Die Integration der Europäischen Währungsunion (EWU) im Jahr 1999 war ein ökonomischer Erfolg und ein Hauptbestandteil auf dem Weg zu einer engen Koordinierung der Wirtschaftspolitik der Mitgliedsstaaten.1,2 Die Staatsschuldenkrise hat jedoch gezeigt, dass dieser Integrationsprozess eine nachhaltige Abstimmung der nationalen Fiskalpolitiken nicht erreicht hat. Ende 2009 wurde das Ausmaß der Schuldenstände und der Haushaltsdefizite der sogenannten PIIGS-Staaten (Portugal, Italien, Irland, Griechenland und Spanien) deutlich. Seither fallen die Kurse von Schuldverschreibungen der betroffenen Staaten, so dass sich die Problemländer immer höheren Finanzierungskosten gegenübersehen. Der Anstieg der Zinsen für die Finanzierung der Staatschulden hat sich zu einem Problem entwickelt, so dass an den Kapitalmärkten Zweifel an der dauerhaften Stabilität der Währungsunion aufgekommen sind. Im Fall Griechenland wurde die Bonität zwischenzeitlich als so schlecht bewertet, dass de facto kein Kapitalmarktzugang bestand. Der Ursprung der Krise wird in Abbildung 1 (Seite 2) verdeutlicht. Sie zeigt die Entwicklung der Zinsen für zehnjährige Staatsanleihen einiger ausgewählter Euroländer. Die Darstellung beginnt in der Zeit vor der Euroeinführung. Es ist zu erkennen, dass in der Vergangenheit bereits eine Zinsdivergenz zwischen den Staaten bestand. Die Zinsspreads zwischen deutschen Staatsanleihen und griechischen, italienischen oder portugiesischen Staatspapieren waren in dem bestehenden Wechselkursrisiko begründet. Die Investoren der Staatsanleihen der südlichen Länder Europas verfolgten mit dem Zinsunterschied die Möglichkeit eine potenzielle Abwertung der entsprechenden Währung zu kompensieren. Dieser Spread konvergierte mit der Einführung der gemeinsamen Währung und dem damit verbundenen Wegfall der bilateralen Wechselkurse und entwickelt sich nach dem Bekanntwerden der tatsächlichen Schuldensituation Griechenlands und den Zweifeln an der Bonität und Solvenz einzelner europäischer Mitgliedsstaaten wieder auseinander.3
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
1.1 Problemstellung
1.2 Ziel und Aufbau der Arbeit
2 Ursachen und Maßnahmen zur Stabilisierung der Eurozone
2.1 Finanzkrise als Auslöser
2.2 Bisher getroffene Stabilisierungsmaßnahmen
2.3 Umgestaltung der Schuldenarchitektur
3 Umsetzung einer gemeinschaftlichen Schuldenaufnahme durch Eurobonds
3.1 Der Vorschlag – The Blue Bond Proposal
3.2 Ausgestaltung
3.2.1 Haftung
3.2.2 Sanktionsmöglichkeiten
3.3 Zinsbelastung durch einen Eurobond
3.3.1 Eurobond als Durchschnitt der gesamten EWU-Staaten
3.3.2 Eurobond-Szenarien bei ausgewählten Zinssätzen
3.3.3 Auswertung eines Kennzahlenvergleichs zwischen EWU und USA
3.4 Kritische Würdigung von Eurobonds
3.5 Kritik an der Durchschnittsbetrachtung
4 Fazit
Zielsetzung & Themen
Ziel dieser Arbeit ist es, das Konzept der Eurobonds als Alternative zur bisherigen nationalen Staatsfinanzierung zu bewerten und deren ökonomische Auswirkungen auf die Kapitalaufnahme der EU-Mitgliedsstaaten zu analysieren.
- Analyse der Ursachen der europäischen Staatsschuldenkrise und bisheriger Rettungsmaßnahmen.
- Detaillierte Untersuchung des "Blue Bond Proposal" nach Delpla und von Weizsäcker.
- Durchführung einer Szenarioanalyse zur Zinsbelastung bei gemeinschaftlicher Schuldenaufnahme.
- Vergleich von Wirtschafts- und Bonitätskennzahlen der EWU-Staaten und der USA.
- Kritische Würdigung der Risiken, insbesondere in Bezug auf Haftungsfragen und fiskalische Disziplin.
Auszug aus dem Buch
3.1 Der Vorschlag – The Blue Bond Proposal
Im Folgenden soll das – bereits in Kapitel 1.2 angesprochene – Konzept von Jakob von Weizsäcker und Jacques Delpla detailliert dargestellt werden, welches auf dem Vorschlag von Juncker und Tremonti basiert.
Im Mai des Jahres 2010 wurde ein Vorschlag für die Bewältigung der europäischen Staatsschuldenkrise in Europa gemacht, welcher die Einführung von Eurobonds vorsieht. Die zentralen Zielsetzungen, die hierbei im Vordergrund stehen, sind zum einen die zinsgünstige Refinanzierung der jeweiligen Staatsverschuldungen am Finanzmarkt sowie die Eigenverantwortlichkeit der einzelnen EU-Mitgliedsstaaten ihre Staatsverschuldungen fiskalpolitisch abzusichern.
Für die Eurobonds soll ein Durchschnittszinssatz gelten. Staaten mit einer guten Bonität würden in diesem Fall einen vergleichsweise höheren Zinssatz an die Gläubiger zahlen, während Staaten, die bisher hohe Refinanzierungskosten tragen durch die gemeinsame Schuldenaufnahme, Zinsabschläge verzeichnen würden. Letztendlich würde die Haftungsgemeinschaft durch die Nutzung von Mitgliedsländern mit einer guten Zahlungsfähigkeit, für die Risiken bonitätsschwacher Länder einstehen.
Um diese Ziele zu verwirklichen schlagen die Proponenten vor, die Staatsschulden der Mitgliedsstaaten in zwei Tranchen, den Blue Bond und den Red Bond aufzuteilen. Hierbei wird die erste Tranche der Staatsverschuldungen bis zur EU-Konvergenzgrenze von 60 Prozent des BIP als Blue Bond bezeichnet. Diese soll über gemeinsame Anleihen mit Garantien aller Mitglieder der Europäischen Währungsunion begeben werden und somit durch die Kollektivierung der Schuldner erfolgen. Ferner soll der Blue Bond vorrangig gegenüber dem Red Bond bedient werden, wobei die Staatsverschuldungen, die oberhalb der Maastricht-Kriterien liegen nach wie vor als nationale, eigenständige Verschuldungen emittiert werden sollen.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Diese Einleitung führt in die Problematik der europäischen Staatsschuldenkrise ein und definiert die Zielsetzung sowie den Aufbau der vorliegenden Arbeit.
2 Ursachen und Maßnahmen zur Stabilisierung der Eurozone: Dieses Kapitel erörtert die Entstehung der Finanzkrise durch exzessive Kreditvergabe und analysiert die bisherigen Maßnahmen der EU zur Stabilisierung der betroffenen Mitgliedsstaaten.
3 Umsetzung einer gemeinschaftlichen Schuldenaufnahme durch Eurobonds: Das zentrale Kapitel analysiert das Blue-Bond-Modell, untersucht die rechnerischen Zinsauswirkungen für die EWU-Staaten und bewertet die Bonität im internationalen Vergleich.
4 Fazit: Das Fazit fasst die Erkenntnisse zusammen und betont die politische Herausforderung sowie die Notwendigkeit ergänzender Kontrollmechanismen bei einer Einführung von Eurobonds.
Schlüsselwörter
Eurobonds, Staatsschuldenkrise, EWU, Blue Bonds, Red Bonds, Finanzmarkt, Zinsbelastung, Bonität, Refinanzierung, Transferunion, Fiskalpolitik, Staatsverschuldung, Schuldendisziplin, Kapitalaufnahme, Rettungsmaßnahmen.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Abschlussarbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die Auswirkungen der Einführung von Eurobonds als alternative Methode zur Refinanzierung der Staatsschulden von EU-Mitgliedsstaaten.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Die zentralen Felder umfassen die Ursachen der Staatsschuldenkrise, die Ausgestaltung eines gemeinschaftlichen Schuldenmodells, die Zinsbelastungen der Staaten sowie die Bonitätseinstufung einer solchen Haftungsgemeinschaft.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, den Eurobond als Instrument zur Bewältigung der Staatsschuldenkrise darzustellen und zu prüfen, welche Auswirkungen eine Kollektivierung der Schulden auf die Kapitalaufnahme der einzelnen Länder hätte.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer Literaturanalyse und einer quantitativen Szenarioanalyse, in der auf Basis aktueller Wirtschaftsdaten Zinsbelastungen und Transferleistungen unter verschiedenen Annahmen berechnet werden.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Im Hauptteil werden das "Blue Bond Proposal" detailliert erläutert, Szenarien für die Zinsbelastung durchgerechnet und die Bonität der EWU durch einen Kennzahlenvergleich mit den USA eingeschätzt.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren diese Arbeit?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie Eurobonds, Blue Bonds, Transferunion, fiskalische Disziplin und Bonitätsrating charakterisiert.
Wie unterscheidet das Modell zwischen "blauen" und "roten" Schulden?
Blaue Schulden umfassen den Teil bis 60 Prozent des BIP mit gemeinschaftlicher Haftung, während rote Schulden den darüber hinausgehenden Teil beschreiben, der weiterhin in nationaler Verantwortung und bei höherem Risiko emittiert wird.
Warum ist das Thema der Haftung rechtlich problematisch?
Die gesamtschuldnerische Haftung könnte gegen Artikel 125 AEUV verstoßen, der eine Bail-out-Beteiligung der Gemeinschaft an den Verbindlichkeiten einzelner Mitgliedsstaaten explizit ausschließt.
- Arbeit zitieren
- Hakki Gökce-Schütz (Autor:in), 2012, Eurobonds. Auswirkungen auf die Kapitalaufnahme von EU-Mitgliedsstaaten, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/264907