Um die Ruhrpolen drehen sich viele Mythen und Legenden. So sagte zum Beispiel Bundeskanzler Helmut Schmidt während einer Wahlkampfrede: „Wir haben die Ruhrpolen verdaut, also werden wir auch die Gastarbeiter verdauen.“ Es stellt sich die Frage ob die Ruhrpolen tatsächlich im Schmidtschen Sinne von der Ruhrgebietsbevölkerung verdaut worden sind (assimiliert) oder ob sie nicht eher als untergeordnete Minderheit separiert von den Deutschen in einer Art „Parallelgesellschaft“ lebten. Was ist davon wahr und was Fiktion? Das will ich in dieser Arbeit herausstellen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Hauptteil
2.1 Die Ruhrpolen im Kaiserreich
2.2 Die Ruhrpolen in der Weimarer Republik
3. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die historische Entwicklung und sozioökonomische Position der sogenannten Ruhrpolen, um zu klären, ob diese Bevölkerungsgruppe im Kaiserreich und der Weimarer Republik tatsächlich in eine "Parallelgesellschaft" separiert war oder eine erfolgreiche Integration bzw. Assimilation stattgefunden hat.
- Migration und Arbeitsmarktbedingungen im Ruhrgebiet des 19. Jahrhunderts
- Analyse von Segregationsprozessen und der Bildung einer polnischen Subkultur
- Die Auswirkungen politischer Rahmenbedingungen und des Nationalismus auf die Minderheit
- Der Übergang zur Weimarer Republik und die Veränderung des Integrationsstatus
Auszug aus dem Buch
2.1 Die Ruhrpolen im Kaiserreich
Aufgrund eines Arbeitskräftemangels, verursacht durch das rasante Fortschreiten der Industrialisierung im Ruhrgebiet, warben dort beheimatete Industrie- und Zechenbetriebe ab 1880 verstärkt polnische Arbeitskräfte aus den preußischen Ostprovinzen an. Dies war seit der Reichsgründung 1871 gängige Praxis gewesen, so dass 1880 bereits ca. 40000 Polen im Ruhrgebiet lebten. Die stetig wachsende Kohle- und Stahlindustrie hatte in den Jahren 1875 – 1913 konstante Wachstumsraten von durchschnittlich 4,7% pro Jahr und hatte daher einen stetigen wachsenden Bedarf an Arbeitskräften. Aus Westpreußen, Ostpreußen, Posen und Schlesien folgten ca. 350000 Polen bis 1910 diesem Aufruf. Zu dieser Zahl kommen noch einige Masuren aus dem südlichen Ostpreußen hinzu, die getrennt von der Zahl der polnischen Zuwandere betrachtet werden müssen, da sie Protestanten waren und häufig auch gut deutsch sprachen.
Die Abwanderer aus den „Ostgebieten“ waren meist junge unverheiratete Männer zwischen 20-30 Jahren; sie versprachen sich in den preußischen Provinzen Rheinland und Westfalen ein besseres Leben. Sie waren in den Ostprovinzen meist nur als Knechte, Landarbeiter oder Tagelöhner, mit unsicherem Einkommen, beschäftigt. Sie hatten oft keine oder nur geringe Deutschkenntnisse. Sie bildeten dort also eine fremdsprachige Unterschicht.
Von ihren Arbeitgebern wurden sie überwiegend in Zechenkolonien angesiedelt. Sie lebten faktisch abgeschottet von der einheimischen Bevölkerung, die nicht im Bergwerk beschäftigt war. Diese konzentrierte Siedlungsform verleitete die Polen dazu unter sich zu bleiben und sich vornehmlich in ihrer Muttersprache zu unterhalten. Das wiederum förderte eine Abkapselung der Polen und ist ein erstes Anzeichnen für eine Segregation. Die gezielte Ansiedlung beruhte allerdings nur auf ökonomischen und praktischen Überlegungen der Arbeitgeber, die so für kurze Wege zur Arbeit sorgten und durch günstige Mieten einen Teil des Lohnes ihrer Arbeitnehmer zurückerhielten.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung formuliert die zentrale Fragestellung, ob die Ruhrpolen als separierte Parallelgesellschaft lebten oder im Laufe der Zeit in die deutsche Gesellschaft assimiliert wurden.
2. Hauptteil: Dieser Abschnitt analysiert die Arbeitsmigration ins Ruhrgebiet, die Herausbildung ethnischer Subkulturen unter dem Einfluss von Nationalismus und die sich wandelnden Lebensbedingungen während des Kaiserreichs und der Weimarer Republik.
3. Fazit: Das Fazit resümiert, dass eine frühe Integration vor 1914 aufgrund von Größe der Gruppe und Segregation scheiterte, während in den 1920er Jahren ein erfolgreicher Assimilationsprozess der verbliebenen Minderheit einsetzte.
Schlüsselwörter
Ruhrpolen, Industrialisierung, Migration, Kaiserreich, Weimarer Republik, Segregation, Integration, Assimilation, Zechenkolonien, Minderheitenschutz, Polnische Subkultur, Arbeitskräftebedarf, Identität, Sozialstruktur, Nationalismus.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht die Geschichte und soziale Integration der sogenannten Ruhrpolen, die ab dem späten 19. Jahrhundert als Arbeitsmigranten ins Ruhrgebiet kamen.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Im Zentrum stehen die Migrationsbewegungen, die Lebens- und Arbeitsbedingungen in den Zechenkolonien, die Auswirkungen politischer Unterdrückungsmaßnahmen sowie der Wandel der polnischen Minderheit von einer abgeschotteten Gruppe hin zu einer assimilierten Bevölkerungsschicht.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, die Behauptung zu prüfen, ob die Ruhrpolen in einer "Parallelgesellschaft" lebten oder ob eine Integration stattgefunden hat, und inwieweit politische Rahmenbedingungen dies beeinflussten.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer historischen Analyse, die soziologische Konzepte wie Segregation und Unterschichtung nutzt, um die Entwicklung der Minderheit im Zeitvergleich (Kaiserreich vs. Weimarer Republik) aufzuarbeiten.
Was wird im Hauptteil detailliert behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung des Kaiserreichs, in dem die Arbeitsmigration und die Abkapselung dominierten, und der Weimarer Republik, die durch den Rückgang der polnischen Subkultur und verstärkte Assimilation geprägt war.
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit am besten?
Wichtige Begriffe sind insbesondere Ruhrpolen, Segregation, Integration, Industrialisierung, Zechenkolonien und nationale Identität.
Warum konnte die Integration der Ruhrpolen im Kaiserreich nicht gelingen?
Laut Autorin verhinderte die große Masse der Einwanderer sowie eine bewusste Abkapselung aufgrund von Nationalismus und Segregation innerhalb von Zechenkolonien eine schnelle gesellschaftliche Vermischung.
Welchen Einfluss hatte die Ruhrbesetzung in den 1920er Jahren auf die polnische Minderheit?
Die Ruhrbesetzung beschleunigte den Niedergang polnischer Vereine und Betriebe, da die Minderheit unter Verdacht der Kollaboration geriet und viele in der Folge nach Frankreich oder Belgien auswanderten.
Woran lässt sich der Übergang zur Assimilation in der Weimarer Republik festmachen?
Neben der Abwanderung vieler Menschen und dem Ende der eigenen polnischsprachigen Tagespresse zeigt sich die Assimilation insbesondere an der großen Zahl von Namensänderungen und der zunehmenden Bilingualität der nachfolgenden Generation.
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- Bachelor Thorsten Kozik (Author), 2010, Assimilation und Segregation der Ruhrpolen, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/212148