiv des Scheidens, die Dynamik von Leidenschaft und Leiden, die heilsame Funktion der Dichtkunst und die intertextuelle Spiegelung von Goethes Werkgeschichte.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, das Gedicht aus dem Schatten der "Marienbader Elegie" zu lösen und eine fundierte, textnahe Analyse vorzulegen, die über gängige biographische Deutungsmuster hinausgeht.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird ein zweischrittiges Verfahren angewandt: Erstens eine detaillierte strophische Analyse des Gedichts und zweitens eine Untersuchung der intertextuellen Bezüge zu anderen Werken Goethes.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine systematische Analyse der Strophen I bis V sowie in ein umfangreiches Kapitel, das die intertextuellen Bezüge zu Werken wie "Faust", "Torquato Tasso" und "Willkomm und Abschied" aufzeigt.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit zeichnet sich durch Begriffe wie "kollektiver Jüngling", "poetologische Reflexion", "intertextuelle Bezüge", "Ambivalenz von Leid und Glück" und "transsubjektive Gewalt" aus.
Warum wird "Willkomm und Abschied" explizit als Vergleich herangezogen?
Das Gedicht dient als wichtiger Vergleichspartner, da es ebenfalls das zentrale Spannungsfeld von Wiedersehen und Trennung sowie die Unausweichlichkeit der Leidenschaft thematisiert, was in der Forschung bisher kaum beachtet wurde.
Wie bewertet die Autorin/der Autor die Funktion der Dichtung im Gedicht?
Dichtung wird als Meta-Reflexion begriffen, die das auszusprechen vermag, was für die Liebenden angesichts ihrer Sprachlosigkeit und der Macht der Leidenschaften unmöglich scheint.
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- Christoph Heckl (Author), 2011, Das Gedicht "An Werther" aus Goethes Trilogie der Leidenschaft, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/269053