In der Vorrede zu seiner „Philosophie des Geldes“ aus dem Jahr 1900 stellt Georg Simmel klar, dass das Ziel seiner Arbeit keineswegs in der Förderung nationalökonomischer Erkenntnisse liegt. Vielmehr sieht er in der kapitalistisch ausgerichteten Gesellschaftsordnung seiner Zeit die Widerspiegelung eines von mehreren rivalisierenden „Weltbilder[n], das ich für den angemessensten Ausdruck der gegenwärtigen Wissensinhalte und Gefühlsrichtungen halte“ . Das Ansinnen des Soziologen Simmel besteht demzufolge vorrangig darin, das vorherrschende Weltbild und die Werthaltung seiner Zeitgenossen zu untersuchen und darzustellen. Dabei bezieht er klar Stellung gegen die marxistische Werttheorie. Der Unterschied seines Ansatzes zu dem von Marx soll aus diesem Grund verdeutlicht werden. In der kritischen Betrachtung der modernen Gesellschaft finden sich durchaus auch Übereinstimmungen zwischen den beiden Wissenschaftlern. Es stellt sich die Frage, ob Simmel, wenn er von der Vernachlässigung der Kultivierung der Persönlichkeit spricht nicht die gleichen Entwicklungen bezeichnet wie Marx, der die Entfremdung als großes Problem der Moderne wahrnimmt.
Simmel wählt philosophische Untersuchungsmethoden. Dies begründet er damit, dass sich diese Disziplin zum einen eine besonders differenzierte Definition der Grundbegriffe zur Aufgabe gemacht hat. Zum anderen basiert jedes Weltbild auf metaphysischen Grundlagen, deren Erforschung den Einzelwissenschaften verwehrt bleibt, „weil sie keinen Schritt ohne Beweis, also ohne Voraussetzung sachlicher und methodischer Natur, tun“.
Der Untersuchungsgegenstand des Geldes eignet sich in besonderem Maße, um Simmels Vorhaben gerecht zu werden, da die Funktion des Geldes darin besteht, den Wert der Gegenstände – scheinbar objektiv – zu fixieren. Inwieweit dies tatsächlich der Fall ist, soll in dieser Arbeit geklärt werden.
Doch zunächst müssen die Grundbegriffe erläutert werden. Es soll dargestellt werden, wie Weltbild und Wertbegriff zusammenhängen. Darüber hinaus muss auf den Unterschied zwischen objektiven, subjektiven und ideellen Werten eingegangen werden. Da es bei einem Weltbild um das Fürwahrhalten geht, ist es sinnvoll die in der „Philosophie des Geldes“ vertretene Wahrheitstheorie zu betrachten.
In einem zweiten Schritt sollen die Voraussetzungen für die Entstehung der Marktwirtschaft erläutert werden.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Definition des Begriffs Weltbild
2.1 Die Bedeutung des Wertes für das Weltbild
2.1.1 Entstehung von Werten
2.1.2 Objektivierung von Werten
2.1.3 Der ideelle Wert
2.2 Weltbild und Wahrheit
3 Voraussetzungen für ökonomische Prozesse
3.1 Intellektualisierung der Gesellschaft
3.2 Die kulturelle Errungenschaft des Tauschs
3.3 Einführung des Geldes als Wertäquivalent
4 Die Rückwirkungen der Marktwirtschaft auf das Weltbild
4.1 Geld als Endzweck
4.2 Auswirkungen auf die persönliche Freiheit
4.3 Vernachlässigung der Kultivierung der Persönlichkeit
5 Fazit und Kritik
Zielsetzung & Themen der Arbeit
Diese Arbeit untersucht auf Basis von Georg Simmels "Philosophie des Geldes", wie die metaphysischen Grundlagen der Marktwirtschaft das moderne Welt- und Menschenbild transformieren. Die Forschungsfrage fokussiert dabei auf die ambivalenten Rückwirkungen der Geldwirtschaft, insbesondere im Hinblick auf die persönliche Freiheit und die Gefahr der Entfremdung, wobei ein kritischer Vergleich mit marxistischen Theorien gezogen wird.
- Analyse der Bedeutung von Werten und Weltbildkonstruktionen
- Untersuchung der Voraussetzungen ökonomischer Prozesse
- Die Rolle des Geldes als universelles Wertäquivalent und Endzweck
- Transformation der persönlichen Freiheit in der Geldwirtschaft
- Kritische Betrachtung der Entfremdung und Kultivierung der Persönlichkeit
Auszug aus dem Buch
3.2 Die kulturelle Errungenschaft des Tauschs
Simmel nennt zwei primitive Arten des Warenwechsels: den Raub und das Geschenk. Der Raub hat sowohl für die agierende als auch für die Opferseite den Nachteil, dass ein erhöhtes Risiko besteht, durch die angewendete bzw. hervorgerufene Gewalt geschädigt oder getötet zu werden. Aus Sicht des Raubenden ist der Raub nur sinnvoll, wenn er sich seiner Übermacht relativ sicher ist. Ein beidseitig befriedigender Tauschhandel setzt hingegen Machtgleichheit und Anerkennung der Bedürfnisse des anderen voraus.
Sowohl für den Raub als auch für das Geschenk attestiert Simmel „die bloße Einseitigkeit des Vorteils, die den Besitzwechsel unter der Herrschaft eines rein impulsiven Egoismus oder Altruismus charakterisiert“. Die Impulsivität verweist auf den Mangel an Reflexion und Rationalität, der diese beiden Formen des Besitzwechsels als primitiv kennzeichnet. Die Einseitigkeit hingegen steht den beiden - aus philosophischer Sicht - einzig legitimen Endzwecken entgegen. Gemeint sind das handelnd herbeigeführte persönliche Glück (Eudämonie) und politische Gerechtigkeit. Die Etablierung des Tauschhandels in einer Gesellschaft ist ein eindeutiges Indiz dafür, dass Eudämonie und Gerechtigkeit als höchste Ziele anerkannt werden.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung führt in Simmels Intention ein, das moderne Weltbild durch die Analyse von Werthaltungen zu untersuchen, und grenzt das Vorhaben methodisch von marxistischen Ansätzen ab.
2 Definition des Begriffs Weltbild: Dieses Kapitel erläutert, wie aus Werten und metaphysischen Kategorien ein subjektives Weltbild konstruiert wird und welche Rolle dabei Wahrheitstheorien spielen.
3 Voraussetzungen für ökonomische Prozesse: Hier werden die gesellschaftliche Intellektualisierung, die Bedeutung des Tauschs und die Etablierung des Geldes als notwendige Grundlagen für die Entstehung der Marktwirtschaft analysiert.
4 Die Rückwirkungen der Marktwirtschaft auf das Weltbild: Dieses Hauptkapitel beleuchtet, wie Geld zum Endzweck wird, welche Auswirkungen dies auf die individuelle Freiheit hat und warum die Kultivierung der Persönlichkeit in der Moderne bedroht ist.
5 Fazit und Kritik: Das Fazit fasst die Analyse zusammen und hinterfragt kritisch Simmels teleologisches Geschichtsverständnis im Kontext postmoderner Entwicklungen.
Schlüsselwörter
Georg Simmel, Philosophie des Geldes, Marktwirtschaft, Weltbild, Werttheorie, Objektivierung, Entfremdung, Tausch, Geld als Wertäquivalent, persönliche Freiheit, Kultivierung der Persönlichkeit, Eudämonie, Kapitalismus, Subjekt-Objekt-Trennung, Metaphysik.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es grundsätzlich in dieser wissenschaftlichen Arbeit?
Die Arbeit analysiert Georg Simmels Werk "Philosophie des Geldes", um aufzuzeigen, wie kapitalistische Strukturen die Weltanschauung und das Menschenbild beeinflussen.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die zentralen Felder umfassen die metaphysischen Grundlagen von Werten, die Entstehung der Marktwirtschaft durch Abstraktion und die soziopsychologischen Folgen der Geldwirtschaft für das Individuum.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, die Rückwirkungen der Geldwirtschaft auf das Weltbild zu untersuchen, insbesondere die Ambivalenz zwischen gewonnenen Freiheiten und der drohenden Entfremdung des Menschen von seinen eigenen schöpferischen Möglichkeiten.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine philosophische Untersuchungsmethode angewandt, die auf der Analyse von Grundbegriffen basiert und die metaphysischen Prämissen hinter den ökonomischen Entwicklungen offenlegt.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung der Voraussetzungen ökonomischer Prozesse (wie Intellektualisierung) sowie die Analyse der konkreten negativen Folgen der Marktwirtschaft, etwa das Geld als Endzweck und die Vernachlässigung der Persönlichkeitsentwicklung.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind unter anderem Entfremdung, Geldwirtschaft, Wertäquivalent, Subjekt-Objekt-Trennung, Freiheit und Persönlichkeitskultivierung.
Wie bewertet die Arbeit den Vergleich zwischen Simmel und Marx?
Die Arbeit stellt fest, dass beide Denker die zunehmende Entfremdung des modernen Menschen durch die Objektivierung der Kulturinhalte und die Trennung von Subjekt und Objekt sehr ähnlich diagnostizieren.
Welche Rolle spielt das Geld bei Simmel im Gegensatz zu traditionellen Werten?
Simmel beschreibt das Geld als ein universelles, abstraktes Werkzeug, das zunehmend ideelle und sittliche Werte verdrängt und somit zum "Gottesersatz" innerhalb einer relativistischen Weltanschauung wird.
Warum sieht Simmel die moderne Freiheit skeptisch?
Simmel betrachtet die durch Geld erkaufte Freiheit als rein "negativ", da sie zwar von alten Abhängigkeiten befreit, das Individuum jedoch in ein unpersönliches, komplexes System integriert, in dem die eigene Persönlichkeit an Bedeutung verliert.
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- Sandra Montorro (Author), 2012, Die metaphysischen Grundlagen der Marktwirtschaft. Eine Untersuchung zu Georg Simmels "Philosophie des Geldes", Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/266924