Artemisia Gentileschi gilt als die wohl erfolgreichste Künstlerin des Barocks und war die erste Frau in der westlichen Geschichte die das Konzept des Künstlergenies erfüllte. Nach ihrem Tod geriet sie für fast 350 Jahre in Vergessenheit, bis Roberto Longhi 1916 maßgeblich zu ihrer Wiederentdeckung beitrug und sie als „einzige Frau in Italien, die jemals wusste, was Malerei, Kolorit [und] Farbauftrag ist“, pries. Als angesehene Künstlerin reiste sie in ihrem Leben viel und arbeitete für verschiedene Auftraggeber.
Die vorliegende Arbeit befasst sich mit Artemisia Gentileschis Zeit in London und ihrer dortigen Zusammenarbeit mit ihrem Vater Orazio, sowie den letzten Jahren ihres Lebens, die sie in Neapel verbrachte. Beginnend mit ihrer Zeit am englischen Hof, soll neben dem Königspaar auch das Queen‘s House kurz vorgestellt werden. Anschließend soll auf die Deckenpanelen, bei deren Fertigstellung Artemisia ihrem Vater helfend zur Seite stand, eingegangen werden.
Der zweite Teil dieser Arbeit befasst sich mit Artemisia Gentileschis letzten Lebensjahren in Neapel. Ihre Korrespondenz mit Don Antonio Ruffo spielt dabei eine große Rolle, da der Briefkontakt zwischen den Beiden die einzige schriftliche Überlieferung aus Artemisias letzten Jahren darstellt. Vergleicht man die Werke der reifen Künstlerin mit einem ihrer früheren Gemälde, fällt ein Wandel in der Darstellung von Weiblichkeit auf. Mögliche Ursachen für diesen Wandel sollen genannt und die Veränderung des Stils anhand verschiedener Bathsebaversionen deutlich gemacht werden. Abschließend werden die satirischen Grabinschriften vorgestellt, anhand welcher das ungefähre Todesdatum der Künstlerin festgemacht wird. Im Anhang befindet sich zudem eine Werksübersicht der letzten Jahre der Künstlerin .
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Artemisia in London
2.1 Charles I und Henriette Marie
2.2 Das Queen‘s House
2.3 Orazio und Artemisias Allegorie des Friedens und der Künste unter der Herrschaft der englischen Krone
2.4 Artemisias Rückkehr nach Neapel
3. Zurück in Neapel: Artemisias letzte Jahre
3.1 Artemisias Kontakt mit Don Antonio Ruffo
3.2 Artemisias Spätwerk – Neudefinierung oder Anpassung?
3.2.1 Die Bathseba im Bade
3.3 Tod
4. Fazit
5. Anhang
5.1 Werksverzeichnis 1640 – 1635
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die künstlerische Tätigkeit von Artemisia Gentileschi während ihres Aufenthalts am englischen Hof von Charles I. sowie ihre letzte Lebensphase in Neapel. Ein zentrales Ziel der Arbeit ist es, die Rolle der Künstlerin bei der Fertigstellung der Deckengemälde im Queen’s House zu beleuchten und den Wandel ihres künstlerischen Stils im Spätwerk, insbesondere im Kontext ihrer Korrespondenz mit Don Antonio Ruffo und der veränderten Darstellung von Weiblichkeit, kritisch zu analysieren.
- Artemisia Gentileschis Zusammenarbeit mit Orazio Gentileschi in London.
- Die Bedeutung der Korrespondenz mit Don Antonio Ruffo für die Dokumentation ihrer letzten Lebensjahre.
- Stilistische Analyse der "Bathseba"-Versionen als Indikator für künstlerische Neudefinierung.
- Untersuchung des Wandels in der Darstellung von Weiblichkeit im Spätwerk.
- Einordnung des Geschäftssinns und der ökonomischen Situation der Künstlerin.
Auszug aus dem Buch
Artemisias Kontakt mit Don Antonio Ruffo
Die letzte Periode von Artemisias Karriere war dominiert von ihrer Beziehung zu Don Antonio Ruffo von Sizilien, den sie 1649 persönlich kennen lernte. Zu dieser Zeit hatte Artemisia ihm bereits ein Gemälde der Galatea gesendet. Zwischen Januar 1649 und August 1650 hat sie ihm mindestens zwei weitere Werke gesendet und in ihrem letzten erhaltenen Brief von Ruffo 1650 werden noch mehr Bilder gefordert. Ruffo tritt im Wesentlichen nicht nur als Auftraggeber, sondern auch als Vermittler auf. Weitere in den Briefen erwähnte Auftraggeber sind der Marktgraf del Gasto, der Bischof von Santa Grata und Don Fabrizio Ruffo, ein Neffe von Don Antonio.
Trotz ihres künstlerischen Erfolgs klagte Artemisia in ihren Briefen oft über Geldsorgen: „Ich versichere Euch, daß ich bankrott bin, und wünsche mir von Ew. Wohlgeboren das Versprechen, daß Ihr Euren Schutz über meine Person bereitet, so lange ich lebe.“
In Anbetracht ihres künstlerischen Erfolgs scheint es verwunderlich dass sie Geldnot hatte. Bedenkt man jedoch, dass Ruffo ein Auftraggeber von Artemisia war, wird schnell klar, dass ihre Klagen strategisch zu betrachten sind. Sie wählte ihre Worte berechnend, appellierte an das Mitgefühl Ruffos und erhoffte sich somit Geld und neue Aufträge. Ob Artemisia tatsächlich Geldprobleme hatte, kann anhand der Briefe dementsprechend nicht fest gemacht werden.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung stellt die Wiederentdeckung der Barockkünstlerin Artemisia Gentileschi durch Roberto Longhi dar und umreißt den Fokus der Arbeit auf ihre Londoner Zeit sowie ihre letzten Jahre in Neapel.
2. Artemisia in London: Dieses Kapitel behandelt die Einladung der Künstlerin an den englischen Hof, ihre Zusammenarbeit mit ihrem Vater Orazio bei den Deckengemälden für das Queen’s House und die dortigen höfischen Verhältnisse.
2.1 Charles I und Henriette Marie: Das Kapitel beschreibt das kunstinteressierte englische Königspaar und deren Bestreben, namhafte Künstler an den Hof zu ziehen.
2.2 Das Queen‘s House: Hier wird die Bedeutung des Queen’s House als privates Refugium der Königin Henriette Marie und als Wirkungsstätte der Künstler erläutert.
2.3 Orazio und Artemisias Allegorie des Friedens und der Künste unter der Herrschaft der englischen Krone: Dieses Kapitel widmet sich der bildlichen Ausgestaltung der Decke der Great Hall und der symbolischen Bedeutung des gewählten Programms unter dem Einfluss von Inigo Jones.
2.4 Artemisias Rückkehr nach Neapel: Dieser Abschnitt thematisiert die Abreise aus England infolge politischer Instabilität und das Wiederauftauchen der Künstlerin in Neapel.
3. Zurück in Neapel: Artemisias letzte Jahre: Das Kapitel untersucht die späte Schaffensphase in Neapel, die maßgeblich durch den spärlichen Quellenbestand der Briefkorrespondenz dokumentiert ist.
3.1 Artemisias Kontakt mit Don Antonio Ruffo: Dieser Abschnitt beleuchtet die geschäftliche Beziehung zu dem sizilianischen Sammler Don Antonio Ruffo und die strategische Nutzung ihrer Korrespondenz.
3.2 Artemisias Spätwerk – Neudefinierung oder Anpassung?: Hier wird der Wandel des neapolitanischen Kunstgeschmacks analysiert, der Artemisia zu einer stilistischen Anpassung ihres dramatischen Realismus zwang.
3.2.1 Die Bathseba im Bade: Dieses Unterkapitel vergleicht verschiedene Versionen des Bathseba-Motivs, um die stilistische Entwicklung zur Idealisierung von Weiblichkeit zu verdeutlichen.
3.3 Tod: Dieser Abschnitt behandelt die spärlichen Informationen zum Tod der Künstlerin und die satirischen Grabinschriften als Beleg für ihr ungefähres Sterbedatum.
4. Fazit: Das Fazit fasst Artemisias Weg von einer Schülerin zur eigenständigen Geschäftsfrau zusammen und würdigt ihre Bedeutung für die italienische Kunst des 17. Jahrhunderts.
5. Anhang: Der Anhang bietet eine Übersicht der Werke zwischen 1635 und 1640 sowie weiterführende Literaturhinweise.
Schlüsselwörter
Artemisia Gentileschi, Barock, Queen’s House, Orazio Gentileschi, Don Antonio Ruffo, Neapel, London, Bathseba, Kunstgeschichte, Malerei, Stilwandel, Weiblichkeit, 17. Jahrhundert, Künstlerin, Auftragskunst
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit beschäftigt sich mit dem Leben und Wirken der Barockmalerin Artemisia Gentileschi, speziell mit ihrem Aufenthalt in London am Hof von Charles I. und ihrer letzten Lebensphase in Neapel.
Welche Themenfelder stehen im Mittelpunkt der Untersuchung?
Zentrale Themen sind die Zusammenarbeit mit ihrem Vater Orazio, der politische Kontext am englischen Hof, die Bedeutung der Korrespondenz mit dem Sammler Don Antonio Ruffo sowie die stilistische Entwicklung in ihrem Spätwerk.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Die Forschungsarbeit zielt darauf ab, die Rolle der Künstlerin bei den Deckengemälden in London zu klären und zu untersuchen, wie sich ihr künstlerischer Stil und ihr Selbstverständnis als Frau in der damaligen Männerdomäne entwickelten.
Welche wissenschaftliche Methode wurde angewandt?
Es wurde eine kunsthistorische Analyse der Primärquellen (Briefe) sowie der Werke (Deckengemälde, Bathseba-Darstellungen) im Kontext der damaligen Zeitgeschichte durchgeführt.
Welche Schwerpunkte werden im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil liegt der Fokus auf der englischen Schaffensphase, der neapolitanischen Korrespondenz und der stilistischen Analyse ihrer späteren Gemälde, insbesondere der Bathseba-Reihe.
Was zeichnet die Arbeit inhaltlich aus?
Die Arbeit kombiniert kunsthistorische Bildanalyse mit einer biografischen Untersuchung, wobei sie besonders den unternehmerischen Aspekt der Künstlerin und ihre Anpassung an wechselnde Kunstmärkte herausarbeitet.
Welche Bedeutung kommt dem Queen’s House in Greenwich zu?
Das Queen’s House diente als privates Refugium der Königin Henriette Marie, für das Artemisia und ihr Vater Orazio ein aufwendiges Allegorie-Bildprogramm erstellten.
Warum klagte Artemisia in ihren Briefen trotz ihres Erfolgs häufig über Geldnot?
Die Autorin argumentiert, dass diese Klagen strategisch zu betrachten sind, um als Frau in einer Männerdomäne den Preis für ihre Kunst zu sichern und Sympathie bei ihren Auftraggebern wie Don Antonio Ruffo zu wecken.
Was verraten die Bathseba-Darstellungen über ihren späteren Stil?
Sie zeigen einen deutlichen Wandel weg vom caravaggesken Realismus hin zu einer zartgliedrigeren, stärker idealisierten Darstellung von Frauenfiguren, möglicherweise beeinflusst durch den neuen Zeitgeschmack.
- Arbeit zitieren
- Helena Müller (Autor:in), 2013, Das Herz eines Cäsar im Busen einer Frau: Artemisia Gentileschi in London am Hof Carls I. und ihre letzten Jahre in Neapel, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/232103