Der Begriff Lernen ist ein hypothetisches Konstrukt. Das bedeutet zum einen, dass er nicht materiell fassbar ist und daher nur durch verschiedene Indikatoren erschlossen werden kann. Zum anderen führt dieser theoretische Zugang dazu, dass sich Lernen auf unterschiedliche Weisen definieren lässt. Die wissenschaftliche Forschung beschäftigt sich bis heute in verschiedenen Disziplinen mit der Frage, was lernen eigentlich bedeutet. Der Fokus dieser Arbeit liegt dabei auf der pädagogischen Perspektive, da sie im Rahmen des grundwissenschaftlichen Teils eines Lehramtsstudiums entstand.
In einer von Umfang her stark eingeschränkten Hausarbeit können nicht alle historischen und aktuellen Überlegungen angeführt werden. So wird an zahlreichen Stellen sowohl im historischen als auch im erziehungswissenschaftlichen Kontext auf weiterführende Literatur verwiesen. Die Entscheidung für die Auswahl der in der Arbeit gewählten Ansätze erfolgte auf Grundlage des von Frau Dr. Seifert im Sommersemester 2012 an der Goethe-Universität in Frankfurt am Main gehaltenen Seminars „Was bedeutet Bildung?“
Im ersten Teil der Hausarbeit wird der Begriff des Lernens von verwandten Begriffen des Erziehungswissenschaften wie Bildung und Erziehung abgegrenzt. Im zweiten Teil werden diese Erkenntnisse genutzt, um behavioristische, kognitionspsychologische und konstruktivistische Lerntheorien vor dem jeweiligen historischen Hintergrund zu beschreiben. Im dritten Teil werden einige Definitionen des Begriffs Lernen vorgestellt und anhand der Ergebnisse der vorangegangenen Abschnitte kritisch hinterfragt. Im Schlusskapitel werden die wesentlichen Erkenntnisse zusammengefasst und ein Versuch unternommen, die im Untertitel dieser Arbeit implizierte Frage nach einer eindeutigen Definition von Lernen zu beantworten.
Grundlegende Literatur waren die beiden Artikel Lernen und Neue Unterrichtskultur – Veränderte Lehrerrolle von Herbert Gudjons sowie der Sammelwerksbeitrag Lernen von Jörg Dinkelaker.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
Hauptteil
1. Lernen in Abgrenzung von Bildung und Erziehung
2. Wissenschaftliche Lerntheorien in ihrem historischen Kontext
2.1. Behaviorismus
2.2. Kognitionspsychologie
2.3. Konstruktivismus
3. Definitionen von Lernen
Schlussbetrachtungen
Zielsetzung und Themen der Arbeit
Das primäre Ziel dieser Arbeit ist es, das hypothetische Konstrukt „Lernen“ aus einer pädagogischen Perspektive zu beleuchten und eine differenzierte Definition vor dem Hintergrund seiner historischen und theoretischen Einbettung zu erarbeiten.
- Abgrenzung des Begriffs Lernen gegenüber Bildung und Erziehung.
- Analyse behavioristischer Lerntheorien und deren historischer Kontext.
- Untersuchung kognitionspsychologischer Ansätze unter besonderer Berücksichtigung des Modelllernens.
- Betrachtung konstruktivistischer Lerntheorien und deren Bedeutung für das selbstgesteuerte Lernen.
- Kritische Reflexion verschiedener Lerndefinitionen aus der Psychologie.
Auszug aus dem Buch
2.1. Behaviorismus
Diese verhaltenspsychologischen Ansätze haben über Jahrzehnte die Theorien des Lernens geprägt und wurden in unzähligen wissenschaftlichen Abhandlungen analysiert. An dieser Stelle sei auf die richtungsweisenden Arbeiten von Iwan Pawlow und Burrhus F. Skinner verwiesen. Ersterer begründete in seinem berühmten Experiment zur Konditionierung des Speichelflusses bei Hunden Anfang des 20. Jahrhunderts mit der klassischen Konditionierung – der Koppelung von angeborenen, natürlichen Reizen und einem bestimmten Verhalten – das assoziative Lernen. Skinner ergänzte wenige Jahre später in seinen Experimenten mit Tauben, dass neben der von Pawlow nachgewiesenen Kopplung von Reiz und Reaktion Verhalten auch durch Verstärkung und Bestrafung beeinflusst wird.
Aus historischer Perspektive gilt es zu berücksichtigen, dass sich während der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen trotz der Errichtung internationaler Institutionen wie des Völkerbundes stark nationalistische Tendenzen in den europäischen Staaten herausbildeten. Nach ihrem Eingreifen in den Ersten Weltkrieg verstanden sich die USA als „Weltpolizist“, dessen demokratische Ideale nicht überall akzeptiert wurden. Nach der Oktoberrevolution in Rußland entwickelte sich unter Lenin das totalitäre Sowjetsystem. Sowohl im Westen als auch im Osten entstanden die behavioristischen Theorien durch machtpolitisch motiviertes Denken, das stark durch militärische Überlegungen geprägt war.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Einführung in das Thema „Lernen“ als hypothetisches Konstrukt und Erläuterung der pädagogischen Perspektive dieser Hausarbeit.
Hauptteil: Kernbereich der Arbeit, der die theoretische Einordnung und die historische Genese der Lerntheorien detailliert darlegt.
1. Lernen in Abgrenzung von Bildung und Erziehung: Differenzierung des wertneutralen Lernprozesses von den intentional wertevermittelnden Begriffen der Bildung und Erziehung.
2. Wissenschaftliche Lerntheorien in ihrem historischen Kontext: Historische Analyse der Lerntheorien, unterteilt in die Strömungen des Behaviorismus, der Kognitionspsychologie und des Konstruktivismus.
2.1. Behaviorismus: Darstellung der klassischen und operanten Konditionierung sowie deren Einfluss durch machtpolitische und militärische Rahmenbedingungen des 20. Jahrhunderts.
2.2. Kognitionspsychologie: Erläuterung des kognitiven Lernens, insbesondere des Modelllernens nach Albert Bandura, eingebettet in den gesellschaftlichen Wandel der 1960er Jahre.
2.3. Konstruktivismus: Beschreibung des selbstgesteuerten Lernens als Kernelement einer neuen Unterrichtskultur, unter Berücksichtigung moderner neurobiologischer Erkenntnisse.
3. Definitionen von Lernen: Kritische Untersuchung verschiedener Lerndefinitionen durch Fachpsychologen und deren Verknüpfung mit den zuvor beschriebenen Lerntheorien.
Schlussbetrachtungen: Synthese der Ergebnisse, die aufzeigt, dass keine endgültige Definition von Lernen möglich ist, da sich Theorien stetig weiterentwickeln.
Schlüsselwörter
Lernen, Pädagogik, Behaviorismus, Kognitionspsychologie, Konstruktivismus, Bildungsreform, Selbstgesteuertes Lernen, Konditionierung, Beobachtungslernen, Wissenserwerb, Historischer Kontext, Lerntheorien, Psychologie, Modelllernen, Neurobiologie.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Hausarbeit untersucht den Begriff „Lernen“ als hypothetisches Konstrukt und versucht, diesen aus einer pädagogischen Perspektive wissenschaftlich zu definieren.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Die zentralen Felder umfassen die Abgrenzung von Erziehung und Bildung, die historische Entwicklung lerntheoretischer Ansätze und die Analyse moderner Lerndefinitionen.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel besteht darin, durch die historische und theoretische Aufarbeitung zu zeigen, warum eine eindeutige Definition von Lernen komplex ist und wie verschiedene Theorien aufeinander aufbauen.
Welche wissenschaftlichen Methoden werden verwendet?
Es handelt sich um eine theoretische Arbeit, die auf einer umfassenden Literaturanalyse sowie der kritischen Reflexion erziehungswissenschaftlicher und psychologischer Diskurse basiert.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine Begriffsdifferenzierung, eine historische Analyse der behavioristischen, kognitiven und konstruktivistischen Lerntheorien sowie eine kritische Auseinandersetzung mit verschiedenen Lerndefinitionen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit am besten?
Die Arbeit ist durch Begriffe wie Lernen, Behaviorismus, Konstruktivismus, Kognitionspsychologie, Selbstgesteuertes Lernen und historischen Kontext geprägt.
Welche Rolle spielen militärische Überlegungen in den Lerntheorien?
Die Arbeit zeigt auf, dass behavioristische Theorien in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts teilweise durch machtpolitische und militärische Interessen, etwa in den USA oder unter totalitären Regimen, beeinflusst und zweckentfremdet wurden.
Warum ist eine eindeutige Definition von Lernen laut dem Autor so schwierig?
Lernen ist ein hypothetisches Konstrukt, das sich durch neue wissenschaftliche Erkenntnisse (wie aus der Neurobiologie) stetig erweitert, wodurch eine finale, statische Definition kaum möglich ist.
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- Dr. Michael Knoll (Author), 2012, Lernen. Definition(en) eines hypothetischen Konstrukts auf Grundlage seines historischen Kontextes, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/264916