Wie, wann und vor allem warum entstehen Sprachen/ Sprachräume?
Das ist eine alte Frage, die sich auch schon u.a. Dante in „De vulgari eloquentia“ (lat.: „Über die Beredsamkeit in der Volkssprache“) in der Renaissance (ca. 15.-17. Jhd.) gestellt hat. Die Ansätze waren meist monistisch und wurden erst später miteinander kombiniert.
In der folgenden Arbeit handelt es sich vorwiegend um das „Warum“, also um die allgemeinen Voraussetzungen und eigentlichen Ursachen für die sogenannte Ausgliederung (= Entstehung) von Sprachräumen, da man den Zeitpunkt nicht genau bestimmen kann, weil Sprachen nach Johannes Kabatek und Claus Pusch kein Geburtsdatum haben. Außerdem gehen die Meinungen ab wann eine Sprache eine Sprache ist, weit auseinander, wie z.B. nach Wright erst ab der Verschriftung oder nach Ferguson bereits mit dem Ender der Diglossie. Die Antwort auf das „Wie“ dreht sich eher um die historisch-administrativen Grenzen und die areale Ausgliederung, was den Rahmen dieser Arbeit sprengen würde.
Hauptsächlich orientiere ich mich an dem österreichischen Sprachwissenschaftler Arnulf Stefenelli und seinen „Thesen zur Entstehung und Ausgliederung der romanischen Sprachen“.
Besonderes Augenmerk wird auf die innerlateinische regionale Differenzierung auf der Grundlage des Latein und Vulgärlatein gelegt.
Da diese Hausarbeit im Rahmen des Proseminares „Spanische Sprachgeschichte“ geschrieben wird, geht es im Folgenden nun um das Herausbilden der Sprachräume im heutigen Spanien.
Zu Beginn gebe ich einen Überblick über den historischen Hintergrund und stelle das Modell Peter Kochs, das ein prototypisches Phasenmodell der romanischen Sprachgeschichte darstellt, vor.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung: Wie, wann und vor allem warum entsteht eine Sprache?
2. Hauptteil
2.1 Historischer Hintergrund
2.2 Entstehung romanischer Idiome und eine prototypsiche romanische Sprachgeschichte nach Koch 2003
2.3 Thesen zur Entstehung und Ausgliederung der romanischen Idiome
2.3.1 Diachronische und diasystematische Variation des Latein und Vulgärlatein als Grundlage der romanischen Sprachen
2.3.2 Innerlateinische regionale Differenzierung als Folge divergierender Bedingungen des Romanisierungsprozesses
a) Chronologie und Intensität der Romanisierung
b) Soziale und regionale Herkunft der Romanisierungsträger
2.3.3 Überblick über weitere wichtige Thesen
3. Zusammenfassung: Multikausalität
4. Bibliographie
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht die komplexen Ursachen und Voraussetzungen für die Ausgliederung und Entstehung romanischer Sprachräume, mit einem besonderen Fokus auf die Entwicklung auf der Iberischen Halbinsel. Die Forschungsfrage konzentriert sich darauf, warum und durch welche historischen sowie soziolinguistischen Prozesse sich das Vulgärlatein in eigenständige romanische Sprachen differenzierte.
- Historische Voraussetzungen und die Phasen der Romanisierung
- Die Rolle der innerlateinischen regionalen Differenzierung
- Varietätenlinguistische Analyse der Diglossiesituation
- Bedeutung sozio-kultureller Faktoren für die Ausgliederung
- Kritische Auseinandersetzung mit wissenschaftlichen Thesen zur Sprachgenese
Auszug aus dem Buch
2.3.1 Diachronische und diasystematische Variation des Latein und Vulgärlatein als Grundlage der romanischen Sprachen
Diese These muss als Grundlage und allgemeine Voraussetzung zur Ausgliederung angesehen werden und ist deswegen äußerst wichtig.
Wie alle anderen Sprachen auch, hat das Latein eine kontinuierlich diachrone Entwicklung durchlebt und somit kam es zu Veränderungen mit verschieden schnellem Entwicklungsrhythmus und unterschiedlichem Grad der Veränderung.
Bereits Dante stellte eine Veränderlichkeit der Sprache fest und auch nach Eugenio Coseriu gibt es keine Sprache ohne Variation. Aber auch aus synchronischer Sicht kann man das Latein durchaus als vielschichtiges Diasystem mit sowohl diastratisch-diaphasischen, als auch diatopischen Divergenzen bezeichnen. Diese frühe diatopische Variation des Lateins bildet somit einen Ausgangspunkt regionaler Ausgliederung.
Vor allem das sogenannte Vulgärlatein, welches keine nivellierte Sprache ist, sondern nur eine relative Einheitlichkeit besaß, gilt als die protoromanische Ausgangssprache, da es die lateinischen Elemente in den romanischen Sprachen erklärt. Es ist eigentlich ein wissenschaftliches Konstrukt und kann als Komplex von Varietäten der Nähesprache verstanden werden. Dieses Varietätengefüge ist nur in schriftlichen Texten von z.B.: Cicero, Petron und christlichen Autoren fassbar, war niemals homogen noch kodifiziert und darf daher nicht chronologisch, diatopisch, diastratisch und diaphasisch einheitlich konzipiert werden.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Wie, wann und vor allem warum entsteht eine Sprache?: Das Kapitel führt in die Fragestellung der sprachlichen Entstehung ein und erläutert den methodischen Fokus auf das „Warum“ der Ausgliederung unter Berücksichtigung des Modells von Peter Koch.
2. Hauptteil: Der Hauptteil analysiert die historischen Rahmenbedingungen und untersucht verschiedene wissenschaftliche Thesen zur Differenzierung romanischer Idiome aus einer varietätenlinguistischen Perspektive.
3. Zusammenfassung: Multikausalität: Das Kapitel schließt mit dem Fazit, dass die Entstehung romanischer Sprachen ein multikausaler Prozess ist, bei dem das Zusammenwirken verschiedener Faktoren und theoretischer Ansätze entscheidend für das Verständnis der Sprachgeschichte ist.
Schlüsselwörter
Ausgliederung, Latein, Vulgärlatein, Romanisierung, romanische Sprachen, Diglossie, Sprachgeschichte, Varietätenlinguistik, Sprachräume, Iberische Halbinsel, historische Sprachwissenschaft, Multikausalität, Diachronie, Diastratik, Diatopik.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit behandelt die historischen und linguistischen Prozesse, die zur Entstehung (Ausgliederung) der romanischen Sprachen aus dem Lateinischen geführt haben.
Welche zentralen Themenfelder stehen im Mittelpunkt?
Zentrale Themen sind die Romanisierung, die Diglossiesituation zwischen Schriftlatein und Vulgärlatein sowie die soziokulturellen Bedingungen, die sprachliche Divergenzen begünstigten.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, die komplexen Ursachen für die Entstehung von Sprachräumen – insbesondere auf der Iberischen Halbinsel – wissenschaftlich zu beleuchten und verschiedene Erklärungsmodelle kritisch zu hinterfragen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin nutzt eine varietätenlinguistische Perspektive und analysiert bestehende Thesen der Romanistik, um eine multikausale Synthese für die Sprachausgliederung zu erarbeiten.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in den historischen Hintergrund, das Phasenmodell von Peter Koch sowie eine detaillierte Untersuchung von Thesen zur innerlateinischen Differenzierung und zu externen Einflüssen auf die Sprache.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die wichtigsten Begriffe sind Ausgliederung, Vulgärlatein, Romanisierung, Diglossie, romanische Sprachgeschichte und Multikausalität.
Was bedeutet das "Ende der vertikalen Kommunikation" in diesem Kontext?
Es beschreibt den historischen Moment, etwa um 1080 n. Chr., in dem das Lateinische als gemeinsame Kommunikationsbasis zwischen Gebildeten und dem Volk nicht mehr funktionierte, was zur bewussten Verschriftung der romanischen Volkssprachen führte.
Warum wird die „Gröber-Theorie“ in der Arbeit thematisiert?
Die Theorie dient als historisches Beispiel für den Versuch, sprachliche Unterschiede mit chronologischen Differenzen der römischen Eroberung zu erklären, wobei die Arbeit deren Grenzen und teilweise Überholtheit aufzeigt.
Welche Rolle spielt die Iberische Halbinsel in der Untersuchung?
Die Iberische Halbinsel dient als regionales Fallbeispiel, an dem besonders die Einflüsse von Baetica und Tarraconensis auf die Entstehung des Kastilischen verdeutlicht werden.
Was ist das Ergebnis der „multikausalen Erklärung“?
Das Ergebnis ist die Erkenntnis, dass keine einzelne Theorie die Sprachausgliederung allein erklären kann, sondern dass nur das Zusammenspiel verschiedener Faktoren (soziale, regionale, historische) ein vollständiges Bild ergibt.
- Arbeit zitieren
- Johanna Eierstock (Autor:in), 2012, Ausgliederung des Spanischen aus dem Latein. Die Herausbildung der Sprachräume im heutigen Spanien, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/210737