Viele wissenschaftliche Arbeiten, die sich mit Luhmann befassen, erklären seine Theorie meist anhand seiner Begriffe. In diesem Essay soll jedoch zusätzlich versucht werden, eine Alltagssituation systemtheoretisch zu betrachten, um sehen zu können, inwieweit sich die Theorie auf die Praxis anwenden lässt und wo ihre Grenzen sind. Dabei soll auf das Beispiel „Falschparken“ - im Sinne von Parken ohne Parkschein - zurückgegriffen werden.
Da für die Analyse von Luhmanns Theorie zunächst einmal viele Begriffserklärungen benötigt werden, um ein Grundverständnis dafür bekommen zu können, befasst sich der erste Teil des Essays mit den wichtigsten Definitionen der Systemtheorie. Bei den einzelnen Erklärungen wird dabei immer direkt auf Luhmanns eigene Definitionen zurückgegriffen. Anschließend folgen dann noch weitergehende Begriffsbestimmungen, die als Voraussetzung für die Beispiele gesehen werden sollen. Erst dann wird anhand zweier Modelle des Falschparkens versucht, die Theorie auf die Praxis anzuwenden. Bei diesem Punkt soll jedoch nicht die genaue Rechtslage in den Mittelpunkt gestellt werden oder der Grund für die einzelne Akteurshandlung, sondern es soll veranschaulicht werden, wie die zuvor sehr theoretischen Begriffsbeschreibungen in der Praxis aussehen können und inwieweit sie überhaupt in der Realität Anklang finden.
Im letzten Teil wird dann noch auf die spezielle Rolle der Organisation eingegangen. Hierbei soll natürlich vor allem geklärt werden, warum Organisationen so besonders sind und warum sie sich so verhalten wie sie es tun – immer mit Bezug auf die im Beispiel vorkommende Organisation.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
Theoretischer Rahmen
Soziologische Akteurmodelle
Organisation
Fazit
Zielsetzung & Themen
Das Ziel dieser Arbeit ist es, die abstrakte Systemtheorie von Niklas Luhmann anhand des alltäglichen Beispiels des Falschparkens in der Praxis zu erproben und ihre Anwendbarkeit sowie Grenzen aufzuzeigen.
- System-Umwelt-Differenzierung und Autopoiese
- Kommunikation, Selektion und Kontingenz
- Strukturelle Kopplung zwischen Rechts- und Wirtschaftssystem
- Die spezifische Rolle und Entscheidungslogik von Organisationen
Auszug aus dem Buch
1. Modell
Nachdem die wichtigsten Begrifflichkeiten sowohl für die Theorie als auch für das Beispiel erläutert wurden, können wir uns nun dem praktischen Bereich zuwenden. Ausgangspunkt ist dabei immer eine Person, die ihr Auto auf einem Parkplatz abstellen will.
Im ersten Beispiel erkennt der Autofahrer (nachfolgend auch Person A genannt) bei der Suche nach einem Parkplatz das Parkschild als Mitteilung an, die ihm die notwendige Information liefert, wo er sein Auto abstellen kann. Durch das bloße Erkennen der Mitteilung erfolgt nach Luhmann schon die Kommunikation. Entscheidend ist dabei also nicht, wie er sich aufgrund dieser mitgeteilten Information verhält, oder dass er „verstanden“ hat, dass er sein Auto auch auf den dafür vorgesehenen Stellen abstellen sollte, sondern das reine Aufeinanderfolgen von Information (Parken), Mitteilung (Schild) und Verstehen (Mir wurde mitgeteilt, wo ich parken kann).
Nachdem sich Person A nun entschieden hat, der Mitteilung, die ihm gegeben wurde, positiv zu antworten, indem sie dem Parkschild folgt und ihren Wagen auf einen Stellplatz parkt (und damit die Gefahr in Kauf nimmt, einen möglichen Schaden an ihrem Auto zu bekommen), nimmt sie nun die Information (Bezahlen) in Form des Parkautomats (Mitteilung) wahr und entscheidet sich dafür, ein Parkticket zu kaufen. Damit wägt sie auch gleich das Risiko ab, von einem Beamten der Stadt kontrolliert und für ein Nichtvorliegen eines gültigen Parktickets belangt zu werden, mit dem Risiko, das Ticket „umsonst“ gekauft zu haben, wenn keine Kontrolle erfolgt. Luhmann spricht bei solchen Abwägungen von doppelter Kontingenz oder Erwartungserwartungen; Person A erwartet in diesem Beispiel, dass ein Kontrolleur kommt, der wiederum erwartet, dass Person A ein Parkticket gelöst hat. Aufgrund dieser Erwartungserwartung kann Person A nun ihr Verhalten daran anpassen, indem sie ein Ticket kauft.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Dieses Kapitel führt in die Aufgabenstellung ein, Luhmanns abstrakte Systemtheorie anhand des praktischen Beispiels des Falschparkens zu untersuchen.
Theoretischer Rahmen: Hier werden die zentralen Begrifflichkeiten wie autopoietische Systeme, System-Umwelt-Differenzierung und der Kommunikationsbegriff Luhmanns erläutert.
Soziologische Akteurmodelle: Dieses Kapitel überträgt die theoretischen Konzepte der Erwartungen und strukturellen Kopplungen auf das Verhalten von Akteuren in einem System.
Organisation: Hier wird analysiert, wie Organisationen durch ihre spezielle Entscheidungslogik und Risikoaversion das Verhalten ihrer Mitglieder und die Interaktion mit dem Umfeld steuern.
Fazit: Das Fazit resümiert, dass Luhmanns Theorie trotz ihres hohen Abstraktionsgrades bei der Aufschlüsselung alltäglicher Prozesse in Teilaspekte methodisch hilfreich sein kann.
Schlüsselwörter
Systemtheorie, Niklas Luhmann, Falschparken, Autopoiese, Kommunikation, Kontingenz, Strukturelle Kopplung, Erwartungserwartung, Organisation, Entscheidung, Risiko, Rechtssystem, Wirtschaftssystem, Beobachtung, Komplexitätsreduktion
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit der Anwendung von Niklas Luhmanns systemtheoretischen Konzepten auf eine alltägliche Situation, nämlich das Verhalten von Falschparkern.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die zentralen Felder umfassen die Systemtheorie, die Kommunikationstheorie, die Funktionsweise von Organisationen sowie die Kopplung von Rechts- und Wirtschaftssystemen.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, zu prüfen, inwieweit Luhmanns abstrakte Theorie auf die praktische Alltagswelt angewendet werden kann und wo die Grenzen dieser theoretischen Perspektive liegen.
Welche wissenschaftliche Methode wird in der Arbeit verwendet?
Es wird ein begriffsanalytischer Ansatz gewählt, der theoretische Konzepte durch Fallmodelle in der Praxis illustriert und dekonstruiert.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Im Hauptteil werden zunächst die systemtheoretischen Grundlagen definiert, dann Akteurmodelle und das Falschparken analysiert und schließlich die spezifische Rolle der Organisation als entscheidungsbasiertes System beleuchtet.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit am besten?
Systemtheorie, Luhmann, Kommunikation, Autopoiese, Entscheidung, Organisation und strukturelle Kopplung stehen im Zentrum der terminologischen Arbeit.
Wie unterscheidet sich das erste vom zweiten Modell des Falschparkens?
Im ersten Modell zahlt die Person für das Ticket, was als eine erfolgreiche Kopplung zwischen Wirtschafts- und Rechtssystem interpretiert wird. Im zweiten Modell erfolgt kein Kauf, was eine Irritation im Rechtssystem hervorruft und eine Sanktion (Strafzettel) durch die Organisation (Politesse) nach sich zieht.
Warum spielt die Organisation eine so zentrale Rolle bei der Sanktionierung von Falschparkern?
Organisationen sind risikoavers gestaltet; durch bürokratische Strukturen stellen sie sicher, dass jede Entscheidung – wie das Ausstellen eines Strafzettels – rechtlich abgesichert ist, um sich selbst zu erhalten.
- Arbeit zitieren
- Julia Knobelspies (Autor:in), 2012, Falschparken. Eine systemtheoretische Betrachtung, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/213241