Der deutsche Philosoph Hans Jonas (1903-1993) stellt fest, dass die traditionelle Ethik auf die neuen Verantwortungsprobleme seiner Zeit nicht vorbereitet ist. In seinem 1979 veröffentlichten Buch „Das Prinzip Verantwortung. Versuch einer Ethik für die technologische Zivilisation“ ist er auf der Suche nach einer neuen Zukunftsethik, die den Herausforderungen der modernen Technologie entsprechen. Als er 1987 mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet wurde, sagte er in seiner Dankesrede: „Auch ich mußte mir die Frage vorlegen, womit denn mein Werk, obwohl es nicht ausdrücklich vom Frieden spricht, für diese Auszeichnung in Betracht kam. In der Erklärung seiner Wahl sagt der Stiftungsrat für den Friedenspreis »Frieden gründet auf Verantwortung«, damit eine Brücke schlagend zwischen dem Begriff des Friedens und dem vorherrschenden Thema meiner Altersschriften.“
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
1. Hans Jonas‘ These
2. Die Macht der modernen Technologie
3. Die veränderte Natur des menschlichen Handelns
4. Die neue Ethik
5. Der neue Begriff der Verantwortung
6. Wer ist „wir“?
Zusammenfassung und Ausblick
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Diese Arbeit analysiert Hans Jonas‘ philosophisches Hauptwerk „Das Prinzip Verantwortung“, um die zentralen Argumente einer neuen Zukunftsethik zu extrahieren, die den Herausforderungen der technologischen Zivilisation gerecht wird.
- Die veränderte Natur des menschlichen Handelns durch moderne Technik
- Die Notwendigkeit eines neuen, zukunftsorientierten Imperativs
- Die Bedeutung von Verantwortung als Funktion der Macht
- Die ethische Relevanz der Vorsorge und der „Heuristik der Furcht“
- Die kollektive Verantwortung und die Frage nach dem handelnden Subjekt
Auszug aus dem Buch
Die veränderte Natur des menschlichen Handelns
In der moralischen Gleichung der technischen Praxis hat sich das Wesen aller Komponenten geändert: Die Täter und die Tat sowie der Gegenstand der Tat sind neuartig. Diese Veränderung erzeugt neue Verpflichtungen und neue ethische Probleme.
Die Macht des technischen Handelns und das Wissen über diese Macht verändert die Vorstellung unserer selbst als einen kausalen Faktor. Die moralische Handlung ist nicht mehr die individuelle Tat eines individuellen Täters, sondern die kollektive Tat des kollektiven Täters.
Die räumliche Ausbreitung und die Zeitlänge der Kausalreihen, die durch diese Tat ausgelöst werden, gibt eine neue Dimension der Wirkung. Die neuen Eigenschaften der Wirkung sind die Irreversibilität und der kumulative Charakter.
Das neu hinzugefügte Objekt der menschlichen Handlung ist die gesamte Biosphäre des Planeten. Wir sind dafür verantwortlich, weil wir die Macht darüber haben. Das moralische Interesse an der Erhaltung der Natur, weil das Schicksal des Menschen vom Zustand der Natur abhängt, ist anthropozentrisch, aber es stellt sich die Frage, ob die neue Art menschlichen Handelns sogar bedeuten könnte, dass unsere Pflicht sich weiter erstreckt und die anthropozentrische Beschränkung nicht mehr gilt, weil die Natur ein sittliches Eigenrecht hat.
Der Mensch selber ist unter die Objekte der Technik geraten. Kein Prinzip der früheren Ethik ist dieser Problematik gewachsen. Die Biomedizin eröffnet wohltätige aber auch gefährliche Möglichkeiten. Die genetische Kontrolle zukünftiger Menschen eröffnet neue Fragen zu Menschenrechten und zur Menschenwürde.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Die Einleitung führt in die Problematik ein, dass traditionelle Ethik den Herausforderungen der technologischen Zivilisation nicht gewachsen ist, und erläutert den Fokus der Analyse auf Jonas' Werk.
1. Hans Jonas‘ These: Das Kapitel stellt die zentrale These vor, dass technologische Macht die Natur unseres Handelns verändert hat und somit eine neue Dimension der ethischen Verantwortung zwingend erforderlich macht.
2. Die Macht der modernen Technologie: Es wird die Gefährdung des Lebensraums durch technologische Eingriffe sowie die historische Situation der Siebziger Jahre als Ausgangspunkt für Jonas' Überlegungen analysiert.
3. Die veränderte Natur des menschlichen Handelns: Hier werden die neuen Eigenschaften des Handelns, wie Irreversibilität und kollektive Dimension, sowie die Ausdehnung der Verantwortung auf die gesamte Biosphäre beschrieben.
4. Die neue Ethik: Dieses Kapitel erläutert, warum alte Imperative nicht mehr ausreichen, und führt den neuen Imperativ ein, der die Permanenz echten menschlichen Lebens zum Ziel hat.
5. Der neue Begriff der Verantwortung: Die Ausführungen definieren Verantwortung als Funktion der Macht und unterscheiden zwischen legaler Verantwortung und der ethischen Verantwortung für Zu-Tuendes.
6. Wer ist „wir“?: Das Kapitel hinterfragt die individuelle Rolle innerhalb des kollektiven Ganzen und diskutiert die Möglichkeit der Delegation von Verantwortung an Institutionen.
Zusammenfassung und Ausblick: Der Ausblick erweitert die Diskussion auf die globale Machtdimension des 21. Jahrhunderts und plädiert für eine weltweite Verantwortung der Menschheit.
Schlüsselwörter
Hans Jonas, Prinzip Verantwortung, Zukunftsethik, technologische Zivilisation, anthropozentrisch, kollektives Handeln, Heuristik der Furcht, Biosphäre, Moral, Macht, Zukunft, Verantwortungsethik, Nachhaltigkeit, Pflicht, Moderne.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert das philosophische Hauptwerk „Das Prinzip Verantwortung“ von Hans Jonas und untersucht, wie eine Ethik für das Zeitalter der modernen Technologie aussehen muss.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zu den Kernpunkten gehören die Auswirkungen technologischen Handelns auf die Umwelt, die veränderte Verantwortung des Menschen und die Notwendigkeit, zukünftige Generationen in ethische Entscheidungsprozesse einzubeziehen.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, die zentralen Argumente von Hans Jonas für eine neue Zukunftsverantwortungsethik herauszuarbeiten, die den Risiken und der Reichweite moderner technischer Macht Rechnung trägt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine philosophische Analyse- und Synthesemethode, indem sie Kernkapitel von Jonas' Werk extrahiert und diese im Kontext der ethischen Prinzipien interpretiert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil werden die Veränderung der menschlichen Handlungsnatur, der notwendige Wandel der ethischen Imperative und der neue Begriff der Verantwortung, losgelöst von traditionellen Reziprozitätskonzepten, diskutiert.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit ist geprägt durch Begriffe wie Verantwortung, Technologie, Zukunftsethik, kollektives Handeln und die Heuristik der Furcht.
Inwieweit spielt die „Heuristik der Furcht“ eine Rolle bei Jonas?
Jonas schlägt vor, die Prognose von schlechten Folgen höher zu gewichten als die Hoffnung auf gute, um die existenzielle Integrität der Menschheit durch Vorsicht zu wahren.
Warum ist das klassische Reziprozitätsprinzip nach Jonas nicht mehr zeitgemäß?
Da zukünftige Generationen noch nicht existieren, können sie keine Ansprüche stellen, was klassische Gegenseitigkeitsverträge unmöglich macht und eine einseitige Verantwortungspflicht erfordert.
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- Renata Ellermann (Author), 2010, Hans Jonas "Das Prinzip Verantwortung". Eine kritische Analyse, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/268721