Der Begriff der Scharnierpartei ist allgemein gebräuchlich. Oft wird die FDP mit diesem Begriff in ihre Rolle im Parteiensystem eingeordnet. Er soll speziell auf Basis ihres Koalitionsverhaltens geprägt worden sein. Aber was genau ist eine Scharnierpartei? Welche Besonderheiten und Merkmale besitzt sie, dass sie explizit in ihrer Funktion von anderen Parteien getrennt wird? Und welche Partei ist eine Scharnierpartei? Gibt es verschiedene Definitionen und unterschiedliche Vorstellungen, die mit diesem Begriff einhergehen? Diese Fragen sollen im Rahmen der vorliegenden Arbeit analysiert werden. Jedoch ist nicht die Begriffsgeschichte von besonderem Interesse, sondern die Analyse einer, in der Wissenschaft und der Öffentlichkeit allgemeinen Wahrnehmung: Die FDP sei die Scharnierpartei im deutschen Parteiensystem, insbesondere im Zeitraum des Drei-Parteien-Systems, gewesen. Dies kann durchaus behauptet werden, ist jedoch nicht besonders aussagekräftig, wenn nicht genau definiert und geklärt ist, was eigentlich eine Scharnierpartei auszeichnet.
Diese Fragestellungen sollen im Rahmen eines Fallbeispiels beantwortet werden:
Die Bundestagswahl 1969, in deren Folge mit der sozial-liberalen Koalition die erste von der SPD-geführte Regierung auf Bundesebene an die Macht kam. Die grundsätzlichen Fragen der vorliegenden Arbeit lauten dementsprechend: Was ist eine Scharnierpartei und gab es 1969 eine solche?
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
1.1 Aufbau
1.2 Forschungsstand
2. Begriffsklärung – Scharnierpartei
3. Die Bundestagswahl 1969
4. Die Entwicklung der Parteien bis 1969
4.1 FDP
4.2 SPD
4.3 CDU
5. Koalitionssignale vor der Bundestagswahl 1969
5.1 SPD - FDP
5.2 SPD - CDU/CSU
5.3 CDU/CSU - FDP
6. Koalitionsoptionen und -verhandlungen nach der Bundestagswahl 1969
7. Zusammenfassung und Fazit
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht das theoretische Konzept der Scharnierpartei und prüft anhand der Bundestagswahl 1969, ob eine der beteiligten Parteien (CDU/CSU, SPD, FDP) diese Rolle realpolitisch erfüllte. Dabei steht die Forschungsfrage im Mittelpunkt, wie sich Koalitionsoptionen im Spannungsfeld zwischen arithmetischer Möglichkeit und strategischer Umsetzbarkeit verhielten.
- Analyse der theoretischen Definition einer Scharnierpartei
- Untersuchung der Parteienentwicklung von 1949 bis 1969
- Betrachtung der Koalitionssignale vor der Bundestagswahl 1969
- Evaluation realpolitischer Koalitionsfähigkeit
- Bewertung der Ergebnisse vor dem Hintergrund des Wahlergebnisses 1969
Auszug aus dem Buch
2. Begriffsklärung – Scharnierpartei
Der Begriff der „Scharnierpartei” ist in der wissenschaftlichen Fachliteratur vielgebraucht, jedoch kaum näher bestimmt. In der englischen Fachliteratur entsprechen die Begriffe der „Pivotal Party” und der „Hinge Party” am ehesten dem der „Scharnierpartei”. Dominique Rémy definiert und klassifiziert eine „Pivotal Party” auf Basis folgender Variablen: die relative Größe der Partei (bezogen auf das Parlament), die Position der Partei im Parlament und die Position der Partei in ihrer Koalition. Je nach Ausprägung der Variablen ergeben sich dabei folgende vier Typen von „Scharnierparteien”:
Die „Complementary Party”, eine die Koalition ergänzende Partei, die bei einem Koalitionsaustritt selbige nicht grundsätzlich in ihrer Existenz gefährdet.
Die „Buffer Party”, welche sich im ideologischen Zentrum der Koalition befindet und den Einfluss der ideologischen Extreme der Koalition pufferartig dämpft und bei einem Ausscheiden entweder eine Verschiebung der Koalition nach links oder rechts oder die Auflösung selbiger nach sich zieht.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung erläutert die Relevanz des Begriffs Scharnierpartei und definiert das Ziel der Untersuchung anhand des Fallbeispiels der Bundestagswahl 1969.
2. Begriffsklärung – Scharnierpartei: Hier werden theoretische Ansätze und verschiedene Typologien von Scharnier- bzw. Pivotal-Parteien wissenschaftlich hergeleitet.
3. Die Bundestagswahl 1969: Das Kapitel analysiert das konkrete Wahlergebnis und die daraus resultierenden mathematischen Koalitionsmöglichkeiten im Bundestag.
4. Die Entwicklung der Parteien bis 1969: Es erfolgt eine historische Einordnung der FDP, SPD und CDU, um deren Ausgangslage für die Koalitionsbildungen zu verstehen.
5. Koalitionssignale vor der Bundestagswahl 1969: Hier werden die internen und öffentlichen Signale sowie Annäherungen zwischen den Parteien im Vorfeld der Wahl detailliert beleuchtet.
6. Koalitionsoptionen und -verhandlungen nach der Bundestagswahl 1969: Dieses Kapitel beschreibt den Prozess der Regierungsbildung nach dem Wahlabend bis zur Wahl Willy Brandts zum Kanzler.
7. Zusammenfassung und Fazit: Die Ergebnisse der Untersuchung werden zusammengeführt, um zu beurteilen, ob die Definition einer Scharnierpartei auf eine der beteiligten Parteien zutraf.
Schlüsselwörter
Scharnierpartei, Bundestagswahl 1969, Koalitionsbildung, FDP, SPD, CDU/CSU, Pivotal Party, Regierungsbildung, Willy Brandt, Wahlergebnisse, politische Strategie, Koalitionsaussage, Liberalismus, Parteiensystem, Machtwechsel
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert das Phänomen der „Scharnierpartei“ im Kontext der Bundestagswahl 1969 und prüft, ob die FDP oder andere Parteien diese theoretische Rolle in der damaligen politischen Konstellation einnahmen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die theoretische Bestimmung von Scharnierparteien, die historische Entwicklung der deutschen Parteien bis 1969 und die Analyse von Koalitionssignalen vor und nach der Wahl.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Die Forschungsfrage lautet: Was ist eine Scharnierpartei und gab es im Jahr 1969 eine solche im deutschen Parteiensystem?
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine fallbasierte Analyse durchgeführt, die arithmetische Wahldaten mit qualitativen politischen Strategien und Koalitionsaussagen verknüpft.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil befasst sich mit der Entwicklung der Parteien seit 1949, den Signalen zwischen den Parteien vor der Wahl sowie den realen Verhandlungen nach dem Wahlergebnis von 1969.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Scharnierpartei, Koalitionsoptionen, Bundestagswahl 1969 und das sozialliberale Bündnis unter Willy Brandt.
Warum konnte die CDU/CSU trotz Wahlsieg keine Regierung bilden?
Die Union war nach der Wahl politisch isoliert, da SPD und FDP bereits vorab Koalitionsabsprachen trafen, die eine Fortsetzung der Großen Koalition oder ein Bündnis zwischen Union und FDP verhinderten.
Zu welchem Schluss kommt der Autor bezüglich der Scharnierpartei 1969?
Der Autor kommt zu dem Ergebnis, dass keine der drei untersuchten Parteien alle Kriterien einer Scharnierpartei im Sinne der verwendeten Begriffskonzeption erfüllte.
- Arbeit zitieren
- B.A. Volker Trotte (Autor:in), 2012, Die Scharnierpartei?, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/206594