Es kursieren verschiedene Ansichten darüber, wovon der schulische Erfolg eines Kindes abhängt. Manche Stimmen vertreten noch immer vehement die Ansicht, allein die Intelligenz des Individuums sei der entscheidende Faktor. Bei entsprechender Begabung stehe jedem Kind, unabhängig von Kategorien wie Geschlecht, Hautfarbe, Religion oder sozialer Herkunft, in gleicher Weise das Tor zum Erfolg offen. Dazu müsse sich jedes Kind nur genügend anstrengen und sich die guten Noten auch wirklich verdienen wollen. Im gleichen Atemzug ist die Rede von Chancengleichheit, von einem durchlässigen Schulsystem, das soziale Aufwärtsmobilität gewährleiste sowie davon, dass ausschließlich Leistung zähle und belohnt werde.
Nachfolgend werden Abschnitte zweier Studien von Bourdieu und Passeron sowie Willis komprimiert dargestellt und detaillierter dahingehend untersucht, welche Erklärungen für Bildungsungleichheit sie jeweils anbieten. Besonderes Augenmerk wird dabei auf den Einfluss (sub-)kultureller Eigenheiten des Lebensstils innerhalb verschiedener sozialer Milieus gelegt. Denn sowohl Bourdieu und Passeron als auch Willis zufolge scheint der Erfolg im Bildungssystem weniger von der Intelligenz des Einzelnen abzuhängen, als von der Beherrschung und Anwendung bestimmter kultureller Verhaltensweisen.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Die Illusion der Chancengleichheit
2.1 Empirische Befunde
2.2 Theoretische Erklärungen
2.3 Zwischenfazit
3 Learning to labour
3.1 Die schulische Gegenkultur im Detail
3.2 Berührungspunkte von schulischer Gegenkultur und der Kultur der Arbeiterklasse
4 Fazit
Zielsetzung & Themen der Arbeit
Diese Hausarbeit untersucht die soziologischen Einflussfaktoren auf Bildungskarrieren und geht der Frage nach, inwiefern soziale Herkunft und kulturelle Verhaltensweisen den Schulerfolg stärker bestimmen als individuelle Intelligenz oder Leistung.
- Analyse der Theorie der „Illusion der Chancengleichheit“ von Bourdieu und Passeron.
- Untersuchung der Bedeutung kulturellen Kapitals und Habitus im Bildungssystem.
- Betrachtung der „Counter-school culture“ in Paul E. Willis’ Studie „Learning to labour“.
- Vergleich zwischen den Ansätzen von Bourdieu/Passeron und Willis zur Reproduktion sozialer Ungleichheit.
Auszug aus dem Buch
Die soziale Herkunft als Auslesekriterium
Eine zentrale Rolle bezüglich der Bildungschancen junger Menschen spielt die soziale Herkunft. Bourdieu und Passeron können mit Daten aus den Jahren 1961/62 aufzeigen, dass zwischen den unterschiedlichen sozialen Klassen teilweise gewaltige Divergenzen bezüglich ihrer Hochschulzugangschancen liegen. Der Zusammenhang zwischen sozialer Lage und der Aussicht darauf, eine Hochschule besuchen zu können, gestaltet sich derart, dass die Wahrscheinlichkeit zu studieren mit der Position innerhalb des Klassengefüges steigt. Je besser die Schülerinnen und Schüler gesellschaftlich gestellt sind, desto größer sind ihre Chancen, eine Universität oder Hochschule zu besuchen. In Zahlen ausgedrückt offenbart das Verhältnis der Wahrscheinlichkeit von Angehörigen der untersten Klassen zu studieren, verglichen mit den Chancen der obersten Klassen, akademische Bildung zu erlangen, ein erstes Mal die Dimension der Bildungsungleichheit: „Die Aussichten auf Hochschulbesuch sind für den Sohn eines Führungskaders achtzigmal größer als für den eines Landarbeiters [...]“ (Bourdieu und Passeron 1971, S. 20), denn während die Wahrscheinlichkeit des Studiums für Söhne von Landarbeitern nur 0,8 Prozent beträgt, können 58,8 Prozent der Söhne von Führungsangestellten und Freiberuflern damit rechnen, auf eine Universität zu gelangen.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung führt in die Thematik ein, hinterfragt den Mythos der Chancengleichheit im Bildungssystem und stellt die zentralen soziologischen Perspektiven von Pierre Bourdieu, Jean-Claude Passeron und Paul E. Willis vor.
2 Die Illusion der Chancengleichheit: Dieses Kapitel analysiert anhand empirischer Daten, wie die soziale Herkunft und das kulturelle Erbe die Bildungschancen massiv beeinflussen und zu einer ungleichen Auslese führen.
3 Learning to labour: Hier wird die ethnographische Studie von Paul E. Willis über eine Gruppe englischer Arbeiterjungen („die Lads“) vorgestellt, um deren oppositionelle Haltung zur Schule und die Übertragung dieser Muster in die spätere Arbeitswelt zu verstehen.
4 Fazit: Das Fazit fasst die Erkenntnisse zusammen und stellt fest, dass Bildungserfolg weitgehend durch soziale Faktoren und kulturelle Prägungen determiniert wird, statt durch individuelle Anstrengung oder Intelligenz.
Schlüsselwörter
Bildungschancen, Soziale Herkunft, Bourdieu, Passeron, Willis, Learning to labour, Chancengleichheit, Kulturelles Kapital, Habitus, Arbeiterklasse, Schulische Gegenkultur, Bildungsungleichheit, Soziale Reproduktion, Elite, Sozialisation
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert, wie soziale Ungleichheit durch das Bildungssystem reproduziert wird und welche Rolle dabei die soziale Herkunft im Vergleich zu individuellen Leistungen spielt.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Themenfelder umfassen die Bildungssoziologie, insbesondere die Mechanismen der Selektion, den Einfluss des kulturellen Kapitals sowie die Entwicklung schulischer Gegenkulturen.
Was ist die primäre Forschungsfrage?
Die Forschungsfrage untersucht, ob Faktoren wie „gute Manieren“ oder die soziale Herkunft einen größeren Einfluss auf den Bildungserfolg haben als reine schulische Leistungen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine komparative Literaturanalyse soziologischer Studien, namentlich der quantitativen Daten von Bourdieu/Passeron und der qualitativen ethnographischen Forschung von Paul E. Willis.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil werden zunächst Bourdieus und Passerons Thesen zur „Illusion der Chancengleichheit“ dargelegt, gefolgt von einer detaillierten Analyse der „Lads“ in Willis’ Studie „Learning to labour“.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wesentliche Begriffe sind Bildungsungleichheit, soziale Herkunft, kulturelles Kapital, Habitus und soziale Reproduktion.
Wie unterscheidet sich Willis' Ansatz von dem von Bourdieu und Passeron?
Während Bourdieu und Passeron eher makrosoziologische statistische Trends untersuchen, nähert sich Willis seinem Forschungsgegenstand durch eine mikrosoziologische, ethnographische Beobachtung direkt in der Schule.
Was bedeutet „Counter-school culture“ bei Willis?
Dieser Begriff beschreibt die oppositionelle Haltung einer Gruppe von Schülern gegenüber schulischen Autoritäten, die durch abweichende Normen, Konsumverhalten und eine explizite Ablehnung theoretischen Wissens geprägt ist.
- Arbeit zitieren
- Boris Reinecke (Autor:in), 2012, Sind gute Manieren für den Bildungsweg erfolgversprechender als gute Leistungen?, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/215916