„Was ist Geschichte? Ein Nagel, an dem ich meine Romane aufhänge.“ Dieser Auffassung von Alexandre Dumas d. Ä. scheinen sich in der Gegenwart zahlreiche Autoren anzuschließen. Neben einer anhaltenden Beliebtheit ist für die literarischen Versionen der Historie jedoch festzustellen, dass sie von einer exakten Wiedergabe der Vergangenheit oft weit entfernt sind. Im Gegensatz zu den Autoren, die die Geschichte im Sinne Dumas' lediglich als Nagel nutzen, um daran ihre Romane aufzuhängen, bemühen sich Historiographen um eine genauere, wissenschaftliche Darstellung von Geschichte. Bei Literatur und Historiographie handelt es sich daher um verschiedene Formen der Wiedergabe von Vergangenheit, deren Verhältnis bei einer oberflächlichen Betrachtung durch unterschiedliche Voraussetzungen, Methoden und Geltungsansprüchen geprägt ist. Allerdings erlaubt eine intensivere Auseinandersetzung mit den beiden Disziplinen das Erkennen von Gemeinsamkeiten und den Chancen der gegenseitigen Bereicherung. Um diese Möglichkeiten zu eruieren, widmet sich diese Arbeit der intensiven Untersuchung des Verhältnisses von Dichtung und Geschichtsschreibung.
Damit die in dieser Arbeit eruierten Erkenntnisse zum historiographischen Potential der Dichtung praktisch belegt werden können, werden sie an einer literarischen Geschichtsdarstellung erprobt. Mit Daniel Kehlmanns im Jahr 2005 erschienenen Roman "Die Vermessung der Welt" wurde ein Werk gewählt, das eine aktuelle, höchst interessante und zugleich enorm erfolgreiche Gestaltung eines vergangenen Geschehens darstellt.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Zum Verhältnis von Historiographie und Literatur
2.1 Die Geschichte der Historiographie
2.1.1 Die Geschichte der Historiographie vor der Etablierung als eigenständige Wissenschaft
2.1.2 Die Geschichte der Historiographie als eigenständige Wissenschaft
2.2 Das Verhältnis von Literatur und Historiographie
2.2.1 Das Verhältnis von Literatur und Historiographie von der Entstehung der Geschichtsschreibung bis in die 70er Jahre des 20. Jahrhunderts
2.2.2 Das neue Verhältnis von Literatur und Historiographie
2.2.2.1 Die Historiographie als Teil der Literatur? Die Debatte seit Hayden White
2.2.2.2 Die Literatur im Dienst der Historiographie? Das Verhältnis der beiden Disziplinen aus einer neuen Perspektive
2.3 Schlussfolgerungen
3. Die Vermessung der Welt und das neue Verhältnis von Literatur und Historiographie
3.1 Der Roman als Beispiel für das Historiographische in der Literatur?
3.2 Erprobung der historiographischen Merkmale der Literatur
3.3 Humboldts Anfänge als Höhlenforscher - Analyse einer typischen Textpassage
4. Zusammenfassung
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht das komplexe Verhältnis zwischen Dichtung und Geschichtsschreibung unter Einbeziehung literaturwissenschaftlicher und geschichtswissenschaftlicher Perspektiven. Ziel ist es, das historiographische Potential literarischer Texte zu ergründen und die Möglichkeiten einer wechselseitigen Bereicherung der beiden Disziplinen anhand von Daniel Kehlmanns Roman „Die Vermessung der Welt“ kritisch zu analysieren.
- Historische Entwicklung der Historiographie zur eigenständigen Wissenschaft.
- Kritische Auseinandersetzung mit der Debatte um Hayden Whites Thesen zur Fiktionalität der Geschichte.
- Systematische Erarbeitung des historiographischen Potentials der Literatur.
- Analyse der Rolle von Literatur als Zeitdokument und Mittel zur gesellschaftlichen Sinnstiftung.
- Erprobung der Hypothese eines „historiographischen Romans“ als neue Gattung.
Auszug aus dem Buch
3.3 Humboldts Anfänge als Höhlenforscher - Analyse einer typischen Textpassage
„Humboldt durchlief das Kurrikulum der Akademie in einem Vierteljahr. Morgens war er sechs Stunden unter der Erde, nachmittags hörte er Vorlesungen, am Abend und die Hälfte der Nacht lernte er für den nächsten Tag. Freunde hatte er keine, und als sein Bruder ihn zu seiner Hochzeit einlud – er habe eine Frau gefunden, wie sie ihm gezieme, eine, die nicht ihresgleichen habe auf der Welt –, antwortete er höflich, daß er nicht kommen könne, ihm fehle die Zeit. Er kroch durch die niedrigsten Schächte, bis er sich an die Platzangst gewöhnt hatte wie an einen nicht nachlassenden, allmählich jedoch erträglichen Schmerz. Er stellte Temperaturmessungen an: Je tiefer man hinabstieg, desto wärmer wurde es, und das widersprach allen Lehren Abraham Werners. Ihm fiel auf, daß es noch in der tiefsten Höhlendunkelheit Vegetation gab. Das Leben schien nirgendwo aufzuhören, überall fand sich noch eine Form von Moos und Wucherung, irgendeine Art verkümmerter Gewächse. Sie waren ihm unheimlich, und darum zerlegte und untersuchte er sie, ordnete sie nach Klassen und schrieb eine Abhandlung darüber. Jahre später, als er ähnliche Pflanzen in der Höhle der Toten sah, war er vorbereitet.“
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in die aktuelle Beliebtheit literarischer Geschichtsdarstellungen ein und stellt die Forschungsfrage nach dem Verhältnis von Dichtung und Historiographie.
2. Zum Verhältnis von Historiographie und Literatur: Dieses Kapitel zeichnet die historische Entwicklung der Geschichtsschreibung nach und analysiert die theoretischen Debatten, insbesondere seit Hayden White, über die Abgrenzung zur Literatur.
3. Die Vermessung der Welt und das neue Verhältnis von Literatur und Historiographie: Anhand von Kehlmanns Roman wird praktisch erprobt, inwiefern literarische Werke historiographische Merkmale integrieren und ein „historiographisches Potential“ aufweisen.
4. Zusammenfassung: Die Zusammenfassung rekapituliert die zentralen Erkenntnisse und bekräftigt die Bedeutung einer interdisziplinären Sichtweise auf das Verhältnis von Dichtung und Geschichte.
Schlüsselwörter
Historiographie, Literatur, Geschichtsschreibung, Fiktion, Fiktionalität, Narrativität, Hayden White, Paul Ricœur, Daniel Kehlmann, Die Vermessung der Welt, Historischer Roman, Geschichtsdichtung, Wissenschaftlichkeit, Objektivität, Faktizität.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Master-Arbeit untersucht das komplexe Verhältnis zwischen Geschichtsschreibung und literarischer Fiktion und fragt nach den Gemeinsamkeiten und Unterschieden beider Disziplinen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Im Zentrum stehen die historische Genese der Historiographie als Wissenschaft, die theoretische Debatte um die Fiktionalität historischer Texte sowie das Potential der Literatur, geschichtliche Erkenntnisse zu vermitteln.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, ein systematisches Verständnis für das „historiographische Potential“ der Literatur zu entwickeln und aufzuzeigen, wie Dichtung und Geschichtsschreibung voneinander profitieren können.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine literaturwissenschaftliche Analyse unter Einbeziehung wissenschaftstheoretischer Diskurse und erprobt diese Erkenntnisse exemplarisch an Daniel Kehlmanns Roman „Die Vermessung der Welt“.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert die Geschichte der Historiographie, diskutiert die Thesen von Hayden White und Paul Ricœur und untersucht Kehlmanns Roman als Fallbeispiel für eine neue Verbindung von historischer Faktizität und literarischer Gestaltung.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Historiographie, Fiktionalität, Geschichtsdichtung, narratologische Analyse und das Konzept des historiographischen Romans.
Wie bewertet der Autor die Thesen von Hayden White?
Der Autor erkennt Whites Bedeutung für das Aufbrechen starrer Disziplinengrenzen an, kritisiert jedoch die radikale Nivellierung der Unterschiede zwischen Fakt und Fiktion als wissenschaftlich unhaltbar.
Warum wählt der Autor „Die Vermessung der Welt“ als Analyseobjekt?
Der Roman gilt als herausragendes Beispiel für zeitgenössische Geschichtsdichtung, das durch seine spielerische Verbindung von historischen Fakten und fiktionalen Elementen eine ideale Grundlage für die Untersuchung historiographischer Merkmale in der Literatur bietet.
- Arbeit zitieren
- Sebastian Silkatz (Autor:in), 2013, Zum Verhältnis von Literatur und Historiographie am Beispiel von Daniel Kehlmanns Roman "Die Vermessung der Welt", München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/231097