Heute sehen die meisten Menschen Justitia als Tugend der Juristerei. Gerechtigkeit sei demnach eine Tugend, derer sich die Juristen vor Gericht bedienen sollten, die der Staat seinen Bürgern verspricht und im Rahmen der Einhaltung der Gesetze auch von ihnen einfordert. Gerechtigkeit erscheint damit an Gesetze gebunden. Justitia kommt erst zum Tragen, wenn Recht gebrochen wurde und Unrecht geschehen ist.
Ein Blick in die Geschichte zeigt jedoch schnell, dass sich dieses Bild nicht auf andere Epochen übertragen lässt, dass es das Ergebnis jüngerer Entwicklungen ist. Das Beispiel der Stadt Lemgo während der Frühen Neuzeit offenbart, dass der Gedanke, der mit Justitia verbunden wurde, deutlich vielfältiger und allgemeingültiger war, als sich es die Menschen heute vorstellen würden.
Mit der Zeit hat ein Wandel, gar ein Bruch in der Wahrnehmung stattgefunden. Kaum einer wür-de Justitia heute als Tugend der Kaufleute betrachten. Aber als solche zeigt sich die Allegorie der Gerechtigkeit in Lemgo der Frühen Neuzeit. Darüber hinaus erscheint sie als eine Tugend, die alle Lebensbereiche durchdrang, alle Menschen umfasste und weit mehr war, als bloßes Schmuckwerk oder Mittel der Demonstration gerichtlicher Privilegien oder Ansprüche. Sie war nicht nur eine Tugend der Juristen, sondern aller Menschen.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung: Die Sprache der Bilder
1. Die Geschichte der Justitia
2. Lemgoer Stadtgeschichte
3. Justitia in Lemgo
Fazit: Iustitia est humanum bonum
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Bedeutung und Funktion von Justitia-Darstellungen in der Stadt Lemgo während der Frühen Neuzeit, um aufzuzeigen, wie diese bildlichen Zeugnisse als Mittel der Identitätsbildung, der sozialen Repräsentation und der politischen Kommunikation fungierten.
- Historische Entwicklung der Justitia-Allegorie
- Strukturelle Rolle der Justitia in der Lemgoer Stadtgeschichte
- Repräsentationsformen in sakralen und profanen Räumen
- Zusammenhang zwischen Bildprogramm und gesellschaftlichem Selbstverständnis
- Die Funktion der Justitia als Mittel der Identitätsstiftung und Sozialdisziplinierung
Auszug aus dem Buch
3. Justitia in Lemgo
Die wohl älteste noch nachweisbare Lemgoer Justitia-Darstellung dieser Epoche befindet sich noch heute am so genannten Kerssenbrockschen Hof (Abb. 1) in der Papenstraße. Der Giebel des Erkers trägt die vermutlich aus dem Jahre 1567 stammende Sandsteinfigur. Bauherr war Franz d.J. von Kerssenbrock. Justitia hält ein gen Himmel weisendes Schwert in ihrer Rechten und eine Waage in der Linken und ist mit einem schlichten Gewand nur leicht bekleidet. Der Erker trägt noch die acht Vollwappen der Familien Kerssenbrock, Weyhe, Möllenbeck, Klencke, Alten, Mahrenholtz, Bussche und Alvensleben.
Während das Epitaph für Franz von Kerssenbrock in der Lemgoer Nicolai-Kirche und die Leichenpredigt für ihn die religiösen Werte widerspiegelten, dokumentierte das Bildprogramm an der Hausfassade die weltlichen Werte des Franz von Kerssenbrock. Dieser sah anscheinend die Gerechtigkeit als die wichtigste weltliche Tugend an und demonstrierte mit ihr, seiner gesellschaftlichen Position entsprechend, die Gemeinwohlorientierung. Zusammen mit den Wappen diente Justitia als Legitimationsmittel – Legitimation durch Gemeinwohlorientierung und adlige Abstammung. In diesem Kontext sollte die Waage vermutlich darauf verweisen, dass in einer Gemeinschaft jeder das bekomme, was ihm zusteht. Das Schwert war Zeichen des Schutzes und Versprechen, dass Gerechtigkeit aufrecht gehalten werde.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Die Sprache der Bilder: Einführung in die Bedeutung vormoderner Bildsprache und Darlegung der zentralen Fragestellung bezüglich der Justitia-Darstellungen in Lemgo.
1. Die Geschichte der Justitia: Analyse des Bedeutungswandels der Justitia von einer religiösen Mittlerin hin zu einem säkularen Sinnbild für weltliche Gerechtigkeit und gute Regierungsführung.
2. Lemgoer Stadtgeschichte: Darstellung der städtischen Entwicklung Lemgos im Spannungsfeld zwischen bürgerlicher Autonomie und landesherrlicher Herrschaft in der Frühen Neuzeit.
3. Justitia in Lemgo: Untersuchung spezifischer Fallbeispiele von Justitia-Darstellungen in Lemgo und deren Funktion als politische Botschaft und soziales Identitätsmerkmal.
Fazit: Iustitia est humanum bonum: Zusammenfassende Betrachtung der Ergebnisse, die Justitia als vielschichtiges Symbol städtischen Stolzes und gesellschaftlichen Selbstverständnisses bestätigt.
Schlüsselwörter
Justitia, Lemgo, Frühe Neuzeit, Gerechtigkeit, Bildsprache, Stadtgeschichte, Identitätsbildung, Ratsherrschaft, Stadtregiment, Allegorie, Symbolik, Gemeinwohlorientierung, Rechtsgeschichte, Sozialdisziplinierung, Reformationszeit.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der Analyse von Justitia-Darstellungen in der Stadt Lemgo während der Frühen Neuzeit und deren Bedeutung als visuelle Kommunikation.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die historische Ikonographie der Gerechtigkeitsallegorie, das politische Selbstverständnis der Lemgoer Stadtgesellschaft und die Verbindung von Bildprogramm und gesellschaftlichem Kontext.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, die Orte und den Zweck der Justitia-Darstellungen zu identifizieren und zu klären, welche Botschaften die Auftraggeber damit vermitteln wollten.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Untersuchung nutzt Panofskys Dreischrittschema zur Bedeutungsanalyse von Bildwerken sowie eine vergleichende Einbeziehung historischer stadtgeschichtlicher Forschung.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert konkrete Darstellungen – wie am Kerssenbrockschen Hof oder dem Hexenbürgermeisterhaus – und bettet diese in den Kontext der städtischen Herrschaftsstrukturen ein.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Justitia, Lemgo, Frühe Neuzeit, Gemeinwohlorientierung und Identitätsbildung charakterisiert.
Welche Rolle spielt der Kerssenbrockscher Hof für die Untersuchung?
Er beherbergt die älteste noch nachweisbare Justitia-Darstellung dieser Epoche in Lemgo aus dem Jahr 1567 und dient als Ausgangspunkt für die Analyse weltlicher Werte.
Was macht die Justitia am Neuen Ratsstubenerker so ungewöhnlich?
Sie ist janusköpfig dargestellt, trägt keine Waage und bildet das Zentrum einer Tugendgruppe, was sie als besonders bewusste und gezielte Botschaft der Obrigkeit auszeichnet.
Warum ist die Stiftung des Krameramtsleuchters 1606 politisch relevant?
Die Stiftung demonstrierte den Zusammenhalt und das Selbstbewusstsein der städtischen Oberschicht während einer Phase intensiver Konflikte und Handelssperren durch den Landesherrn.
- Arbeit zitieren
- Dr. Christina Niemann (Autor:in), 2013, Iustitia est humanum bonum, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/233424