Im Feld der Kommunikation tritt der Dualismus von Körperwelt und Geisterwelt, der von Jean Paul in ein dynamisches Spannungsverhältnis der Wechselbeziehung gesetzt wird, in einen Bereich ein, der sich gerade über die reziproke Abhängigkeit zweier differenter Bereiche definiert. So durchzieht das Sprechen der durch den störenden Leib verhinderten Seele bei gleichzeitiger Unentrinnbarkeit deren Koinzidenz den "Siebenkäs", wie alle Werke Jean Pauls. Die Frage nach der Aufhebung der Differenzen in ihrem Einvernehmen oder die Frage nach Störungen im Kommunikationsalltag werden, neben der Frage, wer denn nun eigentlich kommuniziert und welche Kommunikationsmedien wann und wie eingesetzt werden können, dezidiert betrachtet und reflektiert, analysiert und modellhaft in das lyrische Welttheater eingesetzt.
Inhaltsverzeichnis
Vorbemerkung
Kommunikation – Differenz und Einheit, Zirkularitäten.
Der Charakter als Präfiguration der Kommunikationsbedingungen
Exkurs: Die „algebraische Gleichung“
Figurenkommunikation
Geräusche der inneren Leere: Kommunikation am Beispiel Lenettes mit dem Venner Rosa von Meyern und dem Schulrat Stiefel
Sprechen der Geister (Kommunikation der hohen Seelen) Siebenkäs und Natalie; Siebenkäs und Leibgeber
Exkurs: Was das Papier mit dem Tod zu tun hat
Siebenkäs und Lenette
Exkurs: Der Name Siebenkäs – was soll der Käs
Resümee
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Formen der Kommunikation in Jean Pauls Roman „Siebenkäs“. Ziel ist es, die Verarbeitung des Leib-Seele-Problems als basales Element der Kommunikation aufzuzeigen und zu analysieren, welchen Lösungsweg Jean Paul für die damit verbundenen Spannungsfelder findet.
- Kommunikationstheoretische Grundlagen bei Jean Paul
- Die Funktion literarischer Charaktere und ihrer Medien
- Die Dichotomie von Körperwelt und Geisterwelt
- Die Rolle der Schriftlichkeit als Kommunikationsmedium
- Kommunikationsstörungen am Beispiel zentraler Romanfiguren
Auszug aus dem Buch
Kommunikation – Differenz und Einheit, Zirkularitäten.
Das Individuum situiert sich kommunikativ in seiner gesellschaftlichen Umwelt und unterwirft sich damit zwangsläufig der Aufgabe, sich einerseits in den Konventionen und dem Regelsystem der Gesellschaft zu bewegen, sich andererseits aber gerade durch den kommunikativen Akt als individuelles, von allen anderen Mitgliedern des Systems zu unterscheidendes Einzelwesen zu definieren. Damit positioniert sich die Kommunikation im Spannungsverhältnis des harmonischen Miteinanders (denn der Mensch befindet sich in einem Abhängigkeitsverhältnis zur Gesellschaft) und der abgrenzenden bzw. konkurrierenden Differenzierung. Ihr obliegt die Aufgabe ein adäquates, die Existenz sicherndes Verhältnis, zwischen diesen diametralen Funktionen der personellen Interaktion herzustellen und so zwischen dem Individuum und der Umwelt zu vermitteln. Die Form der Kommunikation ist dabei weder wohldefiniert, noch greifbar, da sie sich im kommunikativen Akt durch die von den jeweiligen Interaktanten veräußerten Beiträge immer wieder neu und individuell konstituiert.
Es eröffnet sich ein virtueller Raum, in welchem in reziproker Abhängigkeit eine potentielle Übereinstimmung zweier Personen stattfinden kann, indem über verschiedene Kanäle eine Verbindung, eine Übereinstimmung, ein Verstehen, ein Konsens in zumindest einem Teilbereich der jeweils individuell generierten Wahrnehmungswirklichkeit herzustellen versucht wird. Dieses Ideal einer harmonischen, zielorientierten Kommunikation der Übereinstimmung fordert aber eine Beseitigung von Herrschaftsverhältnissen, eine Eliminierung von Differenzen und führt letztlich zur Aufhebung der Individualitäten. Diese aus der harmonischen Konzeption von Kommunikation resultierende Nivellierung der Individuen, steht einer weiteren Intention der Kommunikation, der Konstition des Individuums als differentes Einzelwesen über den kommunikativen Akt diametral entgegen. Kommunikation präsentiert sich bereits hier in einer doppelten Mittelposition. Sie soll einerseits zwischen den Einzelindividuen vermitteln, anderseits einen Mittelweg zwischen Anpassung und Individualität austarieren.
Zusammenfassung der Kapitel
Vorbemerkung: Einführung in die theoretische Problematik der Kommunikation und Verortung des Leib-Seele-Dualismus im Werk Jean Pauls.
Kommunikation – Differenz und Einheit, Zirkularitäten.: Analyse der kommunikativen Positionierung des Individuums zwischen gesellschaftlicher Anpassung und individueller Differenzierung.
Der Charakter als Präfiguration der Kommunikationsbedingungen: Untersuchung der Bedeutung literarischer Charaktere als Handlungs- und Geschichtsträger sowie ihrer Abhängigkeit von Kommunikationsmedien.
Exkurs: Die „algebraische Gleichung“: Analyse der fiktiven Einheit von Siebenkäs und Leibgeber als Realisierung eines philosophischen Konstrukts.
Figurenkommunikation: Untersuchung der interfiguralen Kommunikation unter Berücksichtigung verschiedener kommunikationstheoretischer Paradigmen.
Geräusche der inneren Leere: Kommunikation am Beispiel Lenettes mit dem Venner Rosa von Meyern und dem Schulrat Stiefel: Darstellung der Kommunikationsstörungen bei Lenette durch deren Zuordnung zur "Maschine" und dem damit verbundenen Fehlen authentischer Innerlichkeit.
Sprechen der Geister (Kommunikation der hohen Seelen) Siebenkäs und Natalie; Siebenkäs und Leibgeber: Analyse der Kommunikation unter "hohen Seelen" und die Rolle der Liebe sowie des Todes als transzendierende Elemente.
Exkurs: Was das Papier mit dem Tod zu tun hat: Reflexion über die schriftstellerische Praxis als Form der Unsterblichkeit und Überwindung der Zeit.
Siebenkäs und Lenette: Detaillierte Untersuchung der gescheiterten Kommunikation innerhalb der Ehe zwischen Siebenkäs und Lenette.
Exkurs: Der Name Siebenkäs – was soll der Käs: Semiotische Analyse der Namensgebung als Repräsentant für den "ganzen Menschen" im Spannungsfeld zwischen Endlichkeit und Unendlichkeit.
Resümee: Zusammenfassende Betrachtung der Erkenntnisse über Kommunikation als "normale Unwahrscheinlichkeit" im Werk Jean Pauls.
Schlüsselwörter
Kommunikation, Jean Paul, Siebenkäs, Leib-Seele-Problem, Anthropologie, Differenzierung, Kommunikationstheorie, Literaturwissenschaft, Schriftlichkeit, Individualität, Charakterdarstellung, Zeichentheorie, Leibgeber, Lenette, Mimesis
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Lizentiatsarbeit untersucht die vielschichtigen Kommunikationsformen in Jean Pauls Roman „Siebenkäs“ und beleuchtet das Spannungsfeld zwischen der Materialität des Körpers und der Immaterialität des Geistes.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Im Mittelpunkt stehen die Kommunikationstheorie im 18. Jahrhundert, der anthropologische Diskurs über das Leib-Seele-Verhältnis, die Rolle der Schrift als Medium und die Charaktertypologie bei Jean Paul.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es aufzuzeigen, wie Jean Paul Kommunikation als dynamisches Spannungsfeld zwischen Einheit und Differenz darstellt und welche Rolle die Poesie sowie die Schriftlichkeit bei der Konstruktion individueller Identität spielen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit kombiniert literaturwissenschaftliche Analyse mit kommunikationstheoretischen Ansätzen (u.a. unter Rückgriff auf Watzlawick und Luhmann), um die Interaktionen der Romanfiguren zu deuten.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil analysiert die Kommunikationspraxis verschiedener Charaktergruppen, das Scheitern der Kommunikation bei der Figur Lenette ("Maschinenmensch") sowie die metaphysische Kommunikation der "hohen Seelen".
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Begriffe wie Kommunikation, Differenz, Identität, Schriftlichkeit, Dualismus, Fiktionalität, sowie spezifische jeanpaulsche Konzepte zur Charakterbildung und zur "Vorschule der Ästhetik" sind zentral.
Warum wird Lenette als „Maschine“ charakterisiert?
Sie wird durch ihren Mangel an individueller Innerlichkeit und ihr rein pragmatisches, funktionales Sprechen als eine Figur definiert, die nach digitalen Mustern funktioniert und somit nicht zur metakommunikativen Reflexion fähig ist.
Was bedeutet die „algebraische Gleichung“ im Kontext von Siebenkäs und Leibgeber?
Sie symbolisiert die Quasi-Gleichheit der beiden Charaktere, die sich eine Seele in zwei Körpern teilen und damit eine komplexe Aufspaltung und Vervielfältigung der Identität in Jean Pauls Werk repräsentieren.
- Arbeit zitieren
- Simone Jordan (Autor:in), 2006, Formen der Kommunikation in Jean Pauls Roman "Siebenkäs", München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/233196