Das Ziel der Forschung über interpersonale Beziehungen zwischen Erziehern und zu Erziehenden war zu Beginn die Beschreibung des Verhaltens von Erziehern und die Betrachtung der unterschiedlichen Auswirkungen dessen für die Erziehenden. Diese Forschung hatte eine einseitige Betrachtung: Sie ging von der Beeinflussung des zu Erziehenden durch den Erzieher aus. Forscher kamen zu der Einsicht, dass eine wechselseitige Beziehung zwischen Erzieher und zu Erziehenden besteht. Dieser Wandel in der wissenschaftlichen Betrachtungsweise lässt sich durch den Begriff der „pädagogischen Interaktion“ symbolisieren.
Im Herbst diesen Jahres haben rund 467.000 Jugendliche eine Berufsausbildung begonnen. Solch eine duale Ausbildung findet in einem Unternehmen wie auch in der Schule statt.
Der Teil der Ausbildung, welcher in der Schule stattfindet ist bereits sehr gut untersucht und strukturiert. Anders hingegen sieht es oftmals in den Ausbildungsabschnitten im Betrieb aus. Hier spielt der Ausbilder eine wichtige Rolle für die Jugendlichen. Er/ Sie soll die Auszubildenden betreuen und ihnen das nötige Wissen vermitteln, welches sie für einen erfolgreichen Abschluss ihrer Berufsausbildung benötigen.
Die Interaktion zwischen Ausbilder und Auszubildenden sind bis zum aktuellen Zeitpunkt nicht ausreichend untersucht. Somit stellt sich die Frage, ob die Erkenntnisse aus der Lehrer-Schüler-Interaktion eine Orientierungshilfe für Ausbilder sein können. Um dieser Frage nachgehen zu können, muss vorweg die Frage geklärt sein, was eine Interaktion ist und im Speziellen, was unter einer Lehrer-Schüler-Interaktion verstanden wird. Desweiteren stellt sich die Frage, was Lehrer und Ausbilder unterscheidet beziehungsweise ob Aufgaben bei beiden Personengruppen gleich sind und welche dies gegebenenfalls wären. Eine weitere Frage, welche geklärt werden soll, ist, in wie weit sich diese Modelle und Erkenntnisse zur Lehrer-Schüler-Interaktion auf Ausbilder und Auszubildende übertragen lassen. Somit könnten die positiven Aspekte welche Lehrer daraus ziehen auch den Ausbildern zu Gute kommen und die Qualität der Ausbildung der Auszubildenden verbessern.
Inhaltsverzeichnis
1 Problemstellung
2 Grundlagen der Lehrer-Schüler-Interaktion
3 Lehrer-Schüler-Interaktion
3.1 Modell der Lehrer-Schüler-Interaktion von Nickel
3.2 Erkenntnisse der Lehrer-Schüler-Interaktion nach Hofer
4 Vergleich von Lehrern und Ausbildern
5 Übertragbarkeit der Lehrer-Schüler-Interaktion auf die Ausbilder-Auszubildenden-Interaktion
5.1 Übertragung des Modells der Lehrer-Schüler-Interaktion von Nickel
5.2 Übertragung der Erkenntnisse der Lehrer-Schüler-Interaktion
5.3 Kritische Betrachtung der Übertragungen
6 Fazit
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht, ob Erkenntnisse und Modelle der Lehrer-Schüler-Interaktion auf die Interaktion zwischen Ausbildern und Auszubildenden in der dualen Berufsausbildung übertragen werden können, um die Ausbildungsqualität zu optimieren.
- Grundlagen der pädagogischen Interaktion
- Analyse transaktionaler Modelle (Nickel)
- Empirische Erkenntnisse zur Schülerbeurteilung (Hofer)
- Rollenvergleich zwischen Lehrkräften und betrieblichen Ausbildern
- Kritische Reflexion der Übertragbarkeit pädagogischer Modelle auf den betrieblichen Kontext
Auszug aus dem Buch
3.1 Modell der Lehrer-Schüler-Interaktion von Nickel
In den 80er Jahren gab es eine kognitive Wende in der Psychologie, wobei die Aufmerksamkeit der Unterrichtsforscher auf komplexe Prozesse gelenkt wurde: Von der Interaktion zur Transaktion (vgl. ITTEL/ RAUFELDER 2008, S.76). Das transaktionale Modell von Nickel versucht die verschiedenen Erkenntnisse der bisherigen pädagogisch-psychologischen sowie sozial- und persönlichkeitspsychologischen Forschung zu integrieren (vgl. NICKEL 1976, S 258).
(Vgl. im Folgenden NICKEL 1976, S.269ff) Nickel stellt in seinem Modell die Wechselbeziehungen des komplexen Beziehungsgeflechts zwischen Lehrer und Schüler darzustellen. Zur Erläuterung der unten stehenden Abbildung (S.4) wird mit dem Verhalten des Lehrers begonnen. Dabei ist anzumerken, dass bei dieser Wechselbeziehung genauso gut mit dem Schüler begonnen werden kann. Das vom Lehrer in einer bestimmten Situation geäußerten Verhalten wird zunächst durch Faktoren des soziokulturellen Bezugsrahmens bestimmt. Die eigene soziale Lernvergangenheit des Lehrers als ein zu Erziehender, seine gegenwärtigen sozialen Erfahrungen und die objektivierten soziokulturellen Einflüsse haben zur Ausbildung bestimmter kognitiver Strukturen im Sinne von bestimmten Erziehungseinstellungen geführt. Sie stellen für den Lehrer Konzepte dar, wie er sich in konkreten Situationen zu verhalten hat.
Das Verhalten des Lehrers wird anschließend von den Schülern durch deren Filter ihrer eigenen Einstellungen und Erwartungshaltungen wahrgenommen. Durch die verschiedenen bisherigen Erfahrungen der Schüler mit Erziehern bestehen bei ihnen differenzierte Einstellungen und Erwartungen, wodurch die Wahrnehmung desselben Lehrerverhaltens eine vielfältige Variation zeigt. Schüler nehmen bei ihrem Lehrer nun unterschiedliche Verhaltensweisen wahr, welche ein bestimmtes Verhalten bei ihnen selbst auslösen. Dieses Schülerverhalten wird anschließend vom Lehrer als Rückmeldung auf seine Unterrichts- und Erziehungsmaßnahmen erlebt.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Problemstellung: Diese Einführung begründet das Forschungsinteresse an der Interaktion zwischen Ausbildern und Auszubildenden unter Rückgriff auf bewährte Konzepte aus der Schulpädagogik.
2 Grundlagen der Lehrer-Schüler-Interaktion: Hier werden die theoretischen Fundamente und der Wandel vom statischen zum dynamischen Interaktionsverständnis in der pädagogischen Forschung erläutert.
3 Lehrer-Schüler-Interaktion: Dieses Kapitel stellt das transaktionale Modell von Nickel sowie die Erkenntnisse von Hofer zur Persönlichkeitswahrnehmung bei Schülern dar.
4 Vergleich von Lehrern und Ausbildern: Ein Abgleich der Rollenprofile und Aufgabenbereiche zeigt signifikante Gemeinsamkeiten in den Funktionen Unterrichten, Erziehen und Beurteilen auf.
5 Übertragbarkeit der Lehrer-Schüler-Interaktion auf die Ausbilder-Auszubildenden-Interaktion: Die theoretischen Modelle werden hier auf den betrieblichen Kontext angewendet und kritisch hinsichtlich der unterschiedlichen Rahmenbedingungen reflektiert.
6 Fazit: Die Arbeit schließt mit der Erkenntnis, dass pädagogische Modelle eine sinnvolle Orientierungshilfe für Ausbilder bieten, jedoch eine spezifische weitere Erforschung des betrieblichen Kontexts erstrebenswert bleibt.
Schlüsselwörter
Lehrer-Schüler-Interaktion, Ausbilder, Auszubildende, Transaktionales Modell, Pädagogische Interaktion, Persönlichkeitstheorie, Berufsqualifizierung, Ausbildungsqualität, Rollenbild, Wahrnehmung, Erziehung, Beurteilung, Wechselwirkung, Berufsbildung, Sozialverhalten.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit im Kern?
Die Arbeit untersucht, inwieweit pädagogische Konzepte der Lehrer-Schüler-Interaktion dazu dienen können, die Interaktionsprozesse zwischen Ausbildern und Auszubildenden in der dualen Ausbildung besser zu verstehen und zu gestalten.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Zentrale Themen sind die pädagogische Interaktionsforschung, die Analyse transaktionaler Beziehungsmodelle sowie der Vergleich der beruflichen Rollenbilder von Lehrern und betrieblichen Ausbildern.
Welches ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist es, zu prüfen, ob Erkenntnisse über die Interaktion im schulischen Raum als Orientierungshilfe für Ausbilder fungieren können, um die Qualität der beruflichen Ausbildung zu verbessern.
Welche wissenschaftlichen Methoden werden angewandt?
Die Autorin nutzt eine Literaturanalyse, um bestehende Modelle der pädagogischen Psychologie, insbesondere von Nickel und Hofer, auf den betrieblichen Ausbildungskontext zu übertragen und kritisch zu diskutieren.
Welche Aspekte werden im Hauptteil schwerpunktmäßig behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die theoretische Fundierung der Interaktionsmodelle, den systematischen Vergleich der Aufgaben von Lehrern und Ausbildern sowie die Anwendung und kritische Reflexion der Modelle auf das Ausbilderverhältnis.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren diese Arbeit?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie transaktionale Interaktion, implizite Persönlichkeitstheorien, Kategorisierung, Wechselwirkung sowie die Schnittstellenfunktion der Ausbilder charakterisiert.
Was sagt das Modell von Nickel über die Interaktion aus?
Nickel postuliert ein transaktionales Modell, in dem das Verhalten von Lehrer und Schüler wechselseitig aufeinander einwirkt und stark von den jeweiligen soziokulturellen Bezugsrahmen und subjektiven Erwartungen geprägt ist.
Warum ist die Kategorisierung von Schülern nach Hofer kritisch zu sehen?
Hofer zeigt, dass Lehrer Schüler schnell in stabile Typen einordnen, was zu subjektiven Verzerrungen führen kann. Dies erfordert eine reflexive Haltung, um nicht vorschnell und möglicherweise falsch zu urteilen.
Was unterscheidet die Ausbildung im Betrieb von der Schulsituation?
Im Vergleich zum Lehrer, der eine Klasse im Unterricht führt, sind Ausbilder stärker organisatorisch eingebunden und operieren in einem praktischen Kontext, der häufig durch Vormachen und eigenständiges Lernen der Auszubildenden geprägt ist.
- Arbeit zitieren
- Julia Jenz (Autor:in), 2012, Erkenntnisse der Lehrer-Schüler-Interaktion. Eine mögliche Orientierungshilfe für Ausbilder, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/209544