Mit einer vagen Idee der Urteilstafel aus Kants „Kritik der reinen Vernunft“ (KrV) im Hinterkopf, stolpert wohl jeder aufmerksame Leser über den Begriff des „alternative Urteils“ im Kapitel „Phänomenologie“ in den „Metaphysische[n] Anfangsgründe[n] der Naturwissenschaft“ (MAdN). Ein kurzer Blick in die KrV macht deutlich, dass es sich bei der mangelnden Wiedererkennung tatsächlich nicht um Vergesslichkeit handelt: Vielmehr kommt das alternative Urteil in der bekannten Urteilstafel aus der KrV nicht vor. Es stellt sich folglich die Frage, ob dieses Urteil irgendwo anders seinen Platz in der KrV hat oder ob Kant dieses Urteil in der Urteilstafel vielleicht vergessen hat. Gegen erstere Überlegung spricht, dass auch Konstantin Pollok, der Verfasser eines ausführlichen Kommentars zur MAdN, keine Kenntnis von einer weiteren Erwähnung des alternativen Urteils in irgendeiner von Kants Schriften hat. Die zweite Überlegung wird durch eine Fußnote Kants entkräftet, die darüber Aufschluss gibt, dass Kant hier ganz bewusst eine Urteilsform einführt, die in dieser Weise nicht in der KrV vorkommt: Er grenzt das alternative Urteil vom disjunktiven Urteil aus der Kritik der reinen Vernunft ab, indem er zwischen disjunktivem Urteil in der Logik und disjunktiven Urteil in der Phänomenologie unterscheidet, wobei er letzteres in alternatives, disjunktives und distributives Urteil unterteilt. Ziel dieser Arbeit ist es dieser Unterscheidung anhand des alternativen Urteils auf den Grund zu gehen. Das alternative, und nicht das disjunktive oder distributive, Urteil steht im Mittelpunkt dieser Arbeit, da einerseits ein Verständnis desselben stellvertretend Aufschluss über die anderen beiden Formen des disjunktiven Urteils in der Erscheinungslehre geben kann und andererseits die Form des alternativen Urteils als eigentümliche heraussticht: Die Wahrheit dieses Urteils scheint gerade in sei-ner Unentschiedenheit zu liegen.
Ausgehend von dem hier zu behandelnden Problem scheint es sinnvoll zuerst den Sachverhalt, dem Kant das alternative Urteil in der MAdN zuordnet, zu entfalten, und daran anschließend den Begriff des Urteils sowie der Logik näher zu beleuchten, um schließlich ausgehend von der Auseinandersetzung mit dem Verhältnis zwischen der Erscheinungslehre und der Logik die Differenz der Urteile aus diesen Bereichen verständlich machen zu können.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Das alternative Urteil in den MAdN
2.1 Der Inhalt des alternativen Urteils
2.2 Der Begriff der Bewegung
2.3 Empirischer und absoluter Raum
2.4 Das Urteil: Bewegung ist relativ
3. Das alternative Urteil im Kontext
3.1 Die Erscheinungslehre
3.2 Alternatives, disjunktives und distributives Urteil
4. Der Bezug zur KrV
4.1 Vorbemerkung
4.2 Der Begriff des Urteils
4.3 Der Form nach
4.4 Logik: Wächterin von Wahrheit und Objektivität?
4.5 Zum Verhältnis von Erscheinungslehre und Logik
5. Schluss
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit verfolgt das Ziel, den Begriff des „alternativen Urteils“ aus Kants „Metaphysischen Anfangsgründen der Naturwissenschaft“ zu analysieren und dessen Abgrenzung zu den Urteilsformen der „Kritik der reinen Vernunft“ zu verstehen. Dabei wird untersucht, inwiefern eine formale Unterscheidung zwischen diesen Sphären besteht und wie sich das Verhältnis von Erscheinungslehre und Logik begründen lässt.
- Phänomenologie und Erscheinungslehre bei Kant
- Struktur der Urteilsformen in der KrV
- Besonderheiten des alternativen, disjunktiven und distributiven Urteils
- Die Rolle des Subjekts bei der Konstituierung von Erfahrung
- Abgrenzung von Logik und Erscheinungslehre
Auszug aus dem Buch
2.4 Das Urteil: Bewegung ist relativ
Wenn sowohl die sich bewegende Materie, als auch der Raum, in dem sie gedacht wird, als in Wirklichkeit beweglich angenommen werden muss und es gilt: Es ist unmöglich zu entscheiden, ob ein empirisch gegebener Raum in Anbetracht eines ihn wiederum einschließenden Raumes, bewegt ist oder nicht, so kann die Bewegung einer Materie gar nicht eindeutig der Materie zugeordnet werden. Genauso gut könnte der Raum sich bewegen, und vom Verstand um der Möglichkeit der Erfahrung willen bloß als absolut, d.h. ruhig, angenommen werden. „Denn ein jeder Begriff ist mit demjenigen, von dessen Unterschiede vom ersteren gar kein Beispiel möglich ist, völlig einerlei und nur in Beziehung auf die Verknüpfung, die wir ihm im Verstande geben wollen, verschieden.“
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung motiviert die Untersuchung des „alternativen Urteils“, welches in Kants Urteilstafel der „Kritik der reinen Vernunft“ fehlt, und steckt den methodischen Rahmen ab.
2. Das alternative Urteil in den MAdN: In diesem Kapitel wird der phoronomische Kontext des Urteils erläutert, wobei insbesondere der Begriff der Bewegung und die Relativität des Raumes im Zentrum stehen.
3. Das alternative Urteil im Kontext: Hier wird das alternative Urteil in den Kontext der kantischen Erscheinungslehre eingeordnet und von disjunktiven sowie distributiven Urteilen unterschieden.
4. Der Bezug zur KrV: Dieses Kapitel analysiert die theoretischen Grundlagen des Urteilsbegriffs in der „Kritik der reinen Vernunft“ und diskutiert kritisch das Verhältnis von Logik und Erscheinungslehre.
5. Schluss: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und kommt zu dem Resultat, dass die Trennung von Logik und Erscheinungslehre hinsichtlich der Begründung von Objektivität problematisch bleibt.
Schlüsselwörter
Immanuel Kant, Metaphysische Anfangsgründe der Naturwissenschaft, Kritik der reinen Vernunft, alternatives Urteil, disjunktives Urteil, Erscheinungslehre, Phoronomie, Logik, Bewegung, Materie, Erfahrung, Erkenntnistheorie, Subjektivität, Objektivität, Urteilstafel.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit?
Die Arbeit befasst sich mit einer speziellen Urteilsform bei Kant, dem sogenannten „alternativen Urteil“, welches in seinem Werk „Metaphysische Anfangsgründe der Naturwissenschaft“ (MAdN) auftaucht, jedoch in der bekannten Urteilstafel der „Kritik der reinen Vernunft“ fehlt.
Welches ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, die spezifische Funktion und die inhaltliche Abgrenzung des alternativen Urteils gegenüber den logischen Urteilsformen Kants zu verstehen und zu prüfen, ob dieses Urteil eine eigene erkenntnistheoretische Stellung einnimmt.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Zu den Kernbereichen zählen die Phoronomie (Lehre der Bewegung), die Unterscheidung zwischen empirischem und absolutem Raum sowie die differenzierte Betrachtung von Erscheinungslehre und allgemeiner Logik.
Welche wissenschaftliche Methode wird angewendet?
Die Arbeit stützt sich auf eine hermeneutische Textanalyse, die Kants Originaltexte (KrV und MAdN) unter Einbeziehung relevanter Sekundärliteratur wie der Kommentare von Konstantin Pollok untersucht.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung des alternativen Urteils im MAdN-Kontext, die Abgrenzung von disjunktiven und distributiven Urteilen sowie eine kritische Auseinandersetzung mit dem kantischen Logikbegriff.
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit am besten?
Die Arbeit ist durch Begriffe wie „Erscheinungslehre“, „alternative Urteile“, „A priori“, „Phoronomie“ und die kritische Reflektion über das Verhältnis von Logik und Erfahrung geprägt.
Warum wird das alternative Urteil nicht einfach als logisches Urteil eingestuft?
Aufgrund der spezifischen Abgrenzung durch Kant in der Phänomenologie stellt das alternative Urteil einen Bezug zum Subjekt und der Art der Erfahrung her, was es von den rein formalen logischen Urteilen unterscheidet.
Welche Schlussfolgerung zieht die Autorin bezüglich der Trennung von Logik und Erscheinungslehre?
Die Autorin kommt zu dem Ergebnis, dass die Trennung zwischen Logik und Erscheinungslehre durch den Bezug auf Erfahrung nicht ausreicht, um zwei völlig getrennte Sphären des Urteilens widerspruchsfrei zu begründen.
- Arbeit zitieren
- Wiebke Schröder (Autor:in), 2010, Kants Begriff des alternativen Urteils in seinem Werk "Metaphysische Anfangsgründe der Naturwissenschaft", München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/210718