Ob beim Fachsimpeln über das neue Mannschaftsmitglied der Lieblingsmannschaft, beim Gespräch über das neue Kind in der Schulklasse, oder bei spontansoziologischen Stammtischgesprächen über "die Moslems" in der BRD: Gern und oft wird im Alltag von Integration gesprochen und davon, dass sie im besprochenen Fall gelungen, missglückt, verweigert worden, notwendig, unmöglich oder anderes sei.
Ein Begriff der Wissenschaft wird hier verwendet als Wort der Alltagssprache. Sprechen Fachkundige der Politikwissenschaft oder Soziologie von Integration, so tun sie das im Idealfall unter wissenschaftlichen Bedingungen: Integration wird als definierter
Begriff behandelt, in einen theoretischen Kontext eingebettet, Extension und Intension sind mehr oder minder deutlich abgegrenzt, sodass dieses Wort als Fachbegriff
brauchbar ist.
In Äußerungen zu Integration innerhalb der Alltagssphäre hingegen bleibt unklar was mit Integration gemeint sein könnte, ob soetwas wie theoretische Grundannahmen hinter der Verwendung des Wortes stehen und falls ja, welche das sein könnten. Kurz gesagt: Extension und Intension scheinen stets unterschiedlich
und sind meist unbekannt oder diffus. Statt Begriff drängt sich hier schon eher die Bezeichnung Plastikwort auf, die Uwe Pörksen für Wörter wie Entwicklung, Sexualität oder Kommunikation prägte.
Ob das Wort "Integration" nun tatsächlich auch als Plastikwort zu begreifen ist, wird nachfolgend zu beweisen sein.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Analyse des Begriffs "Integration"
3. Integration als Plastikwort
4. Gesellschaftspolitische Implikationen
5. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht kritisch den Sprachgebrauch des Begriffs „Integration“ im aktuellen gesellschaftspolitischen Diskurs und analysiert, inwiefern dieser Begriff als „Plastikwort“ im Sinne von Uwe Pörksen fungiert und damit zur ideologischen Verschleierung beitragen kann.
- Semantische Analyse des Begriffs „Integration“
- Anwendung der Plastikwort-Theorie auf aktuelle Debatten
- Die Funktion von Integration als adressierter Imperativ
- Wissenschaftlicher Anschein und Alltagsgebrauch
- Gesellschaftspolitische Machtverhältnisse und Ideologisierung
Auszug aus dem Buch
Integration als Plastikwort?
Da nun die Extension des Wortes zwar durchaus weit gefasst ist, jedoch nicht ganz so weit, wie Pörksen es für seine Plastikwörter beschreibt, ist auch die Intension minimal, wenngleich sie durchaus sehr eng einzugrenzen ist. Stets wird Integration als irgendwie geartete Form der Eingliederung von Personen, Personengruppen, Tieren oder auch Gegenständen in eine Gruppe verstanden. So kann ein Migrant oder eine Migrantin sich – wie auch immer – in eine Aufnahmegesellschaft eingliedern, ein zukauftes Zuchttier in seine neue Herde, eine neue Maschine kann in die Produktionsstraße eingefügt werden und ähnliches.
Anders als von Pörksen beschrieben (Pörksen 1988, S. 119) ist der Referent dieses Wortes also keineswegs schwer fassbar, sondern im Gegenteil, meist deutlich auszumachen. Generell scheint es, als sei Integration, besonders im Kontext von Migration, vor allem als adressierter Imperativ zu gebrauchen. Unabhängig davon, ob dieser Imperativ nun explizit formuliert wird, oder implizit mitschwingt. Aussagen wie „da muss noch integriert werden“ oder gar die reflexive Version „das muss noch integrieren“ hat man im Gegenteil zu allgegenwärtigen Floskeln wie „das muss kommuniziert werden“ und „dieses oder jenes muss sich noch entwickeln“ bisher weder gelesen noch gehört. Aussagen wie „wer hier einwandert, der muss sich auch integrieren“ sind dagegen wesentlich gängiger.
Wie Pörksens Plastikwörter ist auch das Wort Integration weder in eine bestimmte Epoche, noch in eine konkrete geografische Region einzuordnen und in gewisser Hinsicht erscheint Integration tatsächlich als etwas natürliches, etwas was ganz selbstverständlich geschehen kann, beziehungsweise geschehen muss. So stellt auch in den seltensten Fällen die Frage, ob Integration nun etwas gutes oder schlechtes sei.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in die Thematik der semantischen Unschärfe des Begriffs „Integration“ im öffentlichen Sprachgebrauch.
2. Analyse des Begriffs "Integration": Untersuchung der historischen Herkunft und der heutigen Verwendung des Begriffs als scheinbar objektives Konzept der Sozialwissenschaften.
3. Integration als Plastikwort: Anwendung der Kriterien von Uwe Pörksen auf das Wort Integration, um dessen Funktion als inhaltsleere, aber machtvolle Floskel aufzuzeigen.
4. Gesellschaftspolitische Implikationen: Diskussion über die Verwendung von Integration als Imperativ zur gesellschaftlichen Disziplinierung und Legitimierung von Expertenmeinungen.
5. Fazit: Zusammenfassende Bewertung des Begriffs als Plastikwort, das öffentliche Debatten oberflächlich hält und ideologisch instrumentalisiert werden kann.
Schlüsselwörter
Integration, Plastikwort, Uwe Pörksen, Sprachanalyse, Semantik, Integrationsdebatte, Ideologie, politischer Diskurs, Alltagssprache, soziale Eingliederung, Machtverhältnisse, Sprachkritik, Migration, rhetorische Strategie.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der kritischen sprachwissenschaftlichen Analyse des Begriffs „Integration“ und hinterfragt dessen Funktion als sogenanntes Plastikwort innerhalb der öffentlichen Debatte in Deutschland.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind die semantische Leerformel-Bildung, der Missbrauch wissenschaftlicher Fachbegriffe im Alltag, der Integrationsdiskurs und die damit einhergehende ideologische Steuerung gesellschaftlicher Prozesse.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist der Nachweis, dass „Integration“ aufgrund seiner unklaren Bedeutung und der gleichzeitigen Akzeptanz als „wissenschaftlicher“ Begriff die Voraussetzungen eines Plastikworts nach Uwe Pörksen erfüllt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit stützt sich auf die Methode der historischen Semantik und der diskursanalytischen Untersuchung von Sprachmustern, explizit aufbauend auf der Plastikwort-Theorie von Uwe Pörksen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil wird die Extension und Intension des Begriffs „Integration“ beleuchtet, seine Verwendung als Imperativ in der Migrationsdebatte analysiert und die Rolle von Experten im öffentlichen Diskurs hinterfragt.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die wichtigsten Begriffe sind Integration, Plastikwort, Sprachkritik, Ideologie, Semantik und der öffentliche Diskurs.
Wie unterscheidet sich "Integration" laut Autor von anderen Plastikwörtern?
Der Autor argumentiert, dass der Referent von „Integration“ zwar fassbarer ist als bei manchen anderen Plastikwörtern, die Wirkung als adressierter Imperativ jedoch eine besonders hohe gesellschaftspolitische Brisanz entfaltet.
Warum wird Integration als "Plastikwort" bezeichnet?
Weil das Wort eine wissenschaftliche Autorität ausstrahlt, die dem Sprecher ermöglicht, „Wirklichkeitsmodelle“ zu erzeugen, ohne dabei einen konkreten Inhalt oder ein definiertes Ziel benennen zu müssen.
Welche Rolle spielt die Politik in dieser Analyse?
Die Politik nutzt den Begriff laut Autor, um bei steigender gesellschaftlicher Heterogenität einen „gemeinsamen Nenner“ zu finden, der jedoch durch seine inhaltliche Leere oberflächlich bleibt.
- Arbeit zitieren
- Boris Reinecke (Autor:in), 2011, Integration als Plastikwort?, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/215915