Es ist absehbar, dass die Flüchtigkeit der Arbeitsverhältnisse in Zukunft zunehmen wird. Daran ist auf Grund fortschreitender Massenkommunikation und unbestreitbarer Effektivität von Arbeitsteilung wohl nicht zu rütteln. Um dennoch einen starken Charakter der Subjekte gewährleisten, sowie dem Gefühl innerer Leere und Bestimmungslosigkeit entgegenwirken zu können, bedarf es sowohl einen Wandel der Ansprüche der Arbeitswelt sowie auch der Schwerpunktsetzung des Arbeitnehmers, beziehungsweise des Subjektes.
Zum einem muss das Subjekt sich Freiräume erkämpfen und schaffen. Es muss erkennen, der finanziellen Sicherheit und nicht der Bestimmung wegen zu arbeiten; arbeiten um zu leben und nicht leben um zu arbeiten. Zum anderem muss auch das Wirtschaftssystem seinen Beitrag zur Verbesserung geistiger und emotionaler Lebensräume leisten. Es muss Freiräume zustande kommen lassen in dem es zum Beispiel Lücken oder `nicht-qualifizierende ́ Episoden, also Zeiträume individueller, alternativer Lebensgestaltung zulässt.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Arbeitsverhältnisse im Wandel der Zeit
3. Charakterschwäche als Konsequenz flüchtiger Arbeitsverhältnisse
4. Individualisierung im Konflikt zur Fremdbestimmung durch die Konsumindustrie
4.1 Paradoxien der Individualisierung
5. Zwischenfazit
6. Positive Selbstbeziehung
7. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die Auswirkungen der modernen, flexibilisierten Arbeitswelt auf das geistige Wohl und die Identität des Subjekts. Dabei wird der Frage nachgegangen, inwiefern die Forderungen nach ständiger Flexibilität und individueller Selbstverwirklichung in einen Konflikt mit den psychischen Bedürfnissen nach Stabilität und Anerkennung geraten.
- Wandel von fordistischen Strukturen hin zum flexiblen Kapitalismus
- Konsequenzen der Flüchtigkeit für Charakterbildung und soziale Bindungen
- Ambivalenz der Individualisierung zwischen Freiheit und Zwang
- Anerkennungstheoretische Perspektiven auf die Ich-Bildung
Auszug aus dem Buch
Charakterschwäche als Konsequenz flüchtiger Arbeitsverhältnisse
Von Arbeitern wird verlangt, sich flexibler zu verhalten, offen für kurzfristige Veränderung zu sein, Risiken einzugehen (vgl. Sennett 1998: 10). Es kommt nicht mehr so sehr darauf an, dass ein Mensch ein Handwerk erlernt und schließlich gut beherrscht. Vielmehr erfordert der Neue Kapitalismus die Fähigkeit, sich ständig auf neue Gegebenheiten einstellen zu können. Die aufkommende Computertechnologie ermöglicht diese Flexibilität. Sie trug dazu bei, die langsame und schwerfälligen Kommunikationsnetzwerke zu beschleunigen, ermöglichte flexible Arbeitszeitgestaltung und ortsungebundenes Arbeiten. Institutionen wurden somit leichter veränderbar und können den Bedürfnissen entsprechend umstrukturiert werden. Die strengen Hierarchien sind teilweise durch kleine selbstverantwortliche Gruppen, verteilt in alle Winkel der Welt, abgelöst worden (vgl. Sennett 1998: 27).
Auf den ersten Blick mag dies positiv erscheinen, als Gewinn von Autonomie und Freiheit für den Arbeitnehmer und somit durchaus vereinbar mit dem Prozess der Individualisierung. Auf Dauer handelt es sich aber um ein verhängnisvolles Rezept für die Entwicklung von Vertrauen, Loyalität und gegenseitigen Verpflichtungen und dadurch für das Fundament eines starken Charakters, eines starken Selbst (vgl. Sennett 1998: 28). Durch die Flexibilisierung der Arbeitswelt verlieren Wertvorstellungen und Tugenden an Bedeutung: z.B. Treue, Verantwortungsbewusstsein und Arbeitsethos ebenso wie die Fähigkeit, auf sofortige Befriedigung von Wünschen zu verzichten und Ziele langfristig zu verfolgen (vgl. Sennett 1989: 30f). Das Subjekt findet sich wieder in einer Welt der Fremdschaften und Flüchtigkeiten. Halt bietende Freundschaften können auf Grund von häufigen Tätigkeits- und Ortswechseln nicht mehr zustande kommen und die zwischenmenschliche Kommunikation wird ersetzt durch flüchtigen, aufs Notwendigste reduzierten Emailkontakt. Gründe für diese Entwicklung sind die Beschleunigung der Arbeitsorganisation, die stetig wachsenden Leistungsanforderungen, die zunehmende Unsicherheit der Arbeitsverhältnisse sowie die Notwendigkeit, jederzeit aus beruflichen Gründen den Wohnort zu wechseln.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in die Problematik ein, wie moderne Arbeitserwartungen und der Druck zur Selbstverwirklichung den geistigen Zustand des Subjekts beeinflussen.
2. Arbeitsverhältnisse im Wandel der Zeit: Dieses Kapitel skizziert den historischen Übergang vom starren Fordismus zu einem durch Flexibilität und Instabilität geprägten neuen Kapitalismus.
3. Charakterschwäche als Konsequenz flüchtiger Arbeitsverhältnisse: Hier wird analysiert, wie die Notwendigkeit ständiger Anpassung und mangelnde Kontinuität die Herausbildung eines stabilen Charakters und tragfähiger sozialer Bindungen untergraben.
4. Individualisierung im Konflikt zur Fremdbestimmung durch die Konsumindustrie: Das Kapitel beleuchtet die Ambivalenz des Individualisierungsbegriffs zwischen persönlicher Freiheit und einer durch die Wirtschaft forcierten, konformistischen Selbstoptimierung.
4.1 Paradoxien der Individualisierung: Hier wird dargelegt, wie der Zwang zur ständigen Selbsterprobung zu innerer Leere und einer Instrumentalisierung der Identität führt.
5. Zwischenfazit: Das Zwischenfazit fasst die Belastungen des modernen Subjekts zusammen und stellt Sennetts Theorie der Flüchtigkeit Honneths anerkennungstheoretischen Überlegungen gegenüber.
6. Positive Selbstbeziehung: In diesem Kapitel wird Axel Honneths Modell der intersubjektiven Anerkennung herangezogen, um zu verdeutlichen, wie soziale Gruppen zur persönlichen Stabilität beitragen.
7. Fazit: Das Fazit resümiert, dass ein Wandel sowohl in den Ansprüchen der Arbeitswelt als auch in der Haltung des Subjekts notwendig ist, um einen starken Charakter und geistige Gesundheit zu bewahren.
Schlüsselwörter
Neuer Kapitalismus, Flexibilität, Fordismus, Individualisierung, Identität, Selbstverwirklichung, Anerkennungstheorie, Arbeitsverhältnisse, Charakterbildung, Sozialkontakte, Leistungsdruck, Entfremdung, psychisches Wohl, Subjekt, Autonomie
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die negativen Auswirkungen moderner, flexibler Arbeitsbedingungen auf das psychische Wohlbefinden und die Charakterbildung des Subjekts.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zu den zentralen Themen gehören der Wandel von starren Arbeitsstrukturen (Fordismus) zu einer volatilen Wirtschaft, die Ambivalenz der Individualisierung sowie die Bedeutung stabiler sozialer Bindungen.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie das Streben nach individueller Freiheit durch ökonomische Zwänge instrumentalisiert wird und welche Konsequenzen dies für die psychische Gesundheit hat.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine theoretische Analyse soziologischer und philosophischer Ansätze, insbesondere die Arbeiten von Richard Sennett und Axel Honneth.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil befasst sich mit dem Strukturwandel der Arbeit, den Auswirkungen der Flüchtigkeit auf den Charakter, der Paradoxie der Individualisierung und der Bedeutung der Anerkennung für die Selbstbeziehung.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind unter anderem Flexibilität, Charakterbildung, Individualisierung, Anerkennungstheorie, Identität und Entfremdung.
Wie unterscheidet sich der Begriff des Charakters bei Sennett von einer alltäglichen Definition?
Sennett definiert Charakter als den ethischen Wert, den wir unseren Entscheidungen und Beziehungen zumessen, was Zeit und Beständigkeit voraussetzt – Eigenschaften, die im flexiblen Kapitalismus verloren gehen.
Welche Rolle spielt die "Konsumindustrie" im Kontext der Individualisierung?
Sie fungiert als fremdbestimmende Kraft, die dem Individuum ein Ideal von Selbstverwirklichung vorgibt, welches die Handlungsautonomie am Arbeitsplatz faktisch einschränkt.
Warum wird ein "Gap-Year" kritisch hinterfragt?
Die Arbeit hinterfragt, ob solche Auszeiten tatsächlich der freien Selbstfindung dienen oder ob sie sich lediglich einem weiteren wirtschaftlichen "Guide" zur Leistungssteigerung unterordnen.
- Arbeit zitieren
- Cedric Bradbury (Autor:in), 2012, Das Ich in der Krise. Auswirkungen der modernen Arbeitsansprüche auf das Subjekt, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/229410