Es werden die Erlkönig-Vertonungen von Zelterm Reichardt, Loewe und Schubert analysiert und interpretiert. Dabei werden (literatur-)historische und philosophische Strömungen und Aspekte mit einbezogen.
Goethes Erlkönig hat über Jahrhunderte hinweg einen Wirkungskreis erlangt, wie wohl kaum ein anderes lyrisches Werk: In vielfältiger Weise wurde es analysiert, interpretiert, karikiert und bot allerhand Stoff für psychoanalytische Deutungen. Nicht nur Literaten wurden von der Ballade zu Neu-, Um- und Weiterschöpfungen angeregt, auch und vor allem Komponisten fühlten sich von der lyrischen Arbeit Goethes inspiriert und machten sich daran, das Wesen der Ballade musikalisch einzufangen. So sind bis heute 131 Vertonungen des Erlkönig bekannt , viele Versionen vor allem von relativ unbekannten Musikern sind allerdings mittlerweile verschollen. Dennoch verfügt das erhaltene Repertoire noch immer über eine Vielzahl an sehr unterschiedlichen musikalischen Umsetzungen mitunter weltbekannter Persönlichkeiten, wie z.B. Schubert, Liszt oder Beethoven.
Aber nicht nur fühlten sich die Komponisten vom Erlkönig angezogen, Goethe selbst „suchte […] Künstler, denen er seine Gedichte anvertrauen konnte, damit sie diese durch die Musik erst vollendeten.“ So arbeitete Goethe während seiner Schaffungsperiode besonders mit Johann Friedrich Reichardt und Carl Friedrich Zelter zusammen, denen er viele seiner Werke zur Vertonung überließ, mit denen er teilweise neue Ideen und Texte entwickelte und mit denen ihn eine mitunter enge Freundschaft verband.
Goethe „war als Dichter vom Primat des Worts zutiefst überzeugt. Doch ein Gedicht vollendete sich in seinen Augen eigentlich erst, wenn man es vortrug, entweder rezitierend oder eben singend.“
Sieht oder hört man sich die einzelnen Vertonungen verschiedener Komponisten an, so fällt auf, dass die Ballade vielfältige musikalische Rahmenstrukturen versehen bekommen hat, die sich teilweise von Grund auf voneinander unterscheiden. Es soll von daher bei ausgewählten Musikwerken untersucht werden, welche Aspekte der Ballade auf welche Art und Weise wiedergegeben werden, welche ggf. unberücksichtigt blieben – und warum –, und welche Interpretation des Erlkönig sich daraus ableiten lässt. Für diese Untersuchung wurden aufgrund der starken persönlichen Bindung zu Goethe die Werke Reichardts und Zelters gewählt, sowie die Kompositionen Loewes und Schuberts, die damals wie heute als die besten Vertonungen des Erlkönig angesehen werden.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Hintergründe der ersten musikalischen Vertonung des Erlkönig von Corona Schröter
3. Die Vertonung von Johann Friedrich Reichardt (1798)
3.1.Reichardts Beziehung zu Goethe und zum Erlkönig
3.2.Analyse der Vertonung
3.3.Auswertung der Analyse
4. Die Vertonung von Carl Friedrich Zelter (1807)
4.1.Zelters Beziehung zu Goethe und zum Erlkönig
4.2.Analyse der Vertonung
4.3.Auswertung der Analyse
5. Die Vertonung von Franz Schubert (1815)
5.1.Schuberts Beziehung zu Goethe und zum Erlkönig
5.2.Analyse der Vertonung
5.3.Auswertung der Analyse
6. Die Vertonung von Carl Loewe (1818)
6.1.Loewes Beziehung zu Goethe und zum Erlkönig
6.2.Analyse der Vertonung
6.3.Auswertung der Analyse
7. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht, wie verschiedene Komponisten das lyrische Werk "Erlkönig" von Johann Wolfgang von Goethe musikalisch interpretieren und welche unterschiedlichen Aspekte der Ballade durch ihre jeweilige Vertonung in den Vordergrund gestellt werden. Ziel ist es, durch eine vergleichende Analyse der Werke von Reichardt, Zelter, Schubert und Loewe aufzuzeigen, wie musikalische Mittel genutzt werden, um die emotionalen und inhaltlichen Ebenen der Vorlage – insbesondere das Spannungsfeld zwischen der rationalen Welt des Vaters und der emotionalen Realität des Kindes – zu interpretieren und dabei gesellschaftliche Tabuthemen sowie philosophische Strömungen der Zeit zu reflektieren.
- Vergleichende Analyse musikalischer Interpretationen von Goethes Ballade "Erlkönig"
- Untersuchung der musikalischen Charakterisierung der Figuren (Vater, Sohn, Erlkönig)
- Die Rolle von Musik als Mittel zur Interpretation von Text und psychologischen Zuständen
- Einordnung der Kompositionen in den historischen und geistesgeschichtlichen Kontext (Aufklärung, Klassik, Sturm und Drang)
- Reflexion über gesellschaftliche Tabuthemen in der Musik des 18. und 19. Jahrhunderts
Auszug aus dem Buch
3.2. Analyse der Vertonung
Reichardts Erlkönig-Vertonung von 1793 ist ein Strophenlied im Sinne der Zweiten Berliner Liederschule. Die Stimmungen des Düsteren, des Eilenden, des Tragischen lässt er durch die Tonart Moll ausdrücken, verbunden mit einem raschen Tempo und einem jambischen Trabrhythmus, der den nächtlichen Ritt symbolisiert. Die epische Funktion liegt in Reichardts Vertonung klar in der Singstimme, die Klavierstimme dient überwiegend dem Zweck, die Singstimme zu begleiten. Sie ist nicht handlungsweisend oder -vorantreibend. Durch ihre Motivik jedoch prägt sie sowohl das Lokalkolorit der Ballade, als auch den Charakter des Erlkönigs: Der Bassgang, den man auch als Lamentobass bezeichnet, erinnert an kirchliche Trauergesänge und unterstreicht zusätzlich die tragischen Elemente des Erlkönigs.
Werden die Figuren des Kindes und des Vaters zwar nicht durch eine veränderte Klavierstimme skizziert, so doch durch die musikalischen Parameter der Tonstärke. Die Vaterstimme ist durchweg im forte angelegt, was im Kontrast zur Kinderstimme für die Selbstsicherheit des Vaters steht und für seinen festen Willen, das Kind zu beruhigen. Die Kinderstimme dagegen singt im piano, lediglich an charakteristisch signifikanter Stelle (T. 111, „Mein Vater, mein Vater […]“) erhebt sie sich ins fortissimo, konform zum epischen Klimax der Ballade.
Für die Dialogstrophen zwischen Vater und Sohn wahrt Reichardt – im Sinne eines Strophenliedes – die Melodik der Anfangsstrophe, die in ihrer Struktur und ihrem Aufbau klar und einfach gehalten ist. Bei den Worten des Erlkönigs wird diese Melodie dann – eine Oktave tiefer gesetzt – in das Klavier verlegt, während die Singstimme auf einem einzigen Ton verharrt. Durch dieses zeitgleiche Spiel mit Tonhöhe und -lage wird der Eindruck des Unheimlichen, Übersinnlichen auf einfachste Weise erreicht. Zusätzlich wird der Erlkönig durch das pianissimo als Geistwesen charakterisiert, das – zumindest in der Sinneswelt des Kindes – real zu existieren scheint.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die Bedeutung der Ballade ein, beleuchtet deren enorme Rezeptionsgeschichte durch Komponisten und legt das methodische Vorgehen der Untersuchung dar.
2. Hintergründe der ersten musikalischen Vertonung des Erlkönig von Corona Schröter: Dieses Kapitel thematisiert die Entstehung der ersten Vertonung durch Corona Schröter im Kontext ihres Singspiels "Die Fischerin" und beleuchtet die enge künstlerische Verbindung zu Goethe.
3. Die Vertonung von Johann Friedrich Reichardt (1798): Es werden Reichardts enge Zusammenarbeit mit Goethe, seine liedästhetischen Grundsätze und die strophische Umsetzung des "Erlkönig" analysiert, wobei der Fokus auf der stimmungsorientierten Komposition liegt.
4. Die Vertonung von Carl Friedrich Zelter (1807): Dieses Kapitel beleuchtet Zelters Position innerhalb der Zweiten Berliner Liederschule und analysiert seine strophische Variation sowie die Kontraste zwischen Dur-Klängen und Moll-Akzenten zur Charakterisierung der Figuren.
5. Die Vertonung von Franz Schubert (1815): Hier wird Schuberts Durchkomposition des "Erlkönig" untersucht, die durch das prominente Triolenmotiv und eine nuancierte musikalische Darstellung der psychologischen Zustände der Protagonisten besticht.
6. Die Vertonung von Carl Loewe (1818): Loewe wird als Balladenkomponist gewürdigt, wobei seine variierende strophische Form und der spezifische Einsatz epischer Stilelemente zur Verdeutlichung der Textschicht im Vordergrund stehen.
7. Fazit: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und hebt hervor, wie alle vier Komponisten die Ballade als Medium nutzen, um seelische Zustände und unbewusste emotionale Vorgänge im Spannungsfeld gesellschaftlicher Normen auszudrücken.
Schlüsselwörter
Erlkönig, Johann Wolfgang von Goethe, Musik, Vertonung, Ballade, Johann Friedrich Reichardt, Carl Friedrich Zelter, Franz Schubert, Carl Loewe, Strophenlied, Durchkomposition, Interpretation, Tonmalerei, Musikgeschichte, Psychologie
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die musikalische Vertonung von Goethes Ballade "Erlkönig" durch vier bedeutende Komponisten des 18. und 19. Jahrhunderts und deren jeweiligen Interpretationsansätze.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Zentral sind die musikalische Umsetzung des Textes, die Charakterisierung der Figuren durch Klangmittel, der Umgang mit der Form (Strophenlied vs. Durchkomposition) sowie die geistesgeschichtliche Einordnung der Werke.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie unterschiedliche musikalische Stilmittel genutzt werden, um die emotionalen Ebenen der Ballade zu interpretieren und wie die Komponisten damit interpretatorische Schwerpunkte setzen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine vergleichende musikwissenschaftliche Analyse, die historische Kontexte und musiktheoretische Parameter heranzieht, um die verschiedenen Vertonungen gegenüberzustellen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in Kapitel zu den Komponisten Reichardt, Zelter, Schubert und Loewe, in denen jeweils deren Beziehung zu Goethe, die musikalische Analyse der Vertonung und eine abschließende Auswertung erfolgen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit am besten?
Zu den wichtigsten Begriffen gehören "Erlkönig", "Goethe", "Vertonung", "Interpretation", "Strophenlied", "Durchkomposition" sowie die Namen der untersuchten Komponisten.
Wie unterscheidet sich Reichardts Ansatz von dem Schuberts?
Während Reichardt primär das Strophenlied favorisiert und sich stark auf die Stimmung konzentriert, wählt Schubert eine Durchkomposition, die durch ein intensives Triolenmotiv eine höhere Spannung erzeugt und psychologische Entwicklungen präziser abbildet.
Welche Rolle spielt die Person des Erlkönigs in den Vertonungen?
Die Komponisten charakterisieren den Erlkönig meist als ein Wesen einer anderen Realitätsebene, häufig durch spezifische Tonarten (wie A-Dur bei Zelter oder G-Dur bei Loewe) und eine pianissimo-Dynamik, was ihn als Verführer und Gefahr zugleich erscheinen lässt.
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- Mareike Paulun (Author), 2013, Goethes Erlkönig. Interpretation durch Vertonung, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/263309