Kaum ein Filmemacher der letzten Jahrzehnte ist so umstritten wie der US-Dokumentarfilmer und Autor Michael Moore. Seine explizit aus subjektiver Sichtweise erzählten Arbeiten unterhalten die Zuschauer entgegen der herkömmlichen Meinung von Dokumentarfilmen nicht nur mit beißender Ironie und Sarkasmus, sondern lassen viele Kritiker und Theoretiker auch an den gängigen dokumentarischen Begriffselementen von objektiver Ernsthaftigkeit, Authentizität, Wahrheit und Glaubwürdigkeit der Aussagen und damit an der Einordnung seiner Werke als „filmische Dokumente“ zweifeln. Doch was heißt Wahrheit, wie glaubwürdig sind Aussagen zur Wirklichkeit der Welt und wie authentisch können Dokumentarfilme überhaupt sein? Inwieweit kann „Bowling For Columbine“ in dieser Tradition als ein filmisches Dokument angesehen bzw. abgelehnt werden?
Inhaltsverzeichnis
1. Dokumentarismus im Film
1.1 Inwieweit sind Michael Moores Filme dokumentarisch?
2. Dokumentarismus im Theater
2.1 Inwieweit sind die Inszenierungen des Theater-Kollektivs „Rimini Protokoll“ dokumentarisch?
3. Dokumentarismus in der Fotografie
3.1 Inwieweit sind die Fotografien von Diane Arbus dokumentarisch?
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das Konzept des Dokumentarismus in unterschiedlichen Medien und hinterfragt kritisch, inwieweit filmische, theatrale und fotografische Werke als objektive oder authentische Dokumentationen der Realität betrachtet werden können.
- Analyse von Michael Moores „Bowling For Columbine“ hinsichtlich dokumentarischer Authentizität.
- Untersuchung der Theater-Inszenierung „Wallenstein“ des Kollektivs Rimini Protokoll.
- Betrachtung des dokumentarischen Charakters der Fotografien von Diane Arbus.
- Erforschung der Verschränkung von subjektiver Inszenierung und objektivem Wahrheitsanspruch.
- Diskussion über das Verhältnis von Realität, Fiktion und dem „dokumentarischen Blick“.
Auszug aus dem Buch
Dokumentarismus im Film
Kaum ein Filmemacher der letzten Jahrzehnte ist so umstritten wie der US-Dokumentarfilmer und Autor Michael Moore. Seine explizit aus subjektiver Sichtweise erzählten Arbeiten unterhalten die Zuschauer entgegen der herkömmlichen Meinung von Dokumentarfilmen nicht nur mit beißender Ironie und Sarkasmus, sondern lassen viele Kritiker und Theoretiker auch den gängigen dokumentarischen Begriffselementen von objektiver Ernsthaftigkeit, Authentizität, Wahrheit und Glaubwürdigkeit der Aussagen und damit an der Einordnung seiner Werke „filmische Dokumente“ zweifeln. Doch was heißt Wahrheit, wie glaubwürdig sind Aussagen zur Wirklichkeit der Welt und wie authentisch können Dokumentarfilme überhaupt sein? Inwieweit kann „Bowling For Columbine“ in dieser Tradition als filmisches Dokument angesehen bzw. abgelehnt werden?
Michael Moores Werk „Bowling For Columbine“ zählt zu einer der kommerziell erfolgreichsten Dokumentarfilme der letzten Jahrzehnte (Im Nachfolgenden werde ich bei der Analyse von Filmsequenzen die Zeitangabe als Timecode im Text nennen). Sein Film beleuchtet die Waffentradition der Amerikaner und dessen Ursprung sowie untersucht die Frage, wer Schuld an der amerikanischen Gewaltkultur und den Amokläufen – wie an dem Schulmassaker vom 20. April 1999 an der Columbine Highschool – hatte. Moores Recherchen – deren Aufzeichnungsprozess immer teil seiner Filme sind – führen ihn zu den höchsten Regierungs-, Organisations- und Lobbyistenkreise. Von der skrupellosen Lobby-Arbeit der Waffen-Organisation „NRA“ über die hysterische, angsterfüllte Nachrichtenpolitik der amerikanischen Medien und der Regierung nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 bis zum vernachlässigten Sozial-und Gesundheitssystem zieht Moore in seiner Analyse verschiedene Grundübel für die Gewalteskalation im Land und die Waffenvernarrtheit der amerikanischen Gesellschaft heran und macht einzelne Personen dieses Apparats – wie NRA-Waffenlobbyist und Schauspiellegende Charlton Heston - als symbolische Sündenböcke für diese Entwicklung verantwortlich.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Dokumentarismus im Film: Dieses Kapitel analysiert anhand von Michael Moores „Bowling For Columbine“, wie durch subjektive Montage und emotionale Inszenierung ein Anspruch auf Wahrheit erhoben wird.
2. Dokumentarismus im Theater: Hier wird untersucht, wie Rimini Protokoll durch die Einbindung von sogenannten „Experten des Alltags“ die Grenzen zwischen dokumentarischer Realität und theatraler Inszenierung neu definiert.
3. Dokumentarismus in der Fotografie: Dieser Abschnitt beleuchtet anhand der Werke von Diane Arbus das Spannungsfeld zwischen der dokumentarischen Abbildung von gesellschaftlichen Randgruppen und der subjektiven künstlerischen Inszenierung des Fotografen.
Schlüsselwörter
Dokumentarismus, Authentizität, Wahrheit, Inszenierung, Realität, Fiktion, Michael Moore, Rimini Protokoll, Diane Arbus, Medienanalyse, Dokumentarfilm, Dokumentartheater, Dokumentarfotografie, Subjektivität, Beweismaterial
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit dem Begriff des Dokumentarischen und hinterfragt dessen Anwendung in drei verschiedenen künstlerischen Disziplinen: Film, Theater und Fotografie.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind das Verhältnis von Wahrheit und Fiktion, die Rolle des Autors als Gestalter der Wirklichkeit sowie die Methoden der Authentizitäts-Erzeugung in verschiedenen Medien.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, dass „dokumentarisch“ nicht zwangsläufig mit „objektiv“ gleichzusetzen ist und dass jede dokumentarische Arbeit immer eine Form der inszenierten Wirklichkeitsdarstellung darstellt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit stützt sich auf eine diskursive Analyse von Primär- und Sekundärliteratur sowie eine werkimmanente Analyse spezifischer Beispiele (Film, Theaterstück, Monografie).
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Im Hauptteil werden drei konkrete Fallbeispiele analysiert: Michael Moores Film „Bowling For Columbine“, die Theaterinszenierung „Wallenstein“ von Rimini Protokoll und die Fotografien von Diane Arbus.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wesentliche Begriffe sind Authentizität, Inszenierung, Dokumentarismus, Subjektivität und Wirklichkeitskonstruktion.
Wie unterscheidet sich die Dokumentarfotografie von Diane Arbus laut der Arbeit von anderen Ansätzen?
Arbus fokussiert sich auf einen spezifischen Menschentyp und nutzt ihre Motive, um eine fast enzyklopädische, aber dennoch hochgradig subjektive Sicht auf die Ränder der amerikanischen Gesellschaft zu präsentieren.
Warum spielt die Montage bei der Dokumentarfilm-Analyse eine entscheidende Rolle?
Die Montage wird als Mittel identifiziert, mit dem der Filmemacher eine eigene narrative Wahrheit aus dem vorhandenen Material konstruiert, was den Objektivitätsanspruch des Dokumentarfilms kritisch unterwandert.
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- Daniel Voigt (Author), 2012, Essays zum Dokumentarischen. Dokumentarismus im Film, Theater und in der Fotografie, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/229462