In ihrem Arbeitsalltag müssen Pflegende wie auch Ärzte moralische Entschei-dungen treffen. Moral bezeichnet dabei „die Verhaltensnormen der gesamten Gesellschaft oder einer Gruppe, die aufgrund von Tradition akzeptiert und stabili-siert werden“ (Körtner 2004). So hat laut Körtner (2004) auch jede Berufsgruppe ihre Moral. Pflegende, Mediziner und Angehörige können bei hirntoten Patienten, gerade bei Organentnahmen, aber auch moralisch an ihre Grenzen stoßen. Staatliche Gesetze können zwar Entscheidungen vorgeben und ein Handeln in eine gewisse Richtung erzwingen, sind aber nicht für jedermann moralisch kor-rekt. Wer darf entscheiden, ob Organe entnommen werden sollen? Sollte man den Patienten als sterbend oder tot ansehen? Ist es moralisch vertretbar, wenn Chirurgen zynische Witze über den Patienten von sich geben, während sie seine Organe entnehmen oder ist dies ihm gegenüber unwürdig? Diese wissenschaftli-che Ausarbeitung soll diesen Fragen nachgehen und verschiedene Perspektiven aufzeigen. Dabei soll zuerst der Begriff Würde näher erläutert werden. Hinterher wird die Frage beleuchtet, ob Hirntote Menschen als sterbend oder tot anzusehen sind. Dabei wird der Fokus überwiegend auf die politische Diskussion von 1997 gelegt. Im letzten Kapitel soll dann anhand mehrerer philosophischer Perspektiven der Frage nach der Existenz von Würde bei Hirntoten nachgegangen werden.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
1 Was ist Würde?
2 Sind Hirntote als sterbend oder tot anzusehen?
3 Haben Hirntote Würde?
Zielsetzung & Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht die ethische Problematik des Umgangs mit hirntoten Patienten im Kontext der menschlichen Würde. Dabei liegt der Fokus auf der Frage, wie medizinische Entscheidungen, insbesondere im Hinblick auf die Organentnahme, moralisch zu bewerten sind und welche philosophischen Konzepte den Begriff der Würde für Hirntote definieren oder in Frage stellen.
- Ethische Grundlagen des Begriffs Würde in der Philosophie
- Medizinische und gesellschaftliche Diskussion um das Hirntodkonzept
- Rechtliche Rahmenbedingungen zur Organentnahme und zum Schutz der Würde
- Kritische Analyse utilitaristischer Positionen gegenüber ontologischen Würdebegriffen
Auszug aus dem Buch
1 Was ist Würde?
Der Begriff Würde wird täglich von uns benutzt. Sei es in den Medien, wenn von einem würdevollen Abschied oder unwürdigem Verhalten die Rede ist. Oder auch in der alltäglichen Sprache, wenn es heißt: „Das war absolut würdelos!“ Selbst im Grundgesetz ist der Begriff, wie allseits bekannt, fest verankert: „Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt“ (Art.1 Abs. 1 GG 1949). Sollte es da nicht gerechtfertigt sein, zu hinterfragen, was das Wesen der Würde ausmacht? Wovon reden wir eigentlich, wenn wir das Wort Würde verwenden?
Nach der deontologischen Ethik von Immanuel Kant existiert der Mensch „als Zweck an sich und nicht nur als Mittel zum Gebrauch eines beliebigen Willens“ (Pfabigan 2004). Dabei gehört die Würde zu den Zwecken, hat jedoch den besonderen Status, dass sie als innerer Wert unverkäuflich ist: „[…] was dagegen über jeden Preis erhaben ist, mithin kein Äquivalent verstattet, das hat eine Würde […]“ (Kant 1961). Nach Pfabigan (2004) schreibt Kant einem Menschen aufgrund seiner Autonomie Würde zu. Unter Autonomie versteht er ein Vernunftwesen, also ein Lebewesen, dass seinem Handeln selbstständig Gesetze geben kann.
Kant unterscheidet hier die zwei wesentlichen Merkmale der Würde. Zum einen besitzt der Mensch die Würde als inneren, unverkäuflichen Wert. Also kraft seines Menschseins und von Geburt an, man spricht auch von einem Wesensmerkmal oder einer Seinsbestimmung. Zum anderen muss er jedoch auch vernünftig handeln, was zwar auch eine menschliche, angeborene Fähigkeit darstellt, jedoch genauso einem Gestaltungsauftrag gleichkommt. Dabei hängt es von einem Menschen selbst ab, ob es Würde gibt. Er muss unter der Achtung von Gesetzen leben und sich dementsprechend verhalten.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die moralischen Herausforderungen für medizinisches Personal im Umgang mit hirntoten Patienten und führt in die zentrale Fragestellung der Arbeit ein.
1 Was ist Würde?: Dieses Kapitel analysiert das philosophische Verständnis von Würde, insbesondere anhand der Konzepte von Immanuel Kant sowie historischer und christlicher Weltanschauungen.
2 Sind Hirntote als sterbend oder tot anzusehen?: Hier wird die gesellschaftliche und rechtliche Debatte um das Hirntodkonzept, insbesondere im Hinblick auf die Todesdefinition und Organentnahme, kritisch erörtert.
3 Haben Hirntote Würde?: Das Kapitel setzt sich mit unterschiedlichen philosophischen Positionen auseinander, die dem Hirntoten Würde zusprechen oder diese aufgrund utilitaristischer oder naturalistischer Argumente ablehnen.
Schlüsselwörter
Hirntod, Würde, Ethik, Organentnahme, Patienten, Autonomie, Sterben, Transplantationsmedizin, Menschenwürde, Philosophie, Moralphilosophie, Hirntodkonzept, Schutz der Würde
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit den ethischen und moralischen Aspekten der Behandlung von hirntoten Patienten, wobei der Fokus auf dem Spannungsfeld zwischen medizinischer Praxis und der Wahrung der menschlichen Würde liegt.
Was sind die zentralen Themenfelder der Publikation?
Die zentralen Themen umfassen die Definition des Würdebegriffs, die rechtliche und gesellschaftliche Debatte zum Hirntod sowie verschiedene philosophische Perspektiven auf den Status von Hirntoten.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, verschiedene philosophische Sichtweisen zur Würde bei hirntoten Patienten aufzuzeigen und die Komplexität der moralischen Entscheidungsfindung im pflegerischen und ärztlichen Alltag zu verdeutlichen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine wissenschaftliche Ausarbeitung, die auf einer Literaturanalyse philosophischer, ethischer und rechtlicher Quellen sowie der Diskussion politischer Debatten (wie der TPG-Gesetzgebung von 1997) basiert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert den ontologischen versus den bewusstseinstheoretischen Würdebegriff, diskutiert die Kriterien der Todesfestlegung und beleuchtet die kontroversen Thesen von Philosophen wie Peter Singer und Franz Josef Wetz.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Hirntod, Würde, Autonomie, Organentnahme, Ethik, Menschenwürde und Transplantationsmedizin.
Welche Rolle spielt das deutsche Transplantationsgesetz für die Argumentation?
Das Transplantationsgesetz von 1997 dient als rechtlicher Referenzpunkt, um zu zeigen, wie die deutsche Gesetzgebung Hirntoten Würde zuspricht, während gleichzeitig eine Lücke hinsichtlich praktischer Standards für einen „würdevollen Umgang“ besteht.
Wie unterscheidet sich die Position von Peter Singer von der im Grundgesetz verankerten Auffassung?
Während das Grundgesetz die Würde des Menschen als unantastbar und ontologisch gegeben betrachtet, vertritt Singer einen utilitaristischen Ansatz, der Würde an Bewusstsein und Interessen knüpft, wodurch Hirntoten der Status als schützenswerte Person abgesprochen wird.
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- Timm-Oliver Lübben (Author), 2013, Der Umgang mit hirntoten Patienten im Kontext der Würde, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/233211