In drei Tagen eine Tragödie zu schreiben ist sicher nicht einfach und ob es überhaupt so war ist unsicher. Trotzdem behauptet Heinrich Heine (1797-1856), dass er den „William Ratcliff“ in so kurzer Zeit geschrieben hat. Auch wenn Windfuhr beschreibt, dass das Stück mit „atemloser Schnelligkeit“ abläuft, wirkt die Aussage unglaubwürdig, da ein schneller Handlungsablauf, und wenn es auch so wirkt, nicht einer schnellen Produktion gleichkommt. Diese Begebenheiten ändern jedoch nichts daran, dass das Stück und seine Figuren, auch wenn es „zwiespältig aufgenommen“ wurde, Interessantes beinhaltet.
Heine knüpft mit dem Ratcliff an seine Vorbilder und an eine Modegattung an. Wie schon sein Vorbild Adolf Müllner schreibt auch er eine Schicksalstragödie. Weiter fällt sofort auf, dass der Name seines Titelhelden auf sein anderes Vorbild William Shakespeare hindeutet. Er ordnet sich also medienpolitisch zu. Genau so medienstrategisch ist vielleicht auch die Aussage zu werten, dass das Drama in drei Tagen entstanden sei. Es soll aber nicht der Medienstratege Heine betrachtet werden, sondern sein Stück.
In dieser Arbeit möchte ich das Frauen- und Männerbild des Ratcliff näher betrachten. Dazu werden zunächst die Personen getrennt voneinander charakterisiert um sie im Anschluss daran, ein Stück weit, gegenüber zu stellen. Haben Männer und Frauen im Stück Gemeinsamkeiten oder sind sie gar grundverschieden?
Auch wird, an gebotener Stelle, ein kurzer Blick auf Heines Biographie zu werfen sein. Gibt es hier Parallelen? Im Stück lehnt Maria William ab. Amalie lehnte Heine zeitnah zur Produktion des Ratcliff ab. In Verbindung hiermit steht die Frage, in wie fern das Männerbild des Ratcliff dem Mann Heinrich Heine nahekommt. Hierbei wird besonders William zu betrachten sein („Es scheint, dass Heine in diesem Drama seine eigene unglückliche Liebe und sein Bonner Lotterleben symbolhaft verarbeitete. Mit der symbolisch-dramatischen
Ermordung der Geliebten war das Thema Liebesleid künstlerisch bewältigt.“). Auch wird, in Ansätzen, Amalie mit Maria zu vergleichen sein.
Ferner wird die Tatsache das William und Maria am Ende sterben eine Analyse wert sein. Sterben sie einfach nur aus tragödientechnischen Gründen, oder hat ihr Tod eine Funktion? Grundsätzlich wichtig ist, dass „Liebe und Tod, gelegentlich ergänzt durch den Wahnsinn [...] bei Heine bis zuletzt untrennbare Gewalten“ bleiben. Was den Wahnsinn betrifft wird zu prüfen sein, wie er konzipiert ist.
Inhaltsverzeichnis
1. Die Frauen
1.1 Maria oder die das Paradies beendet
1.2 Margaretha die Botin und Freundin
2. Die Männer
2.1 William, die Krankheit des Wahnsinns und der Sinn des Todes
2.2 Tom, die große Suppenfrage und William
2.3 Douglas und die Ironie des Schicksals
2.4 Mac-Gregor der Taktiker
3. Das Frauen- und Männerbild im Vergleich
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht das Frauen- und Männerbild in Heinrich Heines Tragödie "William Ratcliff", indem sie die Figuren charakterisiert, in den Kontext der Heineschen Biografie sowie literarischer Einflüsse stellt und Gemeinsamkeiten sowie Unterschiede in ihren Verhaltensweisen analysiert.
- Die Charakterisierung von Maria und Margaretha als weibliche Figuren.
- Die Analyse von William Ratcliff und dessen Wahnsinn als zentrales Motiv.
- Die Bedeutung von Nebenfiguren wie Tom, Douglas und Mac-Gregor für die Handlungsstruktur.
- Die Auseinandersetzung mit der "großen Suppenfrage" im Kontext des Stücks.
- Der Vergleich der Geschlechterbilder hinsichtlich Liebe, Wahnsinn und sozialem Status.
Auszug aus dem Buch
2.1 William, die Krankheit des Wahnsinns und der Sinn des Todes
Wie (in Kapitel 1.1) angekündigt soll hier die Reaktionsbeschreibung Williams wieder aufgegriffen werden. William hatte Maria gefragt, ob sie ihn liebt und sie hatte dies verneint. Zu beachten ist, dass wir die genaue, originale Situation nicht kennen. Die Darstellung der Situation wird durch Fremdkommentar von William wiedergegeben. Maria ist auch nicht anwesend, dass sie ihn hätte verbessern können. Das ist die grundlegende Ausgangslage im Drama selbst.
Peter von Matt stellt sich an dieser Stelle der Frage, worauf das Nein die Antwort ist. Ist es wirklich die Antwort auf die Frage, ob sie ihn liebt? Diese Frage ist sehr berechtigt, da wir, wie beschrieben, die Originalsituation nicht gezeigt bekommen. Es ist also möglich, dass hier eine Art Missverständnis besteht.
Matt bemerkt, dass das Nein von Maria „rein grammatisch [gedacht,] die Möglichkeit [beinhaltet], dass dieses Nein eine Reaktion auf den Befehl zum Sprechen und zur Sprache“ sein könnte. Die Sprache würde hier also als Zerstörer einer außersprachlichen Harmonie funktionieren und da William sie zum sprechen aufgefordert hat, ist er selbst der Zerstörer der Harmonie zwischen den beiden. Matt nennt den vorsprachlichen Bereich, vor dem Auffordern zum Sprechen, „wortlose Seligkeit“. In diesem Fall wäre William an seiner Situation nicht ganz unschuldig.
Durch dieses Missverständnis zeigt Heine allerdings auch das unterschiedliche Denken von Männern und Frauen allgemein und das man dadurch manchmal aneinander vorbei reden kann, weil man Dinge nicht gleichartig wahrnimmt, möchte oder will.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Die Frauen: Dieses Kapitel widmet sich der Charakterisierung von Maria und Margaretha und arbeitet deren enge, wenn auch ambivalent besetzte, Verbundenheit heraus.
1.1 Maria oder die das Paradies beendet: Hier wird Maria als Schicksalsgefangene analysiert, deren Ablehnung Williams den Zerfall der gemeinsamen Welt symbolisch einleitet.
1.2 Margaretha die Botin und Freundin: Margaretha wird als zentrale Bezugsperson für Maria und als Bindeglied zur Vorgeschichte durch ihre Gesänge dargestellt.
2. Die Männer: Dieser Abschnitt bietet eine differenzierte Untersuchung der männlichen Figuren im Stück, wobei William als Titelheld den Ausgangspunkt bildet.
2.1 William, die Krankheit des Wahnsinns und der Sinn des Todes: William wird als psychisch kranke Figur porträtiert, deren Wahnsinn untrennbar mit seiner unglücklichen Liebe und seinem Schicksal verbunden ist.
2.2 Tom, die große Suppenfrage und William: Dieses Kapitel beleuchtet die soziale Dimension des Stücks durch die Figur des Wirts Tom und die Rolle der "großen Suppenfrage" als nicht lösbares Problem.
2.3 Douglas und die Ironie des Schicksals: Douglas fungiert als ehrlicher Gegenspieler, dessen Schicksal durch die Ironie einer ungeplanten Lebensrettung durch William geprägt ist.
2.4 Mac-Gregor der Taktiker: Mac-Gregor wird als taktierende Instanz untersucht, die durch Verschweigen von Informationen den Fortgang der schicksalhaften Ereignisse maßgeblich beeinflusst.
3. Das Frauen- und Männerbild im Vergleich: Abschließend werden die Geschlechterrollen gegenübergestellt, wobei Männer eher durch ihre offene Liebesbekundung und Frauen durch ihre Stärke in der gegenseitigen Freundschaft hervorstechen.
Schlüsselwörter
Heinrich Heine, William Ratcliff, Frauenbild, Männerbild, Schicksalstragödie, Wahnsinn, Liebe, Tod, Große Suppenfrage, Maria, Margaretha, Douglas, Mac-Gregor, Literaturanalyse, Romantik
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert die Darstellung von Frauen- und Männerbildern in Heinrich Heines Tragödie "William Ratcliff" unter besonderer Berücksichtigung psychologischer und schicksalhafter Aspekte.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Zu den zentralen Themen gehören die Charakterisierung der Hauptfiguren, die Symbolik des Wahnsinns, die Rolle der Liebe und des Todes sowie die Bedeutung gesellschaftlicher Fragen innerhalb des Dramas.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, die männlichen und weiblichen Figuren getrennt voneinander zu charakterisieren und anschließend gegenüberzustellen, um Gemeinsamkeiten und Unterschiede in ihrem Verhalten und ihrer Bedeutung für das Stück zu ergründen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine literaturwissenschaftliche Analyse durchgeführt, die auf Textstellen aus dem Drama, Fremdkommentaren und existierender Forschungsliteratur zu Heine basiert.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die detaillierte Untersuchung der Frauenfiguren, der verschiedenen Männerfiguren, deren Motivationen, Krankheitsbildern und sozialen Kontexten sowie einem abschließenden Vergleich.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind insbesondere Heinrich Heine, William Ratcliff, Schicksalstragödie, Wahnsinn, soziale Frage und das Geschlechterverhältnis.
Wie deutet der Autor den Wahnsinn von William Ratcliff?
Der Wahnsinn wird nicht nur als psychische Störung begriffen, sondern als untrennbarer Teil seines schicksalhaften Handelns, das durch sein unbewusstes Handeln und die "Herrschaft des Unbewussten" determiniert ist.
Warum spielt die "große Suppenfrage" in der Analyse eine Rolle?
Sie dient als Beispiel für eine bei Heine bereits früh angelegte soziale Thematik, deren Ausbleiben von konkreten Konsequenzen im Stück laut Autor die funktionale Struktur der Schicksalstragödie schützt.
Welche Rolle nimmt Mac-Gregor als Taktiker ein?
Er wird als Figur gesehen, die durch aktives Verschweigen der Vorgeschichte gegenüber Douglas das Schicksal der anderen beeinflusst, wobei seine eigene Motivation und mögliche geistige Verfassung als eher unklar und geheimnisvoll bewertet werden.
Wie verändert sich die Bewertung des Todes am Ende der Analyse?
Der Tod wird nicht rein negativ als Untergang gewertet, sondern als befreiendes Element, das sowohl den Wahnsinn beendet als auch eine harmonische Wiedervereinigung in der Vorstellung Williams ermöglicht.
- Arbeit zitieren
- Bachelor of Arts Markus Stettner (Autor:in), 2013, Das Frauen- und Männerbild in Heinrich Heines "William Ratcliff", München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/230974