Intertextualität ist ein Terminus, der in den 1960ern durch Julia Kristeva geschaffen wurde. Gleichzeitig etablierte sich damit auch ein Forschungsfeld, welches viele Debatten aufwirft. Als Kristeva den Begriff prägte, geschah dies unter Hinzuziehung des bereits in den 1920er-Jahren entstandenen Konzeptes der „Dialogizität“ von Michail Bachtin. Allerdings ist Peter Stocker der Meinung, dass dieser Begriff aus wissenschaftlicher Perspektive noch zu ungenau ist, das heißt sich als wissenschaftlicher Begriff noch nicht gefestigt hat. Diese Ansicht scheint auch Andreas Böhn zu teilen, da er in seinem Aufsatz „Intertextualitätsanalyse“ anmerkt, dass „dieser weite Intertextualitätsbegriff […], [angesichts] seiner Allgemeinheit, […] sich allerdings kaum als Basis konkreter textanalytischer Arbeit [eigne].“
In der Folgezeit haben unter anderem Gérard Genette sowie Manfred Pfister mit ihrer Klassifikation bzw. Skalierungsform Versuche unternommen, einen wesentlichen Betrag zu leisten, damit eine Festigung des wissenschaftlichen Intertextualitätsmodells herbeigeführt werden kann.
Der „Bezug von Texten auf Texte“ existiert bereits seit der Antike; hier wurde er innerhalb der Rhetorik sowie der Poetik deutlich. Nicht verwunderlich ist es also, dass auch die Autoren beziehungsweise Verfasser des Mittelalters das Verfahren von intertextueller Verknüpfung für sich nutzten. In seinem Werk Wigalois nutzt auch Wirnt intertextuelle Bezüge. Kern und Grubmüller sehen bei ihm sogar ein größeres Ausmaß an Text-Text-Bezug als es bei einem anderen Verfasser der Fall wäre. Im Folgenden soll deshalb untersucht werden, wie Wirnt die Prätexte seiner Kollegen einsetzt und ob beziehungsweise wie er es schafft, diese in sein eigenes Deutungskonzept zu integrieren. Demzufolge wird der Frage nachzugehen sein, ob Wirnt es schafft, anhand der intertextuellen Bezüge seinem Werk über das bisher Bekannte hinaus Deutung zu verleihen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Intertextualitätstheorie
2.1 Michail M. Bachtin und Julia Kristeva
2.2 Genette und Pfister
3. Intertextualität in der mittelalterlichen Literatur
4. Intertextualität im Wigalois
4.1 Der Prolog und die Korntin-Aventiure
4.1.1 Der Prolog
4.1.2 Die Korntin-Aventiure
4.1.2.1 Der Drachenkampf und seine Folgen
4.1.2.2 Das wilde Weib Ruel
4.2 Nâmur-Episode
5. Resümee
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die intertextuellen Bezüge in Wirnts von Grafenbergs Artusroman Wigalois. Ziel ist es, zu analysieren, wie der Autor verschiedene Prätexte seiner Kollegen strategisch einsetzt, um sein eigenes Deutungskonzept zu etablieren und seinem Werk eine über die Gattungstradition hinausgehende Bedeutung zu verleihen.
- Intertextualitätstheorien (Bachtin, Kristeva, Genette, Pfister)
- Die Funktion des Prologs als rhetorisches und strukturelles Element
- Analyse der Krisen- und Motivverarbeitung (Vergleiche mit dem Iwein)
- Die Namûr-Episode als hybride Erweiterung der Artusepik
- Die Konstruktion des Wigalois als idealer Artusritter
Auszug aus dem Buch
4.1.2.1 Der Drachenkampf und seine Folgen
Im Fortgang der Lektüre wird innerhalb der Verse 5088 bis 5857 ein weiterer Textabschnitt offenkundig, in dem sich Wirnt erneut thematisch am Iwein orientiert beziehungsweise diesen nachahmt. In beiden Werken kommt es zu einer Krise, welche die Hauptfiguren Wigalois und Iwein durchleben müssen. Allerdings könnten die vorangegangenen Ereignisse, welche zur Krise führten, nicht unterschiedlicher sein. Iwein bittet seine Frau, dass er auf Turniere reiten dürfe. Dies erlaubt sie ihm unter der Bedingung, dass er nicht länger als ein Jahr von ihr wegbleiben darf. Iwein ist bei den Turnieren sehr erfolgreich, und als sie wieder bei König Artus ankommen, bemerkt Iwein schmerzlich, dass ein Jahr bereits vergangen ist. Der Schwur seiner Frau Laudine muss sich somit zwangsläufig erfüllen (ouch swour sî des, zewâre, / und beliber iht vürbaz, / ez waere iemer ir haz, V. 2926 bis 2928). Seine Frau verstößt ihn somit aufgrund seiner Treulosigkeit. Dies nimmt Iwein vreude und den sin (V. 3215), somit verfällt er dem Wahnsinn, was dazu führt, dass Iwein völlig entblößt und wie ein wildes Tier im Wald umher läuft. Erst im Schlaf kann er durch eine heilende Salbe einer Herrin namens Narison ins Leben zurückgeholt werden. Als er aufwacht, denkt er, dass sein Leben, das er bisher geführt hat, ein Traum gewesen sei.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in den Begriff der Intertextualität sowie Darstellung der Forschungsfrage, wie Wirnt von Grafenberg Prätexte in seinem Wigalois integriert.
2. Intertextualitätstheorie: Theoretische Auseinandersetzung mit den Modellen von Bachtin, Kristeva, Genette und Pfister und deren Anwendbarkeit auf mittelalterliche Texte.
3. Intertextualität in der mittelalterlichen Literatur: Analyse der Spezifika der mittelalterlichen Texttradition und Diskussion darüber, wie moderne Intertextualitätsmodelle auf diese Epoche übertragbar sind.
4. Intertextualität im Wigalois: Hauptteil der Arbeit, der exemplarisch den Prolog, die Korntin-Aventiure sowie die Namûr-Episode auf ihre intertextuellen Bezüge und ihre Funktion untersucht.
5. Resümee: Zusammenfassende Bewertung der Ergebnisse, wonach Wirnt die intertextuellen Bezüge bewusst nutzt, um seinen Protagonisten und seine Dichtung als eigenständige, überhöhte Leistung zu positionieren.
Schlüsselwörter
Wigalois, Wirnt von Grafenberg, Intertextualität, Mittelalter, Artusroman, Iwein, Literaturtheorie, Narratologie, Gattungstradition, Dialogizität, Korntin-Aventiure, Namûr-Episode, Motivverarbeitung, Artusritter, Literaturwissenschaft.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Hausarbeit untersucht die intertextuellen Verknüpfungen im Werk Wigalois von Wirnt von Grafenberg und analysiert, wie der Autor durch den Bezug auf andere literarische Texte eine eigene Deutungsebene erschafft.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Im Zentrum stehen die Intertextualitätstheorie, die Anwendung dieser auf die mittelalterliche Literatur sowie die detaillierte Analyse spezifischer Handlungsstränge des Wigalois im Vergleich zu bekannten Prätexten.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, dass Wirnt von Grafenberg kein unkreativer Nachahmer ist, sondern die intertextuellen Bezüge strategisch einsetzt, um seinen Helden als idealen Artusritter zu stilisieren.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine textanalytische Methode verwendet, die auf der Intertextualitätstheorie basiert und diese mit der traditionellen Mediävistik sowie aktuellen Forschungsansätzen kombiniert.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Analyse des Prologs, der Korntin-Aventiure mit ihren Krisenmomenten sowie der besonderen Rolle der Namûr-Episode.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wigalois, Intertextualität, Artusroman, Mittelalter, Gattungstradition und Wirnt von Grafenberg.
Warum wird die Namûr-Episode im Wigalois als Besonderheit hervorgehoben?
Sie weicht stark von der klassischen Artus-Aventiure ab, da sie reale politische Konflikte und einen Kriegszug thematisiert, was den Wigalois aus dem rein Märchenhaften heraushebt.
Wie steht die Autorin zur Kritik an der "unbewussten Nachahmung" Wirnts?
Die Autorin widerspricht der in der Forschung teils geäußerten Meinung, Wirnt sei ein unkreativer Nachahmer; sie argumentiert, dass seine intertextuellen Verknüpfungen wohlüberlegt und zweckgebunden sind.
- Arbeit zitieren
- Nadine Trautmann (Autor:in), 2013, Intertextualität im "Wigalois". Funktion und Wirkung, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/214438