Welche inhaltlichen Akzentuierungen sowie Strukturreformen müssen in den kommenden Jahren im beruflichen (Aus)Bildungssystem in Deutschland angestoßen werden, um die Zahl der Jugendlichen zu verringern, welche aufgrund mangelnder Qualifikationen keinen Zugang zur beruflichen Bildung finden und sich daher im Übergangssystem befinden?
Diese Arbeit stellt zunächst den aktuellen Stand der Prognosen über die Entwicklung der Zahl der Schulabgänger/-innen und den Fachkräftebedarf der Wirtschaft dar und zeigt damit die Brisanz des Themas einer klaffenden Lücke im Ausbildungswesen auf. Diese Lücke könnte möglicherweise mit der Qualifizierung von Jugendlichen im Übergangssystem geschlossen werden, deren Potential bisher nicht hinreichend genutzt wurde. Ulmer und Ulrich weisen darauf hin, dass so „bis 2020 rund eine Millionen Fachkräfte mehr zur Verfügung“ (ebenda) stehen könnten. Nach einer kurzen Darstellung dieser Begabungsreserve im Bildungssystem widmet sich die vorliegende Arbeit - vor dem Hintergrund des oben genannten Problems - der Analyse und Bewertung zweier unterschiedlicher Arten von Ansatzmöglichkeiten zur Verbesserungen der Strukturprobleme im Übergangsystem.
Eine Ansatzmöglichkeit, dem Problem zu begegnen, könnte die Stärkung des „betrieblich-beruflichen Bildungstyps“ (BREMER u.a. 2009, S. 24) durch eine inhaltliche Verbesserung der dualen Ausbildung sein. Ein anderer Weg, das berufliche (Aus-)Bildungssystem zu verbessern, könnten möglicherweise strukturelle Reformen sein. Eine Möglichkeit wäre die Ausweitung der ‚vollschulischen beruflichen Ausbildung‘, um die Qualifikationen der Jugendlichen, welche sich im Übergangssystem befinden, zu verbessen, was allerdings den Lernort im Gegensatz zur dualen Ausbildung in Richtung Schule verlegen würde (vgl. DO-BISCHAT/MILOLAZA/STENDER 2009, S. 127ff.). Ein weiterer Ansatz stellt das Konzept einer ‚Modularisierung der beruflicher Bildung‘ dar (vgl. EU-LER/SEVERING 2007, S. 1ff.). Befürworter sehen darin eine Chance schneller auf neue Qualifikationsanforderungen reagieren zu können, einen besseren Übergang zwischen Berufsvorbereitung und Ausbildung zu schaffen sowie zu besseren Zertifizierungsverfahren zu gelangen. (vgl. SCHMIDT 2011, S. 193). Zuletzt soll die Initiative der Bertelsmann Stiftung „Übergänge mit System“ ({Bertelsmann Stiftung 2011 #52: 23ff.) untersucht werden.
Inhaltsverzeichnis
1. Die Problemstellung
2. Zukünftige Entwicklungen im Berufsbildungssystem
2.1. Der Einfluss der demografischen Entwicklung auf die Zahl der Schulabgänger/-innen
2.2. Der künftige Bedarf der Wirtschaft an Fachkräften
2.3. Konsequenzen dieser Entwicklungen
3. Die stille Begabungsreserve: Jugendliche im Übergangssystem
4. Inhaltlichen Akzentuierungen sowie Strukturreformen im beruflichen (Aus-)Bildungssystem
4.1. Inhaltliche Maßnahmen zur Steigerung der Qualität der dualen Ausbildung
4.2. Strukturelle Reformen der dualen Ausbildung
4.2.1. Das Konzept eines Ausbaus ‚vollschulischer beruflicher Ausbildung‘
4.2.2. Das Konzept einer ‚Modularisierung der beruflicher Bildung‘
4.2.3. Die Imitative ‚Übergänge mit System‘
5. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht inhaltliche Akzentuierungen und Strukturreformen im deutschen beruflichen Ausbildungssystem, um die hohe Anzahl Jugendlicher zu reduzieren, die aufgrund mangelnder Qualifikationen im sogenannten Übergangssystem verbleiben und so dem Arbeitsmarkt als potenzielle Fachkräfte fehlen.
- Demografischer Wandel und Fachkräftebedarf der Wirtschaft
- Analyse des beruflichen Übergangssystems
- Stärkung der dualen Ausbildung durch inhaltliche Maßnahmen
- Strukturelle Reformansätze (vollschulische Ausbildung, Modularisierung)
- Evaluation des Konzepts „Übergänge mit System“
Auszug aus dem Buch
4.1. Strukturelle Reformen der dualen Ausbildung
Das Schulberufssystem zeichnet sich dadurch aus, dass Jugendliche eine anerkannte berufliche Ausbildung außerhalb der Privatwirtschaft erreichen können, welche teilweise in und teilweise „außerhalb des Rechtsraums des Berufsbildungsgesetz und der Handwerksordnung“ (WAHLE 2010, S. 261) agiert sowie teilweise in Landes- und in Bundesrecht geregelt ist (vgl. SCHMIDT 2011, S. 184). Institutionelle Träger der Einrichtungen sind entweder die Bundesländer oder freie Träger, wie beispielsweise Kirchen. Die schulische Ausbildung geniest in Deutschland im Gegensatz zur dualen Ausbildung jedoch einen schlechteren Ruf, was daran liegen könnte, dass sie, wie Greinert (2010) unterstellt, „von den Arbeitgeberverbänden sowie von den Gewerkschaften aus interessenpolitischen Gründen ganz offen diskriminiert“ (GREINERT 2010, S. 4) wird.
Kritiker bemängeln an dem Schulberufssystem den fehlenden Praxisbezug und sehen eine drohende Verstaatlichung der Berufsbildung (vgl. ebenda). Dobischat und andere sehen im Ausbau des Schulberufssystem jedoch eine notwenige strukturelle Reform des (Aus-)Bildungssystems um den oben genannten Probleme begegnen zu können (vgl. DOBISCHAT/MILOLAZA/STENDER 2009, S. 127–152). Dies soll zum einen durch die quantitative Ausweitung von Ausbildungsplätzen und zum anderen durch qualitative Verbesserungsmaßnahen der vollschulischen Berufsausbildung geschehen, wie beispielsweise die Verbesserung der Durchlässigkeit zu Hochschulen und anderen Weiterbildungsangeboten, sowie die Erarbeitung von bundesweite geltende Standards (vgl. FELLER 2004, S. 51). Wahle (2010) schlägt vor, neben der vollschulischen Ausbildungsqualifikation parallel den Jugendlichen auch einen höheren Bildungsabschluss zu vermitteln (vgl. WAHLE 2010, S. 258). Dobischat und andere sehen eine wesentliche strukturelle Verbesserungsmaßnahme darin, den Absolventen/-innen aus dem Schulberufssystem den Zugang zur Kammerprüfung zu ermöglichen, um dadurch den vollschulischen Abschluss der dualen Ausbildung gleichzustellen (vgl. DOBISCHAT/MILOLAZA/STENDER 2009, S. 145). Doch welche Folgen hätte die Umsetzung dieser Vorschläge für die strukturellen Probleme im (Aus-)Bildungssystem in Deutschland und welchen Beitrag könnte sie zur Lösung der Problemstellung beitragen?
Zusammenfassung der Kapitel
1. Die Problemstellung: Einleitung in die Problematik des demografischen Wandels und der wachsenden Zahl von Jugendlichen im Übergangssystem bei gleichzeitigem Fachkräftemangel.
2. Zukünftige Entwicklungen im Berufsbildungssystem: Analyse der demografischen Daten, des sinkenden Schulabgängerpotenzials und der steigenden Qualifikationsanforderungen der Wirtschaft.
3. Die stille Begabungsreserve: Jugendliche im Übergangssystem: Untersuchung des Übergangssystems als Warteschleife und der Problematik, dass benachteiligte Jugendliche hier trotz Bedarf nicht in qualifizierende Ausbildung gelangen.
4. Inhaltlichen Akzentuierungen sowie Strukturreformen im beruflichen (Aus-)Bildungssystem: Erörterung verschiedener Reformkonzepte, von der inhaltlichen Optimierung der dualen Ausbildung bis hin zu strukturellen Alternativen wie Modularisierung oder Ausbau des Schulberufssystems.
5. Fazit: Zusammenfassende Bewertung der vorgestellten Maßnahmen und Hinweis auf die Notwendigkeit weiterer Untersuchungen, da kein Konzept für sich allein die strukturellen Probleme lösen kann.
Schlüsselwörter
Berufsbildung, Übergangssystem, Duale Ausbildung, Fachkräftemangel, Demografischer Wandel, Schulberufssystem, Modularisierung, Bildungsbausteine, Ausbildungsreife, Strukturreformen, Bildungsberichterstattung, Übergänge mit System, Qualifizierung, Arbeitsmarkt, Jugendliche
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der Herausforderung, dass einerseits ein Fachkräftemangel durch demografische Effekte droht und andererseits viele Jugendliche im sogenannten Übergangssystem zwischen Schule und Beruf festsitzen, ohne einen qualifizierenden Abschluss zu erreichen.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Zentral sind die Analyse der demografischen Entwicklung, der wandelnde Bedarf an Fachkräften in der Wissensgesellschaft sowie die kritische Auseinandersetzung mit verschiedenen Reformansätzen für das deutsche Berufsbildungssystem.
Welches primäre Ziel verfolgt der Autor?
Das Ziel ist es, inhaltliche und strukturelle Reformoptionen aufzuzeigen, mit denen die Zahl der Jugendlichen im Übergangssystem reduziert und deren Zugang zu vollqualifizierenden Ausbildungen verbessert werden kann.
Welche wissenschaftliche Methodik wird in der Arbeit verwendet?
Der Autor nutzt eine systematische Analyse und Bewertung bestehender bildungspolitischer Studien, Berichte und Fachliteratur, um unterschiedliche Reformkonzepte gegenüberzustellen.
Welche inhaltlichen Aspekte stehen im Hauptteil im Fokus?
Der Hauptteil behandelt die inhaltliche Stärkung der dualen Ausbildung sowie strukturelle Reformansätze wie den Ausbau der vollschulischen Ausbildung, die Modularisierung durch Bildungsbausteine und die Initiative „Übergänge mit System“.
Durch welche Schlüsselwörter lässt sich die Arbeit charakterisieren?
Die Arbeit lässt sich primär über die Begriffe Berufsbildung, Übergangssystem, Duale Ausbildung, Fachkräftemangel und Strukturreformen definieren.
Was ist das zentrale Problem des „Übergangssystems“ laut der Arbeit?
Es fungiert häufig als demotivierende Warteschleife, die zwar Milliarden an Steuergeldern verschlingt, aber dennoch keine nachhaltige Integration benachteiligter Jugendlicher in den Arbeitsmarkt erreicht.
Wie bewertet die Arbeit den Vorschlag einer „Modularisierung“?
Der Ansatz wird als fachlich stark umstritten dargestellt; während Befürworter eine Flexibilisierung und bessere Anrechnung von Kompetenzen sehen, warnen Kritiker vor einem Angriff auf das Konzept des „Facharbeiters“ und einer Entwertung der ganzheitlichen Ausbildung.
Welche Kritik äußert die Arbeit an der Initiative „Übergänge mit System“?
Obwohl das Konzept die Systeme systematisieren will, zweifelt die Arbeit an der methodischen Umsetzbarkeit, insbesondere bei der Frage, wie Ausbildungsreife valide festgestellt werden soll und ob diese tatsächlich mit dem späteren Ausbildungserfolg korreliert.
- Arbeit zitieren
- B. Sc. Christian Kißling (Autor:in), 2013, Neue inhaltliche Akzentuierungen sowie Strukturreformen im (Aus-)Bildungssystem als Reformimpuls, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/264604