Dass der Klimawandel ein globales Problem darstellt, welches durch menschliche Aktivitäten (Verbrennung fossiler Energieträger, Waldvernichtung, etc.) mitverursacht wird, wirft eine ganze Reihe moralischer Fragen auf. Wer heute über Klimawandel sprechen will, darf diese Fragen nicht ausblenden. Dazu äußerst sich vorrangig der deutsche Umweltethiker Konrad Ott folgendermaßen: „Grund genug, heißt es jetzt vor allem in den USA, das drängende Problem des Klimawandels allein mit Hilfe planvoll eingesetzter Technologie zu lösen“ , die allesamt unter dem Begriff des Geo-Engineering bzw. Climate Engineering (CE) gefasst werden. „Geo-Engineering wird gesellschaftsfähig“, so Konrad Ott, „aber welche Methoden wären auch ethisch zulässig?“ Diese Fragestellung gilt es nun u.a. zu klären.
Unter Geo-Engineering werden Techniken zusammengefasst, die den Kohlenstoffkreislauf beeinflussen oder die planetarische Strahlungsbilanz manipulieren. In Anlehnung an Konrad Ott, der das Solar Radiation Management (SRM) als die eigentliche ethische Herausforderung betrachtet, und dort im Besonderen mögliche Argumentationslinien zur Sulfatoption kartiert, möchte ich meine weiteren Ausführungen ebenso darauf richten.
Mit der vorliegenden Arbeit unternehme ich den Versuch die ethische Perspektive der Verantwortung, bezogen auf den Klimawandel und primär auf die oben genannte Strategie des Solar Radiation Managements, zu klären und zu begründen. Diese Art von globaler Problemstellung verlangt nach einer Zukunftsverantwortung und muss neue ethische Diskurse auslösen. Der Grund für die Entwicklung einer neuen Dimension ethischen Denkens ist wohl dem technischen Fortschritt des Menschen zuzuschreiben, sodass der Philosoph Hans Jonas erst einmal mit Recht feststellt, dass viele Probleme erst durch die Technik entstanden seien.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Sulfataerosole als Geo-Engineering-Option
2.1. Bedenken
3. Das „Prinzip Verantwortung“ – Ruf einer neuen Ethik
3.1. Anforderungen an die neue Ethik
3.1.1. Der neue Imperativ
3.2. Die Ethik der Verantwortung aus der Furcht
4. Anwendung der neuen Ethik
4.1. Verantwortungsethik, Moralbegründung und Zukunftsverantwortung
4.2. Kritische Auseinandersetzung mit dem ethischen Problem der Zukunftsverantwortung
5. Schlussbetrachtung
Zielsetzung und Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht die ethische Dimension des Climate Engineering, insbesondere des Solar Radiation Management, unter Berücksichtigung von Hans Jonas' „Prinzip Verantwortung“. Das primäre Ziel ist es, zu analysieren, ob Jonas' Ethik als zureichende moralische Grundlage dient, um den Einsatz von Sulfataerosolen als klimapolitische Maßnahme kategorisch abzulehnen, oder ob eine differenziertere, zukunftsverantwortliche Perspektive erforderlich ist.
- Kritische Analyse von Geo-Engineering-Optionen (Solar Radiation Management)
- Einführung in die Verantwortungsethik nach Hans Jonas
- Diskussion der „Heuristik der Furcht“ und des neuen kategorischen Imperativs
- Untersuchung der moralischen Begründung von Zukunftsverantwortung
- Reflexion über die Anwendbarkeit ethischer Prinzipien auf technologischen Fortschritt
Auszug aus dem Buch
3.1.1 Der neue Imperativ
In Anlehnung an Kants kategorischen Imperativ, den dieser in seiner Ethik „Grundlegung zur Metaphysik der Sitten“ mit dem Anspruch entwickelte für alle vernunftbegabten Wesen unbedingt und überall zu gelten, versucht sich Jonas gleichfalls an der Formulierung eines solchen kategorischen Imperativs, also einem allgemeingültigen Prinzip zur moralischen Beurteilung von Handlungen. Hans Jonas insistiert diesen mittels folgender Forderung:
„Handle so, daß die Wirkungen deiner Handlung verträglich sind mit der Permanenz echten menschlichen Lebens auf Erden“, oder negativ ausgedrückt: „Handle so, daß die Wirkungen deiner Handlung nicht zerstörerisch sind für die künftige Möglichkeit solchen Lebens"; oder einfach: „Gefährde nicht die Bedingungen für einen indefiniten Fortbestand der Menschheit auf Erden“; oder wieder positiv gewendet: „Schließe in deine gegenwärtige Wahl die zukünftige Integrität des Menschen als Mit-Gegenstand deines Wollens ein.“
Jonas bezeichnet diese Forderung ebenfalls als „Kategorischen Imperativ“. Gleichwohl ist evident, dass diese Forderung nicht als ein universalgültiges Moralprinzip in der Lesart Kants verstanden werden kann, denn ein Moralprinzip des Kant´schen Typs soll in allen Situationen Orientierung bieten. Der Anwendungsbereich des Jonas´schen Imperativ ist hingegen auf bestimmte Handlungssituationen beschränkt und auf Zukunftsverantwortung ausgerichtet, denn nicht jede Handlung beeinflusst die Überlebenschancen des Menschen. Somit grenzt sich Jonas eindeutig von Kant ab, sein Imperativ ist ausschließlich konsequentialistisch zu denken.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in die Problematik des menschengemachten Klimawandels ein und stellt Geo-Engineering als technologische Option sowie als ethische Herausforderung vor.
2. Sulfataerosole als Geo-Engineering-Option: Dieses Kapitel erläutert die Funktionsweise von stratosphärischen Sulfatinjektionen basierend auf dem Vorbild von Vulkanausbrüchen und thematisiert die damit verbundenen technischen und ökologischen Risiken.
3. Das „Prinzip Verantwortung“ – Ruf einer neuen Ethik: Hier wird Hans Jonas' ethischer Entwurf vorgestellt, der angesichts der technologischen Macht des Menschen eine neue, zukunftsorientierte Verantwortungsethik einfordert.
4. Anwendung der neuen Ethik: Das Kapitel prüft die Anwendbarkeit von Jonas' Prinzipien auf das Climate Engineering und diskutiert kritisch die moralische Begründung von Zukunftsverantwortung.
5. Schlussbetrachtung: Die Arbeit fasst zusammen, dass Jonas' Ethik allein keine abschließende moralische Ablehnung von Geo-Engineering erlaubt und fordert einen optimistischen, zukunftsorientierten Diskurs.
Schlüsselwörter
Climate Engineering, Geo-Engineering, Hans Jonas, Prinzip Verantwortung, Solar Radiation Management, Sulfataerosole, Zukunftsverantwortung, Klimaethik, Technikethik, Heuristik der Furcht, Kategorie, Imperativ, Anthropogener Klimawandel, Moral, Generationengerechtigkeit.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit im Kern?
Die Arbeit befasst sich mit der ethischen Bewertung von Geo-Engineering-Methoden, insbesondere des Solar Radiation Managements, vor dem Hintergrund der philosophischen Verantwortungsethik von Hans Jonas.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Zentrale Themen sind die ökologischen Risiken von Sulfataerosolen, die Notwendigkeit einer neuen Ethik für die technologische Zivilisation und das Spannungsfeld zwischen kurzfristigem Handeln und langfristiger Zukunftsverantwortung.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist die kritische Prüfung, ob Hans Jonas' Ethik als Instrument ausreicht, um Geo-Engineering als moralisch unzulässig abzulehnen, oder ob eine differenziertere Argumentation nötig ist.
Welche wissenschaftliche Methode wird angewandt?
Es handelt sich um eine philosophische Hausarbeit, die auf einer Literaturanalyse und kritischen Auseinandersetzung mit ethischen Primär- und Sekundärtexten basiert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert die Funktionsweise des Geo-Engineerings, legt Jonas' „Prinzip Verantwortung“ dar und wendet dieses auf die spezifischen klimapolitischen Herausforderungen an.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit ist geprägt durch Begriffe wie Zukunftsverantwortung, Heuristik der Furcht, Sulfataerosole, Kategorischer Imperativ und das Diskursprinzip.
Warum hält die Autorin Hans Jonas' Ansatz für nur bedingt anwendbar?
Die Autorin argumentiert, dass Jonas' Ansatz der „Heuristik der Furcht“ zu einer pessimistischen Notstandsethik führt, die notwendige optimistische und diskursive Spielräume für zukünftige Generationen vernachlässigt.
Welche Schlussfolgerung zieht die Arbeit in Bezug auf Geo-Engineering?
Die Arbeit kommt zu dem Schluss, dass das Climate Engineering nicht kategorisch als moralisch unzulässig verworfen werden sollte, sondern als Teil eines transparenten, generationsübergreifenden Diskurses im Portfolio klimapolitischer Maßnahmen verbleiben muss.
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- Dipl.-Ing. Dipl.-Wirtschaftsing. Karin Ulrich (Author), 2013, Climate Engineering in der ethischen Perspektive der Verantwortung, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/209948