Die Beziehung zwischen Islam und Menschenrechten ist ein wichtiger Aspekt im gegenwärtigen Diskurs über die Schwierigkeit, international anerkannte Menschenrechte in allen Teilen der Welt durchzusetzen. Die zunehmend öffentliche Rolle des Islams in modernen muslimischen Staaten hat dieses Thema seit jeher geprägt. Abgegrenzt von den „westlichen“ Rechtswissenschaftlern sollen in dieser Arbeit Ideen des sudanesischen muslimischen Juristen 'Abdallāhi Ahmad An-Na'īm vorgestellt werden. Dieser hat sich neben seiner Forschung auch für öffentliche Angelegenheiten eingesetzt. Im Gegensatz zu anderen muslimischen Gelehrten, die sich sichtbarer mit diesem Diskurs beschäftigen, lässt sich An-Na'īm nicht in die Gruppe der „Fundamentalisten“, sondern in die der „Unorthodoxen und Reformisten“ einordnen (Voll 1990 : ix).
In seiner Stellung wird er oft von eher konservativen und fundamentalistischen muslimischen Oberhäuptern beobachtet (vgl. Voll 1990 : ix). An-Na'īm's Ideen sind nicht in einem Vakuum entstanden. Seine eigenen Erfahrungen als früherer Student in Khartoum sowie der große Einfluss seines Engagements in den siebziger Jahren mit der Republican Brotherhood im Sudan prägen sein Denken bis
heute. Der spirituelle Anführer der Republican Brotherhood, Mahmoud Mohamed Taha, gilt als sein philosophisches Vorbild. Taha gründete die Bruderschaft in den frühen fünfziger Jahren, in einem Sudan, der von traditionellen muslimischen Parteien dominiert wurde. Er hegte schon früh den Gedanken einer islamischen Reformierung und Liberalisierung, die von konfessionellen Kräften dominiert werden sollte. Er wurde 1985 vom sudanesischen Regime unter Ja'far Numayry exekutiert, nachdem er sich viele Jahre mit der Republican Brotherhood gegen die anhaltende radikale Islamisierungsreform Ja'far Numayry's gewehrt hatte (vgl. Voll 1990 : xf). Wie damals bei Mahmoud Mohamed Taha, spielen die äußeren politischen und sozialen Umstände eine große Rolle bei An-Na'īm's Entwicklung seiner Philosophie über den Islam und die Menschenrechte.
Es ist wichtig zu erwähnen, dass diese Arbeit keine kritische Auseinandersetzung mit An-Na'īm's Philosophie bedeutet. Ich werde im folgenden Abschnitt seine Gedanken und Hauptargumente aufzeigen, die zu seiner Theorie der Interdependenz zwischen Islam, Menschenrechten und Säkularismus führen. Dabei habe ich Arbeiten seiner Forschung zwischen 1987 – 2008 analysiert.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. An-Na'im's Philosophie
2.1 Die interkulturelle Universalität der Menschenrechte
2.2 Die interne Reformierung des islamischen Rechts auf Grundlage der Methodik Mahmoud Mohamed Taha's
2.3 Die Wiederbekräftigung des Säkularismus für muslimische Staaten
3. Schlussfolgerung - Die Theorie der Interdependenz zwischen Islam, Menschenrechten und Säkularismus
4. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit analysiert die theoretischen Überlegungen des sudanesischen Juristen Abdullahi Ahmed An-Na'im zur Vereinbarkeit von Islam, Menschenrechten und Säkularismus, mit dem Ziel aufzuzeigen, wie durch eine interne Reform des islamischen Rechts und eine Neudefinition des Säkularismus eine synergetische Beziehung zwischen diesen drei Feldern in muslimischen Gesellschaften hergestellt werden kann.
- Analyse der interkulturellen Universalität von Menschenrechten
- Grundlagen der islamischen Reformtheorie nach Mahmoud Mohamed Taha
- Konzeptualisierung einer synergetischen Interdependenz
- Neubewertung der Rolle des Säkularismus in muslimisch geprägten Staaten
- Untersuchung der Vereinbarkeit von religiöser Identität und universalen Rechtsnormen
Auszug aus dem Buch
2.1 Die interkulturelle Universalität der Menschenrechte
Es gibt jedoch bisher keine Aussicht auf den universellen Einsatz solcher Rechte, da es bis zu diesem Zeitpunkt keine zumindest grundlegende Einigung über ihr Konzept, Umfang und ihres Inhaltes gibt (vgl. An-Na'im 1994 : 121). Zwar sind potentiell mächtige und kräftige Wahlkreise für weltweite universelle Menschenrechte - einschließlich der islamischen Welt - vorhanden, aber diese Wahlkreise können nie in einem globalen Projekt, auf rein westlich-liberalen Vorstellungen über die einzelnen bürgerlichen und politischen Rechte, mobilisiert werden (vgl. An-Na'im 1994 : 128). Zusammen mit anderen Rechten und neuen Formulierungen werden alle Menschenrechte nur auf die allgemeine Achtung und Geltung durch den Diskurs und Dialog vertrauen müssen (vgl. An-Na'im 1994 : 128). Das Hauptproblem bei der Etablierung universeller Standards über kulturelle, besonders über religiöse Grenzen zu etablieren, besteht nach An-Na'im darin, dass jede Tradition ihren eigenen internen Referenzrahmen besitzt, da jede Tradition die Gültigkeit ihrer Vorschriften und Normen aus eigenen Quellen ableitet (vgl. An-Na'im 1990 : 162). Dennoch gibt es ein gemeinsames normatives Prinzip: die goldene Regel der Reziprozität. Diese ist unabhängig von der kulturellen Tradition und philosophischer Überzeugung (vgl. An-Na'im 1990 : 163).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung stellt den Forschungsgegenstand und die Relevanz der Arbeit dar, indem sie das Werk von Abdullahi Ahmed An-Na'im in den Kontext des aktuellen Diskurses über Islam und Menschenrechte einbettet.
2. An-Na'im's Philosophie: Dieses Kapitel erläutert die zentralen Säulen von An-Na'im's Denken, insbesondere die interkulturelle Universalität, die Notwendigkeit einer internen Reform des islamischen Rechts durch Rückgriff auf Taha's Methode und die Neubewertung des Säkularismus.
3. Schlussfolgerung - Die Theorie der Interdependenz zwischen Islam, Menschenrechten und Säkularismus: Hier werden die drei Kernaspekte zusammengeführt, um eine synergetische Theorie zu entwickeln, die es Muslimen ermöglicht, ihre religiöse Identität mit dem Schutz universeller Menschenrechte zu vereinen.
4. Fazit: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und unterstreicht die Bedeutung eines konstruktiven islamischen Diskurses zur Legitimation menschenrechtlicher Standards innerhalb muslimischer Gesellschaften.
Schlüsselwörter
Islam, Menschenrechte, Säkularismus, Abdullahi Ahmed An-Na'im, Interdependenz, Synergie, Scharia, interne Reform, Mahmoud Mohamed Taha, interkulturelle Universalität, muslimische Gesellschaften, religiöse Identität, Rechtsnormen, Transformation, islamische Tradition
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit den theoretischen Ansätzen des sudanesischen Juristen Abdullahi Ahmed An-Na'im zur Versöhnung von islamischem Glauben, internationalen Menschenrechtsstandards und säkularen Prinzipien.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Die Untersuchung umfasst die Konzepte der interkulturellen Universalität von Menschenrechten, die notwendige Reform des islamischen Rechts (Scharia) und eine philosophische Neudefinition des Säkularismus im islamischen Kontext.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie eine Synergie zwischen Islam, Menschenrechten und Säkularismus erreicht werden kann, um sowohl religiöse Freiheit als auch den Schutz individueller Rechte zu gewährleisten.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin führt eine Analyse der Schriften von An-Na'im durch (Literaturanalyse), um seine Argumentationskette und die Entwicklung seiner Theorie im Zeitraum von 1987 bis 2008 nachzuzeichnen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung von An-Na'im's Philosophie, die Anwendung von Mahmoud Mohamed Taha's Reformmethodik und die Dekonstruktion des Begriffs Säkularismus aus islamischer Perspektive.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind insbesondere die "Theorie der Interdependenz", "interkulturelle Universalität", "interne Reform" des islamischen Rechts und die "Synergieeffekte" zwischen Religion und staatlicher Ordnung.
Welche Rolle spielt Mahmoud Mohamed Taha in dieser Arbeit?
Taha dient An-Na'im als wichtiges philosophisches Vorbild für seine eigene Methodik der islamischen Reformierung, indem er einen Weg aufzeigt, die Texte der offenbarten Quellen modern zu interpretieren.
Warum hält An-Na'im eine neue Interpretation des Säkularismus für notwendig?
Er argumentiert, dass der Säkularismus historisch oft als koloniales, westliches Konzept wahrgenommen wurde und daher in muslimischen Staaten auf Misstrauen stößt; eine neue Definition soll ihn als neutralen Schutzraum für alle Religionen etablieren.
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- Lisa Quelle (Author), 2013, Die Theorie der Interdependenz von Islam, Menschenrechten & Säkularismus, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/266512