Die Ausprägungen der Erklärungsansätze für die Unterentwicklung der dritten Welt sind mannigfach und ich nahezu allen Färbungen vorhanden. Das breite Spektrum verlangt deshalb Überkategorien, um die einzelnen sogenannten Entwicklungstheorien einzuordnen. Unter diesem Überbegriff unterteilt die Wissenschaft wiederum in Theorien, die die Ursache in exogenen Faktoren und in Theorien, die die Ursache in endogenen Faktoren vermutet. Zu den endogenen Theorien gehören beispielsweise die Modernisierungstheorien, die davon ausgehen, dass die Entwicklungsländer aus kulturellen, sozialen oder organisatorischen Gründen mehr Zeit zur Entwicklung zu Industrienationen benötigen als andere Länder. Die Ursachen für die Rückständigkeit sind also endogen. Modernisiert man allerdings einzelne Bereich wie das Rechtssystem, das politische System oder das Bildungssystem, werden die Entwicklungsländer den gleichen Weg zur Industrienation machen, wie die aktuellen Länder der ersten Welt.1 Dem gegenüber stehen die exogenen Entwicklungstheorien. Das meist verbreitete Beispiel ist hier die Imperialismustheorie. Sie besagt, dass die monopolistische Konzentration der weltweiten Vermögenswerte auf wenige Industrienationen nur auf Kosten der Ausbeutung der Entwicklungsländer möglich ist und die Unterentwicklung somit eine logische Folge der Ausbeutung ist.2 Somit sind hier also exogene Faktoren für die Unterentwicklung verantwortlich. Die Imperialismustheorie wird im Rahmen der Untersuchung der Neoimperialismustheorie in dieser Arbeit noch näher betrachtet werden. Die Dependenztheorie mit ihren verschiedenen Ausprägungen ist zu den exogenen Theorien zu zählen. Die folgende Arbeit wird sich näher mit der Dependenztheorie beschäftigen. Zunächst wird untersucht, aus welchen verschiedenen Strömungen die Dependenztheorie entstanden ist. Hier wird nach den Untersuchungen von Reinhard Stockmann und Ulrich Menzel verfahren. Anschließend wird die Dependenztheorie selbst vorgestellt. Abschließend werden die Anwendbarkeit der Dependenztheorie untersucht und somit die generelle Eignung für die Erklärung der Unterentwicklung überprüft.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Die Genese der Dependenztheorie
2.1. Singer/Prebisch These
2.2. Die Neoimperialismustheorie
2.3. Strukturalismus und das Zentrum-Peripherie-Modell
3. Die Dependenztheorie
3.1. Die marxistische Ausprägung der Dependenztheorie
3.2. Die Bürgerlich-nationalistische Ausprägung der Dependenztheorie
4. Kritik an der Dependenztheorie
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht die Entstehung, die wesentlichen Strömungen sowie die wissenschaftliche Validität der Dependenztheorie als Erklärungsansatz für Unterentwicklung, wobei insbesondere die Rolle exogener Faktoren kritisch hinterfragt wird.
- Historische Herleitung der Dependenztheorie aus verschiedenen Denkschulen
- Analyse der Singer/Prebisch-These und der Neoimperialismustheorie
- Untersuchung des Zentrum-Peripherie-Modells nach Galtung
- Gegenüberstellung marxistischer und bürgerlich-nationalistischer Ansätze
- Kritische Würdigung der empirischen Belegbarkeit und theoretischen Schwächen
Auszug aus dem Buch
2. Die Genese der Dependenztheorie
Die verschiedenen Ausprägungen der Dependenztheorie lassen sich trotz ihrer vorhandenen Unterschiede nach Datta auf folgende vier Kernpunkte zusammenfassen:
1. „Ohne die Berücksichtigung der externen Faktoren ist die Unterentwicklung nicht erklärbar. Die Sozialstrukturen der unterentwickelten Länder sind wesentlich geprägt durch die Dominanz ausländischer Hegemonialmächte, so daß endogene Faktoren mit exogenen in einem unauflöslichen Erklärungszusammenhang stehen.
2. Unterentwicklung ist kein der Entwicklung zeitlich vorausgehendes Stadium, sondern beide sind historisch gleichzeitige, funktional aufeinander bezogene Seiten desselben Prozesses der Entwicklung des kapitalistischen Weltsystems.
3. Unterentwicklung ist zwar extern begründet, ihre Auswirkungen sind aber interner Art.
4. Eine Überwindung der Unterentwicklung setzt also voraus, daß die verursachende externe Beherrschung aufgehoben wird.“
Weiter führt Datta aus, dass die entscheidende Neuerung, die mit der Dependenztheorie aufgebracht wurde, der Wechsel der Perspektive ist. So rücken nun im Gegensatz zu beispielsweise der Imperialismustheorie die Auswirkungen der Unterentwicklung in den abhängigen Staaten in den Vordergrund. In Bezug auf Pflug stellt Datta fest, dass nunmehr die Sozialstrukturen der unterentwickelten Länder Südamerikas, „die in der traditionellen Imperialismustheorie stets vernachlässigt wurden, […] nun im Mittelpunkt der Untersuchung“ stehen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Dieses Kapitel führt in die Thematik der Unterentwicklung ein und unterscheidet zwischen endogenen und exogenen Erklärungsansätzen, wobei der Fokus auf die Dependenztheorie gelegt wird.
2. Die Genese der Dependenztheorie: Hier werden die theoretischen Wurzeln wie die Singer/Prebisch-These, der Neoimperialismus sowie der Strukturalismus und das Zentrum-Peripherie-Modell dargelegt.
3. Die Dependenztheorie: Dieses Kapitel erläutert die Grundannahmen der Theorie und differenziert zwischen der marxistischen sowie der bürgerlich-nationalistischen Ausprägung.
4. Kritik an der Dependenztheorie: Hier werden wissenschaftliche Einwände gegen die Theorie präsentiert, insbesondere hinsichtlich der empirischen Belegbarkeit und der Vernachlässigung interner Faktoren.
Schlüsselwörter
Dependenztheorie, Unterentwicklung, Exogene Faktoren, Zentrum-Peripherie-Modell, Kapitalismus, Imperialismustheorie, Terms of Trade, Marxistische Theorie, Strukturalismus, Entwicklungsländer, Neoimperialismus, Wirtschaftsgeschichte, Abhängigkeitsverhältnis.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit primär?
Die Arbeit analysiert die Dependenztheorie als ein Modell, das Unterentwicklung maßgeblich auf externe Faktoren und die Einbindung in das kapitalistische Weltsystem zurückführt.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Die zentralen Themen sind die historische Genese der Theorie, ihre wichtigsten Strömungen und die kritische Auseinandersetzung mit ihrer praktischen und empirischen Anwendbarkeit.
Was ist die zentrale Forschungsfrage?
Es wird untersucht, wie die Dependenztheorie entstanden ist, wie sie sich in marxistische und nationalistische Ansätze unterteilt und ob sie als tragfähige Erklärung für die Unterentwicklung von Staaten dienen kann.
Welche wissenschaftliche Methodik kommt zum Einsatz?
Die Arbeit nutzt eine theoretische Literaturanalyse, bei der zentrale Theoretiker wie Prebisch, Singer, Baran, Sweezy und Galtung sowie deren Kritiker herangezogen werden.
Was deckt der Hauptteil der Arbeit inhaltlich ab?
Der Hauptteil gliedert sich in die Darstellung der theoretischen Grundlagen, die Differenzierung der beiden Hauptausprägungen der Theorie und die kritische Reflexion der Konzepte.
Durch welche Schlüsselwörter lässt sich der Text am besten charakterisieren?
Die Arbeit ist durch Begriffe wie Dependenztheorie, Zentrum-Peripherie-Modell, Exogene Faktoren, Kapitalismus und wirtschaftliche Unterentwicklung gekennzeichnet.
Wie unterscheidet sich die marxistische Sichtweise von der bürgerlich-nationalistischen?
Während die marxistische Sichtweise den Systemumsturz als einzige Lösung fordert, sieht die bürgerlich-nationalistische Strömung Spielräume für eigenständige Entwicklungen durch interne Reformen.
Warum wird das Zentrum-Peripherie-Modell als „strukturelle Gewalt“ bezeichnet?
Galtung bezeichnet es so, weil das Modell auf ungleichen Interaktionsmustern basiert, die den Wohlstand des Zentrums auf Kosten der Peripherie sichern und diese in Abhängigkeit halten.
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- Stefan Schmidt (Author), 2012, Die Dependenztheorie, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/230747