Das Wort ‚Dazwischen’ als Substantiv ist im Deutschen eine eher künstliche Wortschöpfung, wirkt etwas unbeholfen und sperrig. Viel gebräuchlicher ist die Verwendung des Wortes ‚dazwischen’ als Adverb, das im Verbund mit anderen Worten sowohl eine räumliche (zwischen Personen, Gegenständen, Sachen, Orten) wie auch zeitliche Positionierung (zwischen Ereignissen, Zeitpunkten) eines Etwas beschreibt.
Wenn ich das Wort hier dennoch in seiner substantivischen Form wähle, dann um dem von ihm bezeichneten Ort ein besonderes Gewicht, eine Wichtigkeit zu verleihen. Als Substantiv kann das Dazwischen für sich selbst und ohne Bezug bestehen, braucht keine weiteren ergänzenden Worte, um Sinn zu erlangen, es hat Substanz (lat. substantia: das Zugrundeliegende, Selbständige).
Diese deutliche Fokussierung des Dazwischen ermöglicht es mir, von einem Raum in diesem Dazwischen zu sprechen; diesen klar zu postulieren als eigenständigen Ort, nicht als blossen Zwischen-Raum oder Übergang zwischen zwei Orten, Zeitpunkten oder Zuständen.
Dennoch: Dieser Raum befindet sich immer zwischen Dingen, grenzt an sie. Ohne die Dinge an seinen Rändern gibt es ihn nicht. Er kann nicht alleine existieren, steht in Bezug zu den Dingen, die ihn umgeben, ja wird durch die Beziehungen der Dinge an seinen Rändern erst zum Leben erweckt. Er setzt immer ein Etwas voraus, das mit einem weiteren Etwas in Beziehung gesetzt werden kann. Doch auch die Dinge an den Rändern können ohne das Dazwischen nicht existieren. Das Dazwischen verleiht ihnen Konturen, Klarheit, Begrenzung.
Der Raum im Dazwischen ist leer. Er ist da, ohne eigentlich etwas zu sein. Das Wesen der Dinge an den Rändern bestimmt das Wesen des Raumes. Ihre Fortsetzung ist in die Leere hinein zu imaginieren, in die Stille hinein zu erhören.
Das Dazwischen kann einen unbesetzten Raum, ein Fehlen, eine Lücke bezeichnen. Es kann aber auch eine Grenze, einen Übergang, eine Schwelle benennen.
Inhaltsverzeichnis
Laptopmusikerin
Klang (ohne) Körper
Mensch und Maschine
Roboterwesen
Embodiment
Musikerin oder Performerin?
Wachsen, Werden
Neuer (Arbeits-)Raum
Epilog
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die künstlerische Praxis einer Laptopmusikerin im Kontext der Performance Art, um Strategien zu entwickeln, die dem Phänomen der fehlenden Körperlichkeit in der elektronischen Live-Musik entgegenwirken und eine stärkere Unmittelbarkeit im künstlerischen Ausdruck zu ermöglichen.
- Die Rolle des Körpers in der elektronischen Musikproduktion
- Die Mensch-Maschine-Interaktion als performatives Feld
- Methodische Ansätze zur Gestaltung einer performativen Atmosphäre
- Die Transformation der Musikerin zur Performerin
- Das Konzept des "Dazwischen" als künstlerischer Spielraum
Auszug aus dem Buch
Mensch und Maschine
Ich selber musizierte auf eine Art und Weise, die der Haltung von Tim Perkis, einem Pionier der Computer- und Netzwerkmusik aus der experimentellen Musikszene der San Francisco Bay Area sehr nahe kam. In seinem Artikel Volksmusiker im Silicon Valley, Computertechnologie als Verstärker von Visionen4 schreibt er zu seinem Musikmachen mit Freunden:
Wir haben die Digitaltechnik als eine Quelle der Komplexität, als eine Quelle der Unvorhersagbarkeit, als ein Mittel zur Erschaffung von Systemen betrachtet, die verlässlich interessantes Verhalten an den Tag legen würden. Wir wollten sie in unsere bestehenden sozialen/improvisatorischen/elektronischen Netzwerke einbauen, um ihr Gesamtverhalten intelligenter und interessanter zu gestalten. (...) Die Musik wurde nie so gesehen, dass sie im Computer stattfindet. In unserer Verwendung war der Computer ein Bestandteil innerhalb eines Netzwerks, das aus Personen, anderen Instrumenten und anderen elektronischen Geräten bestand.
Weiter schreibt Tim Perkis auf seiner Website zur seiner künstlerischen Arbeit mit Computern:
I like to consider human-machine interaction as a new form of social interaction. What's interesting to me about computers is their ability to serve as a framework for embodying systems offering complexity and surprise. Unpredictability is what makes social life so interesting, it is what makes art so interesting, and it's what can make computers, as partners in art making, interesting. I don't use computers to simply carry out ideas I may have: I'd rather work in situations that force me to respond to surprises that are dealt to me by systems whose complexity and unpredictability are so high that their behavior can not be known in advance. All of my computer based art work has been concerned with creating social (or synthetic social) situations, which have enough complexity to behave like real life: in fact, to be real life of some new kind.
Zusammenfassung der Kapitel
Laptopmusikerin: Reflexion über die eigene Rolle als Laptopmusikerin, die ihre musikalische Identität zwischen technischer Echtzeit-Manipulation und freier Improvisation verortet.
Klang (ohne) Körper: Auseinandersetzung mit dem Diskurs über die fehlende physische Präsenz und die instrumentale Sichtbarkeit in der zeitgenössischen elektronischen Musik.
Mensch und Maschine: Untersuchung der Mensch-Maschine-Beziehung als kooperatives, soziales System, das auf Unvorhersehbarkeit und komplexer Interaktion basiert.
Roboterwesen: Analyse der autonomen Ästhetik von Robotern und deren Einfluss auf das eigene Verständnis von Performanz und Identität.
Embodiment: Theoretische Vertiefung der Begriffe Verkörperung und Materialität, basierend auf kognitionswissenschaftlichen und medientheoretischen Ansätzen.
Musikerin oder Performerin?: Gegenüberstellung von musikalischer Darbietung und Performance Art mit dem Fokus auf Unmittelbarkeit und körperliche Präsenz.
Wachsen, Werden: Darstellung der Vision eines organischen, künstlerischen Wachstums, das die Verbindung zwischen Mensch und technischem Instrument symbolisiert.
Neuer (Arbeits-)Raum: Zusammenführung der theoretischen Konzepte zu einem experimentellen Arbeitssetting, das den Laptop als Teil einer atmosphärischen, ereignisorientierten Aufführung begreift.
Epilog: Persönliche Reflexion an einem praktischen Fallbeispiel, das als Inspiration für das neue Masterprojekt dient.
Schlüsselwörter
Laptopmusik, Performance Art, Embodiment, Mensch-Maschine-Interaktion, Unmittelbarkeit, Feedbackschleife, Körperlichkeit, Künstliche Intelligenz, Ästhetik des Performativen, Instant Composing, Atmosphärische Wirkung, Instrumentales Interface, Elektronische Musik, Bühnenpräsenz, Künstlerische Praxis.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit reflektiert die künstlerische Entwicklung von einer Musikerin, die vornehmlich am Laptop agiert, hin zu einer Performerin, die durch neue Konzepte von Körperlichkeit und Raum eine stärkere Unmittelbarkeit bei Live-Auftritten erreicht.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die menschliche Präsenz in der technisierten Musikproduktion, die ästhetische Gestaltung von Aufführungsräumen, das Konzept des "Dazwischen" sowie die theoretische Fundierung durch performance-theoretische Ansätze.
Was ist das primäre Ziel der Forschung?
Ziel ist es, Strategien zu finden, um die Distanz zwischen Musikerin, Computer und Publikum durch eine bewusste Inszenierung von Körperlichkeit und Atmosphäre zu überbrücken und so ein intensiveres künstlerisches Ereignis zu schaffen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt die künstlerische Selbstreflexion und die fundierte Auseinandersetzung mit theater- und performancetheoretischen Standardwerken, um die eigene musikalische Praxis theoretisch einzuordnen und künstlerisch weiterzuentwickeln.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil befasst sich mit der Analyse der Mensch-Maschine-Kooperation, der Bedeutung von Körperlichkeit in der Musik und der Anwendung performativer Konzepte wie Feedbackschleifen und atmosphärischer Raumgestaltung.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit ist maßgeblich durch Begriffe wie Embodiment, Performance Art, Laptopmusik, Unmittelbarkeit und die ästhetische Gestaltung von Ereignissen geprägt.
Warum spielt das Konzept der "Feedbackschleife" eine so wichtige Rolle?
Die Feedbackschleife beschreibt nach Erika Fischer-Lichte die dynamische Wechselbeziehung zwischen Akteuren und Publikum, die eine Aufführung zu einem autopoietischen Ereignis macht, das nicht vollständig steuerbar ist.
Welche Bedeutung hat das "Eiswesen" für das beschriebene Masterprojekt?
Das Eiswesen dient als Inspiration für das Masterprojekt "bar jeder Absicht", da sein zufälliger und unkontrollierter Entstehungsprozess die Idee einer organischen Verbindung von Mensch und technischem System im performativen Kontext versinnbildlicht.
- Arbeit zitieren
- Karin Ernst (Autor:in), 2013, Raum im Dazwischen, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/264933