Die wissenschaftliche Betrachtung von Sprichwörtern fußt dabei auf dem großen Interesse, dass das Sprichwort als ein Bestandteil des Volkstums und des Volksmunds sowohl bei Fachleuten als auch bei Laien erregt. So wurden im deutschsprachigen Raum lateinische, mundartliche und deutsche Sprichwörter je nach Zeitalter über die Epochen hinweg gesammelt und auch in der Literatur gepflegt. Ziele der Sammlungen waren meistens erzieherischer und schuldidaktischer Art (Dogbeh 2000:157). Einen ernsthaften wissenschaftlichen Charakter erhielt das Sprichwort in der deutschen Sprachwissenschaft erst im 19. Jahrhundert mit der bislang größten Sprichwortsammlung von Wander „Deutsches Sprichwörterlexikon“. Weitere bedeutende Nachschlagewerke sind z.B. Seilers Deutsche Sprichwörter-Kunde, Lexikon der sprichwörtlichen Redensarten von Röhrich (1973) und das Sprichwörterlexikon von H. und A. Beyer (1985) (ebd.).
Diese Betrachtung verdeutlicht, welchen relevanten Stellenwert die Sprichwörter im Kontext des sprachlichen Handelns innehaben. Dementsprechend sollen sie der Gegenstand der vorliegenden Arbeit unter dem Gesichtspunkt der sprachlichen Routinen sein. Zu diesem Zwecke wird im Folgenden zunächst eine Definition von Sprichwörtern erfolgen (Kapitel 2), um diese im Anschluss im Kapitel 3 von anderen ähnlichen sprachlichen Erscheinungen abzugrenzen. Weiterhin werden formale Merkmale des Sprichworts betrachtet (Kapitel 4). Ferner wird die Zugehörigkeit von Sprichwörtern zu Phraseologismen unter den Gesichtspunkten Polylexikalität, Festigkeit und Idiomatizität begründet (Kapitel 5), um sie daran anschließend in den Gesamtbereich der Phraseologie einordnen zu können (Kapitel 6). Letztendlich werden die verschiedenen Funktionen des Sprichworts in Kapitel 7 und die heutige Situation des Sprichwortgebrauchs (Kapitel 8) näher beleuchtet. Die Arbeit findet ihren Abschluss im neunten Kapitel, welches in Form eines Fazits die herausgearbeiteten Ergebnisse der vorliegenden Arbeit zusammenfasst.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Definition von Sprichwörtern
3. Abgrenzung
4. Formale Merkmale
5. Sprichwörter als Phraseologismen
5.1 Polylexikalität
5.2 Festigkeit
5.3 Idiomatizität
6. Klassifikation von Sprichwörtern innerhalb der Phraseologie
7. Funktionen von Sprichwörtern
8. Aktualität von Sprichwörtern und ihre heutige Verwendung
9. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht den Stellenwert von Sprichwörtern als sprachliche Routinen in der heutigen Kommunikation. Das primäre Ziel ist es, Sprichwörter definitorisch zu erfassen, von verwandten sprachlichen Formen abzugrenzen, ihre phraseologischen Merkmale zu analysieren und ihre aktuelle Verwendung sowie ihre Funktionen in modernen Kontexten zu beleuchten.
- Definition und linguistische Einordnung von Sprichwörtern
- Abgrenzung zu verwandten Formen wie Redensarten und Aphorismen
- Analyse formaler Merkmale und phraseologischer Grundvoraussetzungen
- Untersuchung der sozialen und kontextuellen Funktionen
- Bewertung der modernen Verwendung und des Funktionswandels in Medien und Alltag
Auszug aus dem Buch
3. Abgrenzung
Eine Methode, um den Begriff des Sprichwortes zu definieren, liegt in der Abgrenzung des Sprichworts von anderen ähnlichen Erscheinungen. Es gibt nämlich eine Reihe von besonderen Ausdrücken, die den Sprichwörtern sehr ähnlich sind – sogenannte sprichwortverwandte Formen. Die Verwandtschaft zwischen ihnen und den Sprichwörtern beruht sich darauf, dass sie nur einige der für Sprichwörter charakteristischen Merkmale besitzen. Ihre vor allem strukturelle Ähnlichkeit mit dem Sprichwort geht manchmal so weit, dass sie damit gleichgesetzt und in die Sprichwortlexika aufgenommen werden.
Zunächst lassen sich sogenannte Sonderformen von Sprichwörtern nennen, zu denen das Rechtssprichwort, die Bauernregel und der sogenannte Wellerismus gehören (Dogbeh 2000:19). Eine weitere Form ist das Antisprichwort. All jene Formen unterscheiden sich wie folgt vom Sprichwort:
Bauernregeln (oder Wettersprichwörter) stellen lebenspraktische Reimsprichwörter aus der vorindustriellen bäuerlichen Lebenswelt dar, die bäuerliches Wissen tradieren wie Tauben, Gärten und Teich machen keinen reich (Donalies 2009:94).
Bei Wellerismen (Sagwörter) werden Sprichwörter „[…] in dem Sinne erweitert, dass eine – meist mit den normalen Erwartungen auf witzige Weise kontrastierende – Situation angegeben wird, in der jemand den Ausdruck sagt (Burger 1997:15; zit. nach Donalies 2009:96). Sie weisen oftmals einen ironischen Charakter auf (Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß, sagte der Ochs, als er gebraten wurde) (Dogbeh 2000:19).
Letztendlich lassen sich noch die sogenannten „Antisprichwörter“ nennen, mit denen Wendungen bezeichnet werden, die den Sprichwörtern und Redensarten nachgemacht sind, die sie sogar oft abwandeln, die aber eher sprachliche Eintagsfliegen sind (Bünting 1995:1). Der besondere Witz dieser funktioniert nur dann, wenn das grundlegende Sprichwort vom Leser oder Hörer auch wiedererkannt wird (Donalies 2009:95).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Dieses Kapitel führt in das Thema ein, erläutert die Bedeutung von Sprichwörtern als sprachliche Routinen und umreißt den Aufbau der Untersuchung.
2. Definition von Sprichwörtern: Hier werden verschiedene wissenschaftliche Definitionen diskutiert, um die Komplexität der Bestimmung von Sprichwörtern aufzuzeigen.
3. Abgrenzung: Das Kapitel widmet sich der Differenzierung des Sprichworts von ähnlichen Gattungen wie Wellerismen, Bauernregeln, Aphorismen und Redensarten.
4. Formale Merkmale: Es werden stilistische Eigenschaften wie Reim, Rhythmus und Parallelismus sowie rhetorische Mittel wie Ironie und Paradoxie vorgestellt.
5. Sprichwörter als Phraseologismen: Dieser Abschnitt ordnet Sprichwörter in die Phraseologie ein, basierend auf den Kriterien Polylexikalität, Festigkeit und Idiomatizität.
6. Klassifikation von Sprichwörtern innerhalb der Phraseologie: Hier wird die Zuordnung zu den referentiellen und propositionalen Phraseologismen sowie den topischen Formen erläutert.
7. Funktionen von Sprichwörtern: Das Kapitel analysiert die sozialen und kontextuellen Funktionswerte sowie den Sprechhandlungscharakter von Sprichwörtern.
8. Aktualität von Sprichwörtern und ihre heutige Verwendung: Es wird der Wandel des Gebrauchs untersucht, wobei insbesondere die moderne Verwendung in Medien und Werbung als Mittel der Selbstinszenierung hervorgehoben wird.
9. Fazit: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und bestätigt, dass Sprichwörter auch in der modernen Kommunikation eine lebendige und bedeutsame Rolle spielen.
Schlüsselwörter
Sprichwort, Phraseologismus, Parömiologie, Sprachliche Routine, Polylexikalität, Festigkeit, Idiomatizität, Volksmund, Funktionswandel, Kommunikation, Sprachgebrauch, Antisprichwort, Sprachhandeln, Semantik, Kontext.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der linguistischen Untersuchung von Sprichwörtern als Teilbereich der Phraseologie und ihrem Status als sprachliche Routinen im heutigen Deutsch.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die zentralen Felder umfassen die Definition, die Abgrenzung von ähnlichen sprachlichen Formen, die strukturellen Merkmale, die Klassifizierung innerhalb der Phraseologie sowie die heutigen Funktionen des Gebrauchs.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Ziel ist es, den aktuellen Stellenwert von Sprichwörtern zu evaluieren und aufzuzeigen, wie diese von einem vermeintlich „veralteten“ Kulturgut zu Mitteln moderner, individualistischer Kommunikation transformiert wurden.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine theoretische Arbeit, die auf einer umfassenden Literaturanalyse und der kritischen Auseinandersetzung mit fachwissenschaftlichen Positionen der Parömiologie und Phraseologie basiert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert die Definitionsproblematik, die Abgrenzung von Sonderformen, die phraseologischen Kriterien (Polylexikalität, Festigkeit, Idiomatizität), die Klassifikation sowie die vielfältigen sozialen und kontextuellen Funktionen von Sprichwörtern.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die zentralen Schlüsselwörter sind Sprichwort, Phraseologismus, Parömiologie, sprachliche Routine, Kontext und Funktionswandel.
Warum ist die Definition eines Sprichworts wissenschaftlich so schwierig?
Die Schwierigkeit liegt in der „Volksläufigkeit“ als Kriterium, die schwer objektiv messbar ist, sowie in der Tatsache, dass die Grenzen zu anderen Gattungen wie Redensarten oder Zitaten oft fließend sind.
Inwiefern hat sich die Funktion von Sprichwörtern gewandelt?
Während früher die moralisierend-erzieherische Funktion im Vordergrund stand, dienen Sprichwörter heute verstärkt der spielerischen Selbstinszenierung, dem Ausdruck von Originalität und als Blickfang in den Medien.
Was unterscheidet ein Antisprichwort von einem klassischen Sprichwort?
Ein Antisprichwort basiert auf der Struktur eines bekannten Sprichworts, wandelt dieses aber ironisch oder parodistisch ab; der Witz funktioniert dabei nur, wenn der Hörer das Original erkennt.
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- Anna Block (Author), 2012, Sprichwörter als sprachliche Routinen. Phraseologismus, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/266102