Das Phänomen der Verbzweitstellung nach Subjunktionen ist weit verbreitet und erregt mittlerweile große Aufmerksamkeit. Sprachpfleger sehen darin den endgültigen Verfall der deutschen Sprache und kommen mit der Forderung „Rettet den Kausalsatz“. Bastian Sick sieht in der „Abschaffung des Nebensatzes hinter weil“ die Bequemlichkeit der Deutschen als erwiesen und klärt in seiner Kolumne 'Zwiebelfisch' darüber auf, wie der auf das weil folgende Satz auszusehen hat. Er befürchtet fernerhin „[...], dass sich die Grammatikwerke dem irgendwann anpassen und die Einleitung von Hauptsätzen mit weil und obwohl als zulässig erklären.“
Auch die Sprachwissenschaft beschäftigt sich mit diesem Phänomen der gesprochenen Sprache und kommt dabei zu Ergebnissen, die das Aussterben der Nebensätze in der deutschen Sprache ausschließen, da nicht sie nicht die deutsche Bequemlichkeit, son-dern andere Gründe für diese Hauptsatzstellung verantwortlich machen.
Ziel dieser Hausarbeit ist es, das Phänomen der Hauptsatzstellung nach weil, obwohl und wobei in der deutschen Sprache darzustellen und die unterschiedlichen Funktionen dieser Wörter in geschriebener und gesprochener Sprache herauszustellen. Weiterhin soll auf ihre diskursorganisierende Funktion als 'Diskursmarker' eingegangen werden und dabei dessen Aufgaben, sowie die Eignung von Subjunktionen als Diskursmarker anhand des von Peter Auer entwickelten Modells der 'on line-Syntax' erklärt werden. Danach wird versucht, diese Entwicklung als einen Prozess der Grammatikalisierung einzuordnen, wozu das Phänomen an klassischen Parametern der Grammatikalisierung gemessen wird. In einem letzten Schritt werden Modelle angezeigt, die Pragmatisierung zu einem systematischen Forschungsgegenstand machen und sie dafür vom Grammatikalisierungsprozess abgrenzen oder eine Verbindung zu diesem suchen, um den relativ neuen Sprachwandelprozess untersuchbar zu machen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. weil, obwohl und wobei in der gesprochenen Sprache
2.1 weil
2.2 obwohl
2.3 wobei
3. Diskursmarker in der gesprochenen Sprache
3.1 Welche Funktionen hat ein Diskursmarker?
3.2 Weshalb eignen sich weil, obwohl und wobei als Diskursmarker?
4. Ist diese Entwicklung ein Phänomen der Grammatikalisierung?
5. Mögliche Lösungsvorschläge
5.1 Pragmatisierung versus Grammatikalisierung (Günthner & Mutz)
5.2 Pragmatic Strenghtening (Traugott & König), Pragmatic Iinferencing (Hopper & Traugott) in Grammatikalisierunprozessen
5.3 Zentrum und Peripherie der Grammatikalisierung (Wiener & Bisang)
5.4 Grammatik als offene Form (Günthner & Auer)
6. Fazit
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht das gesprochensprachliche Phänomen der Hauptsatzstellung nach den Subjunktionen weil, obwohl und wobei. Ziel ist es, deren Funktionen als Diskursmarker darzustellen, sie in das Modell der 'on line-Syntax' einzuordnen und den Prozess ihrer Entwicklung im Hinblick auf linguistische Grammatikalisierungstheorien kritisch zu bewerten.
- Funktionswandel von Konjunktionen zu Diskursmarkern
- Diskursorganisierende Aufgaben in der gesprochenen Sprache
- Die Rolle der Zeitlichkeit und 'on line-Syntax'
- Verhältnis von Pragmatisierung und Grammatikalisierung
- Analyse der Verbzweitstellung nach Subjunktionen
Auszug aus dem Buch
3.2 Weshalb eignen sich weil, obwohl und wobei als Diskursmarker?
Zwischen der gesprochenen und der geschriebenen Sprache gibt es große Unterschiede hinsichtlich der Produktion und der Rezeption, welche Maßnahmen erfordern, wie der Diskursmarker eine darstellt. Flüchtigkeit, Irreversibilität und die Synchronisierung der Bewusstseinsströme von Sprecher und Hörer sind die Blickwinkel, aus denen man das Hauptmerkmal der gesprochenen Sprache, nämlich die Zeitlichkeit, betrachten kann.
Die Irreversibilität besagt, „dass, was gesagt ist, gesagt ist, und nicht mehr rückgängig gemacht werden kann.“ Die Flüchtigkeit beschreibt das Phänomen, welches „die Erinnerung des Sprechers an das Gesagte und des Hörers an das Gehörte betrifft.“ Das Gedächtnis kann nur eine sehr begrenzte Anzahl Worte aufnehmen und speichern, was das Erinnern an kurz zuvor Gesagtes schwer macht und stark einschränkt. Aber auch das Gedächtnis des Sprechers ist von dieser Tatsache betroffen und vergisst das eben Gesagte eben so schnell wie der Hörer das Gehörte. Umgehen kann die gesprochene Sprache dieses Problem nur, „[..] indem sie Konstruktionstypen, die eine Prozessierung gegen die Zeit erfordern, vermeidet.“ Linksverzweigende Strukturen sind für den Hörer erst verständlich und abschließend nachvollziehbar, wenn der Redner den Kopf seiner Aussage, welcher sich rechts und somit zeitlich gesehen am Ende dieser befindet, ausgesprochen hat. Der Hörer bleibt durch die gegebene zeitliche Linearität solange unsicher, bis er den Kopf gehört hat und die Aussage dann einordnen und ihr einen Sinn geben kann. Peter Auer nennt das 'on line-Syntax' und zielt mit dieser Metapher auf die Linearität der Zeit ab, der die gesprochene Sprache unterliegt.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in das Phänomen der Hauptsatzstellung nach Subjunktionen ein und definiert das Forschungsziel der Arbeit.
2. weil, obwohl und wobei in der gesprochenen Sprache: Hier werden die spezifischen Verwendungen der drei Konjunktionen in der gesprochenen Sprache analysiert, wobei insbesondere der Wandel zur Verbzweitstellung untersucht wird.
3. Diskursmarker in der gesprochenen Sprache: Dieses Kapitel definiert den Begriff Diskursmarker und erklärt anhand der 'on line-Syntax', warum weil, obwohl und wobei diese Funktion übernehmen können.
4. Ist diese Entwicklung ein Phänomen der Grammatikalisierung?: Hier wird die Entwicklung der Diskursmarker anhand klassischer Parameter der Grammatikalisierung kritisch hinterfragt.
5. Mögliche Lösungsvorschläge: Dieses Kapitel stellt verschiedene linguistische Ansätze vor, um das Spannungsfeld zwischen Pragmatisierung und Grammatikalisierung theoretisch aufzulösen.
6. Fazit: Das Fazit fasst zusammen, dass die Verbzweitstellung kein Zeichen von Sprachverfall ist, sondern eine funktionale Anpassung an die Bedingungen der gesprochenen Kommunikation.
Schlüsselwörter
Diskursmarker, gesprochene Sprache, weil, obwohl, wobei, Hauptsatzstellung, Grammatikalisierung, Pragmatisierung, on line-Syntax, Sprachwandel, Zeitlichkeit, Syntax, Konjunktion, Subjunktion, Verbzweitstellung
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit der Beobachtung, dass im gesprochenen Deutsch nach den Subjunktionen weil, obwohl und wobei häufig Hauptsätze mit Verbzweitstellung statt Nebensätze mit Verbletztstellung verwendet werden.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die gesprochensprachliche Syntax, die Funktion von Diskursmarkern sowie theoretische Sprachwandelmodelle wie die Grammatikalisierung und Pragmatisierung.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, dass diese Hauptsatzstellung nicht durch mangelnde Sprachkenntnisse, sondern durch diskursorganisierende Funktionen der Wörter bedingt ist, die durch die Flüchtigkeit gesprochener Sprache notwendig werden.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine theoretische Analyse, die auf linguistischer Literatur und der Untersuchung von Transkripten gesprochensprachlicher Dialoge basiert, wobei das Modell der 'on line-Syntax' von Peter Auer als theoretische Grundlage dient.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert zunächst die verschiedenen Funktionen der Begriffe in der gesprochenen Sprache, definiert dann Diskursmarker, hinterfragt die Eignung der Wörter als solche und diskutiert abschließend theoretische Konzepte, die diese Entwicklung erklären können.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Besonders relevant sind Diskursmarker, Grammatikalisierung, Pragmatisierung, on line-Syntax, gesprochene Sprache und der funktionale Wandel von Subjunktionen.
Wie unterscheidet sich die Funktion von "weil" als Konjunktion von der als Diskursmarker?
Als Konjunktion leitet es einen begründenden Nebensatz ein (Verbletztstellung). Als Diskursmarker steht es im Vor-Vorfeld, leitet neue Informationen oder thematische Sequenzen ein und hat keinen Einfluss mehr auf die Syntax des folgenden Satzes.
Kann man bei dieser Entwicklung von einer klassischen Grammatikalisierung sprechen?
Die Arbeit kommt zu dem Schluss, dass dieser Prozess nicht vollständig als Grammatikalisierung klassifiziert werden kann, da wichtige Parameter wie die Unidirektionalität oder die Reduktion des Skopus hier nicht zutreffen.
Warum wird die Verbzweitstellung oft fälschlicherweise kritisiert?
Sprachpfleger interpretieren sie oft als Bequemlichkeit oder Unkenntnis grammatischer Regeln, während die Sprachwissenschaft darin eine Anpassung an die Bedingungen der mündlichen Kommunikation erkennt.
- Arbeit zitieren
- Philipp Schaan (Autor:in), 2011, Die Entwicklung von Diskursmarkern, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/215229