Geister und Geistererscheinungen sind seit jeher in literarischen Werken zu finden. Man liest in der Bibel von ihnen, in verschiedenen mittelalterlichen Abhandlungen, in den Hausmärchen der Gebrüder Grimm sowie in Goethes Faust. In den Werken des 20. und 21. Jahrhunderts verbindet man mit ihnen oftmals Gruselgestalten, die Spuk und Unheil bringen. Woher aber stammt die Vorstellung von Geistern? Wie hat sie sich entwickelt? Diese Arbeit wird den Ursprung und die Veränderung des Geisterglaubens herausarbeiten und explizit an zwei deutschen Dramen des Barock aufzeigen. So wird nicht nur erklärt, was die einzelnen Stände und Religionen des 17. Jahrhunderts unter dem Begriff Geist verstanden, sondern ebenfalls, welche Funktion die Jenseitserscheinungen in den Dramen und auf dem Theater hatten. Die herausgearbeiteten Ergebnisse werden schließlich anhand der Werke Cleopatra von Daniel Casper von Lohenstein und Leo Armenius von Andreas Gryphius erklärt. Es wird sich herausstellen, dass die Funktionen der Geistererscheinungen im deutschen Drama des Barock nicht nur vielseitig sind, sondern sich ebenfalls eine Vermischung der verschiedenen Geistervorstellungen erkennen lässt.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Ursprung und Entwicklung der Geisterszenen
3 Geistererscheinungen im barocken Drama
3.1 Geister und Gespenster
3.2 Träume
3.3 Funktionen der Geistererscheinungen
4 Geisterescheinungen in den Dramen Lohensteins und Gryphius‘
4.1 Cleopatra
4.2 Leo Armenius
5 Schlusswort
6 Anhang
6.1 Literaturverzeichnis
Zielsetzung und Themen der Arbeit
Diese Arbeit untersucht die Herkunft, Funktion und die theatralische Umsetzung von Geistererscheinungen im deutschen Drama des 17. Jahrhunderts. Im Zentrum steht die Analyse, wie Autoren des Schlesischen Kunstdramas, spezifisch Daniel Casper von Lohenstein und Andreas Gryphius, diese übernatürlichen Elemente in ihre Werke integrierten und welche Bedeutung sie für die dramatische Struktur sowie die Charakterisierung der Figuren besitzen.
- Entwicklung und Transformation des Geisterglaubens vom antiken Erbe bis zum Barock.
- Differenzierung zwischen verschiedenen Typologien der Geisterdarstellung (z. B. im Traum vs. durch Beschwörung).
- Untersuchung der psychologischen und dramaturgischen Wirkungsweisen von Jenseitserscheinungen.
- Vergleichende Analyse der Dramen Cleopatra und Leo Armenius hinsichtlich ihrer religiösen und konfessionellen Implikationen.
- Erörterung der "Vorausdeutung" als zentrales Instrument zur Spannungssteigerung und Handlungssteuerung.
Auszug aus dem Buch
4.1 Cleopatra
Die erste Geistererscheinung findet sich in der ersten Abhandlung. Sie wird jedoch lediglich wiedergegeben und nicht direkt dargestellt. Cleopatra berichtet Antonius von ihrem Gang in den Tempel und den dortigen Ereignissen. Apis, der heilige Stier von Memphis, der als Verkörperung des Gottes Ptah gilt, handelt nach der Erzählung Cleopatras, wird also lebendig. Er bläst die Kerzen und den brennenden Weihrauch aus und verschmäht die ihm dargebotenen Opfergaben, zertritt sie sogar. Die ägyptische Herrscherin deutet die Zeichen als Ankündigung des nahenden Untergangs ihres Reiches („Durch seinen Athem bließ den Brand des Weyrauchs aus; / Umb uns zu deuten an: daß unser Reich in Grauß / Und Asche solte falln“).50 Antonius versucht zwar, die berichteten Ereignisse als nichtig abzutun, wird jedoch von Cleopatra daran erinnert, dass sich bereits früher solche Zeichen als richtig erwiesen.51 Diese Szene, die am Beginn des Dramas zu finden ist, deutet bereits auf die folgenden Ereignisse bzw. den Ausgang des Stückes hin und stellt somit einen ersten Verweis dar. Zudem erzeugt der Bericht durch die detailgenaue Beschreibung Spannung und eventuell Unbehagen. Für die Figuren selbst hat sie lediglich auf Cleopatra Einfluss, die anhand der von ihr als göttliche Botschaft gesehenen Geschehnisse ihr späteres Handeln lenkt.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Diese Einleitung führt in die Thematik der Geistererscheinungen im 17. Jahrhundert ein und definiert das Forschungsziel, die Herkunft und Funktion dieser Elemente in den Werken von Lohenstein und Gryphius zu erarbeiten.
2 Ursprung und Entwicklung der Geisterszenen: Dieses Kapitel zeichnet den Weg der Geisterdarstellung vom antiken Humanistendrama über das Wirken der Englischen Komödianten und des Jesuitentheaters bis hin zum Schlesischen Kunstdrama nach.
3 Geistererscheinungen im barocken Drama: Der Abschnitt beleuchtet begriffliche Definitionen von Geistern, die Bedeutung von Träumen als Schnittstelle zwischen Diesseits und Jenseits sowie die allgemeinen dramaturgischen Funktionen von Jenseitserscheinungen.
4 Geisterescheinungen in den Dramen Lohensteins und Gryphius‘: Hier erfolgt die konkrete Anwendung der erarbeiteten Thesen auf die Dramen Cleopatra und Leo Armenius, wobei besonders die spezifische Ausgestaltung und Wirkung der Geisterszenen analysiert wird.
5 Schlusswort: Das Fazit fasst zusammen, dass Geistererscheinungen im barocken Drama primär als wirkungsvolle Effektmittel zur Spannungssteigerung dienten, die über konfessionelle Grenzen hinweg christliche und volksglaubensbasierte Motive vermischten.
6 Anhang: Enthält das Literaturverzeichnis der verwendeten Primär- und Sekundärquellen.
Schlüsselwörter
Barockdrama, Geistererscheinungen, Andreas Gryphius, Daniel Casper von Lohenstein, Schlesisches Kunstdrama, Jenseitserscheinungen, Traumdeutung, Jesuitentheater, Dramaturgie, Vorausdeutung, Volksglaube, Totengeister, Literaturwissenschaft, Geisterglaube, Theatergeschichte.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht die Funktion und Darstellung von Geistern und Geistererscheinungen in ausgewählten Trauerspielen des deutschen Barock.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die Untersuchung deckt die Herkunft der Geistervorstellungen, die dramaturgische Entwicklung der Bühnengeister und die Vermischung von christlichen und volksglaubensbasierten Elementen ab.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie Geistererscheinungen in Dramen von Lohenstein und Gryphius als Mittel zur Steigerung der dramatischen Handlung und zur psychologischen Charakterisierung eingesetzt werden.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine literaturwissenschaftliche Analyse von Primärtexten im Kontext barocker Dramentheorie und unter Einbeziehung relevanter Sekundärliteratur zum Geisterglauben.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil analysiert spezifische Geisterszenen in den Werken Cleopatra und Leo Armenius und deren Wirkung auf Publikum und Figuren.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Barockdrama, Geistererscheinungen, Schlesisches Kunstdrama, Dramaturgie, Vorausdeutung und Jenseitserscheinungen.
Warum spielt die Unterscheidung zwischen "isoliertem" und "dramatisiertem" Geistertyp eine Rolle?
Diese Unterscheidung ist zentral, um zu verstehen, ob ein Geist rein symbolisch/ästhetisch (isoliert) oder direkt in die Handlung eingreifend (dramatisiert) wirkt, wobei der Autor sich in dieser Arbeit auf den dramatisierten Typ konzentriert.
Inwieweit beeinflussen die Geister das Ende der untersuchten Dramen?
Die Geister fungieren vor allem als Mittel der Vorausdeutung (Prophezeiung von Tod und Mörder), ohne jedoch direkt die Entscheidungen der Figuren zu determinieren; die Figuren bleiben in ihrem Handeln trotz der Erscheinungen weitgehend frei.
Welche Rolle spielt der Volksglaube im Vergleich zur christlichen Lehre in den Dramen?
Die Dramen zeigen eine bewusste Vermischung: Während die christliche Lehre (Sünde und Strafe) den Rahmen vorgibt, greifen die Autoren auf populäre Vorstellungen des Volksglaubens (z. B. Musik, Lichteffekte, Fackeln) zurück, um die gewünschte theatralische Wirkung zu erzielen.
- Arbeit zitieren
- B.A. Julia Steinborn (Autor:in), 2013, Geister und Geistererscheinungen im Barock, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/266143