In der heutigen öffentlichen Wahrnehmung gilt der Islam oft als intolerant und in der Zeit zurückgeblieben; Meinungen und Ansichten, die nicht mit islamischem Gedankengut vereinbar sind, würden von Muslimen kategorisch abgelehnt . Wer sich näher mit dem Islam beschäftigt, lernt bald, dass diese öffentliche Wahrnehmung ein Zerrbild des Islams abgibt, wirken doch die Muslime, die man zum Beispiel im Orientalistikstudium kennenlernt, gar nicht so intolerant und verschlossen gegenüber Neuem. Doch die Wenigsten kommen heute auf die Idee, der Islam könne ambiguitätstolerant, also aufgeschlossen gegenüber ambivalenten Diskursen, sein. Einer, der sich mit diesem Gedanken sehr intensiv beschäftigt hat, ist der Arabist und Islamwissenschaftler Thomas Bauer, der seit 2000 an der Universität Münster lehrt. In seinem Großessay Die Kultur der Ambiguität. Eine andere Geschichte des Islams stellt er dar, dass die heute im Islam vorherrschende Ambiguitätsintoleranz, sprich die Suche nach einer einzigen allgemein gültigen Wahrheit statt der Akzeptanz verschiedener parallel existierender Diskurse, ein Produkt der westlichen Moderne ist und durch den Kolonialismus in die arabisch-islamische Welt getragen wurde. Im vorkolonialen Nahen Osten hingegen war die muslimische Welt die ambiguitätstolerante Gesellschaft schlechthin.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Kulturelle Ambiguität
3. Spricht Gott mit Varianten?
4. Spricht Gott mehrdeutig?
5. Die Gnade der Meinungsverschiedenheit
6. Die Islamisierung des Islams
7. Sprachernst und Sprachspiel
8. Die Ambiguität der Lust
9. Der gelassene Blick auf die Welt
10. Auf der Suche nach Gewissheit
Zielsetzung und Themen
Die vorliegende Rezension setzt sich kritisch mit Thomas Bauers Werk „Die Kultur der Ambiguität. Eine andere Geschichte des Islams“ auseinander, um dessen zentrale These zu prüfen, dass der vor-moderne Islam durch eine hohe Ambiguitätstoleranz geprägt war, die erst durch den Kolonialismus verloren ging.
- Historische Untersuchung der Ambiguitätstoleranz im islamischen Kontext
- Kritische Analyse des westlichen Einflusses auf die moderne Wahrnehmung des Islams
- Methodische Hinterfragung der Quellenlage und Argumentationsstruktur des Autors
- Diskussion über das Spannungsfeld zwischen religiösen Normen und gesellschaftlicher Toleranz
Auszug aus dem Buch
Ambige Stilmittel: Das „Ersatzwort“
Thomas Bauer will stets beweisen, dass die arabische Kultur vor dem Kolonialismus so ambiguitätstolerant war, der Westen hingegen nicht. Dazu führt er beispielsweise folgendes Exempel aus seiner Paradedisziplin, der arabischen Literaturwissenschaft, an:
„Eines der wichtigsten Stilmittel der vor- und frühislamischen Dichtung ist das „Ersatzwort“, das darin besteht, daß ein Lebewesen oder ein Gegenstand nicht mit seinem gewöhnlichen Wort genannt wird, sondern mit einem Ausdruck, der eine Eigenschaft des Lebewesens beziehungsweise des Gegenstands bezeichnet. Ein Dichter hätte nicht gesagt: ‚Ich stieg auf ein Kamel und griff zu einem Schwert‘, sondern etwa: ‚Ich stieg auf ein Hellbraunes, Wüstendurchmessendes und griff zu einem Schneidigen, Blauglitzernden‘.“ (S. 234).
Dabei waren die arabischen Dichter nicht die Einzigen, die die Ambiguität in ihren „Ersatzwörtern“ so liebten. Auch im angeblich so ambiguitätsintoleranten Westen gab es solche ambiguitätsträchtigen Stilmittel in der Literatur: Die Kenningar. Solche „poetische Umschreibungen“ gab es nicht nur in der altnordischen Literatur des Mittelalters, sondern zum Beispiel auch in der altenglischen Literatur sowie in der vorchristlichen griechischen Poetik. In der dichterischen Sprache wird zum Teil sogar noch heute mit Kenningar gearbeitet. „Die einfache Kenning ist ein zweigliedriger Ersatz für ein Substantivum der gewöhnlichen Rede.“ So bedeutet zum Beispiel das altnordische unnar hestr ‚Pferd der Wellen‘ (=Schiff). Oft enthalten die altnordischen Kenningar Anspielungen auf die Mythologie: dœtr Ægis ‚Töchter Ægirs‘ (=Wellen). Um das Ambiguitätschaos zu vervollständigen, können die jeweiligen Ersatzwörter auch noch einmal durch eine Kenning umschrieben werden: So steht die Kenning ‚Göttin des Schnees auf des Habichts Landspitze‘ für eine mit Silberschmuck behängte, schöne Frau (Göttin = schöne Frau; Schnee = Silberschmuck; Habichts Landspitze = Arm).
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Dieses Kapitel führt in die Definition von Ambiguität ein und legt den theoretischen Rahmen für die historische Untersuchung im kulturellen Bereich fest.
Kulturelle Ambiguität: Hier wird der Ambiguitätsbegriff in verschiedenen Fachdisziplinen erläutert und auf den kulturellen Kontext der vorkolonialen islamischen Welt angewendet.
Spricht Gott mit Varianten?: Das Kapitel behandelt den Variantenreichtum innerhalb des Korans und dessen Akzeptanz als gottgewollt.
Spricht Gott mehrdeutig?: Hier liegt der Fokus auf der Ambiguitätszähmung, die als Reaktion auf Ambiguitätskrisen in der Geschichte auftrat.
Die Gnade der Meinungsverschiedenheit: Anhand juristischer Beispiele wird dargelegt, wie Meinungsverschiedenheiten in der islamischen Rechtstradition diskutiert wurden.
Die Islamisierung des Islams: Bauer kritisiert die pauschale Bezeichnung „islamische Kultur“ und plädiert für eine differenziertere Betrachtung des arabisch-islamischen Raums.
Sprachernst und Sprachspiel: Dieses Kapitel analysiert die literarischen Stilmittel der Ambiguität in arabischen Texten und vergleicht diese mit westlichen Traditionen.
Die Ambiguität der Lust: Es werden die Unterschiede zwischen westlichen und nahöstlichen Sexualitätsdiskursen untersucht, wobei Bauer den historischen Wandel hervorhebt.
Der gelassene Blick auf die Welt: Das Kapitel untersucht die historische Trennbarkeit von Religion und Politik im Islam.
Auf der Suche nach Gewissheit: Hier wird die Position der Skeptiker in der islamischen Geistesgeschichte anhand der Lehren von ar-Rāzī beleuchtet.
Schlüsselwörter
Ambiguität, Ambiguitätstoleranz, Islamwissenschaft, Thomas Bauer, arabische Kultur, Diskurspluralität, Kolonialismus, Literaturwissenschaft, Rechtsgeschichte, Sexualitätsdiskurs, kulturelle Identität, Wahrheitsanspruch, Koran, Rechtsschulen, Historizität.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Rezension im Kern?
Die Arbeit rezensiert Thomas Bauers Buch „Die Kultur der Ambiguität“ und prüft seine These, dass der Islam historisch eine hochgradig ambiguitätstolerante Gesellschaft war.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Die Schwerpunkte liegen auf der arabischen Literatur, der islamischen Rechtsgeschichte, dem Umgang mit religiöser Wahrheit und dem historischen Einfluss des Kolonialismus auf den Islam.
Was ist das primäre Ziel der wissenschaftlichen Analyse?
Das Ziel ist die kritische Hinterfragung, ob Bauers Darstellung einer „anderen Geschichte des Islams“ der historischen Realität entspricht oder ob sie methodische Schwächen aufweist.
Welche Methode wird in der Rezension verwendet?
Die Rezensentin nutzt eine textimmanente Analyse, bei der sie Bauers Thesen mit historischem Fachwissen sowie anderen wissenschaftlichen Quellen abgleicht und bewertet.
Was wird im Hauptteil der Rezension behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich entlang der Kapitel des Buches, von der begrifflichen Einleitung über literarische Stilmittel bis hin zur Kritik am Umgang mit religiösen Minderheiten.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Die zentralen Begriffe sind Ambiguitätstoleranz, Universalisierungsanspruch, arabische Literatur und methodische Quellenkritik.
Wie bewertet die Autorin Bauers Umgang mit Quellen?
Sie kritisiert eine zum Teil dünne Literaturbasis, das Fehlen primärquellennaher Belege in einigen Kapiteln und die Tendenz des Autors, sich wiederholt selbst zu zitieren.
Wie steht die Rezensentin zum Thema der religiösen Minderheiten?
Sie bemängelt, dass Bauer die Verfolgung innerislamischer Minderheiten wie Schiiten oder Aḥmadiyya verschweigt, um seine These einer liberalen Gesellschaft zu stützen.
- Arbeit zitieren
- BA Marina Schauer (Autor:in), 2013, Rezension: Die Kultur der Ambiguität. Eine andere Geschichte des Islams (Thomas Bauer), München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/233645