Diese Arbeit widmet sich der, insbesondere in der angelsächsischen Forschung vorherrschenden, neuen Paulusauslegung. Seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts kann man hier von einer „New Perspective on Paul“ sprechen. Gemeint ist ein völlig neuer Ansatz in der Paulusforschung, bei welchem nicht nur das Zentrum paulinischer Theologie verrückt wurde, sondern auch eine historische Auseinandersetzung mit dem Judentum in die Analyse mit einbezogen wird. Ziel des ersten Teiles dieser Arbeit ist es, die New Perspective in ihren Grundzügen mittels ihrer bedeutendsten Vertreter Stendahl, Dunn und Sanders vorzustellen. In einem zweiten Teil werde sich die Autorin dann kritisch mit einigen der vorgestellten Theorien auseinandersetzen und Probleme sowie Chancen dieser neuen Betrachtungsweise aufzeigen. Dabei sollen wenn möglich auch deutschsprachige Publikationen mit einbezogen werden, um nicht den Eindruck zu erwecken, die deutschsprachige Theologie sei nach Bultmann stagniert. Hier ist ein kurzer Vergleich der christlichen Betrachtung auf Judentum und Islam zu finden. Zudem werden gelegentlich auch Kritikpunkte an der New Perspective genannt, doch eher um diese als Ausgangspunkt für die eigene Auseinandersetzung zu verwenden. Es soll nicht Ziel dieser Arbeit sein das Thema von allen Seiten zu beleuchten und einzelne Diskurse detailliert nachzuverfolgen.
Inhaltsverzeichnis
1. Die Säulen der New Perspective
1.1 Krister Stendahl
1.2 Ed Parish Sanders
1.3 James D.G. Dunn
1.4 Diskussion
1.4.1 Stendahl
1.4.2 Sanders
1.4.3 Dunn
2. Kritische Auseinandersetzung
2.1 Objektiver Blick auf andere Religionen
2.2 ἔργα νόµου
2.3 πίστις (Ἰησοῦ Χριστοῦ)
2.4 Impulse zur vertieften Auseinandersetzung
3. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit verfolgt das Ziel, die "New Perspective on Paul" als Paradigmenwechsel in der Paulusforschung vorzustellen, indem sie deren Grundzüge anhand bedeutender Vertreter wie Stendahl, Sanders und Dunn analysiert. Zudem erfolgt eine kritische Auseinandersetzung mit der Methodik und den theologischen Implikationen dieses Ansatzes im Kontext von Judentum und christlichem Selbstverständnis.
- Grundzüge der New Perspective on Paul
- Die Rolle des Judentums im paulinischen Denken
- Kritische Analyse zentraler Begriffe (ἔργα νόµου, πίστις Ἰησοῦ Χριστοῦ)
- Vergleich der Religionsstrukturen von Judentum und Christentum
- Potenziale und Grenzen soziologischer und missiologischer Deutungsansätze
Auszug aus dem Buch
1.2 Ed Parish Sanders
Sanders‘ große Leistung besteht in seiner Forschung über das palästinische Judentum zur Zeit Paulus‘. Diese wurde in seinem Werk „Paul and Palestinian Judaism. A Comparison of Patterns of Religion“ erstmals 1977 veröffentlicht. Darin versucht Sanders das Judentum des kleinsten gemeinsamen Nenners nachzuzeichnen. Dieses wird anschließend mit Paulus verglichen, wobei Sanders einen Struktur-, nicht Wesensvergleich der Religionen anstrebt. Dabei ist Religionsstruktur „...die Beschreibung, wie eine Religion von ihren Anhängern in ihrer Funktion verstanden wird.“ Als Quelle diente ihm das gesamte verfügbare Material des palästinischen Judentums von 200 v.Chr. bis 200 n.Chr., wobei er tannaitische Literatur, die Schriftrollen vom Toten Meer, die Apokryphen und Pseudepigraphen wie das Jubiläenbuch oder das 4. Esrabuch miteinbezog. Das Ziel der Arbeit ist „Pauli Religion und seine Auffassung von Religion mit derjenigen zu vergleichen, die in der pal.-jüd. Literatur zu erkennen ist.“
Dabei liegt ein besonderes Augenmerk auf der Beziehung Gesetz, Bund, Erwählung und Gnade innerhalb des jüdischen Selbstverständnisses. Sanders wendet sich gegen die Aussagen Webers, dass Gott im Judentum unnahbar sei und dass die Errettung individuell verdient werden müsse. Im Zentrum des palästinischen Judentums dieser Zeit stehe vielmehr der Bundesnomismus. Dieser beruht auf „...der Vorstellung, daß der Platz eines jeden Menschen im Plane Gottes durch den Bund begründet wird und daß der Bund als geziemende Antwort des Menschen dessen Befolgung der Gebote verlangt, während er bei Übertretungen Sühnmittel bereitstellt“. Die Gnade Gottes, die in der Erwählung und im Bund ausgedrückt wird, steht demnach vor dem Befolgen des Gesetzes. Von Werkgerechtigkeit könne keine Rede sein.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Die Säulen der New Perspective: Vorstellung der theoretischen Grundlagen durch Krister Stendahl, Ed Parish Sanders und James D.G. Dunn sowie eine erste Einordnung ihrer Beiträge.
2. Kritische Auseinandersetzung: Reflexion über die methodische Vorgehensweise, insbesondere bezüglich der Wahrnehmung anderer Religionen und der Interpretation zentraler paulinischer Fachbegriffe.
3. Fazit: Synthese der Ergebnisse, die feststellt, dass trotz methodischer Divergenzen ein Paradigmenwechsel im Verständnis des Verhältnisses von Judentum und paulinischer Theologie stattgefunden hat.
Schlüsselwörter
New Perspective on Paul, Paulusforschung, Judentum, Bundesnomismus, Rechtfertigung, Gesetz, Stendahl, Sanders, Dunn, ἔργα νόµου, πίστις, Soteriologie, Missionologie, Antisemitismus, Exegese
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert den Paradigmenwechsel in der modernen Paulusforschung, bekannt als "New Perspective on Paul", und hinterfragt das über Jahrhunderte dominierende reformatorische Paulusverständnis.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die Neubewertung des Judentums zur Zeit des Paulus, die Funktion des Gesetzes, die Rolle von "Werken" und "Glaube" sowie die kritische Reflexion des christlichen Blicks auf andere Religionen.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Ziel ist es, die Grundzüge der New Perspective mittels ihrer bedeutendsten Vertreter darzustellen und die Chancen sowie Probleme dieser neuen Betrachtungsweise kritisch aufzuzeigen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine Literaturanalyse der Erstwerke maßgeblicher Theologen der New Perspective und vergleicht deren Ansätze soziologisch und historisch mit dem Kontext des antiken Judentums.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil werden die Theorien von Stendahl, Sanders und Dunn im Detail erläutert, gefolgt von einer kritischen Debatte über Fachbegriffe wie "Werke des Gesetzes" und die theologischen Implikationen für den interreligiösen Dialog.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den Schlüsselwörtern zählen Paulusforschung, Bundesnomismus, Rechtfertigungslehre, Exegese, Judentum, Christentum und hermeneutische Paradigmenwechsel.
Welche Rolle spielt Krister Stendahl für die New Perspective?
Stendahl gilt als Pionier, der die Forderung nach einer "entlutherisierten" Paulusforschung aufstellte und den Fokus vom westlichen Gewissensbegriff hin zum Verhältnis von Juden und Heiden verschob.
Wie definiert Sanders den "Bundesnomismus"?
Sanders beschreibt den Bundesnomismus als ein System, in dem der Mensch durch Gnade und Erwählung in den Bund Gottes aufgenommen wird, während die Einhaltung der Gebote die angemessene Antwort und die Voraussetzung für das Verbleiben im Bund darstellt, nicht aber den Weg zum Heil.
Welche Kritik äußert die Arbeit an Dunn?
Die Arbeit hinterfragt Dunns soziologische Kategorisierung von christlichen Riten wie Taufe und Abendmahl als "boundary markers", da diese in der Praxis kaum als sichtbare Abgrenzung zu anderen Gemeinschaften funktionieren.
- Arbeit zitieren
- M.Phil Lydia Einenkel (Autor:in), 2009, Eine neue Perspektive auf Paulus, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/262967