In den 1990er-Jahren hat der nach regionaler Integration strebende Kontinent Europa eine gewaltsame, mit Bürgerkriegen verbundene Desintegration auf dem Westbalkan erlebt. Der sukzessive Zerfall des sozialistischen Jugoslawiens und die damit einhergegangenen blutigen Konflikte werden häufig auf das ethnische Mosaik in dieser Region zurückgeführt. Auf der anderen Seite existierte die jugoslawische Föderation mit ihren Teilrepubliken Kroatien, Slowenien, Serbien, Bosnien-Herzegowina, Montenegro, Mazedonien und den autonomen Provinzen Kosovo und Wojwodina unter Präsident Josip Broz Tito über Jahrzehnte hinweg. Die Föderation präsentierte sich gern als Staat mit „sechs Republiken, fünf Nationen, vier Sprachen, drei Religionen, zwei Alphabeten und einer Partei“ (zit. nach Mappes-Niediek 2005: 25).
Das Land zeigte sich an seinen Außengrenzen für sozialistische Verhältnisse vergleichsweise durchlässig und im Inneren existierten keine manifesten Grenzen im Sinne von Staatsgrenzen zwischen den Teilrepubliken.
Es stellt sich die Frage, durch welche Faktoren das sozialistische Jugoslawien ethnische, religiöse, soziale und wirtschaftliche Grenzen überwinden und der Vielvölkerstaat zusammenhalten konnte. In diesem Zusammenhang ist insbesondere die Analyse des Wendepunktes interessant: Welche Art von Grenzen wurden Anfang der 1990er-Jahre zu Frontlinien? Wie konnten sich diese Grenzen konstituieren und warum führten sie zu den kriegerischen Auseinandersetzungen? Wer steckte hinter der Massengewalt? Wurden Nachbarn zu Tätern? Ziel dieser Arbeit ist, Erklärungen für die Transformation latent wahrzunehmender Grenzen in scharfe Grenzen und Fronten auf dem Gebiet des ehemaligen Jugoslawiens zu finden.
Ausgehend von einigen grundsätzlichen Gedanken zum Thema Grenze und Grenzziehungen im ersten Abschnitt sollen die wesentlichen Charakteristika des sozialistischen Jugoslawien in Hinblick auf den Zerfall dieses Staates identifiziert werden. Im dritten Teil folgt dann eine genauere Betrachtung vorhandener Grenzen in Jugoslawien und dessen damaliger Teilrepublik Bosnien-Herzegowina. Wie zu zeigen sein wird, war die Bevölkerung dieser Region ethnisch sehr heterogen und litt stark unter den kroatisch-serbischen Auseinandersetzungen. Auch die Folgen der ethnischen Säuberungen für die Bevölkerung und das politische System im heutigen Bosnien und Herzegowina werden angesprochen.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Typologie der Grenze
2.1 Zum Begriff der Grenze und seinem akademischen Gebrauch
2.2 borders oder frontiers?
3 Integration des Westbalkans im Sozialistischen Jugoslawien
3.1 Dritte Welt des alten Europa
3.2 Tito – vom Partisanenführer zum Mythos
4 Grenzen in Ex-Jugoslawien und Bosnien und Herzegowina
4.1 Außen-, Binnen- und unsichtbare Grenzen
4.2 Von der frontier zur Front
4.3 Neue Grenze: Inter-Entity Boundary Line
5 Fazit
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die Transformation von latent existierenden gesellschaftlichen Grenzen in scharfe Frontlinien während des Zerfalls des ehemaligen Jugoslawiens, um Erklärungen für die kriegerische Eskalation und die Radikalisierung zwischen Nachbarn zu finden.
- Die begriffliche Unterscheidung zwischen administrativen Grenzen (borders) und kulturellen Trennlinien (frontiers).
- Die Rolle des sozialistischen Integrationsmodells unter Josip Broz Tito.
- Die sozioökonomischen und politischen Krisenfaktoren der 1980er-Jahre als Katalysatoren für Gewalt.
- Die instrumentelle Rolle politischer Eliten bei der Konstruktion ethnischer Feindbilder.
- Die Auswirkungen des Dayton-Abkommens und der neuen administrativen Grenzen im heutigen Bosnien-Herzegowina.
Auszug aus dem Buch
4.2 Von der frontier zur Front
In den 1980er-Jahren schlitterte Jugoslawien in mehrere Krisen, die entweder durch eine Neuerfindung der Föderation oder durch deren Aufspaltung gelöst hätten werden können (vgl. Sundhaussen 2012: 217ff.). Zum einen versank das Land in einer ökonomischen und Schuldenkrise. Der Zusammenbruch der Wirtschaft hatte insbesondere für die Jugendlichen und insbesondere auf die Menschen im Kosovo, der Westherzegowina und den serbisch bewohnten Teilen Kroatiens besonders negative Auswirkungen. Hinzu kommen der internationale Bedeutungsverlust Jugoslawiens durch den Wegfall der bipolaren internationalen Ordnung, die zunehmend national aufgeladene Agitation serbischer und kroatischer nationalistische „Hardliner“ (vgl. Sundhaussen 2008: 12ff.) und eine politische Krise. Letztere bestand in dem fehlenden Grundkonsens, wie mit der ökonomischen Krise umzugehen wäre. Hinzukam die Bundesverfassung von 1974, die die „zentrifugalen Tendenzen befördert und die Lösung innenpolitischer Konflikte“ erschwert hätten (vgl. ebd.: 10).
Diese Rahmenbedingungen führten zu einem Scheitern der jugoslawischen Solidargemeinschaft, denn der relative individuelle Wohlstand schwand, die Arbeitslosigkeit stieg und äußere Bedrohungen, die ein Zusammenhalten erforderlich gemacht hatten, waren nicht mehr vermittelbar (vgl. Sundhaussen 2012: 219). Mit der Zeit war auch die Integrationskraft durch den gemeinsamen Gründungsmythos immer geringer geworden, da der Zweite Weltkrieg immer ferner gerückt war. Nach dem Tod Titos im Mai 1980 fehlte darüber hinaus die Inkarnation des sozialistischen Jugoslawiens, der mit seiner Politik der Ausbalancierung nationalistischer Tendenzen lange als eine Klammer um den Vielvölkerstaat fungiert hatte (vgl. Sundhaussen 2008: 11).
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung umreißt die Ausgangslage Jugoslawiens als Vielvölkerstaat und formuliert die zentrale Fragestellung nach den Ursachen der Transformation von gesellschaftlichen Grenzen in kriegerische Frontlinien.
2 Typologie der Grenze: Dieses Kapitel erarbeitet das theoretische Fundament durch die Differenzierung zwischen festen Staatsgrenzen (borders) und flexiblen, zivilisatorischen Trennlinien (frontiers).
3 Integration des Westbalkans im Sozialistischen Jugoslawien: Es wird die historische Einbettung der Region sowie die Rolle Titos als Integrationsfigur und Schöpfer eines staatlichen Gründungsmythos analysiert.
4 Grenzen in Ex-Jugoslawien und Bosnien und Herzegowina: Dieses Kapitel untersucht die praktischen Auswirkungen von Grenzen, die Rolle politischer Krisen und die konkrete Entwicklung hin zum bewaffneten Konflikt sowie die Grenzziehungen nach Dayton.
5 Fazit: Das Fazit fasst zusammen, dass nicht uralte Feindbilder, sondern aktuelle Krisenerscheinungen und gezielte politische Hetze die Eskalation zur Massengewalt herbeigeführt haben.
Schlüsselwörter
Jugoslawien, Grenze, frontier, borders, Westbalkan, ethnischer Konflikt, Josip Broz Tito, Identitätsbildung, Dayton-Abkommen, Nationalismus, Inter-Entity Boundary Line, Bürgerkrieg, Integration, Desintegration, Kollektive Identität.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert, wie das ehemalige Jugoslawien von einem weitgehend integrierten Vielvölkerstaat in einen blutigen Zerfallsprozess geriet und welche Rolle die Wahrnehmung von Grenzen dabei spielte.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Felder umfassen die Theorie der Grenzziehung, die Geschichte des titoistischen Jugoslawiens, sozioökonomische Krisenfaktoren sowie die Dynamik zwischen politischer Agitation und ethnischer Mobilisierung.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Ziel ist es, Erklärungen für die Transformation von latenten, kulturellen Grenzen (frontiers) in scharfe, kriegerische Frontlinien während der 1990er-Jahre zu finden.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Der Autor nutzt eine historisch-analytische Methode unter Einbeziehung geschichtswissenschaftlicher Literatur und Konzepte der Grenzforschung, um gesellschaftliche Transformationsprozesse nachzuzeichnen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert die theoretische Typologie von Grenzen, die historische Integration Jugoslawiens, die Auswirkungen der Krisen der 1980er-Jahre und die Etablierung neuer Grenzen durch das Dayton-Abkommen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie „frontiers“, „Balkan“, „Nationalismus“, „Tito“, „Kriegsursachen“ und „Zerfallsprozess“ definiert.
Warum betont der Autor, dass der Hass nicht aus der Geschichte kam?
Der Autor argumentiert, dass die Vorstellung eines „uralten Hasses“ eine Vereinfachung ist; die Gewalt resultierte vielmehr aus aktuellen Krisenerscheinungen und der gezielten Instrumentalisierung durch politische Eliten.
Welche Bedeutung hat die "Inter-Entity Boundary Line" heute?
Diese in Dayton gezogene Grenze teilt Bosnien und Herzegowina in zwei Entitäten und erschwert bis heute die gesamtstaatliche Verständigung, da sie die territoriale Teilung institutionalisiert.
- Arbeit zitieren
- Enrico Günther (Autor:in), 2013, Vom Nachbarn zum Feind? Grenzen im ehemaligen Jugoslawien, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/230874