Die Endphase der Weimarer Republik – die Goldenen Zwanziger sind längst vergangen, das Deutsche Reich ist gebeutelt durch Wirtschaftskrisen und Massenarbeitslosigkeit, die politische Landschaft geprägt von zunehmenden Erfolgen der Nationalsozialisten am Vorabend ihrer Machtübernahme. Bald schon wird unter der Leitung Adolf Hitlers die Rückkehr zu „deutschem Gedankengut“, „traditionellen“ Wertemodellen und „altbewährten“ Familienkonzepten propagiert werden und die emanzipierte Neue Frau Geschichte sein. Doch noch ist es allgegenwärtig: das Bild der unabhängigen, selbst-bewussten und modernen Frau, die in Gestalt der jungen Angestellten, Akademikerin und befreiten Liebhaberin das Großstadtleben prägt.
Die scharfsinnigen Beobachterinnen Gabriele Tergit und Irmgard Keun verstanden es, die Weiblichkeitsentwürfe aus Romanen, Filmen, Werbung und Illustrierten mit denen der (ihrer Wahrnehmung nach) reellen Verhältnisse literarisch zum Bild einer Neuen Frau zusammenzusetzen, deren eine oder andere Wunschvorstellung für das Leben als utopisch entlarvt werden muss. Ihre Repräsentantinnen zeitgenössischer Weiblichkeit sind geprägt durch einen Zusammenprall von gefestigten, bisher bewährten Lebenskonzepte mit den Anforderungen der modernen Gesellschaft oder dem Widerstand ihrer konservativen männlichen Zeitgenossen. Kernfragen der Arbeit: Schließen sich (echte) Liebe und die Erfüllung der Ansprüche, die die Arbeitswelt in der späten Weimarer Zeit an ihre Mitarbeiter stellt, in den untersuchten Romanen kategorisch aus? Bedeutet sachliches und aufstiegsorientiertes Denken Anfang der dreißiger Jahre zwangsläufig eine Absage an die Liebe? Wenn das der Fall ist: Kann es eine Lösung für dieses Dilemma geben?
Beiden Romanbearbeitungen wird eine kurze Einführung in Form einer Konzeptionsbeschreibung zugrunde gelegt. Im Falle des Keunschen Textes „Gilgi – eine von uns“ werden anhand der starken Entwicklung, die die Protagonistin durchlebt, zwei Haupterklärungen dafür geliefert, warum Arbeit und Liebe in ihrem Falle unvereinbar sind. Die Figuren Kohler und Herzfeld aus Tergits „Käsebier erobert den Kurfürstendamm“ werden, da ihre Charaktere völlig unterschiedlich angelegt sind, getrennt voneinander untersucht. Hierbei wird vor allem auf die individuellen Persönlichkeitsmerkmale und Lebensumstände der Figuren eingegangen, um ihre Fälle des Scheiterns der (wahren) Liebe unter den gegebenen gesellschaftlichen Umständen zu erklären.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Wie die Frau zur Neuen Frau wurde – Leben zwischen Medienmythos und Weimarer Wirklichkeit
3 Irmgard Keuns „Gilgi – eine von uns“
3.1 Konzeption des Romans
3.2 Die Entwicklung der Protagonistin
3.2.1 1. Phase: Die „Stenotypistin Gilgi“
3.2.2 2. Phase: Die „kleine Dame Gilgi“ in der Identitätskrise
3.2.3 3. Phase: „Läuterung“ und Rückbesinnung
3.3 Zwischenfazit
4 Gabriele Tergits „Käsebier erobert den Kurfürstendamm“
4.1 Konzeption des Romans
4.2 Arbeit und Liebe im „Käsebier“
4.3 Die Protagonistinnen
4.3.1 Fräulein Doktor Kohler – ein Leben in der falschen Zeit?
4.3.2 Käte Herzfeld – das „körperbetonte Prinzip“
4.4 Zwischenfazit
5 Schlussbetrachtung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Bachelorarbeit untersucht das komplexe Verhältnis von privatem Liebesleben und gesellschaftlichen Anforderungen an die moderne Frau in der späten Weimarer Republik, wobei sie insbesondere die literarische Darstellung von Arbeit und Liebe in den Romanen von Irmgard Keun und Gabriele Tergit analysiert.
- Die Figur der Neuen Frau im Spannungsfeld zwischen Medienmythos und sozialer Realität.
- Untersuchung der Unvereinbarkeit von beruflicher Selbstständigkeit und leidenschaftlicher Liebesbeziehung.
- Analyse der Protagonistinnen Gilgi Kron, Charlotte Kohler und Käte Herzfeld.
- Reflexion über die literarische Neusachlichkeit als Instrument gesellschaftlicher Bestandsaufnahme.
- Die Rolle ökonomischer Abhängigkeiten und gesellschaftlicher Erwartungshaltungen an die Frau.
Auszug aus dem Buch
3.2.1 1. Phase: Die „Stenotypistin Gilgi“
Die 21-jährige Gisela „Gilgi“ Kron wird der Leserin als „das personifizierte neusachliche Lebensgefühl“, als „durch und durch synthetische Figur“, vorgestellt. Sie verkörpert ganz bewusst eine Alltagsheldin, die in ihrer Mädchenhaftigkeit weniger die Extreme als vielmehr den Idealtyp der Neuen Frau zu spiegeln scheint. Gerade aus ihrer ausdrücklichen Durchschnittlichkeit macht sie ein Programm und „torpediert damit jene konventionelle Projektion, die der außergewöhnlichen Gestalt, dem Helden mit den besonderen Merkmalen und den besonderen Fähigkeiten die Lösung aller Probleme überträgt, die sich dem durchschnittlichen Protagonisten stellen“:
‚Ich hab’ keine Talente […], ich bin allgemeiner Durchschnitt und bring’s nicht fertig, deswegen zu verzweifeln. Aber was ich aus mir machen kann, will ich machen. Ich werd’ immer arbeiten und immer was Neues lernen, und gesund und hübsch will ich bleiben, solange es eben geht […].‘ (G: 48)
Sowohl in Gilgis Äußerem als auch in ihrer Lebenseinstellung bündeln sich populäre Bilder moderner Weiblichkeit, die für die Weimarer Generation junger Frauen von Bedeutung waren. So pflegt sie ihre knabenhaft schlanke Figur mit täglichem Frühsport, trägt den obligatorischen Bubikopf, ist modebewusst und als Stenotypistin „schnell, sauber und fehlerfrei“ (G: 12) – wie auch ihr ganzes Leben „wie eine sauber gelöste Rechenaufgabe“ (G: 48) sein soll.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Diese Einleitung stellt die zentrale Forschungsfrage, ob sich Liebe und moderne Arbeitsanforderungen in der späten Weimarer Zeit ausschließen, und führt in die untersuchten neusachlichen Romane ein.
2 Wie die Frau zur Neuen Frau wurde – Leben zwischen Medienmythos und Weimarer Wirklichkeit: Das Kapitel beleuchtet die historischen Lebensbedingungen und den sozialen Wandel der Frau in der Weimarer Republik sowie die literarische Einordnung als Neue Frau.
3 Irmgard Keuns „Gilgi – eine von uns“: Die Analyse von Keuns Roman fokussiert auf die Entwicklung der Protagonistin Gilgi, deren Identität zwischen sachlicher Arbeitsmoral und leidenschaftlicher Liebe zu Martin Bruck zerrissen wird.
4 Gabriele Tergits „Käsebier erobert den Kurfürstendamm“: Dieses Kapitel untersucht die unterschiedlichen Lebensentwürfe der Frauenfiguren Fräulein Doktor Kohler und Käte Herzfeld in Tergits Gesellschaftspanorama.
5 Schlussbetrachtung: Die abschließende Betrachtung fasst zusammen, dass für die Protagonistinnen in einer von ökonomischer Härte geprägten Zeit meist nur die Schadensbegrenzung zwischen Arbeit und Liebe möglich bleibt, wobei die Romane Diagnosen statt einfacher Lösungen liefern.
Schlüsselwörter
Neue Frau, Weimarer Republik, Irmgard Keun, Gabriele Tergit, Arbeit und Liebe, Neusachlichkeit, Identitätskrise, Weiblichkeit, Emanzipation, Arbeitsmarkt, Geschlechterrollen, Moderne, soziale Realität, Autonomie, Lebensentwurf
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der literarischen Darstellung von weiblichen Lebensentwürfen in der späten Weimarer Republik und der Frage, wie diese Figuren den Konflikt zwischen Erwerbstätigkeit und Liebe bewältigen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Im Zentrum stehen die Konzepte der „Neuen Frau“, der neusachlichen Literatur, die Bedeutung ökonomischer Selbstständigkeit sowie der soziale Druck auf Frauen in dieser Krisenzeit.
Was ist die Forschungsfrage?
Die primäre Frage ist, ob sich berufliche Aufstiegsorientierung und die Erfüllung persönlicher Liebeswünsche in den untersuchten Romanen gegenseitig ausschließen oder wie sie in Einklang gebracht werden können.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin nutzt eine literaturwissenschaftliche Analyse, die Figurendarstellungen in den Kontext zeitgenössischer gesellschaftlicher Debatten und historischer Rahmenbedingungen einbettet.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine historische Einordnung sowie detaillierte Werkanalysen von Keuns „Gilgi – eine von uns“ und Tergits „Käsebier erobert den Kurfürstendamm“.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Neue Frau, Weimarer Republik, Arbeit und Liebe, Neusachlichkeit, Emanzipation und Identität.
Warum spielt die Figur Gilgi eine Sonderrolle im Vergleich zu den anderen Protagonistinnen?
Gilgi verkörpert das Ideal der disziplinierten Angestellten, die durch eine leidenschaftliche Beziehung mit dem Bohemien Martin Bruck eine radikale Identitätskrise durchlebt und schließlich die Entscheidung für ein unabhängiges Leben trifft.
Welche Rolle spielen die Mutterfiguren in den analysierten Romanen?
Die Mutterfiguren dienen oft als abschreckende Beispiele oder symbolisieren veraltete Normen, gegen die sich die Protagonistinnen abgrenzen müssen, um eigene Wege in der modernen Gesellschaft zu finden.
- Arbeit zitieren
- Wiebke Hugen (Autor:in), 2011, Das Verhältnis von Arbeit und Liebe in Irmgard Keuns „Gilgi – eine von uns“ und Gabriele Tergits „Käsebier erobert den Kurfürstendamm“, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/205730