"Im Dezember letzten Jahres (2011) forderten mehrere französische Politiker ein Verbot der Prostitution. Diese stelle eine Verletzung der elementaren Menschenrechte („Würde und Gleichberechtigung“1) dar. Aus diesem Grund waren auch nicht die Prostituierten selbst Ziel des Angriffs, sondern ihre Kunden, denn: „Wo keine Freier, da keine Huren“.
Diese Initiative unterschied sich in vielen Punkten von den strafrechtlichen Vorschriften zum Ende des 19./Anfang des 20. Jahrhunderts. Denn, wie ich noch zeigen werde, stand damals vor allem die Prostitution unter gesetzlichen und gesellschaftlichen Zwängen, während die Inanspruchnahme derselben sanktioniert
blieb. Ebenso different waren die Motive. Welche dahinter steckten, soll in dieser Arbeit untersucht werden.
Die Quellenlage zu diesem Thema ist umfangreich, jedoch auch problematisch.
Die Polizei- und Gerichtsakten hinterfragen selten die sozialen Umstände und
Beweggründe, sondern vertreten eher die zeitgenössischen Vorurteile. Aus dem
Milieu selbst gibt es zudem nur wenige glaubwürdige Schilderungen.
Für meine Recherche hat mir vor allem das Werk „Zucht und Unzucht“ geholfen.
Sybille Krafft untersucht zwar hauptsächlich die Entwicklungen in München,
doch vergleicht sie diese immer wieder mit Berlin. Zudem lässt sich die Autorin nicht auf monokausale Schlussfolgerungen ein, sondern bietet eine Übersicht über die möglichen Ursachen, die zur Prostitution geführt haben. „Vergnügungsgewerbe rund um den Bülowbogen“ konzentriert sich auf Berlin und zeigt, wie die zeitgenössische Vorstellung von der „gesitteten“ Frau ebenso das Bild der Prostituierten prägte. „The Business of Sex“ hebt den Aspekt der Geschlechterrolle hervor und inwiefern die Frau unterdrückt wurde, während der Mann – als Kunde – unbehelligt blieb. „Hierarchien der Unzucht“ schließlich ist das aktuellste Werk und legt dar, inwiefern staatliche Rechtsvorschriften gesellschaftliche Normen festigen.
Im Mittelpunkt der Untersuchung stehen die polizeilichen Vorschriften aus dem
Jahr 1902, die für den Großraum Berlin gültig waren. Besondere Aufmerksamkeit
soll den Anordnungen gewidmet werden, die ihre Berufsausübung und ihr
Privatleben betrafen. Was waren die möglichen Ursachen, als auch die Folgen
dieser strafrechtlichen Einflussnahme auf eine stigmatisierte Minderheit und
inwiefern spiegelte diese die gesellschaftlichen Normvorstellungen wieder?"
Inhaltsverzeichnis
I. Einleitung
II. Reglementierung der Prostitution
A. Zur „Sicherung der Gesundheit“
B. Zur Sicherung der Sittlichkeit
C. Strafen bei „Zuwiderhandlungen“
III. Gesellschaftliche Folgen
A. Heimliche Prostitution
B. Falsche Verdächtigungen
C. Bekräftigung der Sittenvorstellungen
D. Verankerung der Geschlechterrollen
IV. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht, inwieweit die polizeiliche Reglementierung der Prostitution im Berlin des Jahres 1902 als Spiegel gesellschaftlicher Normvorstellungen und als Ausdruck patriarchaler Strukturen interpretiert werden kann, wobei insbesondere die Auswirkungen auf weibliche Prostituierte im Fokus stehen.
- Staatliche Reglementierung der Prostitution im Kaiserreich
- Geschlechtsspezifische Rollenverhältnisse und Sittenbilder
- Ausgrenzungsmechanismen gegenüber Prostituierten
- Kritische Analyse von Kontrollmaßnahmen und deren soziale Folgen
- Vergleich historischer Reglementierungen mit aktuellen gesellschaftlichen Debatten
Auszug aus dem Buch
C. Strafen bei „Zuwiderhandlungen“
Verstöße gegen die polizeilichen Vorschriften wurden mit Haftstrafen von bis zu sechs Wochen geahndet. § 362 des Reichsstrafgesetzbuches (RStGB) legte zudem fest, dass der Strafrichter die verurteile Person anschließend der Landespolizeibehörde überstellen konnte, die daraufhin „völlig willkürlich“ entschied, ob und wie lange (maximal zwei Jahre) die Verurteilte „in ein Arbeitshaus, in eine Besserungs- oder Erziehungsanstalt oder in ein Asyl“ untergebracht werden oder gemeinnützige Arbeiten verrichten sollte. Die Arbeitshäuser waren bei den Zeitgenossen weitaus „gefürchteter als Gefängnisse […]. Die Gründe dürften in der schlechteren Verpflegung, dem überaus harten Arbeitszwang und der nur in den Arbeitshäusern möglichen Haftverlängerung aus disziplinarischen Gründen gelegen haben“. Auch wenn die polizeilichen Vorschriften von 1902 nur für Frauen unter sittenpolizeilicher Aufsicht verpflichtend waren, betrafen die Strafen gemäß § 361, Abs. 6 des RStGB jede Prostituierte. Die Angst davor sollte die Prostitution von der Straße verdrängen und damit aus der Öffentlichkeit verbannen.
Zusammenfassung der Kapitel
I. Einleitung: Vorstellung der Problematik sowie der historischen Quellenlage zur Prostitutionsreglementierung im Kaiserreich.
II. Reglementierung der Prostitution: Analyse der Berliner Polizeivorschriften von 1902 hinsichtlich gesundheitspolizeilicher Maßnahmen, sittlicher Auflagen und drohender Sanktionen.
III. Gesellschaftliche Folgen: Untersuchung der Auswirkungen auf die Prostituierten, insbesondere die Zunahme heimlicher Prostitution und die Stigmatisierung der Frau.
IV. Fazit: Zusammenfassende Beantwortung der Ausgangsfrage zur gesellschaftlichen Spiegelwirkung des damaligen Strafrechts.
Schlüsselwörter
Prostitution, Kaiserreich, Berlin, Sittenpolizei, Reglementierung, Geschlechterrollen, Sittlichkeit, Strafrecht, Minderheit, Stigmatisierung, Arbeitshaus, Frauengeschichte, Gesellschaftsnormen, Polizeivorschriften, Zwangsprostitution
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Seminararbeit befasst sich mit der staatlichen Reglementierung der Prostitution im Berlin des frühen 20. Jahrhunderts und deren Rolle bei der Aufrechterhaltung gesellschaftlicher Moralvorstellungen.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Zentrale Themen sind die polizeiliche Aufsicht, die rechtliche Situation von Prostituierten, der Einfluss von Geschlechternormen und die sozialen Konsequenzen staatlicher Eingriffe.
Was ist die primäre Forschungsfrage?
Die Arbeit untersucht, ob das Strafrecht zur Prostitution im Kaiserreich als Spiegel der gesellschaftlichen Strukturen und Wertvorstellungen betrachtet werden kann.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine historische Analyse, die auf Polizeivorschriften von 1902 sowie einschlägiger Fachliteratur zur Prostitutionsgeschichte basiert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung polizeilicher Vorschriften, die Analyse der gesellschaftlichen Folgen wie Stigmatisierung und die Verankerung patriarchaler Geschlechterrollen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Prostitution, Sittenpolizei, Kaiserreich, Geschlechterrollen, Stigmatisierung und soziale Normen sind die zentralen Begriffe.
Inwiefern hat die "Sittenpolizei" Frauen in ihrem Alltag beeinflusst?
Durch schikanöse Vorschriften zur Kleidung, Wohnortwahl und zum allgemeinen Auftreten wurde ihr Privatleben stark eingeschränkt und sie wurden gezwungen, sich unauffällig in der Masse zu bewegen.
Welche Verbindung zieht der Autor zur heutigen Zeit?
Der Autor vergleicht die historische Reglementierung mit aktuellen Forderungen nach Prostitutionsverboten und warnt davor, dass ein generelles Bestrafen der Kunden die Lage der Frauen verschlechtern könnte.
- Arbeit zitieren
- Stefan Fuchs (Autor:in), 2012, Die Reglementierung der Prostitution im 20. Jahrhundert. Ein Spiegel der Gesellschaft?, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/229661