Im "Sendbrief vom Dolmetschen" beschrieb Luther die harte Arbeit des Übersetzers einmal folgendermaßen:
"Lieber / nu es verdeutscht vn(d) bereit ist / kans ein yeder lesen vnd meistern / Laufft einer ytzt mit den augen durch drey vier bletter vnd stost nicht ein mal an / wird aber nicht gewar welche wacken vnd klo(e)tze da gelegen sind / da er ytzt vber hin gehet / wie vber ein gehoffelt1 bret / da wir haben mu(e)ssen schwitzen vn(d) vns engsten / ehe den wir solche wacken vnd klotze aus dem wege reümeten / auff das man ku(e)ndte so fein daher gehen. Es ist gut pflugen / wenn der acker gereinigt ist. Aber den wald vnd die sto(e)cke aus rotten / vnd de(n) acker zu richten / da will niemandt an."
Das Ziel der vorliegenden Arbeit ist es nun, ein wenig nachzuvollziehen, wie Luther seinerzeit die „Wacken und Klötze“ des griechischen Textes aus dem Weg räumte, um einen fruchtbaren deutschen Boden zu gewinnen, auf dem das Neue Testament, die Lehre Christi und der reformierte Glauben gemeinsam gedeihen konnten. Um hierbei Luthers Arbeit, sein „Schwitzen und Ängsten“, richtig würdigen zu können, scheint es mir unabdingbar, immer wieder einen Blick auf den "wilden" Ausgangsacker zu werfen, und ihn mit dem bestellten Feld Martin Luthers zu vergleichen. Das heißt: In der vorliegenden Arbeit wird durchgehend der griechische Text mit Luthers Übersetzung verglichen. Denn ich bin der Meinung, nur so kann Luthers Eigenanteil an der Übersetzung wirklich zur Geltung kommen (und nur so kann man entdecken, ob Luther beim Herrichten des Ackers nicht doch ein paar „Stöcker“ vergessen hat „auszurotten“).
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Martin Luther: biographischer Abriss
3 Luther ad fontes
4 Luthers eigene Aussagen zu seiner Übersetzungstätigkeit
4.1 Luthers Hauptziel: „rein vnd klar teutsch geben“
4.2 Sinn für Sinn/ „die wort faren lassen“
4.3 Wort für Wort/ „stracks den worten nach gedolmetscht“
5 Luthers Übersetzungsstrategien
5.1 Literarisierung
5.1.1 Metaphernverstärkung
5.1.2 Klangfiguren: Alliteration
5.1.3 Epanalepse
5.1.4 Figura etymologica
5.2 Wortneuschöpfungen
5.3 Anpassung an die gesprochene Sprache
5.3.1 Grußformeln und Anreden
5.3.2 Modalpartikel
5.4 Idiomatik
5.4.1 Idiomatik im griechischen Text
5.4.2 Idiomatik im deutschen Text
5.5 Rücksicht auf die Schicklichkeit
5.6 Kulturelle Eigenheiten
5.7 Exegese
6 Zusammenfassung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht Luthers Übersetzungsstrategien bei der Verdeutschung des Neuen Testaments aus dem Altgriechischen, wobei insbesondere beleuchtet wird, wie Luther durch literarische Mittel, sprachliche Anpassungen und theologische Exegese den griechischen Text in ein verständliches und lebendiges Deutsch überführte, um sein Ziel „dem Volk aufs Maul zu sehen“ zu erreichen.
- Analyse von Luthers Übersetzungsprinzipien („rein und klar teutsch“)
- Untersuchung literarischer Verfahren wie Metaphernverstärkung und Alliteration
- Diskussion von Wortneuschöpfungen und Anpassung an die gesprochene Sprache
- Kritische Betrachtung von Idiomatik und Rücksichtnahme auf Schicklichkeit
- Exegese als Instrument der theologischen Interpretation bei der Übersetzung
Auszug aus dem Buch
5.1.1 Metaphernverstärkung
Die Metaphernverstärkung ist eine Übersetzungsstrategie, die Luther im Neuen Testament recht häufig verwendet. Dies ergibt sich sicherlich aus seinem Bestreben, sich möglichst eingängig und anschaulich auszudrücken: Dieses Bestreben zeichnet nicht nur seine Bibelübersetzung sondern auch Luthers eigene Schriften, in denen sich zahlreiche Metaphern, Vergleiche etc. finden.
Zunächst möchte ich ein (in seiner deutschen Übersetzung sehr bekanntes) Beispiel aus der Bergpredigt geben:
Mt 6,26
ἐμβλέψατε εἰς τὰ πετεινὰ τοῦ οὐρανοῦ [...]
Sehet die Vogel vnter dem Himmel [...]
Mt 6,28
καταμάθετε τὰ κρίνα τοῦ ἀγροῦ
Schawet die Lilien auff dem felde
In beiden Fällen hat Luther das griechische Genitivattribut durch eine deutsche Präpositionalphrase aufgelöst: Die hierbei verwendeten Präpositionen „auff“ und „vnter“ verstärken die Opposition Himmel / Erde, die im Griechischen „nur“ durch die beiden Substantive ausgedrückt wird: τοῦ οὐρανοῦ / τοῦ ἀγροῦ. Das bloße „Sehen“ erhält somit zwei konkrete Blickrichtungen: zunächst nach oben, „unter den Himmel“, dann nach unten, „auf das Feld“. Eine wörtliche Übersetzung hingegen hätte (zumindest im heutigen Deutsch) eher nach biologischer Klassifikation, denn nach poetischem Gleichnis geklungen: „die Vögel des Himmels“ im Gegensatz zu den Vögeln des Wassers oder den Vögeln des Landes, „die Lilien des Feldes“ im Gegensatz zu den Lilien des Waldes oder den Lilien des Gebirges. Anstatt in solch nüchternen Kategorien zu übersetzen, hat Luther hier also die Metapher verstärkt und ergänzt.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Diese Einleitung erläutert die Zielsetzung der Arbeit, Martin Luthers Übersetzung des Neuen Testaments anhand des griechischen Urtextes kritisch zu vergleichen und seine sprachlichen Strategien zu hinterfragen.
2 Martin Luther: biographischer Abriss: Dieser Abschnitt bietet einen kurzen Überblick über Luthers Lebensweg, seine Ausbildung und die historischen Ereignisse, die zu seiner Bibelübersetzung führten.
3 Luther ad fontes: Hier wird Luthers Bezugnahme auf die griechischen Originaltexte (nach Erasmus von Rotterdam) und sein humanistisches Ideal „ad fontes“ thematisiert.
4 Luthers eigene Aussagen zu seiner Übersetzungstätigkeit: Das Kapitel analysiert Luthers theoretische Grundlagen, insbesondere seinen Wunsch nach einer verständlichen deutschen Sprache und das Spannungsfeld zwischen „Sinn für Sinn“- und „Wort für Wort“-Übersetzung.
5 Luthers Übersetzungsstrategien: In diesem Hauptteil werden konkrete Verfahren wie Literarisierung, Wortneuschöpfungen, idiomatische Anpassungen und die Berücksichtigung von Schicklichkeit detailliert untersucht.
6 Zusammenfassung: Abschließend werden die Ergebnisse zusammengefasst und Luthers Arbeitsweise als eine inkonsequente, aber durch eine menschliche und auf das Volk ausgerichtete Perspektive geprägte Praxis bewertet.
Schlüsselwörter
Martin Luther, Bibelübersetzung, Neues Testament, Altgriechisch, Übersetzungsstrategien, Sprachgeschichte, Literarisierung, Wortneuschöpfung, Idiomatik, Exegese, Septuaginta, Vulgata, Sendbrief vom Dolmetschen, Reformation, deutsche Sprache
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht, wie Martin Luther bei der Übersetzung des Neuen Testaments aus dem Altgriechischen vorging und welche Strategien er anwandte, um den Text für seine Zeitgenossen verständlich und wirkungsvoll zu gestalten.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Zentrale Themen sind Luthers Sprachverständnis, seine methodischen Ansätze bei der Wortwahl, der Einsatz literarischer Stilmittel, die Anpassung an die Lebenswelt des 16. Jahrhunderts sowie der Einfluss seiner theologischen Überzeugungen auf die Übersetzung.
Welches primäre Ziel verfolgt die Arbeit?
Das Ziel ist es, Luthers Übersetzungspraxis anhand ausgewählter Textstellen mit dem griechischen Original zu vergleichen und zu prüfen, inwieweit Luther sein Ideal verfolgte, „dem Volk aufs Maul zu schauen“.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine vergleichende Textanalyse, bei der Luther-Zitate dem griechischen Urtext und dem humanistischen Kenntnisstand der Zeit gegenübergestellt werden.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in verschiedene strategische Bereiche, darunter die literarische Gestaltung, Neuschöpfung von Begriffen, die Anpassung an mündliche Sprachgewohnheiten, den Umgang mit griechischer Idiomatik und die theologische Exegese.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit lässt sich vor allem durch Begriffe wie Luther, Bibelübersetzung, Übersetzungsstrategien, Altgriechisch, Reformation und Sprachgeschichte charakterisieren.
Warum war Luthers Übersetzung von Röm 3,28 so umstritten?
Die Hinzufügung des Wortes „alleine“ zum Begriff „Glaube“ provozierte scharfe Kritik, da sie theologisch als eigenmächtige Interpretation wahrgenommen wurde, obwohl Luther sie mit dem „Sinn“ des Paulus begründete.
Welche Rolle spielt das „ad fontes“-Ideal für Luther?
Das Ideal „ad fontes“ (zu den Quellen) bedeutet für Luther die Rückbesinnung auf den griechischen und hebräischen Urtext, um sich von einer rein an der lateinischen Vulgata orientierten Auslegung zu lösen.
Wie ging Luther mit dem Problem der „Schicklichkeit“ um?
Luther wählte oft Umschreibungen für Begriffe, die er als zu derb oder anstößig empfand, um den Text für seine Leser zugänglicher und „schicklicher“ zu machen, ohne den theologischen Kern zu verlieren.
Warum bezeichnet der Autor Luthers Übersetzung als „inkonsequent“?
Der Autor stellt fest, dass Luther nicht nach einem starren System verfuhr, sondern an manchen Stellen wörtlich übersetzte, während er an anderen Stellen frei und interpretierend eingriff, was in der Gesamtschau ein nicht völlig einheitliches, aber sehr „menschliches“ Übersetzungswerk ergibt.
- Arbeit zitieren
- Anonym (Autor:in), 2012, Martin Luthers Übersetzungsstrategien bei der "Verdolmetschung" des Neuen Testaments aus dem Altgriechischen, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/231497