Innerhalb der europäischen Gesellschaften bestehen faktische Ungleichheiten zwischen den Geschlechtern, sowie eine erhebliche Diskrepanz zwischen normativem Anspruch und der real-gesellschaftlichen Wirklichkeit (Liebert 2003: 91). Der Gender Mainstreaming-Ansatz verfolgt den Anspruch, durch eine systematische Berücksichtigung weiblicher und männlicher Lebensrealitäten, zur Herstellung von Geschlechtergerechtigkeit und Legitimation politischer Entscheidungsprozesse beizutragen. In Ergänzung zu bisherigen frauenpolitischen Fördermaßnahmen verfolgt GM eine Doppelstrategie aus klassischer Antidiskriminierungspolitik und Gleichstellungspolitik. Während gängige gleichstellungspolitische Konzepte auf die Revision und Kompensation bereits bestehender struktureller Benachteiligungen und Ungleichheiten abzielen, verfolgt GM eine präventive Logik (Müller 2007: 11). Vor diesem Hintergrund untersucht die vorliegende Arbeit einerseits, ob und inwiefern europäische Politikvorgaben im Rahmen der Implementierung von GM Einfluss auf die Ausgestaltung nationalstaatlicher Institutionen und Politikgestaltung haben. Und andrerseits, ob darüber hinaus Veränderungsprozesse in den gleichstellungspolitischen Leitlinien erwirkt werden. Dabei steht die Frage im Vordergrund wie die Politik der EU mithilfe von Richtlinien und Verordnungen, als unabhängige Variable, die Dimensionen inhaltlicher (Policy), prozeduraler (Politics) und formeller bzw. institutioneller Ordnung (Polity) der Nationalstaaten, als abhängige Variable, beeinflusst und verändert (Börzel/ Risse 2003: 59f.). Zu diesem Zweck wird das Konzept der Europäisierung in einem ersten Schritt, hinsichtlich der Frage nach den Bedingungen nationalstaatlicher Anpassung durch Effekte, vorgestellt. Daran anschließend wird ein allgemeiner Überblick über die signifikantesten Entwicklungen europäischer Gleichstellungspolitik gegeben. Dabei spielen rechtliche Grundlagen ebenso wie die einzelnen Organe der Europäischen Union, im Hinblick auf ihre Funktion in der Gleichstellungspolitik, eine wesentliche Rolle. Sodann wird die Strategie Gender Mainstreaming in ihrem entwicklungsgeschichtlichen Kontext konzeptionell und inhaltlich vorgestellt. Ein besonderer Schwerpunkt liegt hierbei auf der strategischen Entwicklung und Transformation von Seiten der Europäischen Union. Der zentrale empirische Fokus gilt der Implementierung des supranational geprägten GM-Ansatzes auf der Ebene von Bund und Ländern.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Europäisierung: Konzept und Mechanismen
3. Europapolitische Entwicklungen der Geschlechtergleichstellung
4. Gender Mainstreaming – Hintergründe und Konzeption
4.1 EU-Strategie des Gender Mainstreaming
5. Europäisierung am Beispiel der Strategie Gender Mainstreaming: Deutschland auf dem Prüfstand
6. Schlussbetrachtung
7. Bibliografie
7.1 Literaturverzeichnis
7.2 Internetquellen
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht, inwiefern europäische Politikvorgaben, insbesondere die Strategie des Gender Mainstreaming (GM), als unabhängige Variable Einfluss auf die nationalstaatliche Politikgestaltung und Institutionen in Deutschland ausüben. Dabei steht die Forschungsfrage im Mittelpunkt, ob durch die Implementierung von GM-Vorgaben der EU tatsächliche Veränderungsprozesse in den gleichstellungspolitischen Leitlinien und Strukturen auf nationaler sowie subnationaler Ebene angestoßen werden.
- Grundlagen der Europäisierungsforschung und Kausalmechanismen (Top-down-Ansatz).
- Entwicklung und Konzeption der EU-Gleichstellungspolitik.
- Theoretische und inhaltliche Herleitung der Strategie Gender Mainstreaming.
- Empirische Analyse der Implementierung von Gender Mainstreaming in Deutschland.
- Bewertung des Einflusses der EU auf nationale Institutionen und Politikfelder.
Auszug aus dem Buch
4. Gender Mainstreaming – Hintergründe und Konzeption
Der Begriff des Gender Mainstreaming entstand im politischen Kontext internationaler und transnationaler Frauenbewegungen und Gleichstellungsdebatten. Anknüpfend an die vierte Weltfrauenkonferenz 1995 in Peking wurde GM als Strategie der internationalen und kurze Zeit später auch innerhalb der europäischen Gleichstellungspolitik eingeführt und als Querschnittsaufgabe bekräftigt. Die Etymologie des Begriffs geht auf den angloamerikanischen Raum zurück, findet indes auch im Konsens des deutschsprachigen Raumes Verwendung. Der wissenschaftliche Fachbegriff Gender bezieht sich in Ergänzung zum Begriff Sex, dem biologischen Geschlecht, auf gesellschaftlich und sozial konstruierte, veränderbare Geschlechterrollen. Geschlecht bzw. Gender zeichnet sich heute durch Mehrdimensionalität aus, die aus dem Zusammenwirken von biologischen, historisch-kulturellen und sozialen Aspekten resultiert (Baer 2003: 5).
Zusammengefasst verfolgt Mainstreaming als Organisationsprinzip mithilfe von Gender als analytischem Ausgangspunkt gleichstellungsorientierter Arbeit das Ziel geschlechtsspezifischer Gleichstellung (Baer 2003: 5). Nach der Definition des Europarates besteht Gender Mainstreaming „in der (Re-)Organisation, Verbesserung, Entwicklung und Evaluierung politischer Prozesse mit dem Ziel, eine geschlechterbezogene Sichtweise in alle politischen Konzepte auf allen Ebenen und in allen Phasen durch alle an politischen Entscheidungen beteiligten Akteure und Akteurinnen einzubeziehen“ (Europarat 1998b).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Arbeit führt in die Bedeutung der Gleichstellung als EU-Wert ein und erläutert die Strategie des Gender Mainstreaming als präventiven Ansatz zur strukturellen Verbesserung von Geschlechtergerechtigkeit.
2. Europäisierung: Konzept und Mechanismen: Dieses Kapitel definiert den Begriff der Europäisierung und analysiert den Top-down-Ansatz als zentrales Erklärungsmodell für den nationalstaatlichen Anpassungsdruck durch supranationale EU-Vorgaben.
3. Europapolitische Entwicklungen der Geschlechtergleichstellung: Hier werden der historische Kontext der EU-Gleichstellungspolitik, rechtliche Grundlagen der Verträge sowie die Rolle zentraler Organe wie des EuGH und der Kommission dargelegt.
4. Gender Mainstreaming – Hintergründe und Konzeption: Das Kapitel erläutert die Begriffsgenese sowie die methodischen Anforderungen des Gender Mainstreaming als politisches Organisationsprinzip zur geschlechtergerechten Prozessgestaltung.
4.1 EU-Strategie des Gender Mainstreaming: Dieser Abschnitt beschreibt die Institutionalisierung der Strategie innerhalb der EU, angefangen bei der Gründung von Lenkungsausschüssen bis hin zur Entwicklung methodischer Leitfäden.
5. Europäisierung am Beispiel der Strategie Gender Mainstreaming: Deutschland auf dem Prüfstand: Die Analyse untersucht die Schwierigkeiten und den unterschiedlichen Erfolg bei der praktischen Umsetzung von GM-Vorgaben innerhalb der deutschen Bundesländer und auf Bundesebene.
6. Schlussbetrachtung: Das Fazit resümiert, dass Gender Mainstreaming zwar ein wirksames Instrument für institutionelle Anpassungsprozesse ist, die Umsetzung in Deutschland jedoch selektiv erfolgt und oft durch nationale Interessen und Strukturen gehemmt wird.
Schlüsselwörter
Europäisierung, Gender Mainstreaming, Gleichstellungspolitik, Europäische Union, Mehrebenensystem, Geschlechtergerechtigkeit, Antidiskriminierung, Politische Steuerung, Deutschland, Implementierung, Top-down-Ansatz, Institutionenwandel, Frauenrechte, Amsterdamer Vertrag, Genderanalyse.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht, wie europäische Vorgaben, spezifisch das Konzept Gender Mainstreaming, nationale politische Strukturen und Gleichstellungspolitiken in Deutschland beeinflussen.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die zentralen Themen umfassen die Europäisierungsforschung, die historische Entwicklung der EU-Gleichstellungspolitik und die praktische Implementierung von Gender Mainstreaming in staatlichen Institutionen.
Welches primäre Ziel verfolgt die Autorin mit dieser Arbeit?
Das Ziel ist es, zu analysieren, ob und inwieweit die europäische Strategie des Gender Mainstreaming tatsächlich zu einem strukturellen Wandel in der deutschen Gleichstellungspolitik beigetragen hat.
Welche wissenschaftliche Methode wird zur Analyse verwendet?
Die Arbeit nutzt politikwissenschaftliche Ansätze der Europäisierungsforschung, insbesondere den Top-down-Ansatz von Börzel und Risse, um Anpassungsprozesse zwischen der supranationalen Ebene der EU und der nationalen Ebene Deutschlands zu erklären.
Was wird im Hauptteil der Arbeit inhaltlich behandelt?
Der Hauptteil deckt die konzeptionellen Grundlagen des Gender Mainstreaming ab, beschreibt die Entwicklung auf EU-Ebene und führt eine empirische Bestandsaufnahme der deutschen Umsetzung auf Bundes- und Länderebene durch.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die vorliegende Arbeit?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie Europäisierung, Gender Mainstreaming, Mehrebenensystem, Geschlechtergerechtigkeit und politische Implementierung charakterisiert.
Wie unterscheidet sich die Umsetzung von Gender Mainstreaming in den deutschen Bundesländern?
Die Umsetzung ist heterogen; während einige Länder durch aktives Engagement von Frauen in Regierungen und eine offene Haltung gegenüber EU-Strukturhilfen rasche Fortschritte machten, verhinderte in anderen Ländern ein konservatives Rollenverständnis eine zügige Implementierung.
Warum wird Deutschland im europäisierenden Kontext als "Schlusslicht" bezeichnet?
Aufgrund träger nationaler Gesetzgebung und der unzureichenden Anpassung an EU-Gleichstellungsnormen wird die Wirksamkeit europäischer Richtlinien auf nationaler Ebene in der Arbeit als vergleichsweise langsam und blockiert beschrieben.
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- Sara Ludwig (Author), 2011, Agenda Setting = Gender Setting?, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/230956