Mikrofinanzierung und Mikrokreditprogramme werden von den Vereinten Nationen und von der Weltbank als wichtiges Instrument zur Erreichung der Millenniumsziele in Bezug auf die Reduktion von Armut gesehen. Verschiedene Anzeichen geben Grund zur Annahme, dass sich der Mikrofinanzmarkt in einen neuen, lukrativen Sektor verwandelt, der auch für wirtschaftlich agierende, nicht wohltätige Unternehmen attraktiv wird, welche jedoch ihre profitorientierten Intentionen den Kreditnehmern gegenüber nicht immer klar darstellen.
Erkenntnisziel der Arbeit ist die Beantwortung der Frage, ob sich Mikrofinanzprogramme im Rahmen der Weltsystemtheorie erklären lassen. Als theoretisches Raster dieser Untersuchung dient Immanuel Wallersteins strukturalistische Weltsystemtheorie, zur Vertiefung der Untersuchung werden anschließend sowohl eine wirtschaftswissenschaftliche als auch eine genderspezifische Perspektive miteinbezogen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einführung
2. Immanuel Wallersteins Weltsystemtheorie
2.1 Das Weltsystem: Zentrum, Semiperipherie und Peripherie
2.2 Zyklische Rhythmen und säkulare Trends in der Weltökonomie
2.3 Liberalismus als Geokultur
3. Mikrokreditprogramme in Entwicklungsländern als „die neue Technologie“ des Washington Consensus-Rätsels oder Bestätigung der Weltsystemtheorie?
3.1 Patrice Flynns „twenty-first century Model“ und Micro-Enterprise Development
3.2 „Charity Washing“ in Micro-Enterprise Development
3.3 Die Rolle der Frau als Kreditnehmerin - Stabilisierung des Systems durch Sexismus?
4. Fazit und kritischer Ausblick: Lassen sich Mikrokreditprogramme im Rahmen der Weltsystemtheorie erklären?
Zielsetzung und Themen
Diese Arbeit untersucht, ob Mikrokreditprogramme als Instrumente innerhalb des kapitalistischen Weltsystems nach Immanuel Wallerstein interpretiert werden können, insbesondere im Hinblick auf Fragen der Ausbeutung und der Rolle der Geokultur.
- Anwendung der strukturalistischen Weltsystemtheorie auf Mikrofinanzmärkte.
- Analyse der Rolle von Akteuren wie Banken und wohltätigen Organisationen.
- Untersuchung des Konzepts des „Charity Washings“ im Micro-Enterprise Development.
- Genderspezifische Perspektive auf die Kreditvergabe an Frauen als Mittel zur Systemstabilisierung.
Auszug aus dem Buch
3.1 Patrice Flynns „twenty-first century Model“ und Micro-Enterprise Development
Das neue Mikrofinanzmodell des Washington Consensus ist ein Weg für internationale Financiers, einen praktisch unerschlossenen, höchstwahrscheinlich profitablen Sektor zu betreten: Den Markt der „Armen“, also Menschen, die von weniger als $2 am Tag leben, deren Kaufkraft sich jedoch allein in Lateinamerika auf $510 Milliarden pro Jahr beläuft. Louis Alberto Moreno, ein kolumbianischer Politiker und Präsident der Interamerikanischen Entwicklungsbank, drückte dies folgendermaßen aus: “The stark reality is that most poor people in the world still lack access to sustainable financial services, whether it is savings, credit or insurance. The great challenge before us is to address the constraints that exclude people from full participation in the financial sector”. Die offizielle und allgemein anerkannte Rhetorik besagt, dass dieser Ansatz eine Chance für die Armen darstellt, Teil des globalen Marktes zu werden, Konsumgüter zu erwerben und aus der Armut auszubrechen. Auf dem Weg der Transformation von abhängigen „Armen“ in mündige Bankkunden und Kreditnehmer gelten kleinste finanzielle Anlagen bzw. das Führen eines Kontos als Voraussetzungen für den Zugang zu anderen Finanzprodukten wie Kredite und Kreditkarten, die den privaten Konsum sowie Unternehmensinvestitionen ankurbeln.
Diese Grundidee weist viele Parallelen zu Wallersteins Konzept einer universalen Geokultur und der säkularen Trends auf:
Selbst die im kapitalistischen System am schwächsten gestellten „Armen“ der semiperipheren bzw. peripheren Länder lassen sich auf Mikrofinanzprogramme ein, da sie an die Wirkung der Macht des Geldes und an die Wichtigkeit der eigenen Entfaltung (sowohl im wirtschaftlichen als auch im politischen Sinne) glauben. Offensichtlich gehorcht die Finanzwelt szientistischen Prinzipien, beruft sich auf mathematische Logik und wirtschaftswissenschaftlich analysierte Konzepte. Traditionellerweise haben Banker die armen Bevölkerungsschichten nicht erreicht: Nach Flynn liegt dies jedoch nicht daran, dass der Kapitalismus vorschnell über diese Menschen urteilt- der pure Kapitalismus diskriminiert nicht auf der Basis der individuellen finanziellen Größe bzw. Kaufkraft eines Menschen oder dessen Überzeugungen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einführung: Die Einleitung definiert das Ziel, die Eignung der Weltsystemtheorie zur Erklärung von Mikrokreditprogrammen zu prüfen und führt in die zentralen Forschungsfragen ein.
2. Immanuel Wallersteins Weltsystemtheorie: Dieses Kapitel erläutert die theoretischen Grundlagen, insbesondere die Konzepte von Zentrum, Semiperipherie und Peripherie sowie die Bedeutung von Geokultur und ökonomischen Zyklen.
3. Mikrokreditprogramme in Entwicklungsländern als „die neue Technologie“ des Washington Consensus-Rätsels oder Bestätigung der Weltsystemtheorie?: Das Kapitel analysiert das Mikrofinanzmodell im Kontext der Weltsystemtheorie und hinterfragt dessen wohltätige Motive.
4. Fazit und kritischer Ausblick: Lassen sich Mikrokreditprogramme im Rahmen der Weltsystemtheorie erklären?: Das Fazit fasst zusammen, dass die Theorie viele Aspekte der Mikrofinanzierung erklären kann, weist aber auf die Grenzen eines rein ökonomischen Determinismus hin.
Schlüsselwörter
Mikrokreditprogramme, Weltsystemtheorie, Immanuel Wallerstein, Mikrofinanzierung, Zentrum, Peripherie, Semiperipherie, Charity Washing, Washington Consensus, Kapitalismus, Ausbeutung, Geokultur, Gender, Weltökonomie, Armutsbekämpfung
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht Mikrokreditprogramme und die Mikrofinanzbranche unter Anwendung der strukturalistischen Weltsystemtheorie von Immanuel Wallerstein.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Die zentralen Themen sind das Machtgefälle im globalen Kapitalismus, die ökonomische Inklusion ärmerer Schichten durch Kredite und die kritische Hinterfragung der Motive von Finanzinstitutionen.
Was ist das primäre Erkenntnisziel der Arbeit?
Es soll beantwortet werden, ob Mikrofinanzprogramme als Instrumente zur Stabilisierung des kapitalistischen Weltsystems betrachtet werden können.
Welche theoretische Methode wird in der Arbeit verwendet?
Die Untersuchung nutzt Immanuel Wallersteins Weltsystemtheorie als analytisches Raster, ergänzt durch wirtschaftswissenschaftliche und genderspezifische Perspektiven.
Welche Aspekte werden im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil behandelt die theoretischen Grundlagen des Weltsystems, das Konzept des „Charity Washings“ bei der Kreditvergabe und die Rolle der Frau als Kreditnehmerin unter dem Aspekt struktureller Ungleichheit.
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit am besten?
Schlüsselbegriffe sind Weltsystemtheorie, Mikrokredite, Charity Washing, Zentrum-Peripherie-Modell und strukturelle Ausbeutung.
Wie bewertet die Autorin die Rolle von wohltätigen Organisationen bei der Kreditvergabe?
Die Autorin hinterfragt, ob wohltätige Organisationen das kapitalistische System ungewollt stabilisieren, anstatt die zugrunde liegenden Ausbeutungsverhältnisse direkt zu bekämpfen.
Welche spezifische Rolle spielt das Geschlecht bei der Kreditvergabe?
Die Arbeit argumentiert, dass Frauen oft gezielt als Kreditnehmerinnen adressiert werden, was einerseits eine geschlechtsspezifische Mehrbelastung schafft und andererseits als ökonomisch kalkulierte Systemstabilisierung gedeutet werden kann.
- Arbeit zitieren
- Laura Nordmann (Autor:in), 2011, Mikrokreditprogramme. Ein strukturalistisches Rätsel?, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/206912